The Project Gutenberg eBook of Sämtliche Werke 15
    
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Title: Sämtliche Werke 15
        Helle Nächte : Vier Novellen

Author: Fyodor Dostoyevsky

Contributor: Dmitry Sergeyevich Merezhkovsky

Editor: Arthur Moeller van den Bruck

Translator: E. K. Rahsin

Release date: March 23, 2025 [eBook #75698]

Language: German

Original publication: Muenchen: Piper, 1920

Credits: the Online Distributed Proofreading Team at https://www.pgdp.net. This book was produced from images made available by the HathiTrust Digital Library.


*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK SÄMTLICHE WERKE 15 ***


                   F. M. Dostojewski: Sämtliche Werke

            Unter Mitarbeiterschaft von Dmitri Mereschkowski
                herausgegeben von Moeller van den Bruck

                      Übertragen von E. K. Rahsin


                   Zweite Abteilung: Fünfzehnter Band


                           F. M. Dostojewski




                              Helle Nächte


                             Vier Novellen

                  R. Piper & Co. Verlag, München, 1920


                  R. Piper & Co. Verlag, München, 1920
                     Siebentes bis zwölftes Tausend


             Copyright 1920 by R. Piper & Co., G. m. b. H.,
                           Verlag in München




                                 Inhalt


                     Einleitung                 VII
                     Vorbemerkung                XV
                     Helle Nächte                 1
                     Das junge Weib              99
                     Ein schwaches Herz         243
                     Ein Roman in neun Briefen  317




          Dostojewski, Petersburg und die Schönheit der Stadt


Die hellen Nächte sind die Lyrik des Nordens. In ihrem Lichte, in der
geisternden Unwirklichkeit des finnischen Sumpfes, dort, wo Norden und
Osten sich treffen, hat Peter seine Stadt gegründet. Und in dem Od
dieser Stadt hat Dostojewski seine Menschen gesehen, Petersburger
Menschen, die in dem Widerspruche leben müssen, daß sie als Russen
wirkliche und als Europäer unwirkliche Menschen sind. Es ist nicht das
Licht des reinen Nordens, das vom Pol kommt und in der Arktis seine
harten elektrischen Phänomene empfängt. Es ist nicht das mythische Licht
der Edda, in dem die Gestirne wie Runen am Himmel stehen und unter dem
von einem großen Magus das Buch von der Welt aufgeschlagen wurde. Es ist
auch nicht das Licht jener klaren dualistischen Nacht, in der Kant den
bestirnten Himmel über ihm und das moralische Gesetz in ihm in Ehrfurcht
bewundern lernte. Es ist vielmehr die Macht der finnischen Zauberer, die
Kalews Söhne durchbrachen und in der Wanemuine sang: das Licht einer
weicheren Helle, in der die Fläche der unendlichen Steppe zwischen
Kaukasus und Skandinavien gen Norden zurückgeschlagen wurde. Es ist das
Stadtlicht einer Halbhelle, in der die Menschen unsicher gehen, wie
Schatten auftauchen, wie Schatten verschwinden, ohne Willen, wie ihn nur
einmal Peter an dieser Stelle hatte, aber dafür mit einer äußersten
Verinnerlichung, die Dostojewski hier in einer schrecklichen
alltäglichen strindbergischen Wirklichkeit aufdeckte.

Der erste Eindruck von Petersburg ist die Häßlichkeit seiner Menschen.
Die finnische Urbevölkerung scheint in grauen und unscheinbaren
Verkümmerungen fortzuleben. Die Verbindung zu einer neuen Stadtrasse
mißlang und in zweihundertjähriger Großstadtinzucht wurde ein
Bastardgeschlecht erzeugt, das in der Luft feuchter Stuben in naturlosem
Nebelleben vollends verdarb. Dieser Eindruck wird noch gesteigert durch
den Gegensatz, daß so viel fade und verdächtige Hübschheit sich
hineinmischt, Schönheit, die aus polnischer, grusinischer und wer weiß
welcher orientalischen Rasse stammt und hier auf ihren verweichlichten
Rest zurückgeführt wurde: Schönheit ganz kleiner spitzer glatter Züge,
die doppelt widerlich am Manne ist und über die auch der selbstgefällige
Bart eines Würdenträgers nicht hinwegzutäuschen vermag. Wohl sieht man
auch Erscheinungen: sieht Rasse zwischen Entrassung. Im Wagen oder
Schlitten fährt eine glücklichere Gesellschaft vorüber, die in
russischer Ungebundenheit gepflegteste Westlichkeit nachahmt. Doch die
Menge ist ohne Bodenständigkeit, haltlos in sich, und auf den Straßen
sieht man allenthalben diese leidenden Menschen mit dem Ausdruck von
Krankheit, Verlebtheit, Verbrechen: Menschen, denen man alle Laster
zutraut, worunter Spitzeltum und Bestechlichkeit, als die amoralischen
Grundlagen der russischen Gesellschaft wie des russischen Staates im
Volke, noch die gewöhnlichsten und von beinahe bürgerlicher
Selbstverständlichkeit sind. Nirgendwo sonst gibt es diese mageren
rachitischen Gestalten, diese fahlen hektischen Gesichter, verkümmert
durch Not oder durch Ausschweifung, diese zweideutigen Mienen von
Winkel- oder Kellermenschen, diesen Zug eines schlechten und doch
gleichgültigen Gewissens auf einem gestempelten Gesicht. Abgearbeitetes
und schlechtentlohntes Beamtentum mischt sich mit einer mißverstandenen
und übertriebenen Halbwelteleganz. Verkommene sind da, von denen man
nicht weiß, ob es Schwärmer sind, Ideologen in Entsagung, oder
Zuchthäusler in Scheuheit und Frechheit zugleich. Es ist ein Fluch über
dieser Stadt: Erbe einer großen Bestimmung auf unsicherem Grunde zu
sein, in Entwurzelung und Ziellosigkeit, Erbe des petrinischen Irrtums
und Verhängnisses, daß es in Rußland nie eine petrinische Nachfolge in
Ebenbürtigkeit geben sollte. Doch immer wieder warf das Land seine
Menschen in diese Stadt, Bauern, die hier zu Industriearbeitern wurden,
Popensöhne, die als Nihilisten anfingen, um als Kanzlisten zu enden. Man
glaubt sie noch herauszukennen, diese Generation der zuletzt
Angekommenen. Und an einem Soldaten, an einem Dwornik, oder an diesen
herrlichen Kutschern mit den prallen Pelzröcken, diesen steifen
ausgestopften breitbärtigen Riesenpuppen, die mit der Würde von Königen
die Gesellschaft über den Newskij fahren, erkennt man plötzlich, was
Rasse auch hier ist, großrussische Rasse, tatarische Rasse, volklich,
eigentümlich, ursprünglich, dort hinten, um Moskau, weit in Rußland.

In dieser belasteten und verdorbenen, dieser unfertigen und doch schon
frühalten Stadtbevölkerung, die Peter aufeinander angewiesen hatte und
die seitdem von dem Staate in einer fahrlässigen und doch wieder
großzügigen Ordnung zusammengehalten wurde, während sie selbst
vorwiegend durch Betrug mit sich und dem Staate auskam – in ihr
entdeckte Dostojewski den Menschen. Puschkin und Lermontoff hatten den
romantischen Helden entdeckt, den byronischen Jüngling mit skeptischen
und ironischen, aber auch mit heroischen und enthusiastischen Zügen, der
freilich der Gesellschaft, nicht dem Volke angehörte, und hatten ihn mit
Gestalten der Nation, der Sphären der Armee und Beamtenschaft, der
Kleinbürger und Bauern nur umgeben. Dostojewski dagegen entdeckte den
seelischen Menschen, die Tragödie der Unscheinbarkeit, die im
Unbemerkten, in einem Mensch-für-sich-sein dahinlebte, und entdeckte,
daß er voll von rührenden oder erschütternden inneren Werten war. Er tat
es moralisch, mit einer leisen Beinote des Sozialen, in seinen
Jugendwerken, von den „Armen Leuten“ bis zu den „Erniedrigten und
Beleidigten“, und schließlich religiös, nachdem ihn seine sibirische
Zeit mit den Ausgestoßenen dieser Gesellschaft und dieses Staates
zusammengebracht und er selbst im Dulden die Erlösung von allen
russischen und petersburgischen Leiden erlebt hatte, in den
Heilandgestalten seiner großen Romane. Er tat es wohl auch humoristisch,
indem er zu der Allmenschlichkeit, mit der er diesen Leiden in Güte
begegnete, die behäbige oder verdrehte Allzumenschlichkeit fügte, die
versöhnend in den Menschen selbst lag, oder die er hineinlegte. Und er
tat es schließlich lyrisch, mit einer Behutsamkeit der tiefen
Empfindung, aber auch der schwebenden Form, indem er die beseligte und
beseligende Schönheit offenbar machte, die ihr Leben in der Armut seiner
Geschicke und in der Häßlichkeit seiner Umgebung von innen erleuchtete.
Die Menschen selbst wurden schön. Mädchen wurden reizend. Jünglinge
erhielten, obwohl sie Petersburger blieben, frische Knabenhaftigkeit
zurück. Und ein paar Alte bekamen die würdige Schönheit von Philemon und
Baucis. Es war nicht klassische, nicht romantische Schönheit, sondern
russische und seelische Schönheit, die sich von dem Nerv der Gefühle
unmittelbar auf die Linie des Körpers übertrug, auf die Farbe des
Ausdrucks, auf die Liebenswürdigkeit der Gestalt. Es war nicht
moralische Schönheit im Sinne Kants, der aus der Schönheit eine Tugend
gemacht hatte, jenes immer etwas umständliche Symbol des Sittlich-Guten,
das man erst mit dem Verstande erfassen muß, ehe man es am Menschen
entdecken kann. Es war eine ganz persönliche Schönheit, ohne Umwege,
ohne Symbolik, in sich selber kniend, eingeboren in Worten und
Handlungen.

Zugleich entdeckte Dostojewski die Schönheit von Petersburg. Puschkin
hatte ihr Pathos besungen, die Stadt des ehernen Reiters, die Nadel der
Admiralität, den Granit der Newakais, die schreckende Nähe der
Peterpaulsfeste, in deren Kirche die Romanoffs ruhen, der kriegerischen
Stätte, deren Kanonen alle Ereignisse in der Dynastie und die Taten des
Heeres donnernd über den Fluß verkündeten. Petersburg war immer schön,
solange es petrinisch blieb. Aber zwischen Puschkin und Dostojewski lag
die Entwicklung von der Residenz, die auch in ihren Furchtbarkeiten und
Geheimnissen noch vornehm war, zu der grauen und grausamen Großstadt, in
der die Menge die weiten Straßenzüge und hohen Mietshäuser zu füllen
begann. Nun mußte die weiße Magie der Natur, atmosphärisches Licht und
vibrierende Stimmung, die Schönheit des Alltags ersetzen, die
Dostojewski, je länger er in ihr lebte, um so stärker empfand. Er hat
Petersburg wohl auch mit harten, mit verfluchenden Worten bedacht. Aber
er hat die Stadt doch immer wieder geliebt, ja die Liebe zu ihr, die
Tatsache, daß er sie lieben konnte, teilte sich ihr selbst mit, wurde
durch ihn zur Schönheit an ihr. Es war nicht ihr Stil, den er an ihr so
liebte. Er scheint ihn gar nicht gekannt, gar nicht bemerkt zu haben.
Dostojewskis Liebe zu Petersburg war unarchitektonisch, rein sensibel.
Die majestäthaften Baulichkeiten, die immer der Ruhm der Zaren in dieser
Stadt bleiben, werden niemals erwähnt, und nichts deutet darauf hin, daß
er überhaupt wußte, daß Petersburg die Stadt eines großartigen
Klassizismus und großer Klassizisten, der Sacharoff und Woronichin ist.
Aber Dostojewski hat dafür jedes einzelne Haus geliebt und geliebkost.
Er scheint mit allen vertraut und befreundet gewesen zu sein, und mit
den unscheinbarsten am innigsten. An einer besonders schönen Stelle der
„Hellen Nächte“ schildert er einmal, ganz in der treuherzigen Weise
bunter russischer Märchen, wie in einer Straße, durch die ihn sein Weg
des öfteren führt, jedes einzelne Haus vortritt und ihm sein neuestes
Schicksal erzählt. Es war mit den Häusern von Petersburg wie mit den
Menschen bei Dostojewski. Er belebte die Häuser menschlich, gab ihnen
eine seelische Schönheit, wie es seelische Leidenschaften waren, in
denen er seine Menschen leben ließ. Man empfindet diese Geistigkeit
doppelt, wenn einmal, wie es in der Erzählung von dem „jungen Weibe“
geschah, südliche und sinnliche Schönheit, südliche und sinnliche
Leidenschaft, wenn Menschen von Südrußland, von der Wolga, vom Schwarzen
Meere sich in dieses Nebelland und in diese Nebelstadt verirren. Dann
verbindet sich der Mythe die Kabbala, und der Dithyrambos
einer dunkleren Romantik klingt in die helle Lyrik dieser
nordisch-phantastischen Überwirklichkeit. Dann wird Petersburg zu
Rußland, und auf den Straßen, die zu seiner Hauptstadt führen, ziehen
seine Völker heran, um sich in dieser einsamen grausamen frierenden
Schönheit von Petersburg zu verlieren, die sie mit ihrem kalten Lichte
aufnimmt und die doch eine so innige Schönheit ist, daß ihr Dichter die
Häuser und die Herzen mit der gleichen Liebe umfangen kann.

                                                           M. v. d. B.




                              Vorbemerkung


Der Band enthält die drei kürzeren Petersburger Novellen, die
Dostojewski nach dem großen Erfolge der „Armen Leute“ zu Ende der
vierziger Jahre geschrieben hat und die in der literarischen Zeitschrift
„Vaterländische Annalen“ erschienen.

Dem Bande ist eine kleine Halbhumoreske „Ein Roman in neun Briefen“
hinzugefügt, die in der Zeit der „Hellen Nächte“ mit entstand: als das
erste Stück Prosa mit komischem Unterton, in dem sich Dostojewski
versuchte, und das so hinüberleiten mag zu seiner nächsten größeren
Arbeit, dem Humoreskenroman „Das Gut Stepantschikowo“, den der folgende
Band der Ausgabe bringt.

                                                              E. K. R.




                              Helle Nächte


                         Ein empfindsamer Roman
                  aus den Erinnerungen eines Träumers


          „... Oder ward er nur erschaffen, um eine kleine
          Weile lang Deinem Herzen nah zu sein? ...“

                                            Iwan Turgenjeff.


                            Die erste Nacht.

Es war eine wundervolle Nacht – eine Nacht, wie wir sie vielleicht nur
sehen, wenn wir jung sind, mein lieber Leser. Der Himmel war so tief und
nachthell, daß man sich bei seinem Anblick unwillkürlich fragen mußte,
ob denn wirklich unter einem solchen Himmel böse und launische Menschen
leben können? Das ist nun freilich eine Frage, auf die man nur in jungen
Jahren verfallen kann, nur in sehr jungen sogar, mein lieber Leser! Doch
möge der Herr sie öfter in Ihrer Seele erwecken! ... Während ich noch in
dieser Weise an die verschiedensten Menschen dachte, mußte ich mich
unwillkürlich auch meiner eigenen löblichen Aufführung an diesem Tage
erinnern. Schon vom Morgen an hatte mich eine wunderliche Stimmung
bedrückt. Ich hatte die Empfindung, daß ich, der ohnehin Einsame, von
allen verlassen wurde, daß alle sich von mir zurückzogen. Natürlich hat
jetzt ein jeder das Recht, mich zu fragen: ja, wer sind denn diese
„alle“? Lebe ich doch bereits das achte Jahr in Petersburg und habe
trotzdem noch so gut wie keine einzige Bekanntschaft zu machen
verstanden. Wozu brauchte ich auch Bekannte? Ich bin sowieso schon mit
ganz Petersburg bekannt. Eben deshalb schien es mir aber, als ob alle
mich verließen, als ob sich jetzt ganz Petersburg aufmachte, um in die
Sommerfrische zu gehen. Mir wurde es fast unheimlich, allein zu bleiben,
und drei Tage lang strich ich tief bekümmert in der Stadt umher,
entschieden unfähig zu begreifen, was in mir vorging. Auf dem Newskij,
im Sommergarten, an den Kais war kein einziges von den Gesichtern zu
sehen, denen ich tagtäglich zu bestimmter Stunde an derselben Stelle zu
begegnen pflegte. Die Betreffenden kennen mich natürlich nicht, aber ich
– ich kenne sie. Ich kenne sie sogar ganz genau: ich habe ihre
Physiognomien studiert und freue mich, wenn sie froh sind, und fühle
mich verstimmt, wenn sie betrübt sind. Ja ich kann sogar sagen, daß ich
einmal fast eine Freundschaft geschlossen hätte: das war mit einem alten
kleinen Herrn, dem ich jeden Tag, den Gott werden ließ, zur selben
Stunde an der Fontanka begegnete. Er hatte eine so wichtige,
nachdenkliche Miene und sein Unterkiefer bewegte sich immer, ganz so als
kaue er etwas, der linke Arm schlenkerte ein wenig und in der rechten
Hand hatte er einen langen Knotenstock mit einem goldenen Knopf. Auch er
hatte mich bemerkt und nahm seitdem innigen Anteil an mir. So bin ich
überzeugt, daß er, wenn er mich einmal nicht zur gewohnten Stunde an der
gewohnten Stelle der Fontanka treffen sollte, sich gleichfalls
entschieden verstimmt fühlen würde. Deshalb fehlte denn auch nicht viel,
daß wir uns grüßten, namentlich wenn wir beide bei guter Laune waren.
Vor kurzem noch, als wir uns ganze zwei Tage nicht gesehen hatten und
dann einander am dritten Tage begegneten, hätten wir schon beinahe an
die Hüte gegriffen, besannen uns aber zum Glück noch rechtzeitig, ließen
die Hände sinken und gingen mit sichtlich anteilnehmender
Zuvorkommenheit aneinander vorüber.

Ich bin auch mit den Häusern bekannt. Wenn ich so gehe, dann ist es, als
laufe jedes, sobald es mich erblickt, ein paar Schritte aus der Front
und sehe mich aus allen Fenstern an und sage gewissermaßen: „Guten Tag,
hier bin ich! und wie geht es Ihnen? Auch ich bin, Gott sei Dank, ganz
frisch und munter, aber im Mai wird man mir noch ein Stockwerk
aufsetzen.“ Oder: „Guten Tag! Wie geht’s? Denken Sie sich, ich werde
morgen neu angestrichen!“ Oder: „Bei mir gab’s Feuer und ich wäre um ein
Haar niedergebrannt – ich habe mich dabei so erschreckt!“ Und so weiter:
in dieser Art. Unter ihnen habe ich natürlich meine Lieblinge, sogar
gute Freunde. Eines von ihnen will sich in diesem Sommer von einem
Architekten operieren lassen – umbauen, und ähnliches. Werde da
unbedingt täglich hingehen, damit man mir den Freund nicht etwa
vollkommen umbringt! Gott behüte ihn davor! ... Doch niemals werde ich
die Geschichte mit dem einen kleinen allerliebsten hellrosa Häuschen
vergessen! Es war das solch ein reizendes Häuschen, so freundlich sah es
mich immer an und so stolz war es auf seine Reize unter den plumpen
Nachbarn, daß mein Herz jedesmal lachte, wenn ich an ihm vorüberging.
Plötzlich, in der vorigen Woche, wie ich in die Straße einbiege und nach
meinem kleinen Liebling hinsehe – höre ich ein jammervolles Wehklagen:
„Man tüncht mich gelb!“ Diese Barbaren! Diese Bösewichter! Nichts hatten
sie verschont. Weder die Pfeiler noch die Karniese! Mein kleiner Freund
war in der Tat gelb wie ein Kanarienvogel. Ich war nahe daran, vor Ärger
selbst die Gelbsucht zu kriegen, so gallig machte mich der Fall, und bis
jetzt bin ich noch nicht imstande gewesen, ihn wiederzusehen, meinen
entstellten armen Kleinen, den die Unbarmherzigen in der Farbe des
Reichs der Mitte angestrichen haben.

Also folglich – jetzt begreifen Sie wohl, mein verehrter Leser, auf
welche Weise ich mit ganz Petersburg bekannt bin.

Ich sagte bereits, daß mich volle drei Tage eine seltsame Unruhe quälte,
bis ich endlich ihre Ursache erriet. Auf der Straße fühlte ich mich
nicht wohl (der eine war nicht zu sehen, der andere nicht, der dritte
und vierte auch nicht – „wo mag wohl jener geblieben sein?“) – und auch
zu Hause fühlte ich mich so anders, daß ich mich selbst kaum
wiedererkannte. Zwei Abende versuchte ich vergeblich, zu ergründen, was
mir nun eigentlich in meinen vier Wänden fehlen mochte. Warum fühlte ich
mich mit einem Male so unbehaglich im Zimmer? Prüfend schaute ich mir
meine grünen, verräucherten Wände an, musterte die Decke, an der
Matrjona mit großem Erfolge das Spinngewebe behütete, besah mir meine
Einrichtung, insbesondere jeden Stuhl, und fragte mich in Gedanken, ob
nicht hier der Grund liege (denn wenn bei mir auch nur ein Stuhl nicht
so steht, wie er gestern stand, dann bin ich nicht mehr ich selbst). Ich
blickte nach dem Fenster – doch alles war umsonst ... mir ward deshalb
nicht leichter zumute! Ja ich kam sogar auf den Gedanken, Matrjona zu
rufen und ihr in väterlichem Tone einen gelinden Vorwurf wegen des
Spinngewebes und der allgemeinen Vernachlässigung zu machen; aber sie
sah mich nur verwundert an und ging fort, ohne ein Wort zu erwidern, so
daß das Spinngewebe auch jetzt noch wohlbehalten an der Decke hängt.
Erst heute morgen erriet ich endlich, um was es sich handelte. Also: sie
zogen ja alle in die Sommerfrische und ließen mich im Stich! – das
war’s: sie kniffen aus! Verzeihen Sie das triviale Wort, aber es war mir
in dem Augenblick nicht um einen klassischen Ausdruck zu tun ... Es
hatte doch wirklich alles, was in Petersburg lebte, die Stadt bereits
verlassen, oder verließ sie noch täglich und stündlich. Wenigstens
verwandelte sich in meinen Augen jeder ältere Herr von solidem Äußeren,
der sich in eine Droschke setzte, in einen ehrwürdigen Familienvater,
der nach den alltäglichen Geschäften in der Stadt hinausfuhr, um den
Rest des Tages im Schoße seiner Familie zu verbringen. Jeder Mensch auf
der Straße hatte jetzt ein völlig anderes Aussehen, eines, das jedem
etwa sagen zu wollen schien: „Wir sind ja nur so, sind nur noch kurze
Zeit hier, in zwei Stunden bereits fahren wir hinaus ins Grüne!“ Oder
öffnete sich ein Fenster, an dessen Scheiben zuerst schlanke, weiße
Fingerchen getrommelt, und beugte sich das hübsche Köpfchen eines jungen
Mädchens hinaus, um den Blumenhändler herbeizurufen, – da stellte ich
mir vor, daß diese Blumen auch „nur so“ von ihr gekauft wurden und
durchaus nicht deshalb, um sich an diesem Blumentopf mit den paar
Knospen und Blüten wie an einem Stück Frühling in der dumpfen Stube zu
erfreuen, und daß sehr bald alle die Stadt verlassen und auch die Blumen
mitnehmen würden. Doch damit noch nicht genug, ich machte vielmehr in
meinem neuen Entdeckerberuf solche Fortschritte, daß ich bald schon
allein nach dem Äußeren unfehlbar festzustellen vermochte, welchen
Villenort ein jeder gewählt hatte. Die Bewohner der fashionablen
Inseln[1] oder der Villen an der Peterhofstraße zeichneten sich durch
auserlesene Eleganz sowohl im Gang und in jeder Geste, wie in den
Sommerkostümen und Hüten aus und besaßen prachtvolle Equipagen, in denen
sie zur Stadt gefahren kamen. Die Einwohner von Pargolowo und dort
weiter hinaus „imponierten“ einem auf den ersten Blick durch ihre
vernünftige Gediegenheit, und die von der Krestowskij-Insel durch ihre
unverwüstlich heitere Gemütsverfassung. Traf es sich, daß ich einer
langen Prozession von Frachtfuhrleuten begegnete, die, die Leine in der
Hand, gemächlich einhertrotteten ... neben ihren hochbeladenen
Lastwagen, auf denen ganze Berge von Tischen, Betten, Stühlen,
türkischen und nichttürkischen Diwans schaukelten und auf deren Gipfel
oft noch eine Küchenfee mit etwas verzagten Mienen thronte, oder auch,
wenn sie sich sicherer fühlte, das herrschaftliche Gut mit Argusaugen
bewachte, damit nur ja nichts unterwegs verloren ginge, – oder sah ich
auf der Newa oder der Fontanka ein paar mit Hausgerät beladene Boote
nach den Inseln oder stromaufwärts nach der Tschornaja-rjetschka ziehen,
– die Boote wie die Fuhren verzehn-, verhundertfachten sich in meinen
Augen –: so schien es mir, als mache alle Welt sich auf und ziehe in
Karawanen hinaus, und als verwandle Petersburg sich in eine Wüste, so
daß ich mich zu guter Letzt entschieden beschämt und gekränkt fühlte,
und natürlich auch betrübt, denn nur ich allein hatte keine Möglichkeit
und wohl auch keinen Grund, in die Sommerfrische hinauszuziehen. Und
doch war ich bereit, auf jeden Lastwagen zu springen, mit jedem Herrn,
der sich in eine Droschke setzte, mitzufahren; aber nicht einer von
ihnen, kein einziger forderte mich dazu auf. Es war, als hätten sie mich
plötzlich alle vergessen, als wäre ich ihnen allen im Grunde doch
vollkommen fremd.

Ich spazierte oft und lange umher, so daß ich meiner Gewohnheit gemäß
wieder einmal vergessen hatte, wo ich eigentlich ging, bis ich mich
schließlich an der Stadtgrenze fand. Da ward mir im Augenblick fröhlich
zumute und ich trat hinter den Schlagbaum und ging weiter zwischen den
besäten Feldern und Wiesen, ohne Müdigkeit zu verspüren, fühlte aber,
daß mir eine Last von der Seele genommen wurde. Alle, die an mir
vorüberfuhren, sahen mich so freundlich an, daß es fast wie ein Gruß
war; alle schienen sie über irgend etwas froh zu sein. Und auch ich
wurde so froh, wie ich noch nie in meinem Leben gewesen ...

Ganz als befände ich mich plötzlich in Italien – so mächtig wirkte die
Natur auf mich, den halbkranken Städter, der zwischen den Häusermauern
fast schon erstickt war.

Es liegt etwas unsagbar Rührendes in unserer Petersburger Natur, wenn
sie im Frühling erwacht und plötzlich ihre ganze Macht offenbar und alle
ihre vom Himmel verliehenen Kräfte entfaltet: wenn sie sich mit jungem
weichem Laub umhüllt und mit bunten Blumen und zarten Blüten schmückt
... Dann erinnert sie mich unwillkürlich an ein sieches Mädchen, auf das
man zuweilen mit Bedauern, zuweilen mit einer seltsam mitleidigen Liebe
blickt oder das man zuweilen auch überhaupt nicht bemerkt, das dann aber
plötzlich, auf einen Augenblick und ganz unverhofft, nahezu märchenhaft
schön wird, so schön, daß man bestürzt und berauscht vor ihr steht und
sich verwundert fragt: welche Macht hat in ihren traurigen, verträumten
Augen dieses Leuchten erweckt? Was hat das Blut in ihre bleichen
abgezehrten Wangen getrieben und läßt nun diese zarten Züge tiefe
Leidenschaft widerspiegeln? Weshalb hebt sich ihre Brust? Was hat so
plötzlich Kraft, Leben und Schönheit in das Antlitz des armen Mädchens
gebracht, daß es in süßem Lächeln erglänzt und zu sprühendem Lachen
fähig wird? Und man sieht sich im Kreise um, man sucht jemand, man
beginnt zu ahnen, zu erraten ... Doch der Augenblick ist vergänglich und
vielleicht morgen schon werden wir wieder dem zerstreuten, verträumten
Blick begegnen, wie früher, und werden wieder das blasse Gesicht
wahrnehmen und dieselbe Ergebung und Schüchternheit in den Bewegungen
und sogar so etwas wie Reue, sogar Spuren eines lähmenden Kummers und
Ärgers über dieses kurze Aufleben ... Und es tut einem leid, daß die
Schönheit so schnell und unwiderruflich verwelkt ist, daß sie so
trügerisch und vergeblich vor einem geleuchtet hat – leid, weil man
nicht einmal Zeit gehabt, sie liebzugewinnen ...

Und doch war meine Nacht noch schöner als der Tag.

Ich kehrte erst spät in die Stadt zurück und es schlug bereits zehn, als
ich mich meiner Wohnung näherte. Mein Weg führte am Kanal entlang, wo zu
dieser Stunde gewöhnlich keine lebende Seele zu sehen ist. Freilich lebe
ich auch in einem sehr stillen entlegenen Stadtteil. Ich ging und sang,
denn wenn ich glücklich bin, muß ich unbedingt irgend etwas vor mich
hinsummen, wie eben jeder glückliche Mensch, der weder Freunde noch gute
Bekannte hat, noch einen Menschen, mit dem er seine frohen Augenblicke
teilen kann. Da nun, in dieser Nacht, hatte ich plötzlich ein
überraschendes Abenteuer.

Nicht weit vor mir erblickte ich eine Gestalt in Frauenkleidern: sie
stand und stützte die Ellbogen auf das Geländer des Kais und sah, wie es
schien, aufmerksam in das trübe Wasser des Kanals. Sie trug ein
entzückendes gelbes Hütchen und eine kokette kleine schwarze Mantille.
„Das ist ein junges Mädchen und sicherlich ist sie brünett,“ dachte ich.
Sie schien meine Schritte nicht zu hören, denn sie rührte sich nicht,
als ich langsam mit angehaltenem Atem und laut pochendem Herzen an ihr
vorüberging. „Sonderbar!“ dachte ich, „jedenfalls muß sie ganz in
Gedanken versunken sein“ – und plötzlich zuckte ich zusammen und blieb
wie gebannt stehen: ich hörte dumpfes Schluchzen ... Ja! ich täuschte
mich nicht: das junge Mädchen weinte – nach einer Weile klang es wieder
wie ein Aufschluchzen, und dann wieder. Mein Gott! Das Herz krampfte
sich mir zusammen. Wie befangen ich auch sonst Frauen gegenüber bin,
diesmal – es waren aber auch so seltsame Umstände! ... Kurz, ich
entschloß mich im Augenblick, trat auf sie zu und – würde unbedingt
„Meine Gnädigste!“ gesagt haben, wenn ich nicht gewußt hätte, daß diese
Anrede in allen russischen Romanen, die die höheren Gesellschaftskreise
schildern, mindestens tausendmal vorkommt. Das allein hielt mich davon
ab. Doch während ich noch nach einer passenden Anrede suchte, kam das
junge Mädchen wieder zu sich, sah sich um, erblickte mich, schlug die
Augen nieder und huschte an mir vorüber. Ich folgte ihr sogleich, was
sie jedoch zu fühlen schien, denn sie verließ den Kai, überschritt die
Straße und ging auf dem anderen Trottoir weiter. Ich wagte nicht, ihr
dorthin zu folgen. Mein Herz zitterte wie einem gefangenen Vogel. Da kam
mir ein Zufall zu Hilfe.

Auf jenem Trottoir tauchte plötzlich in der Nähe meiner Unbekannten ein
Herr auf – ein Herr in zweifellos soliden Jahren, jedoch mit einer
Gangart, die sich nicht gerade als solid bezeichnen ließ. Er ging
wankend und stützte sich mitunter an die Häuser. Das junge Mädchen
schritt indes gesenkten Blicks weiter, ohne sich umzusehen, und so
schnell, wie es alle jungen Mädchen tun, die nicht wünschen, daß jemand
sich ihnen nähere und sich erbiete, sie in der Nacht nach Hause zu
begleiten. Der wankende Herr hätte sie auch niemals eingeholt, wenn er
nicht mit einer gewissen Schlauheit auf etwas Nichtvorherzusehendes
verfallen wäre: ohne ein Wort oder einen Anruf, raffte er sich nämlich
plötzlich auf und lief ihr möglichst leise nach. Sie ging wie der Wind,
doch der Herr kam ihr schnell näher und holte sie ein – das Mädchen
schrie auf, und ... ich dankte dem Schicksal für den Rohrstock, den ich
in meiner Rechten hielt! Im Augenblick war ich auf der anderen Seite, im
Augenblick begriff auch der Herr, um was es sich handelte, und die
Vernunft siegte in ihm: er schwieg, trat zurück, und erst als wir fast
schon außer Hörweite waren, protestierte er in ziemlich energischen
Ausdrücken gegen meine Handlungsweise. Doch wir hörten ihn kaum.

„Nehmen Sie meinen Arm,“ sagte ich zu der Unbekannten, „dann wird er es
nicht mehr wagen, Sie zu belästigen.“

Schweigend legte sie ihr Händchen, das von der Aufregung und dem Schreck
noch zitterte, auf meinen Arm. Oh, du ungerufener Herr! Wie segnete ich
dich in diesem Augenblick! Ich warf einen schnellen Blick auf meine
Begleiterin: sie sah reizend aus und war brünett, wie ich es mir gleich
gedacht hatte. An ihren dunkeln Wimpern glänzten noch Tränen – ob vom
Schreck oder von dem Kummers, über den sie am Kai geweint, das lasse ich
dahingestellt. Aber ihre Lippen versuchten schon, zu lächeln. Auch sie
sah mich heimlich an, errötete, als ich es bemerkte, und senkte den
Blick.

„Sehen Sie, nun, warum liefen Sie vorhin von mir fort? Wäre ich bei
Ihnen gewesen, so wäre nichts geschehen ...“

„Aber ich kannte Sie doch nicht! Ich dachte, daß Sie ebenso ...“

„Ja, kennen Sie mich denn jetzt?“

„Ein wenig. Aber – weshalb zittern Sie?“

„Oh, da haben Sie gleich alles erraten!“ versetzte ich entzückt, denn
ich glaubte aus ihrer Bemerkung entnehmen zu dürfen, daß sie, die so
schön war, auch klug war. „Wie Sie gleich auf den ersten Blick erkennen,
mit wem Sie es zu tun haben! Es ist wahr, ich bin Frauen gegenüber
befangen, und ich leugne auch nicht, daß ich mich im Augenblick erregt
fühle, ebenso wie Sie vor ein paar Minuten, als jener Herr Sie
erschreckte ... Auch ich fühle jetzt so etwas wie einen Schreck: die
ganze Nacht erscheint mir wie ein Traum, mir, der ich es mir niemals
habe träumen lassen, daß ich jemals in die Lage kommen könnte, mit einem
jungen Mädchen in dieser Weise zu sprechen.“

„Was? Wirklich?“

„Mein Wort darauf; und wenn mein Arm jetzt bebt, so kommt das nur daher,
daß er noch nie von einer so reizenden kleinen Hand, wie die Ihrige,
berührt worden ist. Ich bin jetzt des Umgangs mit Frauen vollständig
ungewohnt; das heißt, ich will damit nicht etwa sagen, daß ich früher
einmal einen solchen Umgang gewohnt gewesen bin. Nein, ich lebe von
jeher allein und für mich ... Ich weiß nicht einmal, wie man mit ihnen
spricht. Auch jetzt zum Beispiel weiß ich nicht, ob ich Ihnen nicht
irgendeine Dummheit gesagt habe. Ist das der Fall, so sagen Sie es mir,
bitte, ganz offen. Ich werde es Ihnen nicht übelnehmen ...“

„Nein, nein, gar nicht, im Gegenteil. Und wenn Sie schon einmal
verlangen, daß ich aufrichtig sein soll, dann will ich Ihnen sagen, daß
solche Befangenheit den Frauen sogar sehr gefällt. Und wenn Sie noch
mehr wissen wollen, dann will ich gleich gestehen, daß sie auch mir
gefällt, und ich werde Sie nicht früher fortschicken, als bis ich bei
unserem Hause angelangt bin.“

„Sie sind ja so reizend, daß ich gleich meine ganze Befangenheit
verliere,“ rief ich entzückt, „und dann – lebt wohl alle meine Chancen!
...“

„Chancen? Was für Chancen, und wozu? Nein, das gefällt mir nun wieder
gar nicht!“

„Verzeihung, es war mir auch nur so ... entschlüpft, ganz gegen meinen
Willen! Aber wie können Sie auch verlangen, daß in einem solchen
Augenblick nicht der Wunsch erwachen soll ...?“

„Zu gefallen etwa?“

„Nun ja, versteht sich. Aber seien Sie – oh, um Gottes willen, seien Sie
großmütig! Bedenken Sie, wer ich bin! Ich bin schon sechsundzwanzig
Jahre alt – und noch habe ich mit keinem Menschen Verkehr gehabt. Wie
sollte ich da plötzlich nach allen Regeln der Kunst eine Unterhaltung
anzuknüpfen verstehen? Aber Sie werden mich um so besser begreifen, wenn
alles offen vor Ihnen liegt ... Ich verstehe nicht zu schweigen, wenn
das Herz in mir spricht. Nun, gleichviel ... Glauben Sie mir, ich kenne
keine einzige Frau, keine einzige! Ich habe überhaupt keine
Bekanntschaft. Ich träume nur jeden Tag, daß ich endlich irgend einmal
irgendwo doch irgend jemand treffen und kennen lernen werde. Ach, wenn
Sie wüßten, wie oft ich schon auf diese Weise verliebt gewesen bin ...“

„Aber wie denn das, in wen denn?“

„Ja, in niemand, einfach in ein Ideal, das ich im Traum vor mir sehe.
Ich ersinne in meinen Träumen gewöhnlich ganze Romane. Oh, Sie kennen
mich noch nicht! Doch was sage ich! – natürlich habe ich mit zwei oder
drei Frauen gesprochen, aber was waren denn das für Frauen? Das waren ja
nur solche Wirtinnen, daß ... Aber ich will Sie lieber fröhlich machen
und Ihnen etwas erzählen: Ich habe schon mehrmals die Absicht gehabt, so
ganz ohne weiteres irgendeine Aristokratin auf der Straße anzureden.
Selbstverständlich, wenn sie allein ist, und ebenso selbstverständlich
mit aller Ehrerbietung, aber doch mit Bangen, und um ihr dann voll
Leidenschaft zu sagen, daß ich so allein umkomme, und um sie zu bitten,
daß sie mich nicht fortjage und daß ich sonst keine Möglichkeit habe,
auch nur je irgendeine Frau kennen zu lernen. Ich würde ihr sagen, daß
es sogar die Pflicht jeder Frau sei, die bescheidene Bitte eines so
unglücklichen Menschen, wie ich einer bin, nicht abzuschlagen. Daß
schließlich alles, um was ich sie bitte, nichts weiter sei, als daß sie
mir erlaube, ihr brüderlich zwei Worte sagen zu dürfen, daß sie mir nur
etwas Teilnahme zeigen und mich nicht gleich im ersten Augenblick
davonjagen solle, daß sie mir vielmehr aufs Wort glauben und daß sie
anhören möge, was ich ihr zu sagen wünsche, und sollte sie mich auch
auslachen, gleichviel! – aber daß sie mir wenigstens etwas Hoffnung
geben und mir zwei Worte sagen müsse, nur zwei Worte, damit würde ich
mich zufrieden geben, und sollten wir uns auch nie wiedersehen! ... Aber
Sie lachen ... Übrigens rede ich ja auch nur deshalb ...“

„Seien Sie mir nicht böse. Ich lache, weil Sie ja Ihr eigener Feind sind
... wenn Sie es versuchten, so würde es Ihnen schon gelingen, und wäre
es auch auf der Straße: je einfacher, desto besser. Kein einziges
Mädchen, wenn sie nur nicht schlecht oder dumm ist oder in dem
Augenblick gerade sehr geärgert über irgend etwas, würde es übers Herz
bringen, Sie fortzuschicken, ohne Ihre zwei Worte anzuhören – wenn Sie
so bescheiden darum bitten ... Doch nein, was sage ich! Natürlich würde
sie Sie für einen Verrückten halten! Im übrigen habe ich da nach meinem
Empfinden geurteilt. Ich weiß doch auch ein wenig, wie die Menschen
sind.“

„Oh, ich danke Ihnen,“ rief ich, „Sie wissen nicht, was Sie mir mit
Ihrer Antwort gegeben haben!“

„Gut, gut! Aber sagen Sie mir, woran haben Sie es erkannt, daß ich ein
Mädchen bin, mit dem man ... nun, das Sie für würdig halten ... Ihrer
Aufmerksamkeit und Freundschaft ... Mit einem Wort, keine Hauswirtin,
wie Sie sagten ... Warum entschlossen Sie sich, sich gerade mir zu
nähern?“

„Warum? Warum! Sie waren allein, jener Herr benahm sich so dreist und
jetzt ist es Nacht: da werden Sie doch zugeben, daß es meine Pflicht war
...“

„Nein, nein, vorher, dort, auf der anderen Seite, am Kai. Da wollten Sie
sich mir doch schon nähern?“

„Dort, auf jener Seite? Ich weiß nicht, was ich Ihnen darauf antworten
soll ... Ich fürchte ... Ja sehen Sie, ich war heute so glücklich: ich
ging und sang, ich war draußen vor der Stadt ... ich habe mich noch nie
so glücklich gefühlt. Sie dagegen ... aber vielleicht schien es mir nur
so ... verzeihen Sie, daß ich Sie daran erinnere – es schien mir, daß
Sie weinten, und ich ... ich vermochte das nicht mitanzuhören ... es
preßte mir das Herz zusammen ... Mein Gott, konnte ich Ihnen denn nicht
helfen? Durfte ich nicht Ihren Kummer teilen? War es denn Sünde, daß ich
brüderliches Mitleid mit Ihnen empfand? ... Verzeihen Sie, ich sagte
Mitleid ... Nun gleichviel, mit einem Wort – konnte es Sie denn
beleidigen, wenn ich da unwillkürlich das Verlangen empfand, mich Ihnen
zu nähern? ...“

„Schon gut, hören Sie auf, sprechen Sie nicht weiter ...“ unterbrach
mich das Mädchen. Sie sah verwirrt zu Boden und ich fühlte, wie ihre
Hand zuckte. „Es ist meine Schuld, daß ich überhaupt davon anfing. Aber
es freut mich, daß ich mich in Ihnen nicht getäuscht habe ... So, jetzt
bin ich gleich zu Hause, ich muß hierher in die Querstraße, nur noch
zwei Schritte ... Leben Sie wohl, und ich danke Ihnen ...“

„Ja, sollen wir uns denn wirklich niemals wiedersehen? ... Soll das denn
schon das Ende sein?“

„Sehen Sie, wie Sie sind!“ sagte sie lachend, „anfangs wollten Sie nur
zwei Worte reden, und jetzt! ... Übrigens will ich nichts verschwören
... Vielleicht werden wir einander noch begegnen ...“

„Ich werde morgen wieder hier sein,“ sagte ich schnell. „Verzeihen Sie,
ich fordere bereits ...“

„Ja, Sie sind recht ungeduldig ... fast fordern Sie bereits ...“

„Hören Sie, hören Sie!“ unterbrach ich sie, „verzeihen Sie, wenn ich
Ihnen wieder irgend so etwas sage ... Aber sehen Sie: ich kann nicht
anders, ich muß morgen hierherkommen. Ich bin ein Träumer, ich kenne so
wenig wirkliches Leben, und einen solchen Augenblick, wie diesen, erlebe
ich so selten, daß es mir ganz unmöglich wäre, ihn mir in meinen Träumen
nicht immer wieder zu vergegenwärtigen. Von Ihnen werde ich jetzt die
ganze Nacht träumen, die ganze Woche, das ganze Jahr! Ich werde
unbedingt morgen hierherkommen, gerade hierher, wo wir jetzt stehen, und
um dieselbe Zeit, und ich werde glücklich sein in der Erinnerung an die
heutige Begegnung. Schon jetzt ist mir diese Stelle hier lieb. So habe
ich noch zwei oder drei andere Stellen in Petersburg, die mir lieb sind.
Ich habe einmal sogar geweint, ganz wie Sie vorhin, als plötzlich eine
Erinnerung in mir erwachte ... Vielleicht haben Sie heute dort am Kai
gleichfalls nur deshalb geweint, weil eine Erinnerung über Sie kam ...
Verzeihen Sie, ich habe wieder davon gesprochen! Sie waren dort
vielleicht einmal ganz besonders glücklich ...“

„Nun gut,“ sagte das Mädchen plötzlich, „also hören Sie: ich werde
morgen auch hierherkommen, um zehn Uhr. Ich sehe, daß ich es Ihnen doch
nicht verwehren kann ... Aber Sie wissen noch nicht, um was es sich
handelt – ich muß nämlich sowieso unbedingt hierherkommen. Denken Sie
deshalb nicht, daß ich Ihnen ein Stelldichein gebe. Ich muß vielmehr aus
einem ganz besonderen Grunde und in meinem eigenen Interesse
hierherkommen, damit Sie’s wissen. Aber ... nun gut, ich will ganz
aufrichtig sein: es tut nichts, wenn auch Sie kommen. Erstens könnte es
wieder eine Unannehmlichkeit geben, wenn ich allein bin, wie heute, aber
das ist nicht so wichtig ... Nein, kurz, ich würde Sie gern wiedersehen,
um ... um ein paar Worte mit Ihnen zu sprechen. Nur, sehen Sie, Sie
werden mich doch jetzt nicht verurteilen? Denken Sie deshalb nicht, daß
ich so leicht ein Stelldichein gebe ... Ich würde es auch nicht tun,
wenn nicht ... Nein, das mag noch mein Geheimnis bleiben! Aber zuvor
eine Bedingung ...“

„Eine Bedingung?! Sagen Sie, sprechen Sie es aus – ich bin mit allem
einverstanden, bin zu allem bereit!“ rief ich förmlich begeistert. „Ich
stehe für mich ein – ich werde gehorsam, werde ehrerbietig sein ... Sie
kennen mich –“

„Gerade deshalb, weil ich Sie kenne, fordere ich Sie auch für morgen
auf,“ sagte das Mädchen lachend. „Ich kenne Sie bereits ganz genau. Aber
wie gesagt, kommen Sie nur unter einer Bedingung: seien Sie so gut und
erfüllen Sie meine Bitte, ja? Sie sehen, ich rede ganz offen: Also: daß
Sie sich nicht in mich verlieben ... Das darf nicht geschehen, auf
keinen Fall. Zur Freundschaft bin ich herzlich gern bereit, hier, meine
Hand darauf ... Aber verlieben, nein, nur das nicht, ich bitte Sie!“

„Ich schwöre Ihnen,“ rief ich und ergriff ihre Hand.

„Schon gut, schwören Sie nicht, ich weiß ja doch, daß Sie fähig sind,
sich wie Pulver zu entzünden. Verübeln Sie es mir nicht, wenn ich Ihnen
so etwas sage. Aber wenn Sie wüßten ... Ich habe auch keinen Menschen,
mit dem ich ein Wort sprechen oder den ich um Rat fragen könnte.
Natürlich sucht man im allgemeinen seine Ratgeber nicht auf der Straße,
aber Sie sind eine Ausnahme. Ich kenne Sie schon so gut, als wären wir
zwanzig Jahre Freunde. Nicht wahr, Sie sind doch kein Ungetreuer, Sie
werden Ihr Versprechen doch halten? ...“

„Sie werden sehen, Sie werden sehen ... nur freilich, wie ich die
nächsten vierundzwanzig Stunden überleben soll, das weiß ich nicht!“

„Schlafen Sie so fest wie möglich. Und nun, gute Nacht – und vergessen
Sie nicht, daß ich Ihnen schon mein Vertrauen geschenkt habe. Aber es
war so hübsch, was Sie vorhin sagten, und Sie haben recht, man kann
einander doch wirklich nicht über jedes Gefühl Rechenschaft geben, und
wenn es auch nur brüderliches Mitgefühl ist! Wissen Sie, das sagten Sie
so lieb, daß mir sogleich der Gedanke kam, mich Ihnen anzuvertrauen ...“

„Ja, aber worin denn?“

„Morgen sag’ ich’s Ihnen. Bis dahin mag es noch mein Geheimnis bleiben.
Um so besser für Sie: das Ganze wird so wenigstens wirklich wie ein
Roman aussehen. Vielleicht werde ich es Ihnen schon morgen sagen,
vielleicht aber auch morgen noch nicht ... Ich werde mit Ihnen vorher
noch von anderem sprechen: wir müssen uns erst näher kennen lernen ...“

„Oh, was mich betrifft, so erzähle ich Ihnen morgen meinetwegen alles
von mir! Aber was ist das nur? Mir kommt es vor, als geschehe ein Wunder
mit mir ... Wo bin ich, mein Gott?! So sagen Sie doch, sind Sie nun
wirklich nicht ungehalten darüber, daß Sie mich nicht gleich zu Anfang
fortgeschickt haben? Es waren nur zwei Minuten: und Sie haben mich für
immer glücklich gemacht. Ja, glücklich! Wer weiß, vielleicht haben Sie
mich sogar mit mir selbst versöhnt und alle meine Zweifel aufgehoben ...
Vielleicht habe ich Augenblicke ... Ach nein, morgen erzähle ich Ihnen
alles, dann werden Sie alles erfahren, alles ...“

„Gut, abgemacht! Und Sie erzählen zuerst.“

„Einverstanden.“

„Dann also auf Wiedersehen!“

„Auf Wiedersehen!“

Wir trennten uns. Ich lief noch die ganze Nacht umher: ich konnte mich
nicht entschließen, nach Haus zurückzukehren. Ich war so glücklich ...
ich dachte nur an dieses Wiedersehen!


                           Die zweite Nacht.

„Da hätten wir’s also glücklich überlebt!“ sagte sie zum Gruß und
drückte mir lachend beide Hände.

„Ich bin schon seit zwei Stunden hier. Sie wissen nicht, wie ich den Tag
verbracht habe.“

„Ich weiß, ich weiß ... Doch zur Sache! Was meinen Sie wohl, weshalb ich
hergekommen bin? Doch nicht, um solchen Unsinn zu reden, wie gestern!
Nein, hören Sie mich an: wir müssen hinfort klüger sein. Ich habe mir
das reiflich überlegt.“

„Warum denn, warum denn klüger? Ich meinerseits bin ja gern dazu bereit:
nur ist mir sowieso schon in meinem Leben nichts Klügeres geschehen, als
gestern ...“

„Wirklich? Aber hören Sie – erstens bitte ich Sie, meine Hände nicht so
zu drücken; und zweitens teile ich Ihnen mit, daß ich heute lange über
Sie nachgedacht habe.“

„Nun, und? Was war das Ergebnis?“

„Das Ergebnis? Ich kam zu der Einsicht, daß wir von neuem anfangen
müssen, denn zum Schluß sagte ich mir doch, daß ich Sie ja noch gar
nicht kenne und daß ich mich gestern recht wie ein Kind, wie ein ganz
kleines Mädchen benommen habe. Dabei stellte es sich aber heraus, daß an
allem natürlich nur mein gutes Herz schuld war, das heißt, ich habe zum
Schluß vor mir selbst ordentlich groß getan, wie das ja zu guter Letzt
immer geschieht, wenn wir uns über uns selbst Rechenschaft geben. Und
deshalb, um den Fehler wieder gutzumachen, habe ich mir vorgenommen,
zunächst alles über Sie ganz genau in Erfahrung zu bringen. Da ich nun
aber niemand kenne, bei dem ich mich nach Ihnen erkundigen könnte, so
müssen Sie selbst mir alles erzählen, aber auch alles und ganz
ausführlich. Nun also: was für ein Mensch sind Sie? Schnell – so fangen
Sie doch an, erzählen Sie Ihre Geschichte!“

„Geschichte?“ rief ich erschrocken, „meine Geschichte? Aber wer hat
Ihnen denn gesagt, daß ich eine Geschichte habe? Ich habe keine
Geschichte ...“

„Ja – Wie haben Sie denn überhaupt gelebt, wenn Sie keine Geschichte
haben?“ fragte sie lachend.

„Oh, ganz ohne jede Geschichte! Also, ich habe eben gelebt, für mich
allein, wie man bei uns zu sagen pflegt, eben ganz allein, immer allein,
vollkommen allein – wissen Sie, was das heißt, ‚allein‘?“

„Aber wie denn: allein? So, daß Sie niemals jemand gesehen haben?“

„O nein, gesehen – das schon. Aber trotzdem war ich immer allein.“

„Ja wie, ich verstehe Sie nicht. Sprechen Sie denn mit keinem Menschen?“

„Strenggenommen – mit keinem einzigen.“

„Aber was sind Sie denn für ein Mensch, erklären Sie mir das doch. Nein!
Warten Sie, ich errate es schon von selbst: Sie haben ganz sicher auch
eine Großmutter, genau wie ich. Die meinige ist blind, wissen Sie, und
nun läßt sie mich ihr Lebtag nicht von sich fort, so daß ich fast schon
zu sprechen verlernt habe. Als ich ihr nämlich vor zwei Jahren einen
kleinen Streich spielte und sie einsehen mußte, daß sie kein Mittel
hatte, solchen Streichen vorzubeugen, da rief sie mich zu sich und
steckte mein Kleid mit einer Stecknadel an das ihrige – und so sitzen
wir denn seitdem tagaus tagein nebeneinander. Sie strickt ihren Strumpf,
obschon sie blind ist; ich muß neben ihr sitzen, nähen oder ihr aus
einem Buch vorlesen – ... oh, oft kommt es mir selbst ganz sonderbar
vor, daß ich nun schon zwei Jahre lang in dieser Weise angesteckt bin
...“

„Mein Gott, das muß allerdings furchtbar sein! Aber ich, ich habe keine
solche Großmutter.“

„Dann begreife ich nicht, wie Sie immer zu Hause sitzen können?“

„Hören Sie, Sie wollten ja wissen, wer ich bin?“

„Allerdings!“

„Im Ernst?“

„Natürlich!“

„Gut. Ich bin also: ein – Typ.“

„Was? Ein Typ? Was für ein Typ?“ fragte das Mädchen verwundert und
lachte dann so herzlich, als habe sie ein ganzes Jahr lang nicht
gelacht. „Aber ich sehe schon, es ist riesig lustig, sich mit Ihnen zu
unterhalten! Warten Sie: dort ist eine Bank, setzen wir uns! Hier geht
kein Mensch vorüber, niemand kann uns hören. So, nun fangen Sie an mit
Ihrer Geschichte! Denn, daß Sie keine haben, glaube ich Ihnen nicht. Sie
haben eine, Sie wollen sie nur nicht erzählen. Aber zuerst sagen Sie
mir, was ist ein Typ?“

„Ein Typ? Ein Typ ist ein – Original. Das ist so ein komischer Kauz,“
erklärte ich, und mußte gleichfalls lachen. „Es gibt nun einmal solche –
wie soll ich sagen – Charaktere. Sie wissen doch, was ein Träumer ist?“

„Ein Träumer? Natürlich! Ich bin selbst eine Träumerin! Manchmal, wenn
man so neben Großmutter sitzt – was kommt einem da nicht alles in den
Sinn! Fängt man erst einmal an, zu träumen, so spinnen sich die Träume
bald von selbst weiter und da kommt es denn vor, daß ich in der
Phantasie einfach einen chinesischen Prinzen heirate ... Mitunter ist es
auch ganz gut – zu träumen. Nein, übrigens, weiß Gott! Namentlich wenn
man auch noch sein anderes hat, woran man denken kann ...“ schloß das
Mädchen unvermittelt und diesmal ziemlich ernst.

„Vortrefflich! Wenn Sie einmal einen chinesischen Prinzen geheiratet
haben, dann werden Sie mich vollkommen verstehen! Also hören Sie ...
Doch erlauben Sie: ich weiß noch nicht einmal, wie Sie heißen.“

„Endlich! Es fällt Ihnen wirklich früh ein, danach zu fragen!“

„Mein Gott, ja ... Ich dachte gar nicht daran, ich war auch so schon
glücklich ...“

„Ich heiße – Nasstenka.“

„Nasstenka! Nur Nasstenka?“

„Nur! Ist Ihnen denn das noch zu wenig, Sie Unersättlicher?“

„Zu wenig? Oh, im Gegenteil, es ist viel, sehr viel, Nasstenka, Sie
gutes kleines Mädchen, Sie, die für mich gleich am ersten Abend zur
Nasstenka geworden sind!“

„Das meine ich auch. Nun?“

„Nun ja, also, Nasstenka, dann hören Sie mal zu, was für eine komische
Geschichte das ist.“

Ich setzte mich neben sie, machte eine pedantisch ernste Miene und
begann, als wäre es eine Vorlesung:

„Es gibt, Nasstenka, wenn Sie das noch nicht wissen, es gibt hier in
Petersburg recht merkwürdige Winkel. Es ist, als schiene dorthin niemals
_die_ Sonne, die für alle Petersburger leuchtet, sondern eine andere,
neue, die gleichsam nur für diese Winkel geschaffen ist, und es ist auch
ganz so, als schiene sie auf alles andere in der Welt mit einem ganz
anderen, einem besonderen Licht. In diesen Winkeln, liebe Nasstenka, ist
es, als rege sich ein ganz anderes Leben, eines, das gar nicht dem
gleicht, das uns sonst umgibt, sondern eines, das es nur, wie man meinen
sollte, in einem tausend Meilen fernen Reich geben könnte, nicht aber
hier bei uns in unserer ernsten, überernsten Zeit. Doch gerade dieses
Leben ist nur eine Mischung von etwas rein Phantastischem, glühend
Idealem, und zugleich doch – leider, Nasstenka! – trübe Alltäglichem und
glatt Gewöhnlichem um nicht zu sagen: bis zur Verzweiflung Gemeinem.“

„Pfui! Großer Gott! Das ist mir mal eine Einleitung! Was werde ich da
wohl noch zu hören bekommen?“

„Sie werden zu hören bekommen, Nasstenka – mir scheint, ich werde
niemals müde werden, Sie Nasstenka zu nennen – Sie werden hören, daß in
diesen Winkeln seltsame Menschen leben – Wesen, die man Träumer nennt.
Ein Träumer ist – wenn man es genauer erklären soll – kein Mensch,
sondern, wissen Sie, eher so ein gewisses Geschöpf sächlichen
Geschlechts. Gewöhnlich lebt der Betreffende irgendwo in einem von aller
Welt abgeschlossenen Winkel, als wolle er sich sogar vor dem Tageslicht
verbergen, und wenn er sich einmal in seine Behausung zurückgezogen hat,
dann wächst er mit ihr zusammen, ungefähr wie eine Schnecke mit ihrem
Haus, oder er gleicht wenigstens in der Beziehung jenem merkwürdigen
Tiere, das beides zugleich, nämlich sowohl Tier als auch das Haus des
Tieres ist und das wir Schildkröte zu nennen pflegen. Was meinen Sie
aber, weshalb liebt er so seine vier Wände, die unfehlbar hellgrün
angestrichen, öde, trübselig und in einem nahezu unstatthaften Maße
verräuchert sind? Weshalb ist dieser komische Mensch, wenn ihn jemand
von seinen wenigen Bekannten besucht – übrigens endet es immer damit,
daß auch diese wenigen ihn bald vergessen – weshalb ist er dann immer so
betreten und verwirrt? Weshalb hat er ein Gesicht, als habe er in seinem
einsamen Winkel geradezu ein Verbrechen begangen, als habe er Papiere
gefälscht oder Gedichte fabriziert, um sie an eine Zeitschrift zu
senden, natürlich mit einem Begleitbrief, in dem er mitteilt, daß der
Verfasser gestorben sei und daß er es als Freund für seine heilige
Pflicht halte, des Verstorbenen Werke zu veröffentlichen? Weshalb, sagen
Sie mir das, Nasstenka, weshalb will das Gespräch zwischen den beiden
nie so recht vorwärts kommen und weshalb fällt von den Lippen des
plötzlich hereingeschneiten Freundes, der doch sonst stets zu Scherz und
Lachen und Gesprächen über das schöne Geschlecht oder über andere
angenehme Themata aufgelegt ist, kein einziges Scherzwort? Weshalb fühlt
sich dieser neue Freund bei seinem ersten Besuch – denn ein zweiter
pflegt in diesem Fall nicht zu folgen – weshalb fühlt auch er sich
befangen und weshalb wird er trotz seiner Fähigkeit, geistreich zu sein
– das heißt, vorausgesetzt, daß er sie wirklich besitzt – immer
einsilbiger beim Anblick der verzweifelten Miene des andern, der sich
übermenschlich, doch leider vergeblich anstrengt, das Gespräch zu
beleben und zu zeigen, daß auch er eine Unterhaltung zu führen imstande
sei und über das schöne Geschlecht zu plaudern? um so wenigstens durch
seine Bereitwilligkeit zu allem und jedem die Enttäuschung des Gastes zu
mildern, der nun einmal das Pech hat, dorthin geraten zu sein, wohin er
nicht gehört! Weshalb greift schließlich der Gast nach seinem Hut und
empfiehlt sich schnell mit der Entschuldigung, das ihm plötzlich etwas
überaus Wichtiges eingefallen sei, das nicht den geringsten Aufschub
dulde? und weshalb befreit er seine Hand so schnell aus der heißen des
anderen, der mit tiefster Reue im Herzen noch gutzumachen sucht, was
sich nicht mehr gutmachen läßt? Weshalb lacht dann der fortgehende
Freund, sobald die Tür sich hinter ihm geschlossen hat, und weshalb
schwört er sich, nie wieder diesen Sonderling aufzusuchen, obschon der
im Grunde gar kein so übler Bursche ist? und weshalb kann er seiner
Phantasie nicht das kleine Vergnügen versagen: den Gesichtsausdruck des
Sonderlings während der Zeit seines Besuches wenigstens entfernt mit
demjenigen eines Kätzchens zu vergleichen, das, von unartigen Kindern
unter heimtückischen Lockungen eingefangen, tüchtig gepeinigt worden und
das endlich unter den Stuhl in einen dunkeln Winkel geflüchtet ist, um
sich dort erst einmal das Fell durchzulecken, sein mißhandeltes
Schwänzchen mit beiden Vorderpfoten zu waschen und zu putzen und dann
noch lange feindselig auf die Natur der Dinge und das Leben überhaupt
und ebenso auch auf den Brocken zu blicken, den ihm eine mitleidige
Küchenseele von den Leckerbissen der herrschaftlichen Tafel zuwirft?“

„Hören Sie,“ unterbrach mich Nasstenka, die die ganze Zeit verwundert
mit großen Augen und halboffenem Mündchen zugehört hatte, „hören Sie:
ich begreife ganz und gar nicht, was das alles soll und weshalb Sie
gerade mich so sonderbare Dinge fragen? Alles, was ich verstehe, ist
nur, daß Sie diese Geschichte zweifellos selbst erlebt haben.“

„Ganz zweifellos,“ versetzte ich mit ernster Miene.

„Nun, wenn es wahr ist, dann fahren Sie fort,“ sagte Nasstenka, „denn
jetzt möchte ich sehr gern wissen, wie das endet.“

„Sie wollen wissen, Nasstenka, was er in seinem Winkel denn eigentlich
tat, unser Held, oder richtiger, ich, denn der Held des Ganzen bin doch
ich, ich selbst mit meiner eigenen bescheidenen Person. Sie wollen
wissen, weshalb ich mich durch den unerwarteten Besuch des Bekannten so
aus dem Gleichgewicht gebracht fühlte und wie ein ertappter Sünder
errötete, als die Tür sich auftat und weshalb ich den Gast nicht zu
empfangen verstand und eine so unglückliche Rolle als Hausherr spielte?“

„Nun ja, selbstverständlich will ich das! Aber hören Sie: Sie erzählen
ja sehr schön, doch ließe sich das alles nicht irgendwie weniger „schön“
erzählen? Denn sonst reden Sie ja, als hätten Sie ein Buch vor sich, aus
dem Sie ablesen!“

„Nasstenka!“ versetzte ich mit wichtiger und strenger Stimme, während
ich mir nur mit Mühe das Lachen verbiß, „liebe Nasstenka, ich weiß, daß
ich schön erzähle, aber verzeihen Sie, anders verstehe ich nun einmal
nicht zu erzählen. Jetzt, liebe Nasstenka, jetzt gleiche ich dem Geiste
des Königs Salomo, der tausend Jahre in einer Truhe unter sieben Siegeln
gefangen war und nun von allen sieben Siegeln befreit worden ist. Jetzt,
liebe Nasstenka, wo wir uns nach so langer Trennung wiedergefunden haben
– denn ich kenne Sie ja schon lange, lange, Nasstenka, weil ich nämlich
schon lange jemand suche ... worin zugleich der Beweis dafür liegt, daß
ich gerade Sie gesucht habe und daß es uns vom Schicksal vorbestimmt
gewesen ist, gerade hier zusammenzutreffen – jetzt haben sich tausend
Klappen in meinem Kopf geöffnet und ich muß mein Herz in einen Strom von
Worten ausgießen – oder ich ersticke an ihnen. Deshalb bitte ich Sie,
mich nicht zu unterbrechen, Nasstenka, und geduldig und ergeben
zuzuhören: wenn nicht – dann verstumme ich ...“

„Nein, nein, nein! Das sollen Sie nicht! Erzählen Sie! Ich werde kein
Wort mehr sagen!“

„Ich fahre also fort: es gibt, liebe Freundin Nasstenka, es gibt für
mich an jedem Tage eine Stunde, die ich ungemein liebe. Das ist die
Stunde, in der die Geschäfte, Büros und Kanzleien schließen und die
Menschen alle nach Hause eilen, um zu Mittag zu speisen,[2] sich
hinzulegen und etwas auszuruhen, und in der die Menschen unterwegs Pläne
schmieden für den Abend, die Nacht und die ganze übrige freie Zeit, die
ihnen noch verblieben ist. In dieser Stunde pflegt auch unser Held – Sie
müssen mir schon erlauben, Nasstenka, von mir in der dritten Person zu
erzählen, denn in der ersten würde das alles viel zu unbescheiden
klingen – also, in dieser Stunde pflegt auch unser Held, der gleichfalls
seine regelmäßige Tagesarbeit hat, mit den anderen Menschen eines Weges
zu gehen. Ein seltsames Gefühl des Vergnügens spricht aus seinem
blassen, ein wenig erschlafften Gesicht. Nicht teilnahmlos sieht er auf
die Abendröte, die am kalten Petersburger Himmel langsam erlischt. Nein,
ich lüge, wenn ich sage, daß er sie sieht: er sieht überhaupt nicht,
sondern er schaut, und er schaut gleichsam unbewußt, als wäre er müde
oder als wären seine Gedanken gleichzeitig mit irgendeinem fernen,
anderen, eigenartigen Gegenstande beschäftigt, so daß er schon sehr bald
für seine Umgebung kaum noch einen flüchtigen Blick hat, und auch diesen
nur bei irgendeinem Zufall, der ihn ablenkt. Er ist beinahe zufrieden,
denn er hat bis morgen die lästige Arbeit getan, er ist froh wie ein
Schüler, der von der Schulbank kommt und sich nun wieder seinen
Lieblingsspielen und Streichen widmen kann. Wenn Sie ihn von der Seite
beobachten, Nasstenka, werden Sie sogleich bemerken, daß das frohe
Gefühl auf seine angegriffenen Nerven und auf seine krankhaft überreizte
Phantasie bereits günstig eingewirkt hat. Seine Gedanken hüllen ihn
gleichsam ein. Sie glauben, er denke an sein Mittagessen? An den Abend,
der ihm bevorsteht? Was ist es wohl, was er so scharf ins Auge faßt? Ist
es etwa jener Herr, der so höflich und doch so pittoresk die Dame grüßt,
die in prächtiger Kalesche an ihm vorüberfährt? Nein, Nasstenka, was
gehen ihn alle diese kleinlichen Nebensachen an! Er ist jetzt reich in
seinem eigenen, seinem ureigensten, besonderen Leben: ganz plötzlich ist
er reich geworden und der letzte Strahl der erlöschenden Sonne hat nicht
vergeblich so lebenswarm vor ihm geglüht und in seinem erwärmten Herzen
eine Fülle von Eindrücken wachgerufen. Jetzt bemerkt er kaum mehr den
Weg, auf dem ihm noch kurz vorher jede geringste Kleinigkeit auffallen
konnte. Die Göttin Phantasie hat bereits ihr goldenes Netz um ihn gewebt
und füllt es nun aus mit den bunten Mustern eines unwillkürlichen und
wunderlichen Lebens: und vielleicht – wer kann es wissen? – vielleicht
hat sie ihn von dem massiven Granittrottoir, auf dem er nach Hause geht,
mit launischer Hand bereits in den siebenten weltfernsten Himmel
entführt? Wenn Sie jetzt versuchen wollten, ihn plötzlich anzureden und
ihn zu fragen, wo er sich im Augenblick befinde, durch welche Straßen er
gegangen – dann würde er ganz entschieden weder das eine noch das andere
anzugeben vermögen und wahrscheinlich vor Ärger errötend irgend etwas,
das ihm gerade einfällt, verlegen antworten. Deshalb fährt er auch
plötzlich so zusammen und blickt sich erschrocken um – nur weil eine
alte Frau ihn mitten auf dem Trottoir anhält und ihn nach einer Straße
fragt, die sie nicht zu finden weiß. Mit ärgerlich gerunzelter Stirn
schreitet er weiter, ohne es zu bemerken, daß von den Vorübergehenden
mehr als einer bei seinem Anblick lächelt und mancher ihm sogar
nachschaut, und daß ein kleines Mädchen, das ihm ängstlich ausweicht,
plötzlich nach Kinderart laut auflacht, da ihren verwundert
aufgerissenen Augen sein breites traumverlorenes Lächeln und die halben
Gesten seiner Hände so komisch erscheinen. Doch schon hat dieselbe
Phantasie in ihrem spielenden Fluge die alte Dame und die neugierig
Vorübergehenden und das lachende kleine Mädchen und die Bauernkerle, die
auf ihren Booten Abendrast halten, unten auf der Fontanka – nehmen wir
an, daß unser Held sich in dem Augenblick an dem Kanalkai befindet –
schon hat sie alles mutwillig in ihr Netz eingewebt, wie die Spinne die
Fliegen, und mit der neuen Beute betritt der Sonderling seine Behausung,
er setzt sich an den Tisch und ißt und beendet die Mahlzeit und kommt
nicht früher zu sich, als bis Matrjona, seine ewig trübselige wortkarge
Wirtin, nachdem sie alles vom Tisch abgeräumt, ihm seine Pfeife reicht:
da erst, wie gesagt, kommt er zu sich und gewahrt mit Verwunderung, daß
er bereits gegessen hat, ohne daß es ihm zu Bewußtsein gekommen wäre. Es
dunkelt im Zimmer; in seiner Seele ist es leer und traurig. Ein ganzes
Reich von Träumen ist rings um ihn eingestürzt – geräuschlos, lautlos,
spurlos wie eben nur ein Traum vergehen kann, er wüßte nicht einmal mehr
zu sagen, was er gesehen hat. Aber ein dunkles Empfinden, das in seiner
Brust sich zu regen beginnt, erweckt allmählich einen neuen Wunsch,
umschmeichelt verführerisch seine Einbildungskraft und ruft unmerklich
wieder eine ganze Schar neuer Phantome heran. Stille herrscht in seinem
kleinen Zimmer: die Einsamkeit und das Nichtstun liebkosen die
Phantasie, sie glüht leise auf, eine leise Bewegung hebt in ihr an, wie
ein leises Wallen, ähnlich dem Wasser in der Kaffeemaschine der alten
Matrjona, die nebenan in der Küche ruhig wirtschaftet und sich ihren
Köchinnenkaffee braut: wie lange noch und es beginnt zu brodeln ... Da
fällt auch schon das Buch, das mein Träumer zwecklos und unbesehen aus
der Reihe herausgegriffen hat, aus seiner Hand, noch bevor er bis zur
dritten Seite gelesen. Die Einbildungskraft ist wieder erwacht: und
plötzlich ist eine neue Welt, ein neues bezauberndes Leben um ihn herum
entstanden. Ein neuer Traum – neues Glück! neues, verfeinertes, süßes
Gift! Oh, was liegt ihm an unserem wirklichen Leben! Nach seiner
allerdings sehr einseitigen Auffassung leben wir anderen, Nasstenka, ein
Leben, das langsam ist, träge und schlaff. In seinen Augen sind wir alle
so unzufrieden mit unserem Schicksal und quälen uns so sehr mit unserem
Dasein! Und es ist ja auch wahr, sehen Sie nur, wie auf den ersten Blick
alles zwischen uns aussieht, wie kalt, düster, unfreundlich, als wäre
alles böse, feindselig ... Die Armen! denkt mein Träumer. Und es ist
kein Wunder, daß er so denkt! Sie sehen nicht diese Zauberbilder, die so
berückend, so verschwenderisch, so uferlos breit aus dem Nichts vor ihm
erstehen, Bilder, auf deren Vordergrunde die erste Person, versteht
sich, er selbst ist, er, unser Träumer mit seinem teuren Ich. Sie sehen
nicht, was für Abenteuer, was für eine unabsehbare Reihe von
Geschehnissen er erlebt! Sie fragen: Wovon er denn träumt? Wozu das
Fragen? – doch einfach von allem, von allem ... vom Schicksal eines
Dichters, der anfangs nicht anerkannt wird, dann aber überall
Begeisterung erweckt; von seiner Freundschaft mit E. Th. A. Hoffmann,
der Bartholomäusnacht, Diana Vernon, einer heroischen Rolle bei der
Einnahme der Stadt Kasan durch den Zaren Iwan Wassiljewitsch, von einer
Bühnengröße, einer Sängerin, von Johannes Huß vor dem Konzil, von der
Auferstehung der Toten in „Robert der Teufel“ – kennen Sie die Musik?
sie duftet nach dem Friedhof – von Minna und Anderem, von der Schlacht
an der Beresina, vom Vortrag eines Gedichts bei der Gräfin W. D., von
Danton, Kleopatra ei suoi amanti, einem Häuschen in Kolomna, vom eigenen
Winkel in Petersburg, in dem neben ihm ein liebes Geschöpf sitzt, das
mit offenem Mündchen und großen Augen an einem Winterabend ihm zuhört –
genau so, wie Sie mir jetzt zuhören, mein junges Täubchen ... Nein,
Nasstenka, was ist ihm, dem leidenschaftlichen Nichtstuer, was ist ihm
jenes irdische Leben, das wir, Nasstenka, so gern einmal leben möchten?
Er hält es für ein armes, ein armseliges Leben, das Mitleid verdient,
und ahnt nicht, daß auch für ihn vielleicht einmal die Stunde schlagen
wird, wo er für einen Tag dieses wirklichen Lebens gerne alle seine
phantastischen Jahre hingeben würde, und nicht für einen frohen Tag,
nicht für einen Tag des Glücks hingeben, nein, er wird nicht einmal
wählen dürfen in dieser Stunde der Trauer und Reue und des unabwendbaren
Wehs. Doch vorläufig ist diese furchtbare Zeit noch nicht angebrochen –
er wünscht nichts, weil er über allen Wünschen steht, weil er ja alles
hat, weil er schon übersättigt und selbst der Künstler seines Lebens
ist, das er sich zu jeder Zeit nach eigenem Wunsch gestalten kann. Und
so leicht, so natürlich ersteht diese phantastische Märchenwelt! als
wären das alles gar nicht bloße Hirngespinste! Wirklich, man ist oft zu
glauben versucht, daß dieses ganze Leben nicht eine Schöpfung des
Gefühls, nicht eine wesenlose Luftspiegelung und trügerische Einbildung,
sondern wahrhaftig Wirklichkeit, etwas wirklich Seiendes, ein greifbar
Vorhandenes sei! Weshalb, sagen Sie mir das, Nasstenka, weshalb hält man
in solchen Augenblicken des unwirklichen Erlebens oft den Atem an?
Weshalb – woher kommt es, daß, wie durch eine unerforschliche
Zaubermacht, der Puls schneller schlägt, daß Tränen den Augen
entströmen, daß die bleichen Wangen des Träumers zu glühen anfangen und
sein ganzes Sein von überwältigender Lust erfüllt wird? Weshalb vergehen
ganze Nächte, die er in unerschöpflicher Freude und beseligendem Glück
schlaflos verbringt, wie ein einziger kurzer Augenblick? Und wenn die
Morgenröte rosig durch die Fensterscheiben schimmert und die erste
Dämmerung mit ihrem ungewissen phantastischen Licht in das trübselige
Zimmer schleicht, und unser Träumer sich ermüdet und erschöpft auf das
Bett wirft, und einschlummert – weshalb hat er dann ein Gefühl, als
vergehe er vor Entzücken mit seinem ganzen krankhaft erschütterten
Geiste, und das mit einem so peinvoll süßen Schmerz im Herzen? Ja,
Nasstenka, so täuscht man sich und glaubt als Fremder unwillkürlich, daß
eine wirkliche, eine körperliche Leidenschaft unsere Seele errege!
Unwillkürlich glaubt man, daß in unseren körperlosen Träumen etwas
Lebendiges, Greifbares sei! Und was ist das doch für ein Betrug! Da ist
zum Beispiel die Liebe mit ihrer ganzen unerschöpfbaren Freude und ihrer
nimmermüden Pein in des Träumers Brust erwacht ... Ein Blick auf ihn
genügt, um einen jeden von der Echtheit des Gefühls zu überzeugen.
Werden Sie es da glauben, liebe Nasstenka, wenn Sie ihn so sehen, daß er
diejenige, die er in seinen verzückten Träumen so rasend liebt, in
Wirklichkeit niemals gekannt hat? Aber hat er sie denn nun auch
_wirklich_ nur, _nur_ in berückenden Phantasiebildern gesehen? Und hat
er diese Leidenschaft wirklich _nur_ – geträumt? Sind sie denn wirklich
nicht durch Jahre ihres Lebens Hand in Hand gegangen – zu zweien, ohne
sich um die Welt zu kümmern, das eigene Leben mit dem des anderen
vereint? War sie denn wirklich nicht zu später Stunde, als er Abschied
von ihr nahm, weinend an seine Brust gesunken, ohne auf den Sturm zu
achten, der unter dem rauhen Himmel tobte, ohne den Wind zu spüren, der
die Tränen an ihren schwarzen Wimpern trocknete? War das denn wirklich
alles nur ein Traum im Wachen gewesen – auch der verwilderte einsame
Garten mit den grasbedeckten moosigen Wegen, auf denen sie so oft zu
zweien wandelten und Hoffnungen aufbauten und sich sehnten und einander
liebten, einander so liebten, ‚so bang und süß‘, wie es im alten Liede
heißt? Und dieses alte, verwitterte Herrenhaus, in dem sie so lange
einsam und traurig leben mußte, mit dem alten finsteren Mann, der, ewig
schweigsam und verdrossen, die Liebenden wie ein Schreckgespenst
ängstete, sie, die ohnehin schon wie scheue Kinder ihre Liebe
voreinander verbargen? Wie quälten sie sich, wie fürchteten sie sich,
wie schuldlos und rein war ihre Liebe und wie – das versteht sich von
selbst, Nasstenka – wie böse waren die Menschen! Und, mein Gott, hat er
sie denn später wirklich nicht, fern von der Heimat, unter einem fremden
südlichen Himmel, in einem Palazzo – unbedingt in einem Palazzo – in
einer wundervollen ewigen Stadt bei rauschender Musik im Ballsaal
wiedergesehen? Sind sie dann nicht auf den Balkon hinausgetreten, den
Myrten und Rosen umrankten, und hat sie dort nicht ihre Maske abgenommen
und ihm zugeflüstert: ‚Ich bin frei!‘ – und hat er sie da nicht in seine
Arme geschlossen, wie toll vor Entzücken, und haben sie sich nicht
wirklich aneinander geschmiegt und im Augenblick alles Leid vergessen
und die Trennung und alle Qualen und das düstere Haus und den alten
Grafen, den verwilderten Garten in der fernen Heimat und die Bank, auf
der sie ihm den letzten leidenschaftlichen Kuß gegeben, um sich dann aus
seinen Armen zu reißen ... Oh, Sie werden doch zugeben, Nasstenka, daß
es da nur natürlich ist, wenn man zusammenfährt und wie ein ertappter
Schüler verwirrt errötet, als hätte man soeben einen aus dem
Nachbargarten gestohlenen Apfel in die Tasche gesteckt, wenn plötzlich
die Zimmertür aufgestoßen wird und irgendein langer, gesunder Bursche,
so ein guter, immer fröhlicher Junge, über die Schwelle tritt und mit
lachendem Gruß ausruft, als wäre nichts geschehen: ‚Freund, ich komme
soeben aus Pawlowsk!‘ Mein Gott! Der alte Graf war gestorben und sie war
frei! Unfaßbares Glück brach für uns an. Das sagte und brachte man uns
aus Pawlowsk!“

Ich hielt inne, da meine leidenschaftliche Rede zu Ende war. Ich weiß
noch, daß ich schreckliche Lust hatte, laut, schallend aufzulachen,
gleichsam irgend etwas aus mir herauszulachen, denn ich fühlte, daß in
der Tat so ein feindliches Teufelchen sich bereits in mir zu regen
begann und mir schon im Halse saß, und daß es mir im Kinn und in den
Augenlidern zuckte ...

Natürlich erwartete ich nichts anderes, als daß Nasstenka, die mich mit
ihren klugen Augen groß ansah, nun in unbändig lustiges Kinderlachen
ausbrechen würde, und ich bereute schon, daß ich so weit gegangen war
und etwas erzählt hatte, das ich lange mit mir herumgetragen und deshalb
wie aus einem Buch ablesend erzählen konnte. Ich hatte mich seit Jahr
und Tag darauf vorbereitet, einmal vor mich selbst wie vor einen Richter
zu treten und über mich ein Urteil zu fällen: und da hatte ich mich nun
wirklich einmal nicht zu bezwingen vermocht und dieses Urteil
gesprochen, jedoch, offen gestanden, ohne zu erwarten, daß ich
Verständnis finden würde. Aber zu meiner Verwunderung schwieg sie eine
Weile, dann drückte sie mir leise die Hand und fragte mit einer seltsam
zartfühlenden Teilnahme:

„Haben Sie wirklich Ihr ganzes Leben so verbracht?“

„Mein ganzes Leben, Nasstenka,“ antwortete ich, „solange ich auf der
Welt bin, und ich glaube, so werde ich es auch beenden.“

„Nein, das geht nicht, das darf nicht geschehen,“ protestierte sie,
sichtlich beunruhigt, „und das geschieht auch nicht! Dann wäre es ja
ebensogut möglich, daß auch ich mein ganzes Leben bei meiner Großmutter
verbringen muß! Hören Sie, wissen Sie auch, daß es gar nicht gut ist, so
zu leben?“

„Ich weiß es, Nasstenka, gewiß weiß ich es!“ rief ich, ohne meine
Gefühle noch länger zu unterdrücken.

„Und jetzt weiß ich auch besser als je zuvor, daß ich alle meine besten
Jahre verloren habe! Ich weiß es, und diese Erkenntnis schmerzt mich
mehr als je, denn Gott selbst hat Sie, mein guter Engel, mir geschickt,
um mir das zu sagen und zu beweisen. Jetzt, wo ich neben Ihnen sitze und
mit Ihnen rede, mutet es mich schon wunderbar an, an meine Zukunft zu
denken, denn in dem Leben, das noch vor, mir liegt – sehe ich wieder
Einsamkeit, wieder nur dieses muffige, modernde, nutzlose Leben. Und was
werde ich dann noch träumen können, das schöner ist als das Leben,
nachdem ich doch in der Wirklichkeit hier neben Ihnen so glücklich
gewesen bin! Oh, seien Sie dafür gesegnet, Sie liebes Mädchen, daß Sie
mich nicht gleich nach dem ersten Wort zurückgestoßen haben und ich
jetzt doch schon sagen kann, daß ich wenigstens zwei Abende in meinem
Leben gelebt habe!“

„Ach nein, nein!“ rief Nasstenka und Tränen glänzten in ihren Augen.
„Nein, so soll es nicht kommen! Wir werden nicht so auseinandergehen!
Was sind zwei Abende!“

„Ach, Nasstenka, Nasstenka! Wissen Sie denn überhaupt, daß Sie mich für
lange Zeit mit mir selbst versöhnt haben? Wissen Sie, daß ich jetzt
nicht mehr so Schlechtes denken werde, wie in manchen früheren Stunden?
Wissen Sie, daß ich mich vielleicht nicht mehr darüber grämen werde,
Verbrechen und Sünde in meinem Leben begangen zu haben, denn ein solches
Leben ist Verbrechen und Sünde! Und denken Sie nicht, daß ich irgendwie
übertrieben habe, um Gottes willen glauben Sie das nicht, Nasstenka! Es
kommen Augenblicke, in denen ich solch eine Seelenangst empfinde, solch
einen Gram ... In diesen Augenblicken will es mir scheinen – und ich
fange schon an, daran zu glauben –, daß ich niemals mehr fähig sein
werde, ein wirkliches Leben zu beginnen, denn ich habe schon oft die
Empfindung gehabt, als hätte ich jedes Gefühl verloren, und jede
Aufnahmefähigkeit der Sinne in allem, was Wirklichkeit, was wirkliches
Leben ist! weil ich mich schließlich selbst verflucht habe! weil meinen
phantastischen Nächten schon Augenblicke der Ernüchterung folgen, die so
furchtbar sind! Und währenddessen hört man, wie rings um einen die
Menschenmassen lärmend im Lebensstrudel sich drehen, man hört und sieht,
wie Menschen leben – wirklich leben, in der Wirklichkeit und im Wachen
leben, und man sieht, daß ihr Leben nicht nach ihrer Willkür entsteht,
daß ihr Leben nicht wie ein Traum verflattert, daß ihr Leben sich ewig
erneut und ewig jung ist und keine Stunde der anderen gleicht, während
die schreckhafte Phantasie, diese unsere Einbildungskraft, so trostlos
und verzagt und bis zur Gemeinheit einförmig ist, eine Sklavin des
Schattens, der bloßen Idee, eine Sklavin der ersten besten Wolke, die
plötzlich die Sonne verdeckt und in wehem Leid das Herz zusammenpreßt,
das echte Petersburger Herz, dem seine Sonne so teuer ist! Und erst im
Leiden, was für eine Einbildung! Man fühlt, daß sie endlich doch müde
wird und sich in der ewigen Anspannung erschöpft, diese scheinbar
_unerschöpfliche_ Phantasie, denn man wird reifer und männlicher und
wächst über seine früheren Ideale hinaus: sie stürzen ein und es bleibt
nur Staub und Schutt von ihnen übrig. Und wenn es dann kein anderes
Leben gibt, muß man aus demselben Schutt die Bruchstücke zusammenlesen
und aus ihnen sich das neue Leben aufbauen. Und dabei verlangt und sehnt
sich die Seele doch nach etwas ganz anderem! Und vergeblich wühlt der
Träumer wie in einem Aschenhaufen in seinen alten Träumen und sucht in
der Asche nach einem, wenn auch noch so kleinen Fünkchen, um es
anzublasen und um mit dem von neuem angefachten Feuer das kaltgewordene
Herz zu erwärmen und alles in ihm wieder zu erwecken, was ihm einst so
lieb war, was die Seele rührte und das Blut in Wallung brachte, was den
Augen Tränen entströmen ließ und eine so herrliche Täuschung war! Wissen
Sie auch, Nasstenka, wie weit ich damit schon gekommen bin? Wissen Sie,
daß ich bereits das Jubiläum meiner Empfindungen zu feiern gezwungen
bin, Gedenktage dessen, was früher so schön war und dabei in
Wirklichkeit doch nie gewesen ist – denn diese Jahres- und Gedenktage
gelten alle denselben wesenlosen törichten Träumereien – und daß ich das
tun muß, weil selbst diesen törichten Träumen nicht mehr neue folgen,
die sie verdrängen würden: denn auch Träume müssen verdrängt werden! Von
selbst hören sie nicht auf und so überleben sie sich nur. Wissen Sie,
ich suche jetzt mit Vorliebe zu bestimmten Stunden jene Stellen auf, an
denen ich einmal glücklich gewesen bin, in meiner Art glücklich, und
dort versuche ich dann, das Gegenwärtige in der Phantasie nach dem
unwiederbringlich Vergangenen zu gestalten oder das Vergangene mir zu
vergegenwärtigen: und so irre ich oft wie ein Schatten ziellos und
zwecklos in den Petersburger Winkelgassen umher. Und was für
Erinnerungen das dann sind! Da erinnere ich mich zum Beispiel, daß ich
hier genau vor einem Jahr gerade in derselben Stunde auf demselben
Trottoir gegangen bin, ebenso einsam und mutlos traurig umherirrend, wie
jetzt! Und man erinnert sich, daß auch die Gedanken damals ebenso
traurig waren, und wenn es früher auch nicht besser war, so ist es einem
doch, als sei es irgendwie besser gewesen, als habe man ruhiger gelebt,
und man meint, daß es nicht dieses dunkle Grübeln gegeben habe, daß
einen jetzt verfolgt ... daß ich nicht diese Gewissensbisse gekannt, die
so peinvoll und unermüdlich quälen und mir weder am Tage noch in der
Nacht Ruhe und Frieden gönnen! Und man fragt sich: wo sind denn deine
Träume geblieben? Und schüttelt den Kopf und murmelt: wie schnell die
Jahre vergehen! Und wieder fragt man sich: was hast du mit deinen Jahren
angefangen? Wo hast du deine beste Zeit begraben? Hast du überhaupt
gelebt? oder nicht? Sieh, sagt man zu sich selbst, sieh, wie kalt es in
der Welt wird. Es werden noch einige Jahre vergehen und dann kommt die
grämliche Einsamkeit, kommt mit der Krücke das zitterige Alter und
bringt dir Kummer und Leid. Verbleichen wird deine phantastische Welt,
verwelken und sterben werden deine Träume und wie das gelbe Laub von den
Bäumen, so werden sie von dir abfallen ... O Nasstenka! Wie wird es dann
so öde sein, allein zu bleiben, ganz allein, und nicht einmal etwas zu
haben, worum man trauern könnte – nichts, gar nichts ... Denn alles, was
man verloren hat, alles das war doch nichts, war eine Null, eine reine
Null, war ja nichts als ein Träumen!“

„Nun aber hören Sie auf, rühren Sie mich nicht noch mehr!“ rief
Nasstenka und wischte das dumme Tränchen fort, das ihr über die Wange
rollte. „Jetzt hat das ein Ende! Wir werden nun nicht mehr allein sein,
denn was mit mir auch geschehen sollte, wir werden doch immer Freunde
bleiben. Hören Sie. Ich bin ein einfaches Mädchen, ich habe wenig
gelernt, obschon die Großmutter mir von einem Lehrer Unterricht erteilen
ließ, aber glauben Sie mir, ich verstehe Sie sehr gut, denn alles, was
Sie mir da erzählt haben, habe ich selbst erlebt, wenn ich neben
Großmutter angesteckt saß. Natürlich hätte ich das nicht so gut zu
erzählen verstanden, wie Sie, ich habe das nicht gelernt,“ fügte sie
etwas kleinlaut hinzu, da meine pathetische Rede ihr offenbar einen
gewissen Respekt eingeflößt hatte, „aber ich bin sehr froh, daß Sie mir
alles mitgeteilt haben. Jetzt kenne ich Sie, kenne Sie durch und durch.
Und wissen Sie was? Ich will Ihnen nun auch meine Geschichte erzählen,
alles, bis aufs Letzte, Sie aber müssen mir dann einen Rat geben. Sie
sind ein sehr kluger Mann, ich weiß es, aber werden Sie mir nun
versprechen, daß Sie mir nachher auch wirklich Ihren Rat geben?“

„Ach, Nasstenka,“ antwortete ich, „ich bin zwar noch nie ein Ratgeber
gewesen, und nun gar ein kluger, wie Sie es von mir verlangen, aber ich
sehe jetzt, daß es, wenn wir immer so leben würden, sogar sehr klug wäre
und daß der eine dem anderen unzählige kluge Ratschläge erteilen könnte.
Nun also, meine reizende Nasstenka, was für einen Rat brauchen Sie?
Sagen Sie es mir ohne Umschweife. Ich bin jetzt so heiter, so glücklich,
so mutvoll, daß ich wahrscheinlich nicht auf den Mund gefallen sein
werde, wie man zu sagen pflegt.“

„Nein, nein!“ fiel mir Nasstenka schnell ins Wort. „Ich brauche keinen
klugen Rat, sondern einen von Herzen kommenden, einen aufrichtig
brüderlichen, einen, der so ist, wissen Sie, als hätten Sie mich schon
ein Leben lang lieb!“

„Gut, Nasstenka, abgemacht!“ rief ich. „Aber wenn ich Sie auch schon
ganze zwanzig Jahre geliebt hätte, ich könnte Sie deshalb doch nicht
inniger lieben, als ich es jetzt tue!“

„Geben Sie mir Ihre Hand!“ sagte Nasstenka.

„Hier haben Sie sie!“

„Also schön, dann lassen Sie uns jetzt meine Geschichte beginnen.“


                         Nasstenkas Geschichte.

„Die eine Hälfte meiner Geschichte kennen Sie bereits, das heißt, Sie
wissen, daß ich eine alte Großmutter habe ...“

„Wenn die zweite Hälfte nicht länger ist als diese ...“ wandte ich
lachend ein.

„Schweigen Sie und hören Sie mir zu. Ganz zuerst eine Abmachung: Sie
dürfen mich nicht unterbrechen, sonst machen Sie mich schließlich noch
verwirrt. Also, hören Sie jetzt artig zu.

„Ich habe eine alte Großmutter. Zu der kam ich schon als ganz kleines
Mädchen, denn meine Eltern starben früh. Ich nehme an, daß Großmutter
einmal reicher war, denn sie spricht immer von den früheren besseren
Tagen. Sie selbst hat mich denn auch Französisch gelehrt. Später nahm
sie einen Lehrer. Als ich fünfzehn Jahre alt war – jetzt bin ich
siebzehn – hörte der Unterricht auf. Damals war es also, daß ich ihr
meinen Streich spielte. Was ich nun eigentlich verbrach, das werde ich
Ihnen nicht sagen; genug, daß es durchaus kein schlimmer Streich war.
Immerhin hatte er zur Folge, daß Großmutter mich eines Morgens zu sich
rief und sagte, sie könne mich, da sie blind sei, nicht beaufsichtigen,
und damit nahm sie dann eine Stecknadel und steckte mein Kleid an das
ihrige und erklärte mir, daß wir so unser Leben verbringen würden, wenn
ich mich nicht besserte. In der ersten Zeit war mir jede Möglichkeit
genommen, mich freizumachem: was ich auch tat, arbeiten und lesen und
lernen – alles mußte ich an Großmutters Seite tun. Einmal versuchte ich
es mit einer List und beredete Fjokla, sich auf meinen Platz zu setzen.
Fjokla ist unsere Magd, und die ist taub. Sie setzte sich also auf
meinen Platz, als Großmutter in ihrem Stuhl eingeschlummert war, und ich
lief schnell in die Nachbarschaft zu einer Freundin. Das ging aber
schlecht aus. Großmutter wachte auf, bevor ich zurück war, und fragte
irgend etwas, natürlich im Glauben, daß ich neben ihr säße, denn sie ist
ja blind. Fjokla aber, die Großmutter wohl sprechen sah, konnte sie
nicht verstehen, da sie doch nichts hört; also denkt und denkt sie, was
sie wohl tun soll, steckt dann schnell die Stecknadel ab und kommt mir
nachgelaufen ...“

Nasstenka begann zu lachen. Natürlich lachte ich auch. Doch wurde sie
gleich wieder ernst.

„Hören Sie, nein, lachen Sie nicht über Großmutter. Ich lache nur
deshalb, weil es so komisch war ... Was soll man denn machen, wenn
Großmutter wirklich so ist. Trotz allem habe ich sie doch lieb. Nun ja,
mich erwartete aber doch eine schöne Strafpredigt: ich mußte mich sofort
wieder hinsetzen und wurde von neuem angesteckt und dann: o Gott – nicht
rühren durfte ich mich!

„Nun also – ja, da habe ich noch zu sagen vergessen, daß wir, oder
vielmehr, daß Großmutter ein kleines Haus besitzt. Es ist ein
Holzhäuschen mit nur drei Fenstern in der Front, ein ganz kleines und
ebenso alt wie Großmama. Oben aber ist noch ein Zimmer; und in dieses
Zimmer zog ein neuer Mieter ein ...“

„Dann hatten Sie also auch früher schon einen Mieter?“ fragte ich
beiläufig.

„Nun, natürlich doch,“ versetzte Nasstenka, „und zwar verstand der
besser zu schweigen, als Sie. Allerdings konnte er kaum noch die Zunge
bewegen. Es war das nämlich ein altes Männlein, harthörig, hager, stumm,
blind, lahm, so daß er selbst es schließlich nicht länger aushielt in
der Welt und starb. Da ward das Zimmer frei und wir mußten uns nach
einem neuen Mieter umsehen, denn die Miete für das Zimmer und
Großmutters Pension sind fast unser ganzes Einkommen. Der neue Mieter
war aber ein junger Mensch und kein Petersburger. Da er von der Miete
nichts abzuhandeln versuchte, nahm ihn Großmutter, als er aber gegangen
war, fragte sie mich: ‚Nasstenka, ist der Mieter jung oder alt?‘ Lügen
wollte ich nicht und so sagte ich: ‚Ganz jung ist er gerade nicht,
Großmama, aber er ist auch kein alter Mann.‘

„‚Und wie sieht er aus? Hat er ein angenehmes Äußere?‘ fragte sie
weiter.

„Ich wollte wieder nicht lügen. ‚Ja, Großmutter,‘ sagte ich, ‚er hat ein
angenehmes Äußere.‘ Großmutter aber seufzte: ‚Ach, du meine Güte! Das
wird dann wohl eine von Gott gesandte Prüfung sein! Ich sage dir das
deshalb, mein Enkelkind, damit du ihn dir nicht zu oft ansiehst. Das ist
mir jetzt mal eine Zeit! Solch ein armer Zimmermieter und dabei ein
angenehmes Äußere! Das war in der alten Zeit ganz anders!‘

„Großmutter spricht nämlich immer von der alten Zeit. Jünger war sie in
der alten Zeit und die Sonne schien wärmer in der alten Zeit und die
Sahne wurde nicht so schnell sauer in der alten Zeit – alles war in der
alten Zeit besser! Da saß ich denn und schwieg, dachte aber bei mir:
weshalb bringt denn Großmutter mich selbst darauf, indem sie fragt, ob
er gut aussieht und jung ist? Aber das war nur so ein flüchtiger
Gedanke, ich begann wieder die Maschen zu zählen und strickte weiter,
und darüber vergaß ich dann alles.

„Eines Morgens aber – tritt plötzlich der Mieter bei uns ein: er wolle
sich erkundigen, wo die neue Tapete bliebe, die man ihm für das Zimmer
versprochen habe. Ein Wort gab das andere. Großmutter ist doch
geschwätzig, und da sagt sie denn zu mir: ‚Geh, Nasstenka, in mein
Schlafzimmer und hole das Rechenbrett.‘ Ich sprang sogleich auf, das
Blut schoß mir ins Gesicht, ich weiß nicht, weshalb – dabei aber vergaß
ich ganz, daß ich angesteckt war; statt nun die Nadel heimlich
abzustecken, damit der Mieter sie nicht sähe, riß ich so, daß
Großmutters ganzer Sessel in die Höhe ruckte. Als ich aber sah, daß der
Mieter jetzt alles begriff, wurde ich noch viel röter und blieb wie
gelähmt stehen: und plötzlich brach ich in Tränen aus – so schämte ich
mich und so bitter war es, daß ich in die Erde hätte versinken mögen!
Großmutter aber ruft mir zu: ‚Was stehst du denn, geh doch!‘ Ich aber
weinte nur noch mehr ... Da erriet der Mieter, daß ich mich vor ihm
schämte, und verabschiedete sich und ging schnell fort!

„Seit jenem Vormittag stand mir, sobald ich nur ein Geräusch im Flur
hörte, gleich das Herz still. ‚Vielleicht ist es der Mieter, der zu uns
kommt,‘ dachte ich und steckte schnell auf alle Fälle die Nadel ab,
heimlich, damit Großmutter es nicht merkte. Nur war es niemals er, – er
kam nicht. So vergingen zwei Wochen. Da ließ er uns eines Tages durch
Fjokla sagen, daß er viele Bücher habe; und gute Bücher, und ob da nicht
Großmutter sich von mir vorlesen lassen wolle, um eine kleine
Zerstreuung zu haben? Großmutter nahm das Anerbieten mit Dank an, nur
fragte sie mich immer wieder, ob es auch wirklich anständige Bücher
wären, ‚denn wenn sie unmoralisch sind,‘ sagte sie, ‚dann darfst du sie
unter keinen Umständen lesen, Nasstenka, du würdest nur Schlechtes aus
ihnen lernen.‘

„‚Was würde ich denn lernen, Großmama?‘ fragte ich, ‚was steht denn in
schlechten Büchern geschrieben?‘

„‚Ja, mein Kind, da wird erzählt, wie junge Männer sittsame Mädchen
verführen, wie sie sie unter dem Vorwand, sie heiraten zu wollen, aus
dem Elternhause entführen und dann ihrem Schicksal überlassen, und wie
die unglücklichen Mädchen zuletzt elend umkommen und zugrunde gehen.
Ich,‘ sagte Großmutter, ‚ich habe viele solcher Bücher gelesen und
alles,‘ sagte sie, ‚ist so herrlich geschildert, daß man die ganze Nacht
heimlich in ihnen liest. Und deshalb, Nasstenka,‘ sagte sie, ‚sieh zu,
daß du solche Bücher nicht liest. Was für Bücher sind es denn, die er
uns geschickt hat?‘

„‚Es sind Romane von Walter Scott, Großmutter,‘ sagte ich.

„‚Ah, Romane von Walter Scott! Aber sieh vorsichtshalber nach, ob nicht
irgendwelche Spitzbübereien darin stecken. Vielleicht hat er einen
Liebesbrief oder ein Zettelchen hineingelegt.‘

„‚Nein,‘ sagte ich, ‚es ist kein Zettelchen drin, Großmutter.‘

„‚Sieh mal ordentlich nach, auch unter dem Umschlagrücken; zuweilen
stecken sie es dorthin, die Spitzbuben!‘

„‚Nein, Großmutter,‘ sagte ich, ‚auch unter dem Umschlagrücken ist
nichts.‘

„‚Nun, Vorsicht kann nie schaden!‘ war ihre Antwort.

„Und so fingen wir denn an, Walter Scott zu lesen, und in etwa einem
Monat waren wir fast schon mit der Hälfte der Bücher fertig. Dann
schickte er uns wieder neue Bücher, auch Puschkin war darunter, so daß
ich ohne Bücher bald gar nicht mehr sein konnte und darüber ganz vergaß,
wie früher darüber zu sinnen, wie ich wohl einen chinesischen Prinzen
heiraten könnte.

„So standen die Dinge, als der Zufall es einmal fügte, daß ich unserem
Mieter auf der Treppe begegnete. Ich mußte für Großmutter etwas holen.
Er blieb stehen, ich errötete – und er errötete gleichfalls; aber da
lachte er auch schon und begrüßte mich und erkundigte sich nach
Großmutters Befinden. Darauf fragte er, ob ich die Bücher schon gelesen
hätte. Ich sagte: ‚Ja, ich habe sie gelesen.‘ – ‚Was hat Ihnen denn am
besten gefallen?‘ fragte er weiter. Ich sagte: ‚Ivanhoe und Puschkin
haben mir am besten gefallen.‘ Und damit war unser Gespräch für diesmal
beendet.

„Nach einer Woche begegnete ich ihm wieder auf der Treppe. Nur hatte
mich an dem Tage nicht Großmutter geschickt, ich hatte vielmehr selbst
etwas nötig. Es war nach zwei Uhr und um diese Zeit kam unser Mieter
nach Hause, das wußte ich. ‚Guten Tag!‘ sagte er. ‚Guten Tag!‘ erwiderte
ich.

„‚Ist es Ihnen nicht langweilig, den ganzen Tag bei der Großmutter zu
sitzen?‘ fragte er.

„Wie er das fragte, da – ich weiß nicht, weshalb – errötete ich wieder
und ich schämte mich und seine Worte kränkten mich – wohl deshalb, weil
nun schon andere mich nach meiner Lebensweise bei Großmutter zu fragen
begannen. Ich wollte fortgehen, ohne ihm zu antworten, aber ich hatte
keine Kraft zum Gehen.

„‚Sie sind ein gutes Mädchen,‘ sagte er darauf. ‚Entschuldigen Sie,
bitte, daß ich so zu Ihnen spreche, aber, ich versichere Ihnen, ich
wünsche Ihnen vielleicht mehr Gutes, als Ihre Großmutter es zu tun
scheint. Haben Sie keine Freundinnen, die Sie besuchen könnten?‘

„Ich sagte, ich hätte jetzt keine, denn Maschenka, meine einzige
Freundin, wäre nach Pskow gereist.

„‚Wollen Sie nicht einmal mit mir ins Theater fahren?‘ fragte er mich
darauf.

„‚Ins Theater?‘ fragte ich, ‚aber was soll denn Großmutter –?‘

„‚Nun,‘ meinte er, ‚Sie brauchen es ihr ja nicht zu sagen, – kommen Sie
heimlich ...‘

„‚Nein,‘ sagte ich, ‚ich will Großmutter nicht betrügen. Guten Tag!‘

„Er grüßte nur, sagte aber nichts. Am Nachmittag, wir hatten gerade erst
gespeist, kam er plötzlich zu uns. Er setzte sich, unterhielt sich mit
Großmutter, erkundigte sich, ob sie nicht zuweilen auch ausfahre, ob sie
Bekannte habe – plötzlich aber sagte er: ‚Ich habe für heute eine Loge
genommen, im Opernhaus; der Barbier von Sevilla wird gegeben, aber meine
Bekannten, mit denen ich die Vorstellung besuchen wollte, sind plötzlich
verhindert, und da sitze ich nun mit meinem Billett.‘

„‚Der Barbier von Sevilla!‘ rief Großmutter, ‚ist das etwa derselbe
Barbier, den man in der alten Zeit gab?‘

„‚Ja,‘ sagte er, ‚es ist derselbe Barbier,‘ und dabei sah er mich an.
Ich aber hatte schon alles begriffen und errötete und mein Herz hüpfte
in Erwartung!

„‚Aber den kenne ich ja!‘ rief Großmutter, ‚wie sollte ich den nicht
kennen! Ich habe doch in meiner Jugend auf der Hausbühne die Rosine
gespielt!‘

„‚Würden Sie dann nicht heute abend die Oper einmal wieder hören
wollen?‘ fragte er. ‚So fände auch mein Billett noch eine Verwendung,
sonst hätte ich es unnütz gekauft.‘

„‚Nun, meinetwegen, fahren wir,‘ sagte Großmutter, ‚weshalb sollten wir
nicht?! Meine Nasstenka ist ja auch noch niemals im Theater gewesen.‘

„Mein Gott, war das eine Freude! Wir kleideten uns an und dann fuhren
wir. Großmutter ist zwar blind, aber sie wollte doch wenigstens die
Musik hören: und dann, wissen Sie, sie ist eine gute alte Frau: sie
wollte hauptsächlich mir das Vergnügen gönnen, denn ohne seine
Aufforderung wären wir wohl niemals in die Oper gekommen. Wie der
Eindruck war, den der Barbier von Sevilla auf mich machte – nun, das
brauche ich Ihnen wohl nicht zu sagen, das können Sie sich schon ohnehin
denken. Den ganzen Abend sah er mich mit so guten Augen an und sprach so
freundlich zu mir: und ich erriet gleich, daß er mich auf der Treppe nur
hatte prüfen wollen, als er mich aufforderte, allein mit ihm ins Theater
zu fahren. Da freute ich mich denn, daß ich ihm so geantwortet hatte!
Und als ich zu Bett ging, war ich so stolz, so froh und mein Herz schlug
so stark, daß ich sogar ein wenig fieberte, und die ganze Nacht träumte
mir vom Barbier von Sevilla.

„Ich dachte natürlich, unser Mieter werde jetzt öfter zu uns kommen –
aber da täuschte ich mich. Er kam fast gar nicht mehr. Nur so, etwa
einmal im Monat sprach er vor, und auch das nur, um uns aufzufordern,
mit ihm ins Theater zu fahren. Zweimal fuhren wir auch noch – nur wollte
mir diese Art gar nicht gefallen. Ich sah ein, daß ich ihm einfach nur
leid tat, weil ich bei Großmutter tagaus tagein angesteckt sitzen mußte:
weiter war es nichts. Und je länger sich das so fortsetzte, um so mehr
kam es über mich: ich saß und versuchte zu lesen und zu arbeiten, aber
ich konnte weder sitzen, noch lesen, noch arbeiten. Zuweilen lachte ich
und stellte irgend etwas an, worüber Großmutter sich ärgern mußte. Dann
wieder war ich den Tränen nahe oder weinte auch wohl wirklich. Zu guter
Letzt wurde ich fast krank. Die Opernsaison war zu Ende und unser Mieter
hörte nun ganz auf, zu uns zu kommen. Wenn wir einander aber begegneten
– immer auf der Treppe, natürlich – da grüßte er nur so ernst und
schweigend und ging an mir vorüber, als wolle er überhaupt nicht mit mir
sprechen. Und wenn er schon längst oben war, stand ich immer noch auf
der Treppe, rot wie eine Kirsche, denn das Blut stieg mir sofort ins
Gesicht, sobald ich ihn nur erblickte.

„Meine Geschichte ist gleich zu Ende. Gerade vor einem Jahr, im Mai, kam
unser Mieter nach langer Zeit wieder einmal zu uns und sagte der
Großmutter, daß er seine Geschäfte hier erledigt habe und wieder auf ein
Jahr nach Moskau fahren müsse. Wie ich das hörte, erbleichte ich und
sank auf einen Stuhl – ich glaubte, vergehen zu müssen. Großmutter
merkte nichts davon, er aber verabschiedete sich kurz und ging.

„Was sollte ich tun? Ich dachte und dachte und marterte mein Gehirn und
grämte mich, bis ich endlich doch einen Entschluß faßte. Morgen fährt
er, dachte ich, und so beschloß ich, noch an demselben Abend, sobald
Großmutter eingeschlafen wäre, meinen Vorsatz auszuführen. So geschah es
auch. Ich band, was ich an Kleidern und Wäsche nötig hatte, in ein
Bündel, und mit dem Bündel in der Hand, mehr tot als lebendig, ging ich
nach oben zu unserem Mieter. Ich glaube, ich brauchte eine volle Stunde,
um die Treppe hinaufzusteigen. Als ich aber die Tür zu seinem Zimmer
öffnete, da sprang er auf und sah mich an, als hielte er mich für ein
Gespenst. Doch das dauerte nur einen Augenblick. Dann griff er nach dem
Wasserglase und stand auch schon neben mir und gab mir zu trinken, denn
ich hielt mich kaum auf den Füßen. Mein Herz schlug so, daß es mir im
Kopf weh tat und meine Sinne sich verwirrten. Als ich aber wieder zu mir
kam, tat ich nichts weiter, als daß ich mein Bündel auf sein Bett legte,
mich daneben setzte, das Gesicht mit den Händen bedeckte und in eine
Flut von Tränen ausbrach. Ich glaube, da begriff er im Augenblick alles,
denn er stand vor mir und war bleich und sah mich so traurig an, daß es
mir das Herz zerriß.

„‚Hören Sie,‘ begann er, ‚hören Sie, Nasstenka, ich kann nicht! Ich bin
ganz arm, ich habe vorläufig noch nichts, nicht einmal eine Stellung:
wie sollten wir denn leben, wenn ich Sie heiratete?‘

„Wir sprachen lange. Schließlich war ich ganz fassungslos und sagte, ich
könne nicht länger bei Großmutter bleiben, ich würde von ihr fortlaufen
und ich wolle nicht, daß man mich mit einer Stecknadel anstecke: sobald
er nur einwillige, wollte ich mit ihm nach Moskau gehen, da ich ohne ihn
nicht mehr leben könne. Scham und Liebe und Stolz – alles brach da
zugleich aus mir hervor: und fast wie in einem Weinkrampf sank ich aufs
Bett. Ich fürchtete mich so vor einer Zurückweisung!

„Er schwieg eine Weile, dann stand er auf, trat zu mir und ergriff meine
Hand.

„‚Hören Sie, meine gute, meine liebe Nasstenka!‘ begann er, und seine
Stimme bebte vor Tränen, ‚hören Sie mich an. Ich schwöre Ihnen, wenn ich
jemals in der Lage sein werde, zu heiraten, so sollen Sie mein Glück
ausmachen. Ich versichere Ihnen, nur Sie allein könnten es. Doch hören
Sie weiter: ich fahre jetzt nach Moskau und werde dort ein Jahr bleiben.
Ich hoffe, mir in dieser Zeit ein Auskommen zu schaffen. Wenn ich dann,
nach einem Jahr, zurückkehre und Sie mich noch liebhaben, so werden wir
glücklich sein, das schwöre ich Ihnen. Jetzt jedoch ist es unmöglich,
ich besitze nichts und ich habe kein Recht, auch nur irgend etwas zu
versprechen. Sollte ich aber in einem Jahr noch nicht so weit sein, so
werden wir noch etwas länger warten müssen, einmal aber werden wir unser
Ziel erreichen – natürlich nur dann, wenn Sie nicht einem andern den
Vorzug geben, denn binden will ich Sie mit keinem Wort, das kann ich
nicht und darf ich nicht.‘

„So sprach er damals zu mir und am nächsten Tage fuhr er fort. Vorher
aber sprachen wir uns noch aus und beschlossen, der Großmutter nichts zu
sagen. Er wollte es so. Nun, und ... meine Geschichte ist fast zu Ende.
Es ist jetzt genau ein Jahr vergangen. Er ist zurückgekehrt, er ist
schon ganze drei Tage hier und ... und ...“

„Und – was?“ fragte ich gespannt.

„... Und ist bis jetzt noch nicht gekommen!“ schloß Nasstenka, indem sie
sich mit aller Gewalt zusammennahm, „kein Wort von ihm, kein Brief ...“

Sie stockte, schwieg ein wenig, senkte den Kopf und plötzlich brach sie,
die Hände vor das Gesicht schlagend, in Tränen aus und weinte so
verzweifelt, daß es mir das Herz zerriß.

Eine solche Lösung hatte ich nicht erwartet.

„Nasstenka!“ sagte ich mit aller Güte und Teilnahme in der Stimme.
„Nasstenka, um Gottes willen, so weinen Sie doch nicht so! Woher wissen
Sie es denn? Vielleicht ist er noch gar nicht hier ...“

„Doch, doch, er ist hier!“ bestätigte sie eifrig, „ich weiß es. Wir
trafen damals noch eine Verabredung, an jenem Abend vor seiner Abreise –
als wir uns ausgesprochen und uns alles gesagt hatten, was ich Ihnen
soeben erzählt habe, da kamen wir hierher und spazierten hier auf und
ab. Es war zehn Uhr und wir saßen auf dieser Bank. Ich weinte nicht
mehr, es war mir so süß, zu hören, was er zu mir sprach ... Er sagte, er
werde sogleich nach seiner Ankunft zu uns kommen, und wenn ich mich dann
nicht von ihm lossagte, würden wir alles der Großmutter mitteilen. Jetzt
aber ist er zurückgekehrt, ich weiß es, und zu uns ist er nicht
gekommen, _nicht_ gekommen!“

Und wieder brach sie in Tränen aus.

„Mein Gott! Kann man Ihnen denn nicht irgendwie helfen?“ rief ich und
sprang in meiner Ratlosigkeit von der Bank auf. „Sagen Sie, Nasstenka,
könnte ich nicht zu ihm gehen und mit ihm sprechen?“

„Ginge denn das?“ fragte sie, plötzlich aufschauend.

„Nein, eigentlich nicht, natürlich nicht! ... Aber hören Sie: schreiben
Sie ihm einen Brief.“

„Nein, das ist unmöglich, das geht erst recht nicht!“ versetzte sie
schnell, senkte jedoch das Köpfchen und sah mich nicht an.

„Weshalb denn nicht? Weshalb sollte es unmöglich sein?“ fuhr ich fort,
denn mein Plan begann mir zu gefallen. „Die Frage ist nur: was für einen
Brief! Zwischen Brief und Brief ist ein Unterschied und ... Ach,
Nasstenka, vertrauen Sie mir doch! Ich will Ihnen keinen schlechten Rat
geben. Es läßt sich das wirklich machen, glauben Sie mir! Sie haben doch
den ersten Schritt getan – weshalb wollen Sie denn jetzt nicht ...“

„Nein, nein, es geht nicht, es geht wirklich nicht! Damals habe ich mich
schon fast – aufgedrängt ...“

„Ach, Sie Kind!“ unterbrach ich sie, ohne mein Lächeln zu verbergen,
„nein, da irren Sie sich. Und schließlich haben Sie dazu das volle
Recht, da er Ihnen sein Wort gegeben hat. Übrigens scheint er auch, wie
ich aus allem ersehe, ein durch und durch anständiger Mensch zu sein,“
fuhr ich fort und ließ mich von der Logik meiner Folgerungen und
Schlüsse mehr und mehr gefangennehmen. „Wie hat er denn an Ihnen
gehandelt? Er hat sich durch sein Versprechen gebunden. Er hat gesagt,
daß er nur Sie heiraten werde, sobald er erst einmal so weit sein würde;
Ihnen dagegen hat er volle Freiheit gelassen, so daß Sie, wenn Sie
wollen, jeden Augenblick sich von ihm lossagen können ... Folglich
dürfen Sie jetzt ruhig den ersten Schritt tun, denn er hat Ihnen in
allem das Vorrecht überlassen – ganz gleich, ob es sich nun um die
Rückgabe des bindenden Wortes handelt, oder um etwas anderes ...“

„Sagen Sie – wie würden Sie an meiner Stelle schreiben?“

„Was?“

„Nun, diesen Brief an ihn.“

„Ich? – Oh, ganz einfach: ‚Sehr geehrter Herr ...‘“

„Muß man unbedingt so anfangen?“

„Unbedingt. Übrigens, haben Sie etwas dagegen einzuwenden? Ich denke
...“

„Nein, nein, schon gut! Weiter!“

„Also: ‚Sehr geehrter Herr! Entschuldigen Sie, daß ich ...‘ Übrigens
nein, Entschuldigungen sind überflüssig. Hier erklärt ja schon die
Tatsache alles. Also einfach: ‚Ich schreibe Ihnen. Verzeihen Sie meine
Ungeduld, aber ich war ein ganzes Jahr lang so glücklich, da ich immer
in meiner Hoffnung lebte – woher sollte ich jetzt wohl die Geduld
nehmen, auch nur einen Tag der Ungewißheit zu ertragen? Jetzt, wo Sie
schon zurückgekehrt sind und mich doch noch nicht aufgesucht haben, muß
ich annehmen, daß Sie Ihre Absicht inzwischen aufgegeben haben. In dem
Fall soll dieser Brief Ihnen nur sagen, daß ich nicht klage und Ihnen
keinen Vorwurf mache. Wie sollte ich auch, denn es ist doch nicht Ihre
Schuld, wenn ich Ihr Herz nur für eine kurze Zeit zu fesseln vermocht
habe. Dann ist es eben mein Schicksal ... Sie sind ein vornehm denkender
Mensch und Sie werden über meine ungeschickten Zeilen weder lächeln noch
sich ärgern. Aber trotzdem – vergessen Sie nicht, daß ein armes Mädchen
an Sie schreibt, daß sie ganz allein ist und keinen Menschen hat, dem
sie sich anvertrauen und der ihr Rat erteilen könnte, und daß sie auch
nie verstanden hat, ihr Herz zu bezwingen. Doch seien Sie mir nicht
böse, wenn es unrecht von mir gewesen sein sollte, auch nur für einen
Augenblick in meiner Seele Zweifel gehegt zu haben. Ich weiß, daß Sie
nicht einmal in Gedanken diejenige zu kränken vermögen, die Sie so
geliebt hat und noch liebt.‘“

„Ja, ja! So habe ich es mir auch schon gedacht!“ rief Nasstenka und ihre
Augen glänzten vor Freude. „Oh, Sie haben mich von allen meinen
Ungewißheiten erlöst! Gott selbst hat Sie mir gesandt! Ich danke Ihnen,
ich danke Ihnen!“

„Wofür? Dafür, daß Gott mich zu Ihnen gesandt hat?“ fragte ich und
betrachtete entzückt ihr freudestrahlendes Gesichtchen.

„Ja, meinetwegen dafür!“

„Ach, Nasstenka! Wir sind doch wirklich manchen Menschen nur dafür
dankbar, daß sie mit uns leben oder überhaupt nur leben. Ich zum
Beispiel bin Ihnen ganz unendlich dankbar dafür, daß Sie mir begegnet
sind und daß ich nun mein Leben lang an Sie werde denken können.“

„Nun, schon gut, genug! Aber jetzt – Sie wissen ja noch gar nicht alles
– also hören Sie: Damals verabredeten wir, daß er sogleich nach seiner
Rückkehr mir eine Nachricht zukommen lassen solle, und zwar durch meine
Bekannten: gute, einfache Leute, die von all dem nichts wissen; falls er
aber nicht schreiben könne, da sich in einem Brief doch oft nicht alles
sagen läßt, so sollte er gleich am ersten Tage um Punkt zehn Uhr abends
hierher kommen, wo wir uns dann treffen wollten. Daß er in Petersburg
bereits angekommen ist, das weiß ich; aber jetzt ist er bereits seit
drei Tagen hier und bis jetzt habe ich weder einen Brief von ihm
erhalten, noch ist er selbst gekommen. Am Tage ist es mir nicht möglich,
unbemerkt von Großmutter fortzugehen. Deshalb – oh, seien Sie so gut und
geben Sie jenen Leuten, von denen ich sprach, meinen Brief – sie werden
ihn weiterbefördern. Wenn aber eine Antwort von ihm eintrifft, so
bringen Sie sie mir um zehn Uhr abends hierher – ja?“

„Aber der Brief, der Brief! Zuerst muß doch der Brief noch geschrieben
werden! Sonst kann ich das allenfalls erst übermorgen besorgen.“

„Der Brief ...“ Nasstenka sah etwas verwirrt zu Boden, „der Brief ... ja
aber ...“

Sie stockte und sprach nicht zu Ende, wandte das Gesichtchen, das wie
eine Rose erglühte, von mir fort, und plötzlich fühlte ich in meiner
Hand einen Brief – einen geschlossenen und natürlich nicht erst ganz vor
kurzem geschriebenen Brief. Und zugleich – der Schalk rief eine
Erinnerung in mir wach – klang mir plötzlich eine reizende graziöse
Melodie im Ohr und –

„Ro–osi–ina!“ sang ich.

„Oh! ‚Ro–o–osi–i–ina!‘“ sangen wir beide, und ich war nahe daran, sie
vor lauter Wonne in meine Arme zu schließen, während sie noch heftiger
errötete und durch Tränen lachte, die wie Tautropfen silbern an ihren
Wimpern glänzten.

„Nun, genug, genug! Jetzt leben Sie wohl!“ sagte sie schnell. „Den Brief
haben Sie, und auf dem Umschlag steht die Adresse, dort geben Sie ihn
ab. Leben Sie wohl! Auf Wiedersehen: morgen!“

Sie drückte mir fest beide Hände, nickte mir noch einmal zu und huschte
wie ein Schatten in ihre kleine Querstraße. Ich stand noch lange auf
demselben Fleck und sah ihr nach.

„Auf Wiedersehen: morgen! Morgen!“ fuhr es mir durch den Sinn, als sie
meinen Blicken entschwunden war.


                           Die dritte Nacht.

Heute war ein trauriger regnerischer Tag, so grau und trüb und lichtlos
– ganz wie das Alter, das mir bevorstand. Und jetzt bedrücken mich so
seltsame Gedanken, so dunkle Empfindungen, und Probleme, die mir selbst
noch völlig unklar sind, drängen sich in meine Gedanken – und dabei habe
ich doch weder die Kraft noch den Wunsch, sie zu lösen. Nun, das ist
auch eigentlich nicht meine Sache!

Heute haben wir uns nicht gesehen. Als wir gestern Abschied nahmen,
zogen schon dunkle Wolken auf und Nebel erhob sich. Ich sagte noch:
„Morgen werden wir einen trüben Tag haben“. Sie antwortete darauf nichts
– was hätte sie auch antworten sollen? Für sie war dieser Tag hell und
klar und kein Wölkchen würde auf ihr Glück einen Schatten werfen.

„Wenn es regnet, werden wir uns nicht sehen,“ sagte sie endlich, „dann
komme ich nicht.“

Ich dachte, sie werde den Regen heute gar nicht bemerkt haben, aber sie
kam doch nicht.

Gestern sahen wir uns zum drittenmal – es war unsere dritte helle Nacht
...

Indessen – wie doch Freude und Glück einen Menschen schön machen! Wie
atmet im Herzen die Liebe! Es ist, als wolle man sein ganzes Herz in ein
anderes Herz überströmen lassen, man will, daß alles froh sei! daß alles
lache! Und wie ansteckend ist diese Freude! Gestern war in ihren Worten
soviel Zärtlichkeit und in ihrem Herzen soviel Güte zu mir ... Wie
aufmerksam sie war, wie nett, wie freundlich und lieb! wie sie mich
ermunterte und mein Herz erquickte! Oh, wieviel süße Schelmerei vor
lauter Glück! Und ich ... Ich nahm alles für bare Münze und dachte, daß
sie ...

Mein Gott, wie konnte ich nur so etwas denken? Wie konnte ich so blind
sein, wo ich doch wußte, daß alles schon einem anderen gehörte und wo
ich mir doch hätte sagen müssen, daß all ihre Zärtlichkeit und Liebe ...
ja, ihre Liebe zu mir – nichts anderes war, als ein Ausdruck ihrer
Freude über das bevorstehende Wiedersehen mit ihm und ihr Wunsch, an
diesem Glücke auch mich teilnehmen zu lassen, oder es einfach auf mich
zu übertragen? ... Als er aber nicht kam und wir vergeblich warteten, da
ward sie doch traurig und bekümmert und verzagt. Ihre Bewegungen und
ihre Worte waren nicht mehr so leicht und gleichsam beflügelt, nicht
mehr so ausgelassen lustig. Doch sonderbarerweise verdoppelte sie dann
ihre Aufmerksamkeit und Freundlichkeit gegen mich, und es war mir, als
wolle sie alles, was sie für sich wünschte und worum sie bangte, weil es
vielleicht für sie nie in Erfüllung gehen würde, unwillkürlich
wenigstens mir schenken. Und zitternd für ihr eigenes Glück, voll Angst
und Sehnsucht begriff sie endlich, daß auch ich liebte, daß ich _sie_
liebte, und etwas wie Mitleid mit meiner armen Liebe ergriff sie. Denn
wenn wir selbst unglücklich sind, dann können wir das Unglück anderer
besser nachfühlen, und das Gefühl zerstreut sich nicht so, sondern
sammelt sich ...

Ich kam zu ihr mit vollem Herzen, nachdem ich die Stunde des
Wiedersehens kaum hatte erwarten können. Ich ahnte aber noch nicht, was
ich in dieser Stunde empfinden würde, und ebensowenig sah ich voraus,
wie anders alles enden sollte. Sie strahlte vor Freude, denn sie
erwartete die Antwort. Und die Antwort, die sollte er selbst bringen ...
daß er auf ihren Ruf unverzüglich zu ihr eilen würde – davon war sie
fest überzeugt. Sie war schon eine ganze Stunde vor mir zur Stelle.
Anfangs lachte sie über alles, fast über jedes Wort, das ich sprach. Ich
wollte weitersprechen, doch plötzlich – schwieg ich.

„Wissen Sie, weshalb ich so froh bin?“ fragte sie, „– und mich so freue,
Sie zu sehen? – weshalb ich Sie heute so liebe?“

„Nun?“ fragte ich und mein Herz bebte.

„Ich liebe Sie, weil Sie sich nicht in mich verliebt haben. Ein anderer
zum Beispiel hätte doch an Ihrer Stelle angefangen, mich zu beunruhigen
und zu belästigen und hätte geseufzt und den Kranken gespielt, Sie aber
sind so nett und lieb!“

Und sie drückte meine Hand so fest, daß ich fast aufgeschrien hätte. Und
dann lachte sie wieder.

„Mein Gott! was sind Sie doch für ein Freund!“ fuhr sie nach einer Weile
sehr ernst fort. „Ich glaube wirklich, daß Gott selbst Sie mir gesandt
hat. Was würde wohl aus mir werden, wenn Sie jetzt nicht bei mir wären?
Wie uneigennützig Sie sind! und mit wieviel Güte Sie mich lieben! Wenn
ich verheiratet bin, werden wir gute Freunde sein – wie Brüder. Ich
werde Sie fast ebenso lieben, wie ihn ...“

Das tat mir weh und im Augenblick empfand ich schmerzvolle Trauer, doch
zugleich regte sich auch so etwas wie ein Lachen in meiner Seele.

„Sie sind unruhig,“ sagte ich, „die Angst sitzt Ihnen im Herzen, denn
Sie fürchten innerlich doch, daß er nicht kommen wird.“

„Gott mit Ihnen! – wäre ich weniger glücklich, so würden Ihr Unglaube
und Ihre Vorwürfe mich wahrscheinlich zum Weinen bringen. Übrigens haben
Sie mich auf einen Gedanken gebracht, über den ich noch lange grübeln
kann. Doch das werde ich nachher tun; jetzt aber will ich Ihnen
gestehen, daß Sie die Wahrheit erraten haben. Ja! Ich bin irgendwie
nicht – ich selbst. Ich bin in der Tat eigentlich nichts als Erwartung
und fühle und höre und nehme alles nur so von ungefähr ... Doch genug
davon, reden wir nicht mehr von Gefühlen ...“

Da plötzlich hörten wir Schritte und aus der Dunkelheit kam uns ein
Fußgänger entgegen. Wir zuckten beide zusammen, sie hatte fast
aufgeschrien. Ich zog meinen Arm zurück, auf dem ihre Hand lag, und
machte eine Wendung, um unauffällig fortzugehen. Doch wir täuschten uns:
es war ein Fremder, der ruhig vorüberging.

„Was fürchten Sie? Weshalb zogen Sie Ihren Arm zurück?“ fragte sie,
indem sie wieder meinen Arm nahm. „Was ist denn dabei? Wir werden ihm
Arm in Arm entgegengehen. Ich will, daß er sieht, wie wir einander
lieben.“

„Wie wir einander lieben!“ rief ich.

– „Oh, Nasstenka, Nasstenka!“ dachte ich im stillen, „wie viel du mit
diesem Wort gesagt hast! Bei solcher Liebe, Nasstenka, kann das Herz
wohl erfrieren ... und die Seele ist dann tottraurig ... Deine Hand ist
kühl, Nasstenka, meine aber ist heiß wie Feuer. Wie blind du bist,
Nasstenka! ... Oh! wie unerträglich kann doch ein glücklicher Mensch
zuweilen sein! Aber dir böse sein: das könnte ich doch nicht! ...“

Schließlich war mein Herz so voll von alledem, daß ich sprechen mußte,
ob ich wollte oder nicht.

„Hören Sie, Nasstenka!“ rief ich, „wissen Sie, was heute den ganzen Tag
mit mir gewesen ist?“

„Nun, was, was denn? Erzählen Sie schnell! Warum haben Sie denn bis
jetzt geschwiegen!“

„Erstens, Nasstenka, als ich alle Ihre Aufträge erfüllt, den Brief bei
Ihren guten Leuten abgegeben hatte, da ... da ging ich nach Hause und
legte mich schlafen ...“

„Und das war alles?“ unterbrach sie mich lachend.

„Ja, fast alles,“ versetzte ich, mich schnell zusammennehmend, denn die
dummen Tränen wollten mir mit Gewalt in die Augen treten. „Ich erwachte
erst eine Stunde vor dem von uns verabredeten Wiedersehen, aber es war
mir, als hätte ich gar nicht geschlafen. Ich weiß nicht, was mit mir
war. Und als ich herkam, da war es, als käme ich nur, um Ihnen das alles
zu erzählen. Es war, als sei die Zeit für mich stehengeblieben, als
müßte eine Empfindung, ein einziges Gefühl von nun an ewig mich
beherrschen, als müßte ein Augenblick eine ganze Ewigkeit währen und als
sei das ganze Leben in mir stehen geblieben ... Als ich erwachte, da war
es mir, als erinnerte ich mich eines musikalischen Motivs, das ich
einmal vor langer Zeit gehört und inzwischen vergessen haben mochte. Und
es schien mir, als habe es sich schon mein Leben lang aus meiner Seele
hervordrängen wollen, und jetzt erst ...“

„Ach, mein Gott!“ unterbrach mich Nasstenka, „wie kommt denn das? Ich
begreife kein Wort.“

„Ach, Nasstenka! Ich wollte Ihnen diesen seltsamen Eindruck irgendwie
wiedergeben ...“ begann ich mit trauriger Stimme, in der sich aber doch
noch Hoffnung verbarg, wenn auch nur eine ganz entfernte.

„Schon gut, hören Sie auf, schon gut, schon gut!“ sagte sie schnell – in
einem Augenblick hatte sie alles erraten, die Schelmin!

Sie ward sehr gesprächig und lustig und sogar unartig. Sie nahm meinen
Arm, lachte, erzählte, wollte unbedingt, daß auch ich zu lachen anfinge,
und jedes verwirrte Wort von mir rief bei ihr ein helles und übermütiges
Lachen hervor ... Ich fing an, mich zu ärgern, und plötzlich begann sie
zu kokettieren.

„Hören Sie mal,“ hub sie an, „ein wenig ärgert es mich doch, daß Sie
sich gar nicht in mich verliebt haben. Da werde einer jetzt klug aus den
Menschen! Immerhin, mein unbezwingbarer Herr, müssen Sie doch wenigstens
das anerkennen, daß ich so harmlos und offenherzig bin. Ich sage Ihnen
alles, alles, gleichviel was für eine Dummheit mir gerade durch den Kopf
fährt.“

„Da! Hören Sie? Es schlägt elf,“ sagte ich, als fernher der erste
gemessene Schlag der Turmuhr erklang.

Sie blieb stehen, ihr Lachen war verstummt, sie zählte jeden Schlag.

„Ja, elf,“ sagte sie endlich etwas zaghaft und unschlüssig.

Ich bereute sogleich, daß ich sie unterbrochen und die Schläge hatte
zählen lassen. Und ich verwünschte mich ob der Bosheit, die mich
angewandelt. Es tat mir leid um sie, und ich wußte nicht, wie ich mein
Vergehen gutmachen sollte. Ich versuchte, sie zu trösten und Gründe für
sein Fernbleiben zu suchen. Ich führte verschiedene Beispiele an, bewies
und folgerte: und wirklich ließ sich niemand leichter überzeugen, als
sie in diesem Augenblick, wie ja wohl ein jeder unter solchen Umständen
mit Freuden jeden Trost anhören und selbst noch für den Schatten einer
Rechtfertigung dem anderen dankbar sein würde.

„Ja, und überhaupt,“ fuhr ich fort, indem ich mich immer mehr für ihn
einsetzte, und dabei selbst sehr eingenommen von der Klarheit meiner
Beweise war, „er konnte ja heute noch gar nicht kommen. Sie haben Ihre
Erwartung und Unruhe auch auf mich übertragen, Nasstenka, so daß auch
ich die Zeitschätzung ganz vergaß ... Bedenken Sie doch nur: er hat ja
kaum erst den Brief erhalten können! Nehmen wir jetzt an, daß er
verhindert ist, persönlich zu erscheinen, und daß er schreiben wird –
dann können Sie den Brief doch gar nicht früher bekommen, als morgen.
Ich werde in aller Frühe hingehen und Sie dann sogleich benachrichtigen.
Und überdies können wir ja noch tausend andere Wahrscheinlichkeiten
annehmen – sagen wir zum Beispiel: er ist nicht zu Hause gewesen, als
der Brief kam, und er hat ihn vielleicht bis jetzt noch nicht gelesen.
Es ist doch alles möglich.“

„Ja, ja!“ pflichtete mir Nasstenka schnell bei, „ich habe daran gar
nicht gedacht, natürlich ist alles möglich,“ bestätigte sie mit
bereitwillig nachgiebiger Stimme, aus der aber doch, wie eine ärgerliche
kleine Dissonanz, ein anderer ferner Gedanke herauszuhören war.

„Dann bleibt es dabei und wir machen es so: Sie gehen morgen möglichst
früh zu jenen guten Leuten, und wenn Sie dort etwas erhalten, so
benachrichtigen Sie mich unverzüglich. Sie wissen doch, wo ich wohne?“
Und sie nannte mir ihre Adresse.

Dann wurde sie mit einemmale so zärtlich zu mir, und dabei schien sie
doch eine gewisse Schüchternheit anzuwandeln ... Scheinbar hörte sie mir
auch aufmerksam zu ... als ich mich aber mit einer Frage an sie wandte,
da schwieg sie und kehrte verwirrt das Köpfchen von mir fort. Ich beugte
mich ein wenig vor, um ihr ins Gesicht zu sehen – und wahrhaftig: so
war’s: sie weinte.

„Nun, nun! Ist’s möglich? Ach, was für ein Kind Sie sind! Was für ein
kleines unvernünftiges Kind! ... Hören Sie doch auf! ... Worüber weinen
Sie denn?“

Sie versuchte, zu lächeln und sich zu beherrschen, aber ihr Gesicht
zuckte und ihre Brust wogte immer noch.

„Ich habe nur über Sie nachgedacht,“ sagte sie nach längerem Schweigen.
„Sie sind so gut, daß ich von Stein sein müßte, wenn ich das nicht
herausfühlte. Wissen Sie, was mir soeben in den Sinn kam? Ich verglich
Sie beide. Warum ist er – nicht Sie? Warum ist er nicht so wie Sie? Er
ist schlechter, als Sie und doch liebe ich ihn mehr, als ich Sie liebe.“

Ich antwortete nichts. Sie aber wartete, wie es schien, auf eine
Bemerkung von mir.

„Selbstverständlich ist es möglich, daß ich ihn vielleicht nicht ganz
verstehe, und ich kenne ihn ja auch noch gar nicht so gut. Aber wissen
Sie, es ist mir, als hätte ich ihn immer ein wenig gefürchtet. Er war
immer so ernst und so ... wie stolz. Natürlich, ich weiß ja, das war nur
der äußere Schein. In seinem Herzen ist sogar noch mehr Zärtlichkeit,
als in meinem ... Ich weiß noch, wie er mich damals ansah – wissen Sie,
als ich mit meinem Bündel zu ihm kam ... Aber doch ist es so, als
stellte ich ihn irgendwie gar zu hoch, und das ist dann doch wieder so,
als wären wir einander nicht gleich, nicht ebenbürtig?“

„Nein, Nasstenka,“ sagte ich, „das bedeutet nur, daß Sie ihn mehr als
alles andere in der Welt lieben, und sogar viel mehr als sich selbst.“

„Ja, nun gut, mag das so sein,“ entgegnete Nasstenka naiv, „aber wissen
Sie, was mir jetzt wieder in den Sinn gekommen ist? Nur werde ich jetzt
nicht mehr von ihm sprechen, sondern im allgemeinen – ich habe darüber
eigentlich schon lange nachgedacht. Hören Sie also und sagen Sie mir:
warum sind wir nicht alle wie Brüder zueinander? Warum kommt es einem
selbst beim besten Menschen immer vor, als verberge er etwas vor dem
anderen und verschweige es ihm? Warum sagt nicht ein jeder ganz offen,
was er gerade auf dem Herzen hat, wenn man weiß, daß man seine Worte
nicht in den Wind spricht? Jetzt schaut ein jeder drein, als sei er viel
kälter und schroffer, als er es in Wirklichkeit ist, und es ist fast,
als fürchteten die Menschen, sich etwas zu vergeben, wenn sie ihre
Gefühle ohne weiteres voreinander äußerten ...“

„Ach, Nasstenka! Sie haben gewiß recht, aber das geschieht doch aus sehr
verschiedenen Gründen,“ versetzte ich, während ich mich gerade in diesem
Augenblick mehr denn je zusammennahm und meine innersten Gefühle
verbarg.

„Nein, nein!“ widersprach sie mir mit tiefer Überzeugung. „Sie zum
Beispiel sind nicht so wie die anderen! Ich ... verzeihen Sie, ich weiß
nicht, wie ich Ihnen das erklären soll, was ich empfinde, aber es
scheint mir, daß Sie ... zum Beispiel jetzt, gerade jetzt ... ja, es
scheint mir, daß Sie mir ein Opfer bringen,“ sagte sie fast zaghaft und
ihr Blick streifte mich dabei flüchtig. „Verzeihen Sie mir, daß ich so
zu Ihnen spreche. Ich bin ein einfaches Mädchen und habe noch wenig
gesehen im Leben, und wirklich: ich verstehe mich oft gar nicht richtig
auszudrücken,“ fügte sie mit einer Stimme hinzu, die von einem
verborgenen Gefühl zitterte, während sie sich zu einem Lächeln zwang,
„aber ich wollte Ihnen doch sagen, daß ich Ihnen dankbar bin und daß ich
dies selbst weiß und empfinde ... Oh, möge Gott Sie dafür glücklich
machen! Das aber, was Sie mir damals von Ihrem Träumer erzählten, das
ist ja gar nicht wahr! – ich meine: das hat doch nichts mit Ihnen zu
tun! Sie werden gesund werden, und überhaupt – Sie sind doch ein ganz
anderer Mensch, als wie Sie sich selbst geschildert haben. Sollten Sie
aber einmal lieben, dann gebe Gott Ihnen alles Glück! Derjenigen aber,
die Sie lieben, brauche ich nichts mehr zu wünschen, denn mit Ihnen wird
sie ohnehin glücklich sein! Ich weiß es, ich bin selbst ein Weib, und
darum können Sie mir glauben, wenn ich es Ihnen sage ...“

Sie verstummte und wir tauschten einen herzlichen Händedruck. Auch ich
war zu erregt, um noch sprechen zu können. Wir schwiegen beide.

„Ja, heute wird er nicht mehr kommen,“ sagte sie endlich und hob den
Kopf. „Es ist zu spät ...“

„Er wird morgen kommen,“ sagte ich in festem, überzeugtem Tone.

„Ja,“ sagte sie munter, „ich sehe es jetzt selbst ein, daß es heute noch
zu früh war, und daß er erst morgen kommen wird. Nun, dann also auf
Wiedersehen: morgen! Wenn es regnet, werde ich vielleicht nicht kommen.
Aber übermorgen – übermorgen werde ich bestimmt kommen, und Sie – kommen
Sie gleichfalls unbedingt. Ich will Sie sehen, ich werde Ihnen dann
alles erzählen.“

Und als wir uns verabschiedeten, reichte sie mir die Hand und sagte,
indem sie mir mit klarem Blick in die Augen sah:

„Von nun an werden wir doch immer beisammen bleiben, nicht wahr?“

Oh! Nasstenka, Nasstenka! Wenn du wüßtest, wie einsam ich jetzt bin!

Als es aber am anderen Abend neun schlug, da hielt ich es in meinem
Zimmer nicht mehr aus: ich kleidete mich an und ging trotz des
Regenwetters. Ich war dort und saß auf der Bank. Nach einer Weile stand
ich auf und ging in ihre Gasse, dann aber schämte ich mich und zwei
Schritte vor ihrem Hause kehrte ich wieder um, ohne nach ihren Fenstern
hinaufgesehen zu haben. Ich kam in einer Stimmung nach Hause, wie ich
sie bisher noch nie erlebt hatte. Wie feucht, wie öde, wie langweilig!
Wäre das Wetter schön, sagte ich mir, dann würde ich die ganze Nacht
lang dort umhergehen ...

Doch bis morgen, bis morgen! Morgen wird sie mir alles erzählen.

Immerhin mußte ich mir sagen, daß er auf ihren Brief nicht geantwortet
hatte: wenigstens heute nicht. Doch übrigens, so ist es ja auch ganz in
der Ordnung. Was sollte er auch schreiben? – Er wird ja selbst kommen
...


                           Die vierte Nacht.

Mein Gott, daß es so enden würde, so!

Ich kam um neun Uhr. Sie war bereits da. Ich erblickte sie schon von
weitem: sie stand wie damals, als ich sie zum ersten Male sah, damals,
am Kai, und stützte sich auf das Geländer und hörte nicht, wie ich mich
ihr näherte.

„Nasstenka!“ rief ich sie an, kaum fähig, meine Erregung zu bezwingen.

Sie fuhr zusammen und wandte sich schnell nach mir um.

„Nun,“ sagte sie, „nun? Schneller!“

Ich sah sie verständnislos an.

„Geben Sie mir den Brief! Sie haben doch den Brief gebracht?!“ Ihre Hand
griff nach dem Geländer.

„Nein, ich habe keinen Brief,“ sagte ich langsam. „Ist er denn noch
nicht hier gewesen?“

Sie ward unheimlich blaß und sah mich lange starr an. Ich hatte ihre
letzte Hoffnung vernichtet.

„Gott mit ihm!“ sagte sie endlich mit stockender Stimme und zuckenden
Lippen. „Gott mit ihm, wenn er mich so verläßt ...“

Sie schlug die Augen nieder – wollte dann zu mir aufsehen, vermochte es
aber nicht. Eine Weile stand sie noch und meisterte ihre Erregung, dann
wandte sie sich plötzlich fort, stützte die Ellenbogen auf das Geländer
und brach in Tränen aus.

„Beruhigen Sie sich! Beruhigen Sie sich!“ suchte ich sie zu trösten,
doch hatte ich beim Anblick ihres Kummers nicht mehr die Kraft,
fortzufahren – und was sollte ich ihr denn auch sagen?

„Suchen Sie nicht mich zu trösten,“ sagte sie weinend, „reden Sie nicht
von ihm, sagen Sie nicht, daß er noch kommen wird, und es nicht wahr
sei, daß er mich so grausam verlassen habe, so unmenschlich grausam, wie
er es getan! Und warum, warum? Sollte denn wirklich etwas Schlechtes in
meinem Brief gewesen sein, in diesem unseligen Brief? ...“

Erneutes Schluchzen erstickte ihre Stimme. Ich glaubte, mein Herz müsse
brechen vor Mitleid.

„Oh, wie unmenschlich grausam das ist!“ begann sie wieder.

„Und keine Zeile, kein Wort! Wenn er doch wenigstens geantwortet hätte,
geschrieben, daß er mich nicht brauche, daß er mich nicht wolle! Aber so
– nicht eine Zeile, nicht ein Wort in den ganzen drei Tagen! Wie leicht
es ihm fällt, mich zu kränken, ein armes schutzloses Mädchen zu
verletzen, dessen einzige Schuld nur darin besteht, ihn zu lieben! Oh,
was ich in diesen drei Tagen durchgemacht habe! Mein Gott! Mein Gott!
Wenn ich denke, daß ich das erstemal ungerufen, ungebeten zu ihm
gegangen bin, daß ich mich vor ihm erniedrigt habe, geweint, daß ich ihn
um ein wenig, nur ein wenig Liebe gebeten ... Und jetzt das! ... Nein,
wissen Sie,“ – sie wandte sich mir wieder zu und ihre dunklen Augen
sprühten – „es ist ja nicht möglich! Es _kann_ doch nicht so sein! Das
ist doch unmenschlich! Entweder habe ich mich getäuscht – oder Sie!
Vielleicht hat er den Brief gar nicht erhalten? Vielleicht weiß er bis
jetzt noch nichts von ihm? Anders ist es doch nicht möglich, urteilen
Sie doch selbst, sagen Sie mir, um Gottes willen, erklären Sie mir – ich
kann es nicht begreifen – wie kann man einen Menschen so barbarisch roh
behandeln, wie er mich behandelt hat! Kein einziges Wort auf meinen
Brief! Selbst mit dem unwürdigsten Menschen geht man doch mitleidiger
um! Oder – oder sollte ihm jemand etwas über mich erzählt haben?“ wandte
sie sich plötzlich an mich. „Wie? was meinen Sie?“

„Wissen Sie was, Nasstenka: ich werde morgen zu ihm gehen, in Ihrem
Namen.“

„Und?“

„Und ich werde ihn einfach fragen und ihm alles erzählen.“

„Und dann?“

„Und Sie schreiben ihm einen Brief. Sagen Sie nicht nein, Nasstenka,
sagen Sie nicht nein! Ich werde ihn zwingen, Ihre Handlungsweise zu
achten, er soll alles erfahren, und wenn er ...“

„Nein, mein Freund, nein!“ fiel sie mir ins Wort. „Lassen Sie es gut
sein. Von mir wird er weiter kein Wort hören, kein Wort. Ich kenne ihn
nicht mehr, ich liebe ihn nicht mehr, ich werde ihn ... ver ... ges ...
sen ...“

Sie sprach nicht weiter.

„Beruhigen Sie sich, beruhigen Sie sich! Setzen Sie sich hier auf die
Bank, Nasstenka,“ redete ich ihr zu und führte sie ein paar Schritte
weiter, auf die Bank zu ...

„Ich bin ja ruhig. Schon gut. Das ist nun einmal so. Diese Tränen – die
werden schon versiegen! Was glauben Sie denn – daß ich mich umbringen
werde, mich etwa ertränken werde? ...“

Mein Herz war zum Zerspringen voll. Ich wollte sprechen, aber ich konnte
nicht.

„Hören Sie!“ fuhr sie fort und sie ergriff meine Hand. „Sagen Sie: Sie
würden doch nicht so gehandelt haben? Sie würden doch nicht dem Mädchen,
das selbst zu Ihnen gekommen ist, weil es sein schwaches dummes Herz
nicht zu meistern verstand – mit einem Hohnlachen antworten? Sie würden
sie doch sicherlich geschont haben? Sie würden sich doch sagen, daß sie
allein stand? daß sie vom Leben noch nichts wußte und daß sie sich nicht
in acht zu nehmen und vor der Liebe zu Ihnen zu bewahren verstand, und
daß das Ganze nicht ihre Schuld ist ... daß sie nichts getan hat ... O
mein Gott! mein Gott!“

„Nasstenka!“ rief ich, unfähig, meine Erregung noch langer
zurückzuhalten, „Nasstenka, Sie martern mich! Sie zerreißen mein Herz,
Sie töten mich, Nasstenka! Ich kann nicht länger schweigen! Ich muß
endlich sprechen, muß es aussprechen, was hier aus meinem Herzen heraus
muß.“

Während ich das sagte, erhob ich mich von der Bank. Sie nahm meine Hand
und sah mich verwundert an.

„Was ist mit Ihnen?“ fragte sie schließlich.

„Lassen Sie mich alles sagen, Nasstenka!“ bat ich entschlossen.
„Erschrecken Sie nicht, Nasstenka, was ich Ihnen jetzt sagen werde, ist
alles Unsinn, ist unmöglich und dumm! Ich weiß, daß es sich niemals
verwirklichen wird, aber ich kann nicht länger schweigen – bei allem,
was Sie jetzt leiden, beschwöre ich Sie und bitte ich Sie, mir im voraus
zu verzeihen! ...“

„Aber was, was ist es denn?“ Sie hatte schon aufgehört, zu weinen, und
sah mich unverwandt an. In ihren erstaunten Augen lag eine seltsame
Neugier. „Was haben Sie nur?!“

„Es ist ja unmöglich, Nasstenka, ich weiß es, aber ich – ich liebe Sie,
Nasstenka! Das ist es! So, jetzt ist alles gesagt! ... Jetzt wissen Sie,
ob Sie so zu mir sprechen dürfen, wie Sie es soeben taten, und auch, ob
Sie das anhören dürfen, was ich Ihnen noch sagen will ...“

„Ja was ... was denn? ... Was ist denn dabei? Ich weiß es doch schon
lange, daß Sie mich lieben, es schien mir nur immer, daß Sie mich bloß –
so ... einfach irgendwie – liebhätten ... Ach Gott!“

„Anfangs war es auch einfach so, Nasstenka, jetzt aber, jetzt! ... mit
mir ist es ebenso wie mit Ihnen, als Sie damals mit Ihrem Bündelchen zu
ihm gingen. Nein, ich bin noch schlimmer daran, als Sie, Nasstenka, denn
er liebte damals niemand. Sie aber lieben ...“

„Was sagen Sie mir da! Ich ... ich verstehe Sie nicht. Aber, hören Sie,
warum denn das ... oder, nein, wozu denn das alles, und so plötzlich ...
Gott! Was für Dummheiten ich rede! Aber Sie ...“

Nasstenka geriet vollends in Verwirrung, ihre Wangen färbten sich
purpurn und sie sah zu Boden.

„Was soll ich denn tun, Nasstenka, was soll ich denn? Ich bin schuld,
ich habe da irgend etwas mißbraucht ... Oder nein! nein, Nasstenka, ich
habe keine Schuld, Nasstenka. Ich fühle das, ich spüre es, denn mein
Herz sagt mir, daß ich kein Unrecht tue, ich kann Sie doch damit nicht
kränken oder gar beleidigen! Ich war Ihr Freund; nun, und auch jetzt bin
ich Ihr Freund – ich habe nichts verraten und habe keine Treulosigkeit
begangen. Da sehen Sie, da rollen mir die Tränen über die Wangen,
Nasstenka. Mögen sie rollen, mögen sie – sie stören niemanden. Von
selbst werden sie wieder versiegen, Nasstenka ...“

„Aber so setzen Sie sich doch, setzen Sie sich!“ Und sie wollte mich
förmlich zwingen, mich hinzusetzen. „Ach, mein Gott!“

„Nein, Nasstenka, ich will nicht sitzen. Ich kann jetzt nicht mehr lange
bleiben und Sie werden mich auch nicht wiedersehen: ich werde Ihnen
alles sagen – und dann gehe ich. Sie hätten es nie erfahren, daß ich Sie
liebe. Ich hätte mein Geheimnis zu bewahren gewußt und hätte nicht
angefangen, Sie jetzt in dieser Stunde mit mir und meinem Eigennutz zu
quälen. Nein! Aber ich – ich habe es doch nicht ausgehalten! Sie fingen
an, davon zu sprechen, Sie sind schuld, Sie sind an allem schuld, ich
aber bin unschuldig. Sie können mich nicht so von sich stoßen ...“

„Aber nein, nein, ich schicke Sie ja gar nicht fort, nein!“ beteuerte
Nasstenka, und sie gab sich die größte Mühe, ihre Verwirrung zu
verbergen.

„Nicht? wirklich nicht? Und ich wollte schon von Ihnen fortlaufen. Ich
werde auch fortgehen, nur muß ich vorher alles sagen, denn als Sie hier
sprachen, als Sie hier weinten und vor mir standen mit Ihrer Qual, und
das, weil ... nun, weil – ich werde es aussprechen, Nasstenka –, weil
man Sie verschmäht, da fühlte ich, daß in meinem Herzen soviel Liebe für
Sie ist, Nasstenka, soviel Liebe! ... Und es tat mir so bitter weh, daß
ich Ihnen mit dieser Liebe nicht helfen konnte, daß mir das Herz darüber
schier brechen wollte, und ich, ich ... konnte nicht mehr schweigen, ich
mußte sprechen, Nasstenka, ich _mußte_ sprechen! ...“

„Ja, ja! schon gut! Sprechen Sie nur, sprechen Sie ruhig so zu mir!“
sagte Nasstenka plötzlich mit einer unerklärbaren Bewegung. „Es wird Sie
vielleicht in Erstaunen setzen, daß ich Ihnen das sage, aber ...
sprechen Sie nur! Ich werde es Ihnen nachher erklären. Ich werde Ihnen
alles erzählen!“

„Ich tue Ihnen leid, Nasstenka, Sie haben einfach nur Mitleid mit mir,
Kind! Nun! Was verloren ist, ist verloren. Was man gesagt hat, läßt sich
nicht zurücknehmen. Nicht wahr? Nun also, Sie wissen jetzt alles. Dies
wäre unser Ausgangspunkt. Nun gut: so weit wäre alles erledigt, jetzt
hören Sie weiter. Als Sie hier saßen und weinten, da dachte ich bei mir,
– ach, bitte, Nasstenka, lassen Sie mich sagen, was ich dachte! – ich
dachte, daß Sie ... daß Sie da irgendwie ... nun, mit einem Wort: daß
Sie auf irgendeine Weise aufgehört hätten, ihn zu lieben. Dann – das
habe ich auch gestern schon gedacht, Nasstenka, und auch vorgestern
schon – dann würde ich es unbedingt so gemacht haben, daß Sie mich
liebgewonnen hätten. Sie sagten doch, Sie selbst haben es doch gesagt,
daß Sie mich fast schon liebhätten. Nun, und – was nun weiter? Ja, das
ist nun fast alles, was ich sagen wollte. Zu sagen bliebe nur noch, was
dann wäre, wenn Sie mich nun wirklich liebgewönnen: nur das! Also hören
Sie, meine Freundin – denn meine Freundin sind Sie deshalb doch nach wie
vor –: ich bin natürlich nur ein einfacher Mensch, bin arm und gering,
doch handelt es sich ja nicht darum – ich weiß nicht, ich rede immer von
ganz anderen Dingen, aber das kommt nur von der Verwirrung, Nasstenka –,
nur würde ich Sie so lieben, Nasstenka, so lieben, daß Sie, auch wenn
Sie ihn, den ich nicht kenne, immer noch weiter lieben sollten, doch nie
merken würden, daß meine Liebe Ihnen irgendwie lästig wäre. Sie würden
bloß spüren, würden bloß in jeder Minute fühlen, daß neben Ihnen ein
dankbares, oh, so dankbares Herz schlägt, ein heißes Herz, das für Sie
... Ach, Nasstenka, Nasstenka! Was haben Sie aus mir gemacht!!!“

„Aber so weinen Sie doch nicht, ich will nicht, daß Sie weinen!“ sagte
Nasstenka und stand schnell von der Bank auf. „Gehen wir, kommen Sie,
weinen Sie nicht, so weinen Sie doch nicht!“ Und sie wischte mit ihrem
Tüchlein über meine Wangen. „So, gehen wir jetzt. Ich werde Ihnen
vielleicht etwas sagen ... Wenn er mich schon verlassen und vergessen
hat, so ... obschon ich ihn noch liebe – ich kann Ihnen das nicht
verheimlichen und will Sie nicht täuschen – aber hören Sie, und dann
antworten Sie mir. Wenn ich zum Beispiel Sie liebgewönne, das heißt,
wenn ich nur ... Oh, mein Freund, mein guter Freund! wenn ich bedenke,
wie ich Sie gekränkt und wie weh ich Ihnen getan haben muß, als ich Sie
dafür lobte, daß Sie sich nicht in mich verliebt hätten! O Gott! Ja wie
konnte ich nur das nicht voraussehen, wie konnte ich nur so dumm sein,
wie ... aber ... Nun ... nun gut, ich habe mich entschlossen, und ich
werde Ihnen alles sagen ...“

„Hören Sie, Nasstenka, wissen Sie was? Ich werde jetzt fortgehen von
Ihnen, das wird das beste sein. Ich sehe doch, ich quäle Sie nur. Da
machen Sie sich jetzt Gewissensbisse, weil Sie sich über mich lustig
gemacht haben, ich will aber nicht, daß Sie außer Ihrem Leid ... Ich bin
natürlich schuld daran, Nasstenka, also – leben Sie wohl!“

„Nein, bleiben Sie, hören Sie mich zuerst an: können Sie warten?“

„Warten? Worauf warten?“

„Ich liebe ihn; aber das wird vergehen, das muß vergehen, das kann gar
nicht – nicht vergehen; es vergeht schon, ich fühle es schon jetzt ...
Wer weiß, vielleicht wird es noch heute ganz vergehen, denn ich hasse
ihn, weil er sich über mich lustig gemacht hat, während Sie hier mit mir
geweint haben ... und Sie, Sie hätten mich auch nicht so verstoßen, wie
er es getan, denn Sie lieben wirklich, er aber hat mich überhaupt nicht
geliebt, – und dann weil ich Sie ... schließlich selbst liebe ... Ja,
liebe! so liebe, wie Sie mich lieben. Ich habe es Ihnen doch schon
einmal gesagt, Sie haben es schon gehört, – ich liebe Sie, weil Sie
besser sind, als er, weil Sie anständiger sind, als er, weil ... weil er
...“

Ihre Stimme versagte vor Erregung, sie legte ihren Kopf an meine
Schulter, beugte ihn aber immer mehr, bis er an meiner Brust lag: und
dann begann sie bitterlich zu weinen. Ich tröstete, ich streichelte sie,
ich redete ihr zu, aber sie vermochte sich nicht zu beherrschen; sie
drückte meine Hand und stammelte unter Schluchzen: „Warten Sie, warten
Sie noch ein wenig. Es wird gleich vergehen ... ich höre ja schon auf
... Ich will Ihnen nur sagen ... denken Sie nicht, daß diese Tränen ...
das ist nur so – von der Schwäche, warten Sie, bis es vergeht ...“

Endlich versiegten die Tränen, sie richtete sich auf, wischte noch die
letzten Tränenspuren von den Wangen und wir gingen. Ich wollte sprechen,
aber sie bat mich immer wieder, ihr noch ein wenig Zeit zum Nachdenken
zu lassen. So schwiegen wir denn ... Endlich nahm sie sich zusammen und
begann:

„Also hören Sie,“ sagte sie mit schwacher und unsicherer Stimme, aus der
aber plötzlich ein eigenes Gefühl klang und mein Herz so traf, daß es
wie in einem süßen Schmerz erzitterte. „Denken Sie nicht, daß ich
unbeständig und leichtsinnig sei, oder daß ich so schnell und leicht
vergessen könne und untreu werde ... Ich habe ihn ein ganzes Jahr
geliebt und ich schwöre bei Gott, daß ich niemals, niemals auch nur mit
einem Gedanken ihm untreu gewesen bin. Er aber hat das mißachtet: er hat
sich mit mir nur einen Scherz erlaubt – Gott mit ihm! Aber es hat mich
doch verletzt und mein Herz gekränkt. Ich ... ich liebe ihn nicht mehr,
denn ich kann nur das lieben, was gütig ist, großmütig, was mich
versteht und was anständig ist; denn ich selbst bin so, er aber ist
meiner unwürdig, – nun, noch einmal, Gott mit ihm! Es ist besser so, als
wenn ich später erfahren hätte, wie er eigentlich ist ... Also – jetzt
hat das ein Ende! Und wer weiß, mein guter Freund,“ fuhr sie fort, indem
sie mir die Hand drückte, „wer weiß, vielleicht war meine ganze Liebe
nur eine Gefühlstäuschung oder nur Einbildung, vielleicht begann das
alles mit ihm nur aus Unart, weil ich dieses eintönige Leben führte und
ewig an Großmutters Kleid angesteckt war? Vielleicht ist es mir
bestimmt, einen ganz anderen zu lieben, einen, der mehr Mitleid mit mir
hat und ... und ... Nun, lassen wir das, reden wir nicht mehr davon,“
unterbrach sich Nasstenka stockend und atemlos vor Erregung, „ich wollte
Ihnen nur sagen ... ich wollte Ihnen sagen, wenn Sie, obwohl ich ihn
liebe – nein, geliebt habe, – wenn Sie mir trotzdem sagen ... Ich meine,
wenn Sie fühlen und glauben ... Ihre Liebe sei so groß, daß sie die
frühere aus meinem Herzen verdrängen könnte ... wenn Sie soviel Mitleid
mit mir haben und mich jetzt nicht allein meinem Schicksal überlassen
wollen, ohne Trost und Hoffnung, wenn Sie mich vielmehr immer so lieben
wollen, wie Sie mich jetzt lieben, so – schwöre ich Ihnen, daß meine
Dankbarkeit ... daß meine Liebe Ihrer Liebe wert sein wird ... Wollen
Sie daraufhin meine Hand nehmen?“

„Nasstenka!!“ Ich glaube, Jauchzen und Tränen erstickten meine Stimme.
„Nasstenka! ... Oh, Nasstenka! ...“

„Schon gut, schon gut! Nun lassen Sie es genug sein!“ sagte sie schnell,
in augenscheinlicher Hast, und sich nur mit Mühe beherrschend. „Jetzt
ist alles gesagt, nicht wahr? Ja? Nun, und Sie sind jetzt glücklich und
ich bin glücklich, also wollen wir weiter kein Wort mehr davon sprechen!
Warten Sie ... schnell, erbarmen Sie sich – sprechen Sie von irgend
etwas anderem, um Gottes willen! ...“

„Ja, Nasstenka, ja! Genug davon, ich bin jetzt glücklich, ich ... Gut,
Nasstenka, gut, sprechen wir von etwas anderem, schnell, schnell! ja!
Ich bin bereit.“

Und wir wußten beide nicht, wovon wir sprechen sollten, wir lachten und
weinten und sprachen tausend Worte ohne Gedanken und Zusammenhang. Bald
gingen wir auf dem Trottoir auf und ab, bald über die Straße hinüber und
blieben stehen, bald kehrten wir wieder um und gingen zum Kai: wir waren
wie die Kinder ...

„Ich lebe allein, Nasstenka,“ sagte ich einmal, „aber ... Nun, ich bin,
versteht sich, Sie wissen es ja, Nasstenka, ich bin arm, ich bekomme
jährlich nur tausendzweihundert Rubel, aber das macht ja nichts ...“

„Natürlich nicht, und Großmutter hat ihre Pension, so braucht sie von
uns nichts. Wir müssen doch Großmutter zu uns nehmen.“

„Natürlich, die Großmutter müssen wir zu uns nehmen ... Aber meine
Matrjona ...“

„Ach ja, und wir haben ja auch noch Fjokla!“

„Matrjona ist eine gute Seele, nur einen Fehler hat sie: sie hat nämlich
gar kein Vorstellungsvermögen, Nasstenka, gar keines, Nasstenka, sie
begreift nur, was sie aus Erfahrung kennt. Aber auch das schadet nichts
...“

„Natürlich nicht, die können beide zusammen leben. Nur müssen Sie schon
morgen zu uns kommen.“

„Wie das? Zu Ihnen? Gut, ich bin bereit ...“

„Sie mieten einfach bei uns. Wir haben doch oben noch ein Zimmer: das
steht jetzt leer. Wir hatten eine Mieterin, eine alte Frau, eine Adlige,
aber sie ist ausgezogen und abgereist, und Großmama will nun, das weiß
ich, einen jungen Mann zum Mieter haben. Ich fragte sie: ‚Warum denn
gerade einen jungen Mann?‘ Darauf sagte sie: ‚Es ist doch immer besser,
man ist auch sicherer, und ich bin schon alt. Du brauchst deshalb nicht
zu glauben, Nasstenka, daß ich dich mit ihm verheiraten will.‘ Da wußte
ich denn, daß sie es gerade deshalb will ...“

„Ach, Nasstenka! ...“

Und wir lachten beide.

„Nun, genug, hören Sie auf. Aber wo wohnen Sie denn? Ich habe ganz
vergessen, zu fragen.“

„Dort, in der Nähe der ... Brücke, im Hause eines gewissen Barannikoff.“

„Das ist so ein großes Haus, nicht?“

„Ja, ein großes Haus.“

„Ach, das kenne ich, das ist ein schönes Haus. Nur, wissen Sie, ziehen
Sie aus und kommen Sie recht bald zu uns ...“

„Morgen, Nasstenka, gleich morgen! Ich schulde dort wohl noch ein wenig
für die Wohnung, aber das schadet nichts ... Ich bekomme bald mein
Gehalt ...“

„Wissen Sie, ich werde Stunden geben, um auch zu verdienen; ich werde
noch dazulernen, was mir fehlt, und dann kann ich Unterricht geben ...“

„Natürlich, das wird vortrefflich gehen ... und ich werde bald Zulage
erhalten, Nasstenka ...“

„Dann werden Sie also schon morgen unser Mieter sein!“

„Ja, und dann fahren wir in die Oper und hören den Barbier von Sevilla,
denn der wird bald wieder gegeben werden.“

„Ja, fahren wir!“ sagte Nasstenka lachend, „oder nein, lieber nicht zum
Barbier von Sevilla, sondern wenn etwas anderes gegeben wird ...“

„Gut, also zu einer anderen Aufführung. Natürlich, das wird auch viel
besser sein, ich dachte im Augenblick nicht daran ...“

Und wir sprachen und gingen: alles war wie ein Rausch – als hielte uns
ein Nebel umfangen und als wüßten wir selbst nicht, was mit uns geschah.
Bald blieben wir stehen und sprachen lange Zeit stehend auf einem Fleck,
bald gingen wir wieder und gingen Gott weiß wie weit, ohne es zu
bemerken, immer unter Lachen und Weinen ... Bald wollte Nasstenka
plötzlich unbedingt nach Haus und ich wagte nicht, sie zurückzuhalten
und wir machten uns schon auf den Weg; nach einer Viertelstunde aber
bemerkten wir plötzlich, daß wir wieder auf unserer Bank am Kai
angelangt waren. Bald seufzte sie tief auf und ein Tränchen rollte über
ihre Wange – ich sah sie erschrocken und verzagt an ... Da drückte sie
mir schon von neuem die Hand und wir gingen abermals und sprachen weiter
...

„Aber jetzt ist es Zeit, jetzt ist es wirklich Zeit, daß ich nach Hause
gehe! Ich glaube, es ist schon sehr spät,“ sagte Nasstenka endlich
entschlossen, „wir dürfen nicht gar zu kindisch sein!“

„Ja, Nasstenka, aber schlafen werde ich heute doch nicht mehr. Ich gehe
überhaupt nicht nach Hause.“

„Ich werde, glaube ich, auch nicht einschlafen. Aber Sie müssen mich
noch begleiten ...“

„Selbstverständlich!“

„Doch diesmal drehen wir nicht mehr um, hören Sie?“

„Nein, diesmal nicht ...“

„Ehrenwort? ... Denn einmal muß man doch wirklich nach Hause gehen!“

„Also: mein Ehrenwort, diesmal wird es ernst,“ sagte ich lachend ...

„Nun, gehen wir!“

„Gehen wir.“

„Sehen Sie den Himmel, Nasstenka, schauen Sie hinauf! Morgen werden wir
einen wundervollen Tag haben ... Wie blau der Himmel ist, und sehen Sie
nur den Mond! Diese kleine gelbe Wolke wird ihn gleich verdecken ...
sehen Sie, sehen Sie! ... Nein, sie gleitet am Rande vorüber ... Sehen
Sie doch, sehen Sie! ...“

Doch Nasstenka sah weder die Wolke, noch den Himmel – sie stand wie
erstarrt neben mir und dann schmiegte sie sich plötzlich mit einer
seltsamen Verzagtheit an mich, immer fester, als suche sie Schutz, und
ihre Hand erzitterte in meiner Hand. Ich sah sie an ... noch schwerer
stützte sie sich auf mich.

In diesem Augenblick ging ein junger Mann an uns vorüber – er sah uns
scharf an, zögerte, blieb stehen und ging ein paar Schritte weiter. Mein
Herz erbebte ...

„Nasstenka, wer ist das?“ fragte ich leise.

„Das ist _er_!“ flüsterte sie und klammerte sich zitternd an meinen Arm.
Ich hielt mich kaum auf den Füßen.

„Nasstenka! Nasstenka! Bist du es?“ erscholl es da plötzlich hinter uns
und zugleich trat der junge Mann wieder ein paar Schritte näher ...

Mein Gott, was klang aus diesem Ruf! Wie sie zusammenfuhr! Wie sie sich
von mir losriß und ihm entgegeneilte! ... Ich stand und sah zu ihm
hinüber, stand und sah ... Doch kaum hatte sie ihm die Hand gereicht,
kaum hatte er sie in seine Arme geschlossen, da befreite sie sich schon
von ihm und ehe ich mich dessen versah, stand sie wieder vor mir,
umschlang mit beiden Armen fest meinen Hals und drückte mir einen heißen
Kuß auf die Lippen. Dann, ohne mir ein Wort zu sagen, lief sie zu ihm
zurück, erfaßte seine Hände und zog ihn fort.

Lange stand ich und sah ihnen nach ... bald waren sie meinen Blicken
entschwunden.


                              Der Morgen.

Meine Nächte endeten mit einem Morgen. Der Tag war unfreundlich: es
regnete und die Tropfen schlugen in eintöniger Wehmut an meine
Fensterscheiben; im Zimmer war es düster, wie gewöhnlich an Regentagen,
und draußen trübe. Mein Kopf schmerzte, mich schwindelte und das Fieber
einer Erkältung schlich durch meine Glieder.

„Ein Brief, Herr, durch die Stadtpost, der Postbote hat ihn gebracht,“
sagte Matrjona.

„Ein Brief! Von wem?“

„Ja, das kann ich Ihnen nicht sagen, Herr, sehen Sie nach, vielleicht
steht es drin, von wem er ist.“

Ich erbrach das Siegel. Der Brief war von ihr.

   „Oh, verzeihen Sie, verzeihen Sie mir!“ schrieb mir Nasstenka. „Auf
   den Knien bitte ich Sie, mir nicht böse zu sein! Ich habe Sie wie
   mich selbst getäuscht. Es war ein Traum, eine Täuschung ... Der
   Gedanke an Sie macht mich jetzt krank vor Qual. Verzeihen Sie, oh,
   verzeihen Sie mir! ...

   Beschuldigen Sie mich nicht, denn was ich für Sie empfand, empfinde
   ich auch jetzt noch: ich sagte Ihnen, ich würde Sie lieben, und ich
   liebe Sie auch jetzt, ja ich empfinde für Sie jetzt noch viel mehr,
   als Liebe. Gott, wenn ich Sie doch beide zugleich lieben könnte! Oh,
   wenn Sie und er doch ein Mensch wären!

   Gott sieht und weiß, was ich alles für Sie tun würde! Ich weiß, daß
   Sie nun schwer zu tragen haben und daß Sie traurig sind. Ich habe
   Sie gekränkt und habe Ihnen weh getan, aber Sie wissen doch – wenn
   man liebt, gedenkt man der Kränkung nicht lange. Sie aber lieben
   mich!

   Ich danke Ihnen! Ja! Ich danke Ihnen für diese Liebe. Denn in meiner
   Erinnerung wird sie mich durchs ganze Leben begleiten wie ein süßer
   Traum, den man auch nach dem Erwachen nimmer vergessen kann. Nein,
   nie werde ich vergessen, wie Sie mir so brüderlich Ihr Herz
   offenbarten und in Ihrer Güte für Ihr ganzes Herz mein krankes,
   verwundetes annahmen, um es mit Zartheit und Liebe zu pflegen und
   wieder gesund zu machen ... Wenn Sie mir verzeihen, wird die
   Erinnerung an Sie sich verklären durch das Gefühl ewiger
   Dankbarkeit, die in meiner Seele niemals erlöschen kann. Und diese
   Erinnerung werde ich heilig halten und nie vergessen, denn mein Herz
   ist treu. Es ist auch gestern nur zu dem zurückgekehrt, dem es von
   jeher gehörte.

   Wir werden uns wiedersehen, Sie werden zu uns kommen, Sie werden uns
   nicht verlassen, werden ewig unser Freund sein und mein Bruder ...
   Und wenn wir uns wiedersehen, dann geben Sie mir Ihre Hand – ja? Sie
   werden Sie mir entgegenstrecken, wenn Sie mir verziehen haben, nicht
   wahr? Sie lieben mich doch unverändert?

   Ja, lieben Sie mich, verlassen Sie mich nicht, denn jetzt liebe ich
   Sie so tief, weil ich Ihrer Liebe würdig sein will, weil ich sie
   verdienen will ... mein lieber Freund! In der nächsten Woche wird
   unsere Hochzeit sein. Er ist voll Liebe zu mir zurückgekehrt, er hat
   mich niemals vergessen ... Seien Sie nicht böse, daß ich von ihm
   geschrieben habe. Aber ich will mit ihm zu Ihnen kommen, und Sie
   werden ihn auch liebgewinnen, nicht wahr?

   So verzeihen Sie mir denn und vergessen Sie mich nicht und behalten
   Sie lieb Ihre

                                                           Nasstenka.“

Lange las ich diesen Brief, las ihn immer wieder, und Tränen traten mir
in die Augen; schließlich entfiel er meiner Hand und ich vergrub mein
Gesicht in den Händen.

„Nun, Herr, sehen Sie denn gar nichts,“ hörte ich nach einer Weile
Matrjonas Stimme.

„Was, Alte?“

„Nu, ich hab’ doch das Spinngewebe von überall runtergeholt, können
jetzt heiraten, wenn Sie wollen, können Gäste einladen, wenn’s Ihnen
einfällt, mir soll’s recht sein ...“

Ich sah sie an. Sie ist eine rüstige, noch _junge_ Alte, aber ich weiß
nicht, weshalb ich sie plötzlich mit erloschenem Blick, mit tiefen
Runzeln im Gesicht, alt und schwächlich vor mir zu sehen glaubte ... Ich
weiß nicht, weshalb es mir plötzlich schien, daß auch mein Zimmer um
ebensoviel Jahre älter geworden sei wie sie. Die Farbe der Wände sah ich
verblichen, an der Zimmerdecke sah ich noch mehr Spinngewebe, als sich
bisher dort angesammelt hatten. Ich weiß nicht, weshalb es mir, als ich
durch das Fenster hinausblickte, schien, als ob das Haus gegenüber
gleichfalls gealtert sei, trübseliger und baufälliger geworden, die
Stukkatur von den Säulen abgebröckelt, die Karniese rissig und
geschwärzt und die hellbraunen Wände fleckig und schmutzig.

Vielleicht war der Sonnenstrahl daran schuld, der plötzlich durch die
Wolken brach, um sich gleich wieder hinter einer noch dunkleren
Regenwolke zu verstecken, so daß alles noch trüber, düsterer wurde ...
Oder hatten meine Augen in meine Zukunft geschaut und etwas Ödes,
Trauriges in ihr erblickt, etwa mich selbst, wie ich jetzt bin, nur um
fünfzehn Jahre älter, in demselben Zimmer, ebenso einsam, mit derselben
Matrjona, die in all den Jahren doch um nichts klüger geworden ist ...?

Aber die Kränkung nicht verzeihen, Nasstenka, dein helles seliges Glück
mit dunkeln Wolken trüben, dir Vorwürfe machen, damit dein Herz sich
quäle und gräme und kummervoll poche, während es doch nichts soll als
jauchzen vor Seligkeit, oder auch nur ein Blatt der zarten Blüten, die
du zur Trauung mit ihm in deine braunen Locken flichst, mit rauher Hand
berühren ... o nein, Nasstenka, das werde ich nie, nie! Möge dein Leben
Glück sein und so hell und lieb, wie dein süßes Lächeln, und sei
gesegnet für den Augenblick der Seligkeit und des Glücks, den du einem
anderen einsamen, dankbaren Herzen gegeben hast!

Mein Gott! Einen ganzen Augenblick der Seligkeit! Ja, ist dann das nicht
genug für ein ganzes Menschenleben? ...




                             Das junge Weib


                                   I.

Ordynoff mußte sich eine neue Wohnung suchen, so ungern er es auch tat.
Die Frau, bei der er bis dahin als Zimmermieter gelebt, eine arme
bejahrte Beamtenwitwe, hatte sich durch unvorhergesehene Verhältnisse
gezwungen gesehen, Petersburg zu verlassen, um in eine öde Provinz zu
ihren Verwandten zu reisen, und zwar ganz plötzlich, noch vor Ablauf
ihres Mietskontraktes. Der junge Mann, der das Recht hatte, bis zum
Ersten des nächsten Monats in der Wohnung zu bleiben, dachte mit
Bedauern an sein stilles Leben in den gewohnten vier Wänden und empfand
ein ausgesprochenes Unbehagen bei dem Gedanken, dieses ihm lieb
gewordene Zimmer nun verlassen zu müssen. Er war arm, die Wohnung
übrigens für seine Verhältnisse ziemlich teuer: so nahm er denn schon am
Tage nach der Abreise der Witwe kurz entschlossen seine Mütze und ging,
um die Petersburger Straßen zu durchwandern, und dabei Ausschau zu
halten nach Mietszetteln, die an den Haustüren angeschlagen waren,
namentlich nach solchen an älteren und schlechteren Häusern und
Mietskasernen, in denen er am ehesten Aussicht hatte, bei irgendwelchen
armen Leuten ein Zimmer für sich zu finden.

Er suchte schon lange und war mit seinen Gedanken anfangs auch
gewissenhaft bei der Sache, doch nach und nach wurde seine
Aufmerksamkeit von ganz anderen, ihm bis dahin völlig unbekannten
Empfindungen abgelenkt. Er begann um sich zu blicken – zunächst nur
flüchtig, wie aus Zerstreutheit, ohne sich etwas Bestimmtes dabei zu
denken, bald jedoch aufmerksamer und schließlich mit ausgesprochener
Neugier. Die vielen Menschen um ihn her, das ganze bewegte, rastlose,
lärmende Straßenleben, all das Neue, das ihm dort begegnete, die
ungewohnte Umgebung – dieses ganze kleinliche Leben und alltägliche
Hasten nach Erwerb, das dem im tätigen Leben stehenden, stets
beschäftigten Petersburger schon so zuwider ist, daß er bis an sein
Lebensende stets nach Mitteln und Wegen sucht, um sich einmal irgendwo
in ein warmes Nest zurückzuziehen, sich mit sich abzufinden und
zufrieden geben zu können – diese ganze schale Prosa und Langeweile
erweckte jetzt im Gegenteil in Ordynoff eine seltsam still-frohe, helle
Empfindung. Seine bleichen Wangen röteten sich leicht, in seine Augen
trat der Glanz einer neuen Hoffnung, und fast gierig begann er, die
kalte, frische Luft einzuatmen. Es wurde ihm so wundervoll leicht
zumute.

Er hatte von jeher ein stilles, vollkommen einsames Leben geführt. Vor
etwa drei Jahren, nachdem er sein Examen bestanden und in gewissem Sinne
ein freier Mensch geworden war, hatte er eines Tages einen alten kleinen
Herrn aufgesucht, den er bis dahin nur vom Hörensagen gekannt, und hatte
lange gewartet, bis der galonierte Kammerdiener ihm die Ehre antat, ihn
zum zweitenmal bei seinem Herrn zu melden. Dann trat Ordynoff in einen
hohen, dämmerigen, öden Saal, einen jener langweiligen großen Räume, wie
sie sich noch in einzelnen herrschaftlichen Häusern aus früherer Zeit
erhalten haben, und erblickte in ihm einen silberhaarigen, mit Orden
über und über behängten Greis, der seines Vaters ehemaliger Freund und
Kollege im Staatsdienst gewesen war und der für ihn, den Sohn, die
Vormundschaft übernommen hatte. Der Alte händigte ihm ein, was ihm noch
zukam. Die Summe war nicht groß: der Rest einer einst wegen Schulden
unter den Hammer gekommenen und noch von den Ureltern stammenden
Erbschaft. Ordynoff nahm das Päckchen gleichgültig in Empfang,
verabschiedete sich für immer und trat wieder auf die Straße. Es war ein
Herbstabend, kalt und düster; der junge Mann war nachdenklich und eine
seltsame, eigentlich ihm selbst unbewußte Traurigkeit überkam ihn. Seine
Augen brannten; er fühlte, daß ihn fieberte und daß er sich erkältet
hatte. Unterwegs rechnete er nach, daß er mit seinen Mitteln etwa zwei
bis drei Jahre auskommen konnte, und wenn er hungerte, vielleicht sogar
vier. Es dunkelte bereits, ein feiner Regen sprühte nieder und erfüllte
die Luft mit einer Feuchtigkeit, die bis ins Mark drang. Er mietete im
ersten besten Hause ein kleines Zimmer – eben bei jener armen
Beamtenwitwe, die ihn jetzt im Stich gelassen hatte – und in einer
Stunde war er auch schon eingezogen. Dort lebte er dann wie ein
Einsiedler, ganz, als hätte er sich von aller Welt losgesagt. So kam es,
daß er in zwei Jahren vollkommen weltfremd geworden war.

Er wurde es, ohne es selbst zu merken; und vorläufig kam es ihm auch gar
nicht zu Bewußtsein, daß es noch ein anderes Leben gab – ein
rauschendes, lautes, wogendes, ewig wechselndes, ewig rufendes Leben,
eines, das früher oder später doch nicht zu umgehen war. Natürlich wußte
er, daß es ein solches Leben gab – wie hätte er das schließlich nicht
wissen sollen! – aber er kannte es nicht und suchte es niemals auf.
Schon von Kindheit an hatte er einsam gelebt; doch jetzt, nachdem er
herangewachsen, hatte diese Einsamkeit ihre eigene, besondere Gestalt
angenommen. Ihn verzehrte eine Leidenschaft, eine von jenen tiefen,
unersättlichen Leidenschaften, die das ganze Leben eines Menschen
erschöpfen, und die solchen Wesen, wie Ordynoff war, keinen auch noch so
geringen Platz in der Sphäre des anderen Lebens gewähren. Diese seine
Leidenschaft war – die Wissenschaft. Zunächst verzehrte sie seine
Jugend, nahm ihm langsam mit ihrem berauschenden Gift den Schlaf und
seine Seelenruhe, nahm ihm die gesunde Nahrung und die frische Luft, die
niemals Gelegenheit hatte, in seine dumpfe Stube einzudringen: doch
Ordynoff gewahrte alles das gar nicht in seinem Rausche, und wollte es
auch nicht gewahren. Er war jung und vorläufig verlangte er nach nichts
anderem. Die Leidenschaft machte ihn der äußeren Welt gegenüber völlig
zum Kinde und für immer unfähig, gewisse gute Leute zum Platzmachen zu
veranlassen, wenn das einmal erforderlich sein sollte, um für sich
selbst ein Unterkommen zwischen ihnen zu verschaffen. Die Wissenschaft
ist für manch einen ein Kapital, das er fest in Händen hat; die
Leidenschaft Ordynoffs dagegen war wie eine gegen ihn selbst gerichtete
Waffe.

Es lebte in ihm mehr ein unbewußter Trieb, zu lernen, zu ergründen und
Wissen in sich aufzunehmen, als daß es ganz bestimmte Gründe und
Schlußfolgerungen waren, die ihn dazu veranlaßten, – und so war es bei
ihm mit allem, gleichviel womit er sich nun beschäftigte, selbst mit den
kleinsten Dingen. Schon als Kind hielt man ihn für einen Sonderling, da
er seinen Kameraden so durchaus unähnlich war. Seine Eltern hatte er
früh verloren, er erinnerte sich ihrer überhaupt nicht mehr; von den
Kameraden aber mußte er wegen seines seltsamen menschenscheuen Wesens
gar manche kindlichen Angriffe und Roheiten ertragen, was ihn dann erst
recht menschenscheu und verschlossen machte. Doch seinen einsamen
Beschäftigungen lag niemals, auch jetzt nicht, ein Plan oder gar ein
System zugrunde: statt dessen leitete ihn einzig und allein die
Begeisterung für die Idee, der Drang, das Fieber des Künstlers. Er schuf
sich eine eigene Anschauung der Dinge; sie entwickelte und formte sich
in ihm im Laufe von Jahren und in seiner Seele erstand allmählich,
vorläufig noch dunkel und unklar, aber dabei doch schon wundervoll
beseligend, seine neue Idee, die in einer ebenso neuen, gleichsam
erleuchtenden Form Gestalt gewinnen sollte; und indem sie in dieser
Gestalt aus ihm hervordrängte, peinigte, quälte, zerriß sie seine Seele.
Noch fühlte er bloß schüchtern ihre Originalität, ihre Selbständigkeit
und Richtigkeit, die ihm wie eine Offenbarung der Wahrheit erschien: mit
allen seinen Kräften spürte er, daß es ihn zu der Schöpfung hindrängte,
die sich vorerst freilich noch in ihm bildete, denn der Zeitpunkt der
Gestaltung selbst war ja noch weit, vielleicht sehr weit entfernt, und
vielleicht war diese Gestaltung überhaupt ganz unmöglich!

Jetzt ging er also durch die Straßen wie ein weltfremder Einsiedler, der
plötzlich aus seiner stummen Einöde in eine laut lärmende Stadt geraten
ist. Alles erschien ihm neu und seltsam. Er war aber dieser Welt, die
hier rings um ihn wogte und rauschte, so fremd geworden, daß er nicht
einmal daran dachte, sich über seine sonderbaren Empfindungen zu
wundern. Es war vielmehr, als bemerke er seine Weltfremdheit selbst gar
nicht; im Gegenteil, es bemächtigte sich seiner sogar eine ganz
eigenartig berauschende Empfindung der Freude, ähnlich dem Gefühl, wie
es ein Hungriger empfindet, wenn man ihm nach langem Fasten wieder zu
essen und zu trinken gibt – obschon es natürlich seltsam erscheinen muß,
daß eine so geringfügige Änderung in der äußeren Lebenslage, wie ein
Wohnungswechsel, einen Petersburger, und wäre er selbst ein Ordynoff,
noch derart aus dem Geleise bringen konnte. Freilich ist zu
berücksichtigen, daß er all diese Jahre hindurch fast nur in seinem
Zimmer verbracht hatte, und jedenfalls niemals aus einem solchen oder
ähnlichen Grunde wie heute, der unbedingte Aufmerksamkeit für die
Umgebung erheischte, durch die Straßen der Stadt gegangen war.

Er fand aber mehr und mehr Gefallen daran, in dieser Weise durch die
Straßen zu schlendern. Alles sah er an, auf alles horchte er hin.

Doch auch jetzt las er, seiner Art getreu, zwischen den Bildern, die
sein Auge sah, wie in einem Buch zwischen den Zeilen. Alles machte
seinen besonderen Eindruck auf ihn und kein Eindruck entging ihm; mit
denkendem Blick sah er sich die Menschengesichter an, schaute er sich
hinein in die Physiognomie der ganzen Umgebung, horchte er auf das
Gesumm und Gerede und den Volkston, der bisweilen an sein Ohr schlug, –
ganz als hätte er die Schlüsse, zu denen er in der Stille einsamer
Nächte gekommen war, jetzt an allem, worauf er stieß, auf ihre
Richtigkeit hin prüfen wollen. Und manche Kleinigkeit, die andere sonst
wohl übersehen, fiel ihm auf und erweckte in ihm einen neuen Gedanken,
und zum erstenmal im Leben ärgerte er sich darüber, daß er sich so lange
in seiner Zelle lebendig begraben hatte. Hier geschah alles viel
schneller: sein Pulsschlag war voll und belebt, sein Verstand, der
bedrückenden Einsamkeit entrückt, in der seine Tätigkeit fast schon mehr
ein bloßes Reagieren auf den angespannten und begeisterten Willen zur
Arbeit geworden war, arbeitete jetzt ganz von selbst, schnell, und doch
ruhig, sicher und kühn. Und überdies empfand er fast unbewußt das
Verlangen, auch sich selbst hineinzuzwängen in dieses für ihn fremde
Leben, das er bisher nicht gekannt, oder das er doch nur, richtiger
gesagt, mit dem Instinkt des Künstlers geahnt hatte. Unwillkürlich
begann sein Herz schneller zu schlagen, fast wie in einer Art
Liebessehnsucht und glühenden Mitempfindens. Immer forschender sah er
die Menschen an, die an ihm vorübergingen: sie waren ihm aber alle fremd
und alle mit ihren eigenen Sorgen und Gedanken beschäftigt ... Da
schwand allmählich auch Ordynoffs Sorglosigkeit: die Wirklichkeit trat
näher an ihn heran, schon empfand er sie als lastenden Druck, und dann
kam es über ihn wie das seltsam unwillkürliche Grauen einer großen
Ehrfurcht.

Er wurde müde unter der auf ihn eindringenden Flut der neuen Eindrücke,
wie ein Kranker, der freudig zum erstenmal aufgestanden ist, doch bald
erschöpft vom Licht und Glanz, betäubt und schwindlig von den lauten
bunten Bildern des rastlosen Lebens und den wechselnden Eindrücken die
Augen schließt und niedersinkt. Bang und traurig ward ihm zumute. Er
fing an, für sich zu fürchten, für seine ganze Tätigkeit und sogar für
die Zukunft.

Ein neuer Gedanke raubte ihm die Ruhe: es kam ihm plötzlich in den Sinn,
daß er ja doch sein ganzes Leben lang allein gewesen war, daß es keinen
einzigen Menschen gab, der ihn liebhatte, und daß auch er niemals
Gelegenheit gehabt, jemanden zu lieben. Einige der Vorübergehenden, mit
denen er unter irgendeinen Vorwande ein Gespräch anzuknüpfen versuchte,
sahen ihn verwundert und recht sonderbar an. Es schien ihm, daß sie ihn
für einen Verrückten oder zum mindesten für irgendeinen Sonderling
hielten – was er ja übrigens auch war. Er erinnerte sich, daß ihm
eigentlich schon von Kindheit an alle ausgewichen waren und in seiner
Gesellschaft sich unbehaglich gefühlt hatten, hauptsächlich wohl seines
nachdenklichen und eigensinnigen Charakters wegen. Er wußte, daß das
tiefe Mitempfinden, zu dem er wohl fähig war, doch niemals ein Gefühl
der seelischen Gleichheit zwischen ihm und den anderen, oder auch dem
einzelnen, dem sein Mitempfinden galt, aufkommen ließ, weshalb es von
allen, eben von ihrem Gefühl aus, abgelehnt wurde: und das hatte ihn
denn schon als Kind unter seinen Spielgefährten gequält. Jetzt fiel es
ihm wieder ein und er sagte sich, daß ihn ja tatsächlich schon von jeher
und zu jeder Zeit alle Menschen gemieden, und daß man sich niemals um
seine Einsamkeit gekümmert hatte.

In Gedanken versunken war er weitergegangen, ohne auf den Weg zu achten,
bis er schließlich merkte, daß er sich in einem vom Zentrum weit
entfernten Stadtteil befand. In einem billigen und menschenleeren
Speisehaus ließ er sich etwas zu essen geben und machte sich dann wieder
auf den Weg. Von neuem streifte er umher, ging durch viele Straßen, über
Plätze, an grauen und gelben Zäunen entlang. Dann kamen graue
windschiefe Häuschen, dann wieder riesenhafte Gebäude großer Fabriken,
rot, rauchgeschwärzt, unförmig mit ragenden Schloten. Dabei war die
Umgebung rings doch wie ausgestorben, so verlassen, öde, düster und
feindselig – wenigstens machte sie auf Ordynoff diesen Eindruck. Es
wurde Abend. Aus einer langen Gasse kam er auf einen freien Platz, an
dem eine Pfarrkirche lag.

In seiner Zerstreutheit ging er hinein. Der Gottesdienst war beendet und
die Kirche schon ganz leer; nur zwei alte Weiber knieten noch nahe beim
Eingang. Der Kirchendiener, ein altes Männlein mit silbergrauem Haar,
löschte die Lichter. Die Strahlen der Abendsonne ergossen sich von oben
durch ein schmales Fenster der Kuppel in einem Lichtstrom durch das
Innere der Kirche bis zu einem der Nebenaltäre, den sie mit flimmerndem
Glanz umwoben. Die Sonne sank und das Licht wurde immer schwächer, doch
je mehr die tiefe Dämmerung unter den Gewölben dunkelte, um so
leuchtender erglänzten an manchen Stellen die vergoldeten
Heiligenbilder, vor denen die kleinen Flammen der Wachskerzen und
Öllämpchen zuckend brannten. Ordynoff hatte sich in einer Anwandlung
tiefer Schwermut, die wie ein bis dahin unterdrücktes Gefühl plötzlich
aus der Vergessenheit hervorbrach und ihn nun überflutete, in der
dunkelsten Ecke an die Mauer gelehnt und vergaß dort für einen
Augenblick sich und alles um ihn her. Da vernahm er den dumpfen Schall
von Schritten, die sich gemessen vom Eingang her näherten. Er sah auf
und wandte den Kopf, kaum aber hatte er die beiden Eingetretenen
erblickt, da bemächtigte sich seiner eine ganz unerklärliche Neugier. Es
waren ein alter Mann und ein junges Weib. Der Alte war hoch von Wuchs,
noch stramm und rüstig, aber hager und krankhaft bleich. Seinem Äußeren
nach konnte man ihn für einen aus weiter Ferne angereisten Kaufmann
halten. Er trug einen langen, schwarzen, mit Pelz gefütterten Mantel
lose über die Schultern geworfen – offenbar ein Sonntagskleidungsstück –
darunter einen gleichfalls langen, von oben bis unten zugeknöpften
russischen Leibrock, wie er in alten Zeiten mit zur Nationaltracht
gehörte. Um den Hals war nachlässig ein grellrotes Tuch geschlungen. In
der Hand hatte er eine Pelzmütze. Ein langer schmaler, halb schon
ergrauter Bart fiel auf seine Brust und unter den überhängenden
buschigen Brauen glühte ein feuriger, fieberhaft erregter, dabei
hochmütiger und scharfer Blick. Das junge Weib, das etwa zwanzig Jahre
alt sein mochte, war bezaubernd schön. Sie trug einen hellblauen, mit
kostbarem Fell verbrämten kleinen Pelz und um den Kopf ein weißes
Atlastuch, das unter dem Kinn zu einem Knoten geschlungen war. Sie ging
mit gesenktem Blick, und eine sinnende Hoheit, die seltsam ergreifend
aus ihrer ganzen Erscheinung sprach, spiegelte sich in den zarten Linien
ihrer kindlich reinen und frommen Züge wie in trauriger Verklärung
wieder. Es war etwas Sonderbares an diesem unerwarteten Paar.

Unter der mittleren Kuppel blieb der Alte stehen und verneigte sich nach
allen vier Seiten, obschon die Kirche ganz leer war; dasselbe tat auch
seine Begleiterin. Dann nahm er sie bei der Hand und führte sie zum
großen Heiligenbilde der Mutter Gottes, der die Kirche geweiht war, und
dessen mit Edelsteinen besetzte goldene Bekleidung und reiche Einfassung
durch den Flammenschein der vielen Wachskerzen in blendendem Glanz
erstrahlte. Der Kirchendiener, der sich noch hier und da etwas zu
schaffen machte, grüßte den Alten mit Ehrerbietung; dieser erwiderte den
Gruß jedoch nur mit einem kurzen Kopfnicken. Vor dem Heiligenbilde warf
sich das junge Weib auf die Knie nieder und berührte mit der Stirn den
Fußboden. Der Alte nahm das Ende des Schleiers, der am Fußgestell des
Bildes hing, und breitete ihn über ihren Kopf. Dann vernahm man dumpfes
Schluchzen in der Kirche.

Ordynoff war betroffen durch die Feierlichkeit der Szene, die sich vor
seinen Augen abspielte, und erwartete mit Ungeduld die Beendigung ihres
Gebets. Nach einer Weile erhob sie den Kopf und wieder fiel heller
Lichtschein auf ihr entzückendes Gesicht. Ordynoff zuckte zusammen und
trat unwillkürlich einen Schritt vor. Sie hatte ihre Hand bereits dem
Alten gereicht und beide verließen langsam die Kirche. Tränen standen in
ihren dunkelblauen Augen und als sie die Lider mit den langen dunklen
Wimpern senkte, rollten diese Tränen über ihre zarten, bleichen Wangen.
Auf ihren Lippen erschien flüchtig ein Lächeln, aber es verwischte in
ihrem Antlitz doch nicht die Spuren einer fast kindlichen Angst und
eines gleichsam mystischen Grauens. Zaghaft schmiegte sie sich an den
Alten, und man sah, daß sie vor Erregung zitterte.

Betroffen und im Grunde doch von einem ungeahnt süßen Gefühl, das wie
ein Wille war, dazu getrieben, ging Ordynoff den beiden nach – und unter
dem Rundbogen vor dem Portal überholte er sie. Der Alte sah ihn
feindselig und streng an; auch sie sah nach ihm hin, jedoch so
teilnahmslos und zerstreut, daß man ihr anmerkte, wie ein einziger und
ganz anderer, fernliegender Gedanke sie beschäftigte. Ordynoff folgte
ihnen in einiger Entfernung, ohne eigentlich selbst zu wissen, weshalb
er es tat. Es war schon dunkel geworden.

Der Alte und das junge Weib gingen in eine lange, breite, schmutzige
Straße, die geradeaus zur Stadtgrenze führte – eine Straße der Buden,
billigen Herbergen und Einkehrhöfe, in der die verschiedensten
Kleinhändler ihre Läden hatten; dann bogen sie in eine schmale lange
Sackgasse ein, die zwischen langen Zäunen zu einer großen vierstöckigen
Mietskaserne führte, durch deren Höfe man aber wieder auf eine andere,
gleichfalls große und belebte Straße gelangen konnte. Sie näherten sich
bereits dem Hause. Plötzlich wandte sich der Alte zurück und sein Blick
maß unwillig den jungen Mann, der ihnen so beharrlich folgte. Ordynoff
blieb wie gebannt stehen; sein Tun erschien ihm selbst plötzlich sehr
sonderbar. Da sah sich der Alte noch einmal nach ihm um, als wolle er
sich überzeugen, ob sein drohender Blick die Wirkung nicht verfehlt
habe; dann traten sie beide, er und das junge Weib, durch die schmale
Fußpforte in den Hof des Hauses. Ordynoff kehrte um.

Er befand sich in der unangenehmsten Stimmung und ärgerte sich über sich
selbst: ganz umsonst hatte er einen Tag verloren, umsonst hatte er sich
ermüdet und überdies noch diesen sowieso schon mißlungenen Tag mit einer
großen Dummheit gekrönt, indem er eine ganz gewöhnliche Begegnung für
eine Gott weiß wie besondere Begebenheit gehalten!

Am Vormittage hatte er sich noch darüber geärgert, daß er so weltfremd
und menschenscheu geworden war. Und doch war es nur sein Instinkt
gewesen, der ihn veranlaßt hatte, alles zu fliehen, was ihn in seinem
äußeren und dadurch vielleicht auch in seinem inneren Leben, das nun
einmal ganz seiner Idee gehörte, hätte zerstreuen, beeinflussen und
erschüttern können. Jetzt wenigstens gedachte er mit Wehmut und einer
gewissen Reue seines ungestörten Winkels; dann erfaßte ihn eine seltsame
Traurigkeit und Sorge befiel ihn beim Gedanken an seinen künftigen
Verbleib: wo er ein neues Unterkommen finden könne und wie lange er wohl
noch ein solches werde suchen müssen. Dabei aber verstimmte es ihn
wieder am meisten, daß ihn solche Nichtigkeiten überhaupt so
beschäftigen konnten. Ermüdet und unfähig, zwei Gedanken
aneinanderzureihen, langte er endlich – es war mittlerweile schon
ziemlich spät geworden – wieder bei seiner alten Wohnung an, und erst
als er ins Haus trat, kam es ihm plötzlich zum Bewußtsein, daß er fast
daran vorübergegangen wäre, ohne es zu bemerken, noch zu erkennen.
Verwundert über seine Zerstreutheit schüttelte er den Kopf, schrieb sie
aber doch nur seiner Müdigkeit zu und trat, im letzten Stockwerk unter
dem Dach angelangt, in sein kleines Zimmer. Er zündete ein Licht an,
setzte sich und brütete gedankenverloren vor sich hin. Da stand
plötzlich wieder das Bild des weinenden jungen Weibes greifbar deutlich
vor seiner Seele. Und so glühend heiß, so tief und stark war der
Eindruck, so voll Liebe hatte sein Geist diese sanften und frommen Züge
in sich aufgenommen und gab seine Phantasie sie ihm jetzt wieder, diese
Züge, aus denen mystische Rührung und Grauen, kindliche Demut und
hingebender Glaube sprachen, daß seine Augen sich verdunkelten und
gleichsam Feuer seine Glieder durchströmte. Doch die Erscheinung
zerrann. Dem Rausch folgte dumpfes Grübeln, dann Ärger und schließlich
eine gewisse ohnmächtige Wut. Ohne sich auszukleiden, wickelte er sich
in die Decke und warf sich auf sein hartes Lager ...

Ordynoff erwachte am anderen Morgen ziemlich spät und in unruhiger und
niedergedrückter Stimmung. Er mußte sich nahezu Gewalt antun, um nur an
seine nächstliegenden Sorgen zu denken. Als er sich dann wieder auf den
Weg machte, schlug er die entgegengesetzte Richtung ein, um nur ja nicht
den Weg zu gehen, den er tags zuvor gegangen war. Endlich fand er bei
einem armen Deutschen, Spieß mit Namen, der mit seiner Tochter Tinchen
eine Giebelstube bewohnte, ein Stübchen für seine Ansprüche. Spieß
entfernte sogleich, nachdem er das Handgeld erhalten, den Mietszettel,
fand Ordynoffs Liebe zur Wissenschaft, um derentwillen er ganz ungestört
zu leben wünschte, sehr, sehr lobenswert und versprach zum Schluß, sich
seiner recht annehmen zu wollen. Ordynoff erklärte, daß er gegen Abend
einziehen werde. Als das erledigt war, wollte er sich wieder nach Haus
begeben, änderte aber unterwegs seine Absicht und schlug einen anderen
Weg ein: im Augenblick wurde auch seine Stimmung besser, obschon er
innerlich selbst über sich lächeln mußte. Der Weg erschien ihm diesmal
in seiner Ungeduld ungeheuer weit, wenigstens bedeutend weiter, als er
gedacht. Endlich erreichte er die Kirche, in der er am vergangenen Abend
gewesen war. Es wurde gerade die Messe gelesen. Er suchte sich einen
Platz, von dem aus er fast alle Betenden sehen konnte: doch die, die er
suchte, waren nicht darunter. Mit gerötetem Antlitz verließ er nach
langem vergeblichem Warten die Kirche. Hartnäckig bemühte er sich, ein
gewisses ungewolltes Gefühl in sich zu ersticken und zwang sich mit
aller Gewalt, seine Gedanken nach seinem Willen zu lenken. Er wollte an
ganz gewöhnliche Dinge denken, und da fiel ihm denn ein, daß es ja Zeit
zum Mittagessen sei – und da er Hunger verspürte, ging er in dasselbe
Speisehaus, in dem er tags zuvor eine Kleinigkeit genossen hatte. Dann
streifte er wieder umher, ging durch unbekannte, aber belebte Straßen
und dann wieder durch menschenleere Gassen, bis er sich schließlich in
einer Gegend jenseits der Stadtgrenze fand, wo sich weit das herbstlich
fahl gewordene Feld hinzog. Er wäre unversehens noch weiter gegangen,
wenn ihn nicht die Stelle ringsum mit einem neuen, lange nicht mehr
empfundenen Eindruck aus seiner Gedankenversunkenheit geweckt hätte. Es
war ein trockener kalter Tag, wie sie nicht selten sind im Petersburger
Oktober. Nicht allzu fern war eine Hütte zu sehen, und neben ihr zwei
Heuschober. Ein kleines verhungertes Bauernpferd, dessen Rippen man fast
zählen konnte, stand mit gesenktem Kopf und hängenden Lefzen, als dachte
es über irgend etwas nach, abgeschirrt neben einer zweiräderigen
Tarataika. Ein gewöhnlicher Hofhund, der in der Nähe eines zerbrochenen
Wagenrades einen Knochen benagte, begann zu knurren, und ein etwa
dreijähriger Bengel, der mit nichts weiter als einem Hemdchen bekleidet
war, kratzte sich seinen weißblonden Lockenkopf und starrte verwundert
den einsamen Städter an. Hinter der Hütte dehnten sich Gemüseplätze und
Felder aus. Am Horizont zogen sich Streifen dunkler Wälder hin und
drüber war der Himmel klar und blau. Von der anderen Seite aber zogen
langsam trübe Schneewolken auf, die vereinzelte Wölkchen vor sich
herschoben, als trieben sie eine Schar schwebender Zugvögel lautlos,
ohne einen Schrei, ohne einen Flügelschlag, hoch oben am Himmel vorüber.
Es war so ruhig und gleichsam feierlich schwermütig, alles erfüllt von
einer verborgenen, atembeklemmenden Erwartung ... Ordynoff ging weiter
und weiter, doch die Öde bedrückte ihn nur noch mehr. Er kehrte wieder
um und ging zurück nach der Stadt, von wo jetzt fernes Kirchengeläut,
das zum Abendgottesdienst rief, zu ihm drang. Er beschleunigte seine
Schritte, und nach kurzer Zeit betrat er wieder die Kirche, die ihm seit
dem gestrigen Tage so vertraut war.

Die junge Unbekannte war schon da.

Sie kniete nicht weit vom Eingang unter vielen anderen Betenden.
Ordynoff drängte sich durch das eng beieinander stehende Volk, durch die
Schar von Bettlern, alten zerlumpten Weibern, Kranken und Krüppeln, die
alle bei der Kirchentür auf Almosen warteten, und kniete dicht neben ihr
nieder. Seine Kleider berührten die ihrigen, er hörte ihr erregtes Atmen
und das inbrünstig betende Flüstern ihrer Lippen. Wieder war ihr Antlitz
von einem Gefühl hingebenden Glaubens durchgeistigt und wieder rannen
Tränen aus ihren Augen und versiegten auf ihren glühenden Wangen, als
hätten sie ein furchtbares Verbrechen von ihrer Seele abzuwaschen. An
der Stelle, wo sie beide knieten, war es so gut wie ganz dunkel, nur hin
und wieder, wenn die Flamme im Lämpchen vor dem nächsten Heiligenbilde
im Winde aufflackerte, der durch eine geöffnete Zugklappe des schmalen
Fensters strich, huschte zitternder Lichtschein über ihr Gesicht und
jeder Zug desselben schnitt sich in das Gedächtnis des jungen Mannes
ein, umflorte seinen Blick und bohrte sich unter unerträglicher Pein in
sein Herz. Nur lag in der Qual zugleich auch eine trunkene Wonne, eine
rasende Lust. Doch zuletzt ging dieser Zustand über seine Kraft. Er
vermochte es nicht länger auszuhalten. Seine Brust erbebte vor Schmerz,
und es war ihm, als verginge etwas in ihm vor unsagbar süßem
Sehnsuchtsweh – ein tiefes Schluchzen erschütterte ihn plötzlich und er
beugte seine heiße Stirn auf die kalten Fliesen der Kirche. Er fühlte
nichts als den Schmerz in seinem Herzen, das in süßer Qual vergehen zu
wollen schien.

Es wäre schwer zu sagen, was diese seine aufs äußerste gesteigerte
Eindrucksfähigkeit bewirkt hatte: ob sie unaufhaltsam, wie sie
durchbrach, auf das qualvoll bedrückende, erlösungslose Schweigen der
langen schlaflosen Nächte zurückzuführen war, als eine Folge des oft
durchlebten Zustandes, in dem ein unbewußter Drang, eine unklare
Sehnsucht und das herrisch ungeduldige, ringende Streben seines Geistes
ihm das Herz mit einer unausgesprochenen Qual so überfüllt hatten, daß
es nun an einem Punkt angelangt war, an dem es ihn unfehlbar zerrissen
hätte, wenn es nicht eine Erlösung in ebendiesem Ausbruch gefunden. Oder
war einfach nur die Zeit des Ausbruches gekommen, wie alles einmal
kommt, was im natürlichen Verlauf der Dinge kommen muß – wie an einem
drückend schwülen Sommertage der Himmel plötzlich dunkel wird und ein
Gewitterregen unter Donner und Blitz zur Erde niederrauscht, um alles,
was in der Sonnenglut zu vergehen droht, von Hitze und Durst zu erlösen,
um in klaren Regentropfen an smaragdenen Zweigen hängen zu bleiben, das
Gras niederzudrücken und die zarten Blumenkelche zur Erde zu biegen, auf
daß dann bei den ersten Sonnenstrahlen alles sich wieder erhebe, um wie
befreit von neuem zur Sonne zu streben und sieghaft seinen köstlichen
frischen Duft zum Himmel emporzusenden in der Freude über das erneute
Leben. Dieselbe berauschende Lebenswonne, die nach dem Gewitter die
ganze Natur zu empfinden scheint, jedes Blatt, das noch feucht vom Regen
glänzt, jeder Blütenkelch, der unter der Last der Tropfen sich geneigt
hat und nun sich wieder zur Sonne aufrichtet – dasselbe Gefühl hatte
auch Ordynoff ... Nur hätte er selbst nicht zu sagen vermocht, was mit
ihm geschah: so wenig, so gar nicht war er sich seiner selbst bewußt.

Deshalb bemerkte er auch nicht, wie der Gottesdienst zu Ende ging, und
kam erst zu sich, als er, seiner Unbekannten folgend, sich abermals
durch die Volksmenge drängte. Sie wurden immer wieder durch das
hinausströmende Volk aufgehalten: dabei aber hatte sie ihn dann, beim
Stehenbleiben und Warten, zum erstenmal bemerkt, hatte sich mit merklich
wachsender Verwunderung wieder und wieder nach ihm umgesehen, und
plötzlich, als seine Augen ihrem erstaunten hellen Blick begegneten, war
sie errötet – ganz plötzlich wie in einem jähen Begreifen, das ihr die
Glut ins Gesicht trieb. In demselben Augenblick aber tauchte auch schon
die hohe Gestalt des Alten im Gedränge vor ihnen auf: und er nahm sie
wortlos bei der Hand. Und wieder traf der Blick des Alten Ordynoff mit
einem so gehässigen, boshaft spöttischen Ausdruck, daß Ordynoffs Herz
plötzlich von einer ganz seltsamen rasenden Wut erfaßt wurde. In der
Dunkelheit verlor er sie bald aus den Augen: er drängte sich erschrocken
weiter durch die Menge, machte sich rücksichtslos Platz und trat aus der
Kirche. Die Abendluft berührte ihn kalt, aber sie erfrischte ihn nicht:
sie benahm ihm den Atem, beengte seine Brust und sein Herz begann
langsam und stark zu schlagen, mit einer Wucht, als wolle es seine Brust
zersprengen. Er suchte sie lange, mußte es aber dann doch aufgeben, da
er sie nirgends mehr finden konnte: sie waren weder auf der Straße noch
in der Sackgasse zu sehen. Doch zugleich entstand in ihm bereits ein
Gedanke, der sich alsbald zu einem jener Pläne entwickelte, die zwar in
der Regel mehr oder weniger wahnwitzig zu sein pflegen, deren Ausführung
aber in solchen Fällen fast immer glänzend gelingt – ganz abgesehen
davon, daß gerade diese unsinnigen Pläne am ehesten in die Tat umgesetzt
werden, vernünftigere dagegen sehr oft nur Pläne bleiben.

Ordynoff begab sich am nächsten Morgen gegen acht Uhr zu jenem Hause,
trat von der Gasse aus durch das Tor und befand sich auf einem schmalen,
schmutzigen Hinterhof. Der Hausknecht, der dort mit einem Spaten
hantierte, sah von seiner Arbeit auf, stützte sich auf den Spatenstiel,
musterte Ordynoff vom Kopf bis zu den Füßen und fragte schließlich, was
er hier wünsche.

Dieser Hausknecht war ein noch junger Bursche von etwa fünfundzwanzig
Jahren, dabei von eigentümlich altväterischem Aussehen, klein, mit
runzligem Gesicht und von offenbar tatarischer Abstammung.

„Ich suche ein Zimmer,“ sagte Ordynoff ungeduldig.

„Was für eins denn?“ fragte der Kerl spöttisch und sah ihn mit einer
Miene an, als wisse er bereits um sein ganzes Vorhaben.

„Ich will hier ein Zimmer mieten.“

„Im Vorderhaus gibt’s keins,“ versetzte der Tatar etwas rätselhaft.

„Aber hier?“

„Hier auch nicht.“ Und damit wandte er sich wieder seiner Arbeit zu.

„Vielleicht gibt es doch einen Mieter, der mir eins abtreten würde?“
fragte Ordynoff und drückte dem Hausknecht ein Trinkgeld in die Hand.

Der Tatar sah ihn an, steckte das Geld in die Tasche und machte sich
dann wieder etwas mit seinem Spaten zu schaffen – erst nach einigem
Schweigen erklärte er nochmals: „Nein, hier gibt’s keins.“ Der junge
Mann hörte ihn aber nicht mehr: er ging bereits auf den halbverfaulten
schwankenden Brettern, die über eine Pfütze führten, zum einzigen
Eingang des Hinterhauses, zu einer Treppe, die ebenso schmutzig war, wie
das ganze Haus schmutzig aussah, und deren unterste Stufe in einer
zweiten Pfütze halbwegs versank. Unten, neben dem Eingang, wohnte ein
armer Sargmacher, an dessen Werkstätte Ordynoff ohne zu fragen
vorüberging, um auf der halbzerbrochenen gewundenen Treppe
hinaufzusteigen. Im oberen Stockwerk angelangt, fand er, mehr tastend
als sehend, eine schwere Tür, die einst mit Bastmatten beschlagen
gewesen war, von denen jetzt jedoch nur noch wenig mehr als einzelne
Stücke an ihr hafteten. Er drückte auf die Klinke und öffnete die Tür.
Er hatte sich nicht geirrt. Vor ihm stand der Alte, den er in der Kirche
gesehen, und blickte ihn mit äußerster Verwunderung starr an.

„Was willst du?“ stieß er halblaut mit rauher Stimme hervor.

„Haben Sie ein Zimmer zu vermieten?“ fragte Ordynoff, ohne eigentlich
selbst zu wissen, was er sagte oder sagen wollte. Hinter dem Alten hatte
er seine Unbekannte erblickt.

Der Alte sagte nichts, er bemühte sich nur, die Tür zu schließen, um
Ordynoff auf diese Weise hinauszudrängen.

„Ja doch! – wir haben ein Zimmer!“ sagte da plötzlich das junge Weib mit
freundlicher Stimme.

Der Alte wandte sich nach ihr um.

„Ich brauche nicht viel mehr als einen Winkel,“ sagte Ordynoff, indem er
schnell eintrat und sich an das junge Weib wandte.

Doch das Wort erstarb ihm auf den Lippen: etwas Seltsames spielte sich
plötzlich vor seinen Augen ab, eine stumme und doch beredte Szene. Der
Alte war so leichenblaß geworden, als würde er im Augenblick ohnmächtig
zusammenbrechen, und sah mit einem bleischweren, unbeweglichen,
durchdringenden Blick das junge Weib an. Auch sie erblaßte zunächst,
dann aber stieg ihr mit einem Male jäh das Blut ins Gesicht und in ihren
Augen blitzte etwas Seltsames auf. Ohne ein weiteres Wort führte sie
Ordynoff in das Nebenzimmer.

Die ganze Wohnung bestand aus einem einzigen, allerdings recht großen
Zimmer, das durch zwei Scheidewände in drei Räume geteilt war. Aus dem
ziemlich dunklen und schmalen Vorzimmer, in das man vom Flur aus trat,
führte geradeaus eine Tür offenbar in das Schlafzimmer. Rechts von
dieser führte eine andere Tür nach dem Zimmer, das vermietet werden
sollte. Es war das ein schmaler, enger Raum, der durch die Scheidewand
gewissermaßen an die zwei niedrigen Fenster angedrückt erschien.
Überdies war er noch vollgepackt mit den verschiedensten Sachen, die nun
einmal zu einem Haushalt gehören. Es war ärmlich und eng, aber doch nach
Möglichkeit sauber. Die Einrichtung bestand aus einem einfachen
ungestrichenen Tisch, zwei ebenso einfachen Stühlen und zwei
Bettladen, die eine an der Scheidewand, die andere an der der Tür
gegenüberliegenden Wand. Ein großes altertümliches Heiligenbild mit
einer vergoldeten Strahlenkrone stand in der Ecke auf einem Winkelbrett
und vor ihm brannte das Öllämpchen. Ein mächtiger russischer Ofen, an
den sich die Scheidewand anschloß, stand zur Hälfte in diesem Zimmer,
zur Hälfte im Vorzimmer. Eigentlich bedurfte es keiner Versicherung, daß
diese Wohnung für drei erwachsene Menschen zu eng war.

Sie begannen, das Notwendige zu besprechen, sprachen aber so verwirrt
und zusammenhanglos, daß sie einander kaum verstanden. Ordynoff, der
zwei Schritte von ihr entfernt stand, glaubte ihr Herz pochen zu hören:
er sah, daß sie vor Erregung und anscheinend auch vor Angst zitterte.
Schließlich verständigten sie sich doch irgendwie und die Sache ward
abgeschlossen. Der junge Mann erklärte, daß er sogleich einziehen wolle,
und blickte sich unwillkürlich nach dem Alten um. Der war zwar immer
noch bleich, aber auf seinen Lippen lag bereits ein stilles, sogar
nachdenkliches Lächeln, das jedoch schnell verschwand, als er Ordynoffs
Blick begegnete: sofort runzelte er wieder finster die Stirn.

„Hast du einen Paß?“ fragte er plötzlich mit lauter, rascher Stimme,
indem er gleichzeitig schon die Tür zum Flur öffnete.

Ordynoff bejahte die Frage, die ihn etwas stutzig machte.

„Wer bist du?“

„Wassilij Ordynoff. Habe keine Anstellung. Lebe ganz für mich,“
antwortete er, ebenso kurz angebunden, wie der Alte in seiner rauhen
Art.

„Ich gleichfalls,“ versetzte der Alte. „Ich bin Ilja Murin, Kleinbürger.
Genügt dir das? – Gut, dann geh!“ ...

Innerhalb zweier Stunden war Ordynoff eingezogen, eigentlich selbst
nicht weniger darüber verwundert, als es Herr Spieß und seine Tochter
Tinchen waren, die nach vergeblichem Warten zu der Überzeugung kamen,
daß der verschwundene Mieter sie nur habe betrügen wollen. Ordynoff
freilich begriff selbst nicht, wie das alles so gekommen war, aber im
Grunde wollte er es auch gar nicht begreifen.


                                  II.

Sein Herz pochte so stark, daß er vor den Augen grüne Punkte tanzen sah,
und hin und wieder erfaßte ihn ein Schwindel. Der Kopf tat ihm weh.
Mechanisch machte er sich daran, sein geringes Hab und Gut auszupacken,
entnahm einem Bündel, das seine Wäsche enthielt, das Notwendigste,
schloß den Bücherkasten auf und begann die Bände und Schriften auf dem
Tische zu ordnen. Bald aber entfiel auch diese Arbeit seinen Händen. Was
er tun mochte – immer wieder erschien vor ihm das Bild des jungen
Weibes, das vom ersten Augenblick an sein Herz mit so unlösbaren Banden
gleichsam umkrampft hatte, – und so viel Glück war plötzlich in sein
armes Leben geflutet, daß seine Gedanken wie in einem Rausch untergingen
und sein Geist ganz wirr ward und er selbst nicht mehr wußte, was er
wollte. Er nahm seinen Paß, um ihn dem Alten, dessen Mieter er nun
geworden war, einzuhändigen – natürlich in der Hoffnung, bei der
Gelegenheit sie zu sehen. Murin öffnete aber die Tür nur ein wenig, nahm
den Paß in Empfang, nickte bloß und sagte „Gott mit dir!“, worauf er die
Tür wieder schloß. Ein unangenehmes Gefühl überkam Ordynoff. Es wurde
ihm, ohne daß er wußte warum, so schwer, diesen Alten anzusehen. In
seinem Blick lag stets so etwas wie Verachtung und Bosheit. Doch der
unangenehme Eindruck verwischte sich bald. Er lebte ja schon den dritten
Tag wie in einem Wirbel, im Vergleich zu seinem früheren stillen Leben.
Nur denken konnte er jetzt nicht, ja, er fürchtete sich förmlich davor.
Alles hatte sich für ihn plötzlich verändert: er hatte die dunkle
Empfindung, als sei sein Leben in zwei Hälften gebrochen und von seinen
Gedanken galt kein einziger mehr der ersten Hälfte. Er empfand nur den
einen Trieb, nur die eine Erwartung ...

Ohne zu wissen, wie er das Benehmen des Alten deuten sollte, kehrte er
in sein Zimmer zurück. Beim Ofen, in dem das Essen kochte, machte sich
ein kleines, vor Alter krummes Weib zu schaffen. Sie war so schmutzig
und zerlumpt gekleidet, daß man sie nur mit Widerwillen ansehen mochte.
Dabei schien sie eine unglaublich böse Person zu sein. Das war die
Dienstmagd. Ordynoff, der sie etwas vor sich hinbrummen hörte und ihren
zahnlosen Unterkiefer sich bewegen sah, redete sie an, erhielt aber
keine Antwort: es war, als schwiege sie vor lauter Bosheit. Endlich kam
die Mittagsstunde. Die Alte nahm das Essen aus dem Ofen – Kohlsuppe,
Pasteten und Rindfleisch – und brachte es in das andere Zimmer. Dasselbe
Essen brachte sie auch Ordynoff. Nach dem Mittagessen trat in der
Wohnung Totenstille ein.

Ordynoff nahm ein Buch zur Hand, las Satz für Satz und ganze Seiten,
wobei er sich bemühte, den Sinn des Gelesenen zu erfassen, der ihm aber
selbst dann unklar blieb, wenn er das Gelesene nochmals las. Bald schon
warf er das Buch beiseite und schickte sich an, seine Habseligkeiten
noch weiter zu ordnen. Nur dauerte auch das nicht lange. Ungeduldig nahm
er schließlich seine Mütze, seinen Mantel und ging auf die Straße. Ohne
auf den Weg zu achten, ging er weiter und gab sich die größte Mühe,
seine Gedanken zu sammeln und wenigstens etwas über seine neue Lage
nachzudenken. Doch diese Willensanspannung wurde ihm förmlich zu einer
Qual – als müsse er sich selbst foltern. Offenbar hatte er sich
erkältet: bald erfaßte ihn ein Schüttelfrost, bald glühte er im Fieber
und zuweilen begann sein Herz so stürmisch zu schlagen, daß er sich an
eine Wand lehnen mußte. „Nein, lieber tot ... lieber tot sein,“
murmelten seine fieberheißen Lippen, ohne daß er es selbst recht wußte.
So irrte er noch lange in den Straßen umher – bis er schließlich durch
eine starke Empfindung von Kälte und Feuchtigkeit zum erstenmal
bemerkte, daß es ja in Strömen regnete. Da besann er sich und kehrte
zurück. Kurz bevor er das Haus erreichte, erblickte er den Hausknecht,
der ihn, wie ihm schien, schon eine Weile stillstehend mit Neugier
beobachtet hatte, seinen Weg nach Hause aber sogleich wieder fortsetzte,
als er sich bemerkt sah.

Ordynoff erreichte ihn mit ein paar Schritten.

„Guten Tag. Übrigens, wie heißt du?“

„Hausknecht heiß’ ich,“ antwortete der Tatar grinsend.

„Bist du schon lange hier Hausknecht?“

„Das will ich meinen.“

„Mein Wirt, der Murin, bei dem ich zur Miete wohne, ist doch
Kleinbürger?“

„Das wird er wohl sein, wenn er’s gesagt hat.“

„Was treibt er denn eigentlich?“

„Treibt? – Er lebt. Ist krank, betet. Weiter nichts.“

„Ist das seine Frau?“

„Welche Frau?“

„Die bei ihm lebt?“

„Das wird sie wohl sein, wenn er’s gesagt hat. Leb wohl, Herr.“

Der Tatar berührte den Mützenschirm und trat in seinen Schlupfwinkel
unter dem Torbogen.

Ordynoff stieg die Treppe hinauf zu seinem Zimmer. Die Alte öffnete ihm
zaudernd die Tür, wobei sie wieder etwas vor sich hinbrummte, klinkte
die Tür hinter ihm ein und kroch langsam zurück auf den Ofen, auf dem
sie den größten Teil ihres Lebens zuzubringen schien. Es dunkelte
bereits. Ordynoff wollte sich von seinen Wirtsleuten Streichhölzer
holen, doch die Tür zu ihrem Zimmer war verschlossen. Er rief die Alte
an, die sich etwas aufgerichtet hatte und, auf den Ellbogen gestützt,
vom Ofen herab ihn anglotzte, als dächte sie darüber nach, was er wohl
dort an der verschlossenen Tür zu suchen habe. Schweigend warf sie ihm
eine Streichholzschachtel zu. In sein Zimmer zurückgekehrt, nahm er
wieder seine Bücher vor. Allmählich wurde ihm immer sonderbarer zumut
und obschon er selbst nicht begriff, was in ihm vorging, setzte er sich
auf die Bettlade, zu der er sich eigentümlich hingezogen fühlte. Und
dann war ihm, als schliefe er ein. Mehrmals kam er wieder zu sich und
erriet – es war ein Erraten und sich Merken in einem Zustande des
Halbbewußtseins –, daß es gar kein Schlaf war, sondern nur eine
krankhafte, qualvolle Benommenheit. Einmal hörte er, wie an die Tür
gepocht und wie die Tür geöffnet wurde, und er sagte sich, daß es wohl
die Wirtsleute waren, die von der Abendmesse zurückkehrten. Bei der
Gelegenheit fiel ihm ein, daß er zu ihnen gehen mußte, um etwas zu
holen. Er erhob sich denn auch und ging zu ihnen – d. h. es schien ihm,
daß er sich erhob und ging – doch plötzlich stolperte er und fiel auf
einen Haufen Holz, den die Alte mitten im Zimmer hingeworfen hatte. Von
da an wußte er nichts mehr, und als er die Augen, wie ihm deuchte, nach
langer, langer Zeit öffnete, gewahrte er mit Verwunderung, daß er noch
auf derselben Lade lag, in den Kleidern, so wie er war, und daß ein
berückend schönes junges Weib in zärtlicher Sorge sich über ihn beugte,
mit einem stillen und mütterlichen Ausdruck im Blick. Er fühlte, wie ihm
ein Kissen unter den Kopf geschoben wurde und wie man ihn mit etwas
Warmem zudeckte, und wie eine zarte Hand sich auf seine heiße Stirn
legte. Er wollte danken, wollte diese Hand fassen, sie an seine heißen
trockenen Lippen führen, mit Tränen benetzen und küssen, eine ganze
Ewigkeit lang küssen. Er wollte so vieles sagen, aber was – das wußte er
selbst nicht! Oh, sterben hätte er mögen, vergehen in diesem Augenblick!
Doch seine Arme waren schwer wie Blei und ließen sich nicht bewegen. Es
war ihm, als sei er stumm geworden und könne deshalb nicht sprechen, und
daher fühlte er nur, wie sein Blut so durch alle Adern jagte, daß er
glaubte, emporgehoben zu werden. Jemand gab ihm Wasser zu trinken ...
Dann sank er wieder in tiefe Bewußtlosigkeit.

Am anderen Morgen erwachte er gegen acht Uhr. Die Sonne schien in
goldenen Strahlenbündeln durch das grünliche billige Glas der
Fensterscheiben. Ein wundervolles Gefühl durchströmte alle Glieder des
Kranken. Er war ruhig und still – war unsagbar glücklich. Er hatte die
Empfindung, als sei jemand soeben an seinem Bette gewesen, ganz nah an
seinem Kopfkissen. Und während er vollends zu sich kam, dachte er daran,
sich nach diesem Menschen im Zimmer umzusehen, um seinen neuen Freund zu
entdecken und zum erstenmal im Leben zu ihm zu sagen: „Guten Morgen,
habe Dank, mein Guter!“

„Wie lange du schläfst?“ sagte da zärtlich eine Frauenstimme. Ordynoff
sah sich um, jemand trat an sein Bett, und über ihn neigte sich mit
einem freundlichen hellen Lächeln das Gesicht seiner schönen jungen
Wirtin.

„Wie krank du warst,“ fuhr sie fort, „aber nun laß es genug sein; wozu
beraubst du dich der Freiheit! Die ist süßer als Brot, schöner als die
liebe Sonne. Steh auf, mein Täubchen, steh auf!“

Ordynoff ergriff ihre Hand und drückte sie krampfhaft. Er glaubte, noch
zu träumen.

„Warte, ich habe dir Tee gemacht. Willst du Tee? Trink ihn, es wird dir
davon besser werden. Ich bin selbst krank gewesen und weiß, wie das
ist.“

„Ja, gib mir zu trinken,“ sagte Ordynoff mit noch matter Stimme und
versuchte, aufzustehen, was ihm auch gelang. Er fühlte sich zwar noch
recht schwach, wie zerschlagen, und ein Kältegefühl im Rücken ließ ihn
erschauern. In seinem Herzen aber hatte er ein Gefühl, als werde er von
den Sonnenstrahlen erwärmt und mit einer hellen, feiertäglichen Freude
erfüllt. Er fühlte das Unsichtbare: daß für ihn ein neues, starkes Leben
anbrach. Einen Augenblick war ihm, als erfasse ihn ein leichter
Schwindel.

„Du heißt doch Wassilij?“ fragte sie. „Oder habe ich mich verhört? Hat
dich mein Herr nicht gestern so genannt?“

„Ja, Wassilij. Und wie heißt du?“ fragte Ordynoff, indem er sich ihr
näherte, obschon er sich kaum auf den Füßen hielt. Plötzlich wankte er.
Sie ergriff seine Hände und lachte.

„Ich? – Katherina!“ Und sie sah ihn mit ihren strahlenden, blauen Augen
an. Beide hielten sie sich an den Händen.

„Du willst mir etwas sagen?“ fragte sie endlich.

„Ich weiß nicht ...“ Ihm war, als trübe sich sein Blick.

„Wie sonderbar du bist! Laß gut sein, du, mein Lieber, gräme dich nicht,
sei nicht traurig – komm, setze dich hierher, hier scheint die Sonne,
die wird dich erwärmen. So, nun sei ganz ruhig! Komme mir nicht nach,“
fügte sie hinzu, als sie sah, daß der junge Mann eine Bewegung machte,
als wolle er sie zurückhalten – „ich werde gleich wieder bei dir sein,
da wirst du mich sehen können, soviel du nur willst!“

Sie kam denn auch sogleich wieder, brachte ihm den Tee, den sie auf den
Tisch stellte, und setzte sich ihm gegenüber.

„Da, nun trinke! – Wie, schmerzt dir der Kopf noch?“

„Nein, jetzt schmerzt er nicht mehr,“ sagte Ordynoff, „oder ich weiß
nicht, vielleicht schmerzt er auch ... ich will nicht ... schon gut,
schon gut! ... Ich weiß nicht, was mit mir ist ...“ stieß er unter
Herzklopfen hervor, und er suchte ihre Hand. „Bleibe hier, geh nicht
fort von mir, gib ... gib mir wieder deine Hand ... Vor meinen Augen
dunkelt es ... In dir sehe ich meine Sonne,“ sagte er, als risse er
jedes Wort aus seinem Herzen, und es war doch, als empfinde er schon
Seligkeit, wenn er zu ihr nur sprechen konnte. Heiß stieg es in ihm auf
und schnürte ihm die Kehle zusammen – bis die Spannung sich plötzlich in
einem dumpfen, erschütternden Schluchzen entlud.

„Du Armer! Du hast wohl noch nie mit guten Menschen gelebt? Bist ganz
allein und einsam in der Welt? Hast du gar keine Verwandten?“

„Niemand, ich bin ganz allein ... laß, was tut das! Mir ist jetzt besser
... so ... wohl!“ Es war, als phantasiere er. Das Zimmer schien sich um
ihn zu drehen.

„Auch ich habe jahrelang keine Menschen gesehn ... Du siehst mich so an
...“ sagte sie plötzlich nach minutenlangem Schweigen und stockte ...

„Was ... wie denn?“

„So, als wärmten dich meine Augen! Weißt du, wenn man jemand so liebt
... Ich habe dich doch schon bei deinen ersten Worten in mein Herz
geschlossen. Wenn du krank werden solltest, werde ich dich pflegen. Aber
du darfst nicht wieder krank werden, nein! Wenn du aber wieder ganz
gesund bist, dann wollen wir wie Bruder und Schwester leben, ja? Willst
du? Es ist doch schwer, eine Schwester zu finden, wenn Gott einem keine
Geschwister gegeben hat.“

„Wer bist du? Woher kommst du?“ stammelte Ordynoff mit matter Stimme.

„Oh, nicht hier ist meine Heimat ... aber was geht dich das an? Weißt
du, die Leute erzählen, wie zwölf Brüder in einem dunklen Walde lebten
und wie in dem Walde ein schönes Mädchen sich verirrte. Und sie kam zu
den zwölf Brüdern und machte Ordnung im Hause, und säuberte alles, und
was sie tat, tat sie mit Liebe. Als nun die Brüder zurückkehrten, sahen
sie, daß ein Schwesterchen den Tag über bei ihnen gewesen war, und sie
riefen sie und baten sie, doch bei ihnen zu bleiben. Und da kam sie denn
auch und blieb bei ihnen. Und die Brüder nannten sie ihr Schwesterchen
und ließen ihr alle Freiheit und allen gehörte sie gleich an. Kennst du
das Märchen?“

„Ich kenne es,“ sagte Ordynoff leise.

„Schön ist es doch zu leben. Sag, bist du froh, daß du lebst?“

„Ja – ja! eine Ewigkeit leben ... lange leben!“ phantasierte Ordynoff.

„Ich weiß nicht,“ meinte Katherina nachdenklich, „ich würde doch auch
den Tod nicht missen wollen. Ob es gut ist, zu leben? – ja, zu lieben,
und gute Menschen liebzuhaben, ja ... Sieh, da bist du aber wieder
bleich geworden ...“

„Ja, mich schwindelt ...“

„Wart, ich bringe dir meine Kissen und Decken, und werde dir das Bett
schön aufmachen. Dann wird dir von mir träumen und das Übel wird von dir
weichen. Unsere Alte ist auch krank ...“

Und schon während sie sprach, machte sie das Bett zurecht, wobei sie ab
und zu über die Schulter nach Ordynoff hinüberblickte.

„Wie viele Bücher du hast!“ sagte sie, als sie nach beendeter Arbeit den
Koffer ein wenig abrückte.

Dann brachte sie die Decken und trat zu ihm, stützte ihn mit dem rechten
Arm und führte ihn zum Bett, auf dem sie ihm die Kissen zurechtrückte,
um ihn dann zuzudecken.

„Man sagt, Bücher verdürben die Menschen,“ fuhr sie fort und schüttelte
nachdenklich den Kopf. „Liest du gern in Büchern?“

„Ja,“ antwortete Ordynoff, selbst im Zweifel darüber, ob er schlief oder
wachte. Und wie um sich zu versichern, daß es kein Traum war, suchte er
Katherinas Hand und preßte sie in der seinen.

„Mein Herr hat viele Bücher: solche!“ – sie beschrieb mit der Linken ein
großes Format – „er sagt, es seien heilige Bücher. Und er liest mir aus
ihnen immer vor. Ich werde sie dir später zeigen. Soll ich dir erzählen,
was er mir aus ihnen vorliest?“

„Erzähle,“ flüsterte Ordynoff, ohne den Blick von ihr losreißen zu
können.

„Betest du gern?“ fragte sie wieder nach kurzem Schweigen. „Weißt du
was? – ich fürchte, ich fürchte immer ...“

Sie sprach es nicht aus, und wie es schien, dachte sie über irgend etwas
nach.

Ordynoff führte ihre Hand an seine Lippen.

„Was küßt du meine Hand?“ Ihre Wangen erröteten leicht. Und dann lachte
sie: „Ach nun, da! – küsse sie nur!“ und sie hielt ihm beide Hände hin.
Dann befreite sie die eine Hand und legte sie auf seine heiße Stirn, und
plötzlich – streichelte sie ihn und dann glättete sie sein Haar, und
dabei errötete sie immer mehr. Endlich kniete sie neben seinem Bett
nieder und lehnte ihre Wange an seine Wange: er spürte den feuchtwarmen
Hauch ihres Atems ... Plötzlich fühlte Ordynoff, daß heiße Tränen über
seine Wange rollten – sie weinte. Er wollte etwas sagen, denken, wurde
aber immer schwächer, immer schwächer ... er konnte kein Glied mehr
rühren. Da stieß jemand an die Tür und die Klinke klapperte. Ordynoff
hörte nur noch, wie der Alte, sein Wirt, eintrat. Und darauf fühlte er,
wie Katherina sich erhob, übrigens ganz langsam, ohne jeden Schreck,
fühlte, wie sie beim Weggehen das Zeichen des Kreuzes über ihm machte.
Er lag mit geschlossenen Augen. Plötzlich brannte ein heißer langer Kuß
auf seinen Lippen: der fuhr ihm wie ein Dolchstoß ins Herz. Er wollte
aufschreien, verlor aber die Besinnung ...

Damit begann für ihn ein sonderbarer Zustand, ein Traumleben, wie es nur
Krankheit und Fieber verursachen können. Es kamen Augenblicke, in denen
es ihm in einer Art unklaren Bewußtseins schien, daß er verurteilt sei,
in einem langen, endlosen Traum voll seltsamer Aufregungen, Kämpfe und
Leiden zu leben. Empört und entsetzt suchte er sich aufzulehnen gegen
dieses Fatum, das ihn knechten wollte, doch im Augenblick des heißesten,
verzweiflungsvollsten Kampfes fühlte er, wie ihn plötzlich eine andere
feindliche Kraft überfiel und niederrang, und dabei empfand er mit jeder
Fiber, wie er von neuem die Besinnung verlor und wie wieder
undurchdringliches, bodenloses Dunkel sich vor ihm auftat, und er
glaubte sogar selbst den Schrei der Qual und Verzweiflung zu hören, mit
dem er in diesen offenen Schlund versank. Dann aber kamen wieder andere
Augenblicke eines kaum zu ertragenden, überwältigenden Glücks, wie man
es nur selten empfindet: Augenblicke, in denen die Lebenskraft im ganzen
Menschen sich krankhaft steigert und der Mensch sich wie in einer
höheren Sphäre befindet, wo alles Vergangene sich klärt und in allem
Zusammenhang offenbart, wo die kurze Gegenwart mit ihrem Licht ein
klingendes, tönendes Triumph- und Freudengefühl auslöst und die
unbekannte Zukunft wie ein Traum im Wachen vor einem liegt, und man
nicht weiß, woher sich unsagbare Hoffnung wie erquickender Tau auf die
Seele legt, und aufschreien möchte vor lauter Seligkeit, während man
doch fühlt, wie schwach und hilflos das Fleisch vor dieser Wucht der
Eindrücke ist, und der Lebensfaden, der ins Vergangene zurückreicht,
zerreißt und das neue Leben wie ein Leben nach einer Auferstehung vor
uns erscheint ... Dann schwand ihm wieder das Bewußtsein und eine Art
Halbschlaf umfing ihn, in dem er alles, was er in den letzten Tagen
erlebt hatte, nochmals durchlebte und das Gesehene, verschwommenen
Nebelbildern gleich, in wirrer, hastend drängender Folge an seinem
geistigen Auge vorüberzog. Es erschien ihm dabei in diesen Visionen
alles ganz anders, seltsam und rätselhaft. Dann wieder vergaß er alles
jüngst Geschehene und wunderte sich, daß er nicht mehr in seiner
früheren Wohnung bei seiner alten Wirtin war. Er konnte es sich nicht
erklären, warum die alte gute Frau zu seinem Ofen kam, in dem noch die
letzten Kohlen glühten – er glaubte noch den schwachen, zitternden
Widerschein der verlöschenden Glut an der Wand zu sehen – und warum sie
nicht, bevor sie die Ofentür schloß, ihre hageren alten Hände am
Feuerschein wärmte, wie sie es sonst immer getan, stets nach alter Leute
Art vor sich hinmurmelnd, ab und zu mit einem Blick nach ihrem
sonderbaren Pensionär, den sie für mindestens „nicht ganz richtig“
hielt: von diesem ewigen Sitzen „hinter den Büchern“, wie sie meinte.
Dann wieder fiel es ihm ein, daß er ja umgezogen war, aus welchem Grunde
konnte er sich freilich nicht mehr entsinnen, obschon sein ganzer Geist
ausströmen wollte in einen ewigen, ununterbrochen empfundenen,
unbezähmbaren Drang ... Doch wohin, wozu es ihn drängte, was die Ursache
solcher Qual war, und wer diesen unerträglichen Feuerbrand, der sein
Blut zu verzehren schien, in seine Adern geschleudert – das wußte er
wieder nicht und konnte sich auch nicht darauf besinnen. Oft griff er
gierig nach einem Schatten, oft glaubte er, leichte Schritte in seinem
Zimmer zu vernehmen, Schritte, die sich seinem Lager näherten, und eine
süße, weiche Stimme zärtliche Worte flüstern zu hören; ihm war, als
spüre er feuchtwarmen Atem wie einen Hauch über sein Gesicht gleiten,
und ein herrliches Gefühl der Liebe erschütterte ihn tief im Innersten,
daß seine Seele erbebte. Und heiße Tränen fielen auf seine glühenden
Wangen und plötzlich drückte sich weich und verlangend ein Kuß auf seine
Lippen: da war es, als verginge sein Leben vor brennender
unauslöschlicher Pein: es schien ihm, als stehe das ganze Sein, die
ganze Welt still, als stürbe sie für Jahrhunderte rings um ihn, und über
alles sinke lange, tausendjährige Nacht ...

Dann war es ihm wieder, als erlebe er nochmals die sorglosen Jahre
seiner ersten Kindheit, ja er glaubte sogar, das Landhaus zu sehen, in
dem er geboren war, und die saftigen Wiesen und Auen, auf denen er als
kleiner Junge umhergelaufen und vielleicht Blumen gepflückt hatte.
Wenigstens glaubte er, alles dies zu sehen, – bis er plötzlich eine
Gestalt auftauchen sah, deren Anblick ihn mit einem mehr als kindlichen
Entsetzen erfüllte und das erste schleichende Gift von Leid und Qual und
Tränen in sein Leben brachte. Es war ihm, als habe der fremde Alte sein
ganzes zukünftiges Leben in seiner Macht, doch vermochte er trotz seines
Entsetzens nicht, den Blick von ihm abzuwenden, und der Alte folgte ihm
überall hin: er lauerte hinter jedem Baum und Strauch hervor, nickte ihm
grinsend zu und spottete seiner und neckte ihn und verwandelte sich in
jedes Spielzeug und saß plötzlich wie ein Gnomenkopf auf dem Halse
seines Steckenpferdchens und wandte sich grinsend und Gesichter
schneidend immer wieder nach ihm um. Und in der Schule saß er zwischen
den Schülern, oder versteckte sich unter der Bank. Oder der Deckel eines
seiner Bücher hob sich um Fingerbreite und aus dem Dunkel unter dem
Deckel sahen ihn die boshaften Augen heimtückisch an. Schlief er, so
setzte sich der scheußliche Geist an sein Bett und verscheuchte die
süßen Kinderträume und erzählte flüsternd nächtelang ein wundersames
Märchen, von dem er zwar nichts verstand, so angestrengt er auch
lauschen mochte, das aber nichtsdestoweniger sein Kinderherz mit Grauen
und einer nicht mehr kindlichen Leidenschaft peinigte. Und der böse Alte
erzählte flüsternd weiter, bis eine dumpfe Betäubung seine Sinne lähmte
und er schließlich wieder ohnmächtig wurde. Und dann, mit einem Male,
war es ihm, als erwache er, und wieder begann ein seltsames
Zusammenspiel von halbem Bewußtsein und halbem Traum: er erwachte als
erwachsener Mensch, und Bilder des jüngst Erlebten umgaukelten ihn. Er
wußte, wo er sich im Augenblick befand, wußte, daß er einsam und
weltfremd war, einsam unter fremden, verdächtigen Leuten, die – hier
begann wieder ein Traum – in sein Zimmer schlichen und in den dunklen
Winkeln flüsterten und der alten Frau zunickten, die wieder am Ofen
hockte und ihre hageren alten Hände am Feuer wärmte und ihnen
gleichfalls zunickend auf das Bett wies, in dem er lag. Er fühlte sich
verwirrt, erregt: er wollte wissen, wer diese Leute waren, was sie hier
wollten und warum er sich selbst in diesem Zimmer befand, und da kam es
denn wie ein Begreifen über ihn, daß er in so etwas wie eine Räuberhöhle
geraten sei, verlockt durch irgendeine ihm bis dahin unbekannte,
zwingende Macht, ohne sich vorher die Hausbewohner und namentlich seine
Wirtsleute näher anzusehen. Die Ungewißheit peinigte ihn und sein
Argwohn wuchs – und da begann wieder in der nächtlichen Dunkelheit das
flüsternd erzählte Märchen, doch nicht der heimtückische Alte erzählte
es jetzt, sondern eine kleine fremde Greisin, die es, vor dem Ofen
hockend, im zitternden Feuerschein der erlöschenden Glut leise, leise
vor sich hinflüsterte, während ihr alter Kopf mit dem Silberhaar dazu
nickte. Aber schon stiegen neue Schreckbilder vor ihm auf: das
geflüsterte Märchen, das er kaum hörte und noch weniger verstand, wurde
zu Gestalten und Gesichtern, und er gewahrte mit Schrecken, daß alles,
was er je in seinem Leben erlebt hatte, selbst alle seine Gedanken und
Träume und was er in Büchern gelesen und vieles, was er schon längst
vergessen hatte – daß alles wieder lebendig wurde, in riesenhaften
Gebilden sich vor ihm erhob, durcheinanderschob, ihn umringte, umtanzte:
vor seinen Augen taten sich Zaubergärten auf, er sah ganze Städte
erstehen und wieder einstürzen, er sah unübersehbare Friedhöfe, deren
Gräber sich auftaten und ihre Leichen zu ihm entsandten, und die Leichen
lebten – er sah ganze Rassen und Völker kommen, wachsen und vor seinen
Augen aussterben, und er sah schließlich jeden seiner Gedanken, kaum daß
er ihn zu denken begann, schon in leibhaftig greifbarer Form vor seinen
Augen sich verwirklichen – sein Denken war nicht mehr rein geistige
Vorstellung und Verbindung von Begriffen, sondern Schöpfung, Schöpfung
ganzer Welten, Schöpfung ganzer Scharen von Wesen – und er sah sich
selbst gleich einem Stäubchen getragen in diesem unendlichen
unbegrenzten Weltall, aus dem es kein Entrinnen gab, keine Flucht an
irgendeiner Grenze. Und er überschaute alles und sah, wie dieses ganze
Leben durch seine empörende Tyrannei ihn bedrückte und knechtete und mit
ewiger, unendlicher Ironie verfolgte. Er fühlte, wie er starb und in
Staub und Asche zerfiel, ohne Auferstehung, auf ewig starb; er wollte
fliehen – aber es gab keinen Winkel im ganzen All, wo er sich hätte
verbergen können. Da packte ihn die Wut der Verzweiflung, er riß alle
seine Kräfte zusammen, mit einem wahnsinnigen Schrei, wie ihm schien,
und – erwachte.

Sein ganzer Körper war mit kaltem Schweiß bedeckt. Im Zimmer herrschte
Totenstille: es war tiefe Nacht. Und doch war ihm, als vernehme er immer
noch irgendwoher die Erzählung des ihm unverständlichen wundersamen
Märchens, als erzähle eine heisere Stimme etwas ihm scheinbar Bekanntes:
von dunklen Wäldern und tollkühnen Räubern, von dem verwegenen Häuptling
einer Bande, ganz als wäre von Stenka Rasin selbst, dem Kosakenhelden,
die Rede, und dann von heiteren Kumpanen und sorglosen Vagabunden, und
von einer jungen Schönheit und von dem Mütterchen Wolga. War das nicht
ein Märchen? Hörte er es nicht im Wachen? Wohl eine ganze Stunde lag er
mit offenen Augen in peinvoller Erstarrung, ohne ein Glied zu rühren.
Endlich versuchte er, sich vorsichtig aufzurichten, und mit Freude
merkte er, daß die grausame Folter seine Kraft nicht ganz gebrochen
hatte. Das Fieber mit seinen Visionen war gewichen, jetzt begann für ihn
wieder die Wirklichkeit. Er gewahrte, daß er noch so angekleidet war,
wie während seines Gesprächs mit Katherina: es konnte folglich noch
nicht gar so lange her sein, daß sie ihn verlassen hatte. Eine jähe
Entschlossenheit durchströmte ihn und stählte seine Kraft. Wie er die
dünne Scheidewand betastete, stieß seine Hand an einen großen Nagel, den
man dort zu irgendeinem Zweck eingeschlagen hatte. Er erfaßte ihn und
richtete sich auf, wobei er eine feine Spalte zwischen den dünnen
Brettern der Scheidewand entdeckte, durch die ein kaum bemerkbarer
Lichtschein in sein Zimmer drang. Er legte das Auge an die Öffnung und
hielt den Atem an.

In der einen Ecke des anderen Zimmers stand ein Bett, davor ein Tisch,
über den ein bucharischer Teppich gebreitet lag und der mit großen alten
Büchern in Einbänden, die an alte Kirchenbücher oder sonst welche
heiligen Schriften erinnerten, beladen war. In der Ecke hing ein ebenso
altertümliches Heiligenbild wie dasjenige in Ordynoffs Zimmer, und vor
dem Bilde brannte gleichfalls ein Lämpchen. Auf dem Bett lag Murin, mit
einer Pelzdecke bedeckt, sichtlich entkräftet und krank und bleich wie
ein Leintuch. Auf seinen Knien lag ein aufgeschlagenes Buch. Dicht am
Bett saß auf einer kleinen Bank Katherina; mit den Armen umschlang sie
den Alten und schmiegte sich an seine Brust. Sie sah ihn mit
aufmerksamen, kindlich verwunderten Augen an und schien mit
unersättlicher Neugier fast bebend vor Erwartung seiner Erzählung zu
lauschen. Hin und wieder hob sich die Stimme des Erzählers und dann trat
Leben in sein blasses Gesicht: in seinen Augen blitzte es auf, er zog
die Brauen zusammen, sein Mund zuckte und Katherina schien zu erbleichen
vor Angst und Aufregung. Dann wieder glitt es wie ein Lächeln über das
Antlitz des Alten, und Katherina begann leise zu lachen. Plötzlich
standen Tränen in ihren Augen: und da streichelte der Alte zärtlich über
ihr Köpfchen, wie man ein kleines Kind streichelt, und sie umschlang ihn
fester mit ihren weißen Armen und schmiegte sich noch liebender an seine
Brust.

Anfangs dachte Ordynoff, es sei noch ein Traum, ja, er war sogar
überzeugt davon. Dennoch stieg ihm das Blut zu Kopf und in den Schläfen
hämmerte es schmerzhaft, als wolle es die Adern sprengen. Er ließ den
Nagel los, erhob sich vom Bett und ging leise, wankend und tastend, wie
ein Schlafwandelnder durch sein Zimmer, ohne selbst zu wissen, was er
tat, getrieben von dem Feuerbrand in seinem Blut – und so näherte er
sich der Tür zu dem Zimmer der anderen und stieß sie mit aller Kraft
auf: der verrostete Riegel brach, die Tür flog auf und unter Lärm und
Gepolter trat er einen Schritt über die Schwelle in das Schlafzimmer
seiner Wirtsleute. Er sah, wie Katherina entsetzt emporschnellte und wie
die Augen des Alten unter den zornig zusammengezogenen Brauen funkelten
und wie furchtbarer Jähzorn sein ganzes Gesicht entstellte. Er sah, wie
der Alte, ohne die Augen von ihm abzuwenden, mit irrender Hand nach der
Flinte tastete, die an der Wand hing, wie es in der Mündung aufblitzte,
die die unsichere Hand des Ergrimmten gerade auf seine Brust richtete –
ein Schuß tönte, und gleich darauf ein wilder, fast unmenschlicher
Schrei ...

Als der Rauch sich verflüchtigt hatte, bot sich Ordynoff ein
entsetzlicher Anblick. Zitternd beugte er sich über den Alten. Murin lag
in Krämpfen auf der Diele, Schaum vor dem Munde, das zuckende Gesicht,
in dem von den Augen nur das Weiße zu sehen war, völlig entstellt.
Ordynoff erriet, daß den Unglücklichen ein schwerer Anfall betroffen
hatte. Zusammen mit Katherina kniete er bei ihm nieder, um ihm zu helfen
...


                                  III.

Die ganze Nacht verbrachten sie in Aufregung bei dem Kranken. Am anderen
Tage ging Ordynoff trotz der eigenen noch nicht überstandenen Krankheit
schon frühmorgens hinaus. Auf dem Hofe traf er wieder den Hausknecht.
Diesmal grüßte der Tatar schon von weitem und blickte ihn neugierig an,
schien sich aber plötzlich zu besinnen und machte sich an seinem Besen
etwas zu schaffen – schielte aber doch heimlich nach Ordynoff hinüber,
der sich langsam näherte.

„Nun, hast du in der Nacht nichts gehört?“ fragte ihn Ordynoff.

„Hab’ wohl gehört.“

„Was ist das für ein Mensch? Wer ist er überhaupt?“

„Hast selber gemietet, mußt selber wissen. Nicht meine Sache.“

„Zum Teufel, Bursche, sprich, wenn ich dich frage!“ rief Ordynoff wütend
in einer krankhaften Gereiztheit, die ihm an sich selbst ganz neu war.

„Was denn? Ist doch nicht meine Schuld. Deine eigene Schuld – hast
Menschen erschreckt. Unten wohnt der Sargmacher, der hört sonstig
nichts, aber heut hat er doch gehört, und seine Alte ist sonstig taub
auf beiden Ohren, hat’s aber auch gehört, und auf dem anderen Hof, was
schon weit genug ist, hat man’s auch gehört – da siehst du! Ich werde
auf die Polizei gehen.“

„Nicht nötig, ich gehe bereits,“ sagte Ordynoff und wandte sich zur
Pforte.

„Meinetwegen – hast selber gemietet ... Herr, Herr, wart!“ Ordynoff sah
sich um; der Hausknecht berührte höflich die Mütze.

„Nun?“

„Wenn du gehst, geh ich zum Hauswirt.“

„Und?“

„Zieh lieber aus.“

„Du bist dumm,“ versetzte Ordynoff und wandte sich von neuem zum Gehen.

„Herr, Herr, wart doch!“ Der Hausknecht berührte wieder die Mütze und
grinste halb verlegen: „Herr, ich möchte was raten: halt lieber dein
Herz fest. Wozu armen Mensch verfolgen? Weißt doch – das ist Sünde. Gott
sagt auch, das soll man nicht – weißt doch selber!“

„Nun höre mal – hier, nimm dies. Und nun sage mir: wer ist er?“

„Wer er ist?“

„Ja.“

„Ich sag’ auch ohne Geld.“

Hier griff er wieder nach dem Besen, fegte ein-, zweimal, sah dann
wieder auf und blickte Ordynoff mit wichtiger Miene musternd an.

„Du bist ein guter Herr. Willst du nicht mit guten Menschen leben, dann
nicht, ganz nach deinem Belieben. Da hast du gehört, was ich meine.“

Hieran blickte ihn der Tatar noch ausdrucksvoller an, schien aber, als
er Ordynoffs Gleichgültigkeit bemerkte, gekränkt zu sein und machte sich
wieder mit seinem Besen zu schaffen. Endlich tat er, als habe er die
Arbeit beendet, näherte sich mit geheimnisvoller Miene Ordynoff, machte
eine eigentümliche Geste, deren Bedeutung Ordynoff jedoch gleichfalls
unverständlich blieb, und flüsterte:

„Er ist – verstehst du!“

„Was?“

„Verstand ist fort.“

„Wieso?“

„Wenn ich dir sage! Ich weiß, was ich weiß!“ fuhr er in noch
geheimnisvollerem Tone fort. „Er ist krank. Er hatte eine Barke, solche
große, weißt du, und noch eine und noch eine dritte und vierte, die
fuhren alle auf der Wolga, ich bin selber von der Wolga, und dann hatte
er noch eine Fabrik und die brannte nieder und so kam denn das!“

„Er ist also verrückt?“

„Nein doch, nein! Gar nichts von verrückt! Er ist ein kluger Kopf. Alles
weiß er, viele Bücher hat er gelesen und dann anderen die Wahrheit
gesagt! So – kam jemand: zwei Rubel, drei Rubel, vierzig Rubel, wie
gerade ein jeder gibt – er schlägt das Buch auf und sagt dir alles, so
und so, die ganze Wahrheit! Aber zuerst Geld auf den Tisch, ohne Geld –
kein Wort!“

Und der Tatar lachte vor lauter Gefallen an der Taktik Murins.

„Er hat geweissagt, die Zukunft prophezeit?“

„M–hm!“ Der Hausknecht nickte zur Bestätigung wichtig mit dem Kopf.
„Immer was wahr ist! Er betet zu Gott, betet viel. Aber das – versteh! –
kommt so zuweilen über ihn,“ fügte der Tatar wieder mit seiner
rätselhaften Geste hinzu.

In dem Augenblick rief jemand vom anderen Hof nach dem Hausknecht und
gleich darauf erschien ein kleiner gebeugter alter Mann in einem Pelz.
Er ging hüstelnd und, wie es schien, irgend etwas in seinen grauen
spärlichen Bart murmelnd, mit schleppenden Schritten vorsichtig und
langsam über den Hof, als fürchte er, jeden Augenblick auszugleiten. Man
konnte glauben, es sei ein vor Altersschwäche kindisch gewordener Greis.

„Der Hauswirt! Der Hauswirt!“ flüsterte hastig der Tatar, nickte
Ordynoff flüchtig zu und lief, die Mütze vom Kopf reißend, diensteifrig
zu dem Alten, dessen Gesicht Ordynoff bekannt schien, wenigstens mußte
er ihm unlängst irgendwo schon begegnet sein. Er überlegte noch, daß das
schließlich nicht weiter erstaunlich war, und verließ den Hof. Der
Hausknecht aber schien ihm jetzt ein geriebener Betrüger zu sein.

„Der Kerl hat mich ja einfach dumm machen wollen!“ dachte er. „Gott
weiß, was noch dahintersteckt.“

Damit trat er auf die Straße. Doch neue Eindrücke lenkten ihn bald von
den unangenehmen Gedanken ab. Übrigens waren diese Eindrücke auch nicht
angenehmer Art: Der Tag war grau und kalt und es schneite ein wenig. Er
fühlte, wie ihn wieder Kälteschauer durchrieselten. Es war ihm, als
beginne die Erde unter ihm zu schaukeln. Da vernahm er plötzlich eine
bekannte Stimme, die ihm in übertrieben freundlichem Tone einen guten
Morgen wünschte.

„Jaroslaw Iljitsch!“ sagte Ordynoff.

Vor ihm stand ein gesund aussehender rotwangiger Herr von etwa – dem
Aussehen nach – dreißig Jahren, nicht groß, mit grauen, blanken Äuglein,
das ganze Gesicht ein einziges Lächeln, und gekleidet – nun, wie ein
Jaroslaw Iljitsch immer gekleidet ist. Und mit diesem Lächeln streckte
er ihm verbindlich die Hand entgegen. Ordynoff hatte vor genau einem
Jahre seine Bekanntschaft gemacht, und zwar ganz zufällig, fast auf der
Straße. Was zu dieser Bekanntschaft, abgesehen vom Zufall, in erster
Linie beigetragen, war die besondere Vorliebe Jaroslaw Iljitschs, mit
berühmten und angesehenen Leuten, namentlich mit literarisch gebildeten,
mit bekannten Schriftstellern oder doch wenigstens vielversprechenden
Talenten bekannt zu sein. Obschon dieser Jaroslaw Iljitsch nur eine sehr
süßliche Stimme besaß, so wußte er ihr doch in der Unterhaltung, selbst
mit den aufrichtigsten Freunden, einen ungewöhnlich selbstsicheren,
jovialen und sonoren Ton zu verleihen, der etwas förmlich Imponierendes
hatte – ganz als sei er nun einmal auf Grund einer gewissen
Überlegenheit von vornherein zu disponieren gewohnt, und zwar gleich in
einer Weise, als dulde er überhaupt keinen Widerspruch.

„Wie kommen Sie denn hierher? in diese Gegend?“ rief Jaroslaw Iljitsch
mit dem lebhaftesten Ausdruck herzlicher Freude über das unverhoffte
Wiedersehen.

„Ich wohne hier.“

„Seit wann denn?“ Die Stimme Jaroslaw Iljitschs klang sogleich um einen
Ton oder ein paar Töne höher, denn er war wirklich überrascht und vergaß
daher sozusagen seinen anderen Ton. „Und ich hab’s nicht mal gewußt!
Dann bin ich ja so gut wie Ihr Nachbar! Ich wohne nämlich auch hier,
sogar in nächster Nähe. Schon über einen Monat bin ich aus dem
Rjäsanschen Gouvernement zurückgekehrt. Na, es freut mich, daß ich Sie
doch mal eingefangen habe, bester Freund!“ Und Jaroslaw Iljitsch lachte
sein gutmütiges Lachen. „Ssergejeff!“ rief er, plötzlich sich
zurückwendend, in aufgeräumtester Stimmung. „Erwarte mich bei Tarassoff,
aber daß sie dort ohne mich keinen Sack anrühren! Und dem
Olssufjeffschen Hausknecht gib einen Rüffel und sag ihm, daß er sich
sofort nach dem Geschäft begeben soll. In einer Stunde bin ich da ...“

Und nachdem er diesen Auftrag einem anderen zugerufen, faßte er gut
gelaunt Ordynoff unter den Arm und führte ihn zum nächsten Gasthaus.

„So, das wäre erledigt. Aber jetzt lassen Sie uns nach der langen
Trennung gemütlich ein paar Worte miteinander reden. Nun, sagen Sie
zunächst, wie steht es mit Ihrer Arbeit?“ erkundigte er sich fast
ehrfürchtig und mit gesenkter Stimme, wie eben ein teilnehmender
eingeweihter Freund es tut.

„Ja ... was soll ich Ihnen sagen ... nicht anders, als früher,“
antwortete Ordynoff etwas zerstreut, da er gerade einem ganz anderen
Gedanken nachhing.

„Das ist edel von Ihnen, Wassilij Michailowitsch, sehen Sie, so etwas
erkenne ich an! Das nenne ich, sein Leben einer höheren Idee weihen!“
Hier drückte Jaroslaw Iljitsch Ordynoff kräftig die Hand. „Gott gebe
Ihnen Erfolg auf Ihrem Gebiet ... Himmel! bin ich froh, daß ich Sie
getroffen habe! Doch mal ein andrer Mensch, als so der tagtägliche
Durchschnitt! Wie oft hab’ ich dort an Sie gedacht und mich im stillen
gefragt, wo er wohl jetzt sein mag, unser genialer, geistreicher
Wassilij Michailowitsch!“

Jaroslaw Iljitsch verlangte ein besonderes Zimmer für sich und seinen
Gast, bestellte einen Imbiß, Schnäpse, und was so dazu gehört.

„Ich habe inzwischen recht viel gelesen,“ fuhr er mit einschmeichelndem
Blick und in bescheidenem Tone fort. „Zunächst einmal den ganzen
Puschkin ...“

Ordynoff sah ihn zerstreut an.

„Ja, in der Tat, das muß man ihm lassen: die Schilderung der
menschlichen Leidenschaft ist allerdings ganz bewundernswert bei ihm.
Doch zunächst erlauben Sie mir, Ihnen meinen Dank auszudrücken. Sie
haben so viel für mich getan, eben durch die Klarlegung einer richtigen
Denkart, Ihrer eigenen Weltanschauung, sozusagen ...“

„Aber ich bitte Sie! ...“

„Nein! – erlauben Sie: keine Widerrede! Ich liebe es nun einmal, jedem
Gerechtigkeit widerfahren zu lassen. Und ich bin stolz darauf, daß
wenigstens dieses Gefühl – eben das für die Gerechtigkeit – in mir nicht
eingeschlummert ist.“

„Ich bitte Sie, dann sind Sie gegen sich selbst ungerecht, und ich wüßte
wirklich nicht ...“

„Nein, im Gegenteil, durchaus gerecht,“ widersprach Jaroslaw Iljitsch
mit ungewöhnlichem Eifer. „Was bin ich denn im Vergleich mit Ihnen?
Nicht wahr?“

„Ach, Gott ...“

„O ja ...“

Kurzes Schweigen folgte.

„Als ich aber Ihrem Rat nachkam, habe ich zugleich eine Menge schlechter
Beziehungen aufgegeben, und damit auch, versteht sich, viele schlechte
Gewohnheiten,“ hub nach einem Weilchen Jaroslaw Iljitsch wieder in
demselben Tone an. „In meiner freien Zeit nach dem Dienst sitze ich
jetzt größtenteils zu Hause, lese abends irgendein nützliches Buch und
... ich habe wirklich nur den einen Wunsch, Wassilij Michailowitsch,
meinem Vaterlande zu dienen, d. h. soviel eben in meinen Kräften steht
...“

„Das würde bei Ihren Möglichkeiten nicht wenig sein.“

„Meinen Sie? ... Weiß Gott, Sie legen einem immer Balsam auf die Wunden,
mein edler junger Freund!“

Jaroslaw Iljitsch reichte Ordynoff ungestüm die Hand und dankte mit
einem kräftigen Druck.

„Sie trinken nicht?“ fragte er dann, nachdem sich seine Erregung etwas
gelegt.

„Ich kann nicht, ich bin krank.“

„Krank? Was Sie sagen? Nein, wirklich – in der Tat? Schon lange? – und
wie, wo haben Sie sich denn das zugezogen? Wollen Sie, ich werde sofort
– – welcher Arzt behandelt Sie? Ich werde sogleich meinen Arzt
benachrichtigen, ich eile selbst zu ihm hin. Er ist überaus geschickt,
glauben Sie mir!“

Und Jaroslaw Iljitsch wollte bereits nach seinem Hut greifen.

„Nein, danke, nicht nötig! Ich lasse mich überhaupt nicht behandeln und
liebe Ärzte nicht ...“

„Was Sie sagen? Aber das geht doch nicht so! Wirklich: er ist überaus
geschickt!“ beteuerte Jaroslaw Iljitsch überzeugt. „Vor kurzem noch –
nein, das muß ich Ihnen doch erzählen! – Vor kurzem, ich war gerade bei
ihm, kam ein armer Schlosser zu ihm. ‚Ich habe mir hier,‘ sagt er, ‚die
Hand mit meinem Werkzeug beschädigt. Bitte, Herr Doktor, machen Sie mir
meine Hand wieder gesund ...‘ Nun, Ssemjon Pafnutjitsch sah, daß dem
Armen der Brand drohte und traf sofort seine Vorbereitungen zur
Amputation. Er amputierte in meiner Gegenwart. Aber das tat er so, sage
ich Ihnen, mit solch einer Eleg... das heißt in einer so entzückenden
Weise, daß es, ich muß gestehen – wenn nicht das Mitleid mit dem
leidenden Menschen es verhindert hätte – einfach ein Vergnügen gewesen
wäre, zuzusehen! – ich meine so der Wissenschaft halber. Aber, wie
gesagt, wann und wo haben Sie sich denn Ihre Krankheit geholt?“

„Beim Umzug in meine neue Wohnung ... Ich bin soeben erst aufgestanden.“

„Ja, Sie sehen auch noch recht angegriffen aus. Sie hätten eigentlich
nicht gleich so hinausgehen sollen. Also dann leben Sie nicht mehr dort,
wo Sie früher wohnten? Aber was hat Sie denn zum Umziehen veranlaßt?“

„Meine alte Wirtin verließ Petersburg.“

„Domna Ssawischna? Ist’s möglich? ... Solch eine gute alte Frau! Sie
wissen doch? – ich empfand für sie wirklich fast so etwas wie –
Sohnesgefühle. Es war so etwas ... etwas wie aus Urgroßväterzeiten in
ihrem halb schon begrabenen Leben. Und wenn man sie so ansah, schien es
einem fast, als habe man die guten alten Zeiten selber noch leibhaftig
vor sich ... Das heißt, ich meine so jene gewisse ... eben so eine
gewisse Poesie – Sie verstehen schon, was ich sagen will! ...“ schloß
Jaroslaw Iljitsch etwas konfus und errötete vor Verlegenheit allmählich
bis über die Ohren.

„Ja, sie war eine gute alte Frau.“

„Aber erlauben Sie, zu fragen, wo haben Sie sich denn jetzt
eingemietet?“

„Nicht weit von hier, im Hause eines Koschmaroff.“

„Ah! den kenne ich. Ein prächtiger Alter! Wir sind sogar sehr gut
miteinander bekannt, kann ich sagen, – wirklich, ein netter alter Mann!“

Jaroslaw Iljitsch war es sichtlich sehr angenehm, von diesem netten
alten Mann reden und von sich sagen zu können, daß er mit ihm gut
bekannt sei. Er bestellte noch ein Schnäpschen und begann zu rauchen.

„Haben Sie Ihre eigene Wohnung?“

„Nein, ich lebe wieder bei einem Vermieter.“

„Bei wem denn? Vielleicht kenne ich ihn gleichfalls.“

„Bei Murin, einem Kleinbürger. Ein alter Mann, groß von Wuchs ...“

„Murin ... Murin ... warten Sie mal: auf dem hinteren Hof, über dem
Sargmacher?“

„Ja.“

„Hm ... und haben Sie es dort ruhig?“

„Ich bin erst vor kurzem eingezogen.“

„Hm ... ich meinte nur, hm ... übrigens, ist Ihnen noch nichts
Besonderes aufgefallen?“

„In welchem Sinne? Wie meinen Sie das?“

„Ich will ja nichts gesagt haben ... ich bin ja überzeugt, daß Sie es
bei ihm gut haben werden, wenn Sie mit Ihrem Zimmer zufrieden sind ...
Ich meinte es durchaus nicht in diesem Sinne. Das will ich
vorausgeschickt haben. Aber – da ich eben Ihren Charakter kenne ... Ja,
wie finden Sie denn eigentlich den Alten?“

„Er ist, glaube ich, ein sehr kranker Mensch.“

„Ja, er ist sehr leidend ... Aber haben Sie sonst nichts ...? so was, hm
... Besonderes an ihm bemerkt? Haben Sie mit ihm gesprochen?“

„Nur sehr wenig. Er scheint menschenscheu und wohl auch boshaft zu
sein.“

„Hm ...“ Jaroslaw Iljitsch sann nach.

„Ein unglücklicher Mensch!“ sagte er schließlich nach längerem
Schweigen.

„Er?“

„Ja ... Ein unglücklicher und dabei unglaublich seltsamer und
ungewöhnlicher Mensch. Übrigens, wenn er Sie sonst nicht belästigt ...
Verzeihen Sie, daß ich überhaupt Ihre Aufmerksamkeit auf ihn gelenkt
habe, aber es interessiert mich gewissermaßen selbst ...“

„Ja, da haben Sie nun auch mein Interesse erweckt ... Ich würde jetzt
sehr gern Näheres über ihn erfahren, da ich nun einmal bei ihm wohne –“

„Tja, sehen Sie mal, ich weiß nur so ... dies und das. Man sagt, der
Mensch sei früher sehr reich gewesen. Er war Kaufmann, wie Sie
wahrscheinlich bereits gehört haben. Dann aber traf ihn mancherlei
Unglück und er verarmte. Bei einem Sturm waren mehrere seiner großen
Wolgabarken zerschellt und mit der ganzen Fracht untergegangen. Ferner
hat er eine große Fabrik besessen, deren Leitung, wenn ich nicht irre,
einem Verwandten anvertraut war, und diese Fabrik brannte nieder, wobei
der Verwandte in den Flammen umgekommen sein soll. Das war natürlich ein
schrecklicher Verlust, wie Sie sich denken können. So soll denn auch
Murin, wie man erzählt, nach der Katastrophe in einer solchen Stimmung
gewesen sein, daß man schon für seinen Verstand zu fürchten begann. Und
in der Tat hat er sich auch im Streit mit einem anderen Kaufmann, einem
gleichfalls reichen Barkenbesitzer, so sonderbar benommen, daß man sich
den Vorfall schließlich nicht anders hat erklären können, als eben mit
einer gewissen Geistesstörung, was ich denn auch gelten lassen will. Ich
habe noch manches andere gehört, was für diese Auffassung gleichfalls
sprechen könnte. Dann ist da noch etwas vorgefallen, – etwas, wofür es
eigentlich keine Erklärung mehr gibt, es sei denn, daß man es einfach
als Schicksal auffaßt.“

„Und das war?“ forschte Ordynoff.

„Man sagt, daß er, vermutlich in einem Augenblick des Wahnsinns, einen
jungen Kaufmann, den er bis dahin sogar liebgehabt, umgebracht habe.
Nach begangener Tat aber, als er wieder zur Besinnung gekommen, sei er
darüber so verzweifelt gewesen, daß er sich das Leben habe nehmen
wollen. Wenigstens erzählt man so. Wie dann die Sache verlaufen ist, das
weiß ich nicht genau, eines aber steht fest: daß er nämlich während der
ganzen folgenden Jahre Buße getan hat ... Aber was ist mit Ihnen,
Wassilij Michailowitsch? – strengt meine Erzählung Sie an?“

„Oh, nein, bitte, fahren Sie nur fort ... Sie sagen, er habe Buße getan,
aber vielleicht nicht er allein?“

„Das weiß ich nicht. Wenigstens ist außer ihm niemand in diese
Angelegenheit verwickelt gewesen. Übrigens habe ich nichts Näheres
darüber gehört. Ich weiß nur ...“

„Nun?“

„Ich weiß nur – das heißt, ich habe eigentlich nichts Besonderes
hinzuzufügen ... ich will nur sagen, wenn Ihnen mal etwas
Außergewöhnliches auffallen sollte, dann müssen Sie sich eben sagen, daß
das einfach die Folgen der verschiedenen Schicksalsschläge sind, die ihn
einer nach dem anderen betroffen haben.“

„Er scheint recht gottesfürchtig zu sein. Vielleicht ist er nur
scheinheilig?“

„Das glaube ich nicht, Wassilij Michailowitsch. Er hat so viel gelitten.
Mir scheint er vielmehr ein Mensch mit reinem Herzen zu sein.“

„Aber jetzt ist er doch nicht mehr wahnsinnig? Den Eindruck macht er
wenigstens nicht.“

„O nein, nein! Dessen kann ich Sie versichern. Er ist jetzt zweifellos
wieder im vollen Besitz aller seiner Verstandeskräfte. Nur daß er, wie
Sie ganz richtig bemerkten, sehr gottesfürchtig und wohl auch ziemlich
wortkarg ist. Aber im allgemeinen, wie gesagt, ist er sogar ein sehr
kluger Mensch. Spricht gewandt, sicher ... und ist, wissen Sie,
überhaupt ein findiger Kopf. Seinem Gesicht sieht man übrigens auch
jetzt noch sein stürmisches Leben an. Das pflegt ja gewöhnlich seine
Spuren zu hinterlassen. Wie gesagt, ein seltsamer Mensch, und ungeheuer
belesen!“

„Er liest aber, wie mir scheint, nur religiöse Bücher?“

„Ja, er ist Mystiker.“

„Was?“

„Ein Mystiker. Aber das ganz unter uns gesagt. Ich will Ihnen auch noch
verraten – aber als Geheimnis, das zwischen uns bleiben muß –, daß er
eine Zeitlang unter strengster Aufsicht stand. Dieser Mensch hatte
nämlich einen großen Einfluß auf alle, die zu ihm kamen.“

„Inwiefern das?“

„Es klingt zwar kaum glaublich, aber ... Sehen Sie, damals lebte er noch
nicht in diesem Stadtviertel. Er hatte schon einen gewissen Ruf, und
eines Tages fuhr Alexander Ignatjewitsch – erblicher Ehrenbürger, ein
angesehener, allgemein geachteter Mann – fuhr also eines Tages mit einem
Leutnant zu ihm, natürlich nur aus Neugier. Sie kommen zu ihm, werden
empfangen, und der sonderbare Mensch sieht sie an. Er begann wie
gewöhnlich damit, daß er sich die Gesichter der Leute genau und prüfend
ansah, ehe er dareinwilligte, sich mit den Betreffenden überhaupt
einzulassen. Gefielen sie ihm nicht, so schickte er sie hinaus, und
zwar, wie man sagt, oft in einer sehr unhöflichen Weise. Er fragte also
auch diese, was sie wünschten? Alexander Ignatjewitsch antwortete ihm
darauf, das könne ihm ja seine Gabe und Menschenkenntnis von selbst
sagen. ‚Dann bitte, ins andere Zimmer,‘ antwortete er, indem er sich an
denjenigen wandte, der von beiden allein ein Anliegen an ihn hatte.
Alexander Ignatjewitsch erzählt nun zwar nicht, was er dort im anderen
Zimmer gehört oder erlebt hat – als er aber wieder herausgekommen ist,
da soll er weiß wie Kreide gewesen sein. Dasselbe weiß man auch von
einer Dame der Petersburger Gesellschaft zu berichten: auch sie soll ihn
kreideweiß und in Tränen aufgelöst verlassen haben.“

„Sonderbar. Aber jetzt beschäftigt er sich doch nicht mehr damit?“

„Es ist ihm strengstens untersagt. Übrigens gibt es noch andere
Vorfälle. Ein junger Fähnrich zum Beispiel, der Sproß und die Hoffnung
einer vornehmen Familie, hat es sich einmal erlaubt, über ihn zu
lächeln. ‚Was lachst du?‘ – Mit diesen Worten soll sich der Alte
geärgert zu ihm gewandt haben. ‚In drei Tagen wirst du das sein!‘ Und
dabei kreuzte er seine Arme so über der Brust, wie man sie den Leichen
im Sarge über der Brust zu kreuzen pflegt.“

„Nun, und?“

„Tja, ich wage nicht, daran zu glauben, aber man sagt, die Prophezeiung
sei tatsächlich eingetroffen. Er hat die Gabe, Wassilij Michailowitsch
... Sie beliebten zu lächeln während meiner treuherzigen Erzählung. Ich
weiß, Sie sind mir, was Aufklärung betrifft, weit voraus. Aber ich
glaube nun einmal an ihn. Er ist kein Scharlatan. Übrigens erwähnt auch
Puschkin etwas Ähnliches in seinen Werken.“

„Hm! Ich will Ihnen nicht widersprechen. Aber, Sie sagten, glaube ich,
daß er nicht allein lebe?“

„Das weiß ich nicht ... Ach so, ja, ich glaube, seine Tochter lebt bei
ihm.“

„Seine Tochter?“

„Ja, – oder nein: seine Frau, glaube ich. Ich weiß nur, daß es irgendein
Frauenzimmer ist. Hab’ sie nur flüchtig vom Rücken gesehen und nicht
weiter beachtet.“

„Hm! Sonderbar ...“

Der junge Mann verfiel in Nachdenken. Jaroslaw Iljitsch dagegen in
angenehme Beschaulichkeit. Das Wiedersehen mit Ordynoff hatte ihn
erfreut und fast gerührt, überdies war er sehr mit sich selbst
zufrieden, da er eine so anregende Geschichte hatte erzählen können. Er
saß, betrachtete Ordynoff und rauchte dazu. Plötzlich sprang er
erschrocken auf.

„Mein Gott, da ist schon eine ganze Stunde vergangen und ich denke nicht
mal daran! Bester, teuerster Wassilij Michailowitsch, ich danke dem
Schicksal, daß es uns zusammengeführt hat, aber jetzt – jetzt muß ich
eilen! Ist es erlaubt, Sie einmal in Ihrem Gelehrtenheim aufzusuchen?“

„Warum nicht, bitte, es wird mich sehr freuen. Vielleicht spreche ich
auch einmal bei Ihnen vor, wenn ich Zeit finde ... ich weiß noch nicht
...“

„Was Sie sagen? – Wollen Sie wirklich? Damit würden Sie mich unendlich
erfreuen! Sie glauben nicht, wie sehr es mich ehren würde!“

Sie verließen das Gasthaus. Als sie auf die Straße hinaustraten, stürzte
ihnen Ssergejeff entgegen und meldete, daß William Jemeljanowitsch
sogleich vorüberfahren werde – und sie erblickten auch tatsächlich ein
Paar hellgelber Pferde und ein elegantes Wägelchen im Hintergrunde der
Straße. Jaroslaw Iljitsch drückte die Hand seines „besten“ Freundes,
ganz als gelte es, sie zu zerdrücken, griff an den Hut und eilte dem
Gefährt des Würdenträgers entgegen, wobei er sich unterwegs noch zweimal
nach Ordynoff umsah und ihm zum Abschied wiederholt zunickte.

Ordynoff empfand eine solche Müdigkeit in allen Gliedern, daß er kaum
die Füße zu bewegen vermochte. Mit Mühe schleppte er sich nach Hause. An
der Pforte traf er wieder den Hausknecht, der aus der Ferne aufmerksam
seinen Abschied von Jaroslaw Iljitsch beobachtet hatte und nun sehr
zuvorkommend tat. Doch Ordynoff ging ohne ein Wort an ihm vorüber. In
der Tür stieß er mit einer kleinen grauen Gestalt zusammen, die
gesenkten Blickes gerade aus Murins Wohnung trat.

„Herrgott, vergib mir meine Sünden!“ flüsterte das Kerlchen, indem es
entsetzt zur Seite sprang.

„Verzeihen Sie, habe ich Sie verletzt?“

„N–nein, danke untertänigst für die Aufmerksamkeit ... O Herrgott,
Herrgott!“

Und das kleine Männlein stieg murmelnd, sich räuspernd und fromme
Sprüche flüsternd, mit äußerster Vorsicht die Treppe hinunter. Es war
das der Hauswirt: derselbe, dem gegenüber der Tatar sich so überaus
dienstfertig gezeigt hatte. Und jetzt erinnerte sich Ordynoff, daß er
dieses gebrechliche Männlein bei Murin bereits an dem Tage gesehen
hatte, als er einzog.

Er fühlte, daß die letzten Erlebnisse seine Nerven erschüttert und
überreizt hatten; wußte auch, daß seine Phantasie und Empfindsamkeit
aufs äußerste erregt waren, und er nahm sich daher vor, sich vor allem
selbst nicht zu trauen. Allmählich verfiel er wieder in einen Zustand
völliger Regungslosigkeit, der ihn wie ein Gefühl bleierner Schwere
gefangen hielt und seine Brust wie mit einer Zentnerlast bedrückte,
unter der sich sein Herz in dumpfer Sehnsucht quälte. Seine ganze Seele
war voll von lautlosen, unversiegbaren Tränen ...

Er sank wieder auf das Bett, das sie für ihn zurechtgemacht hatte, und
begann von neuem zu lauschen. Deutlich unterschied er das Atmen zweier
Menschen im Nebenzimmer, das eine war schwer, krankhaft, ungleichmäßig,
das andere sanft, oft gar nicht vernehmbar, auch unregelmäßig, doch wie
von innerer Erregung beherrscht: als schlage dort ein Herz in dem
gleichen Verlangen, in der gleichen Leidenschaft. Hin und wieder hörte
er ihre leisen, weichen Schritte und das Geräusch ihrer Kleider, und
jede Bewegung ihrer Füße erweckte in seiner Brust einen dumpfen,
qualvollen und doch süßen Schmerz. Endlich schien es ihm, als höre er
ein leises Schluchzen und dann ein inbrünstiges Gebet. Da wußte er, daß
sie vor dem Heiligenbilde auf den Knien lag und in Verzweiflung die
Hände rang ... Wer war sie? Für wen betete sie? Welch eine
verzweiflungsvolle Leidenschaft marterte ihr Herz? Weshalb quälte es
sich und grämte es sich und ergoß es sich in so heißen und
hoffnungslosen Tränen?

Er begann, alles, was sie zu ihm gesprochen, sich ins Gedächtnis
zurückzurufen, jedes Wort, das noch wie Musik in seinen Ohren klang, und
auf jede Erinnerung, auf jeden Ausdruck, den er in Gedanken andächtig
wiederholte, antwortete sein Herz mit einem dumpfen schweren Schlage ...
Einen Augenblick schien es ihm, als sehe er das alles nur im Traum. Doch
in demselben Augenblick erbebte auch schon sein ganzes Wesen bis ins
Mark, daß er zu vergehen glaubte vor Schmerz und Sehnsucht, als er in
der Erinnerung nun wieder ihren heißen Atem, ihre weiche Wange und ihren
glühenden Kuß zu spüren meinte. Er schloß die Augen und verlor sich in
seligen Gefühlen. Irgendwo schlug eine Uhr. Es wurde spät. Die Dämmerung
sank.

Plötzlich war ihm, als neige sie sich wieder über ihn und sehe ihn an
mit ihren wundersamen, klaren Augen, die feucht schimmerten von
glänzenden Tränen und einem hellen Glück, so still und rein, wie der
hohe unendliche Himmel an einem heißen Sommertage. Und aus ihrem Antlitz
sprach eine so feierliche Stille und ihr Lächeln war eine solche
Verheißung von unendlicher Seligkeit, war so voll Mitleid und
Barmherzigkeit, und so voll kindlicher, vertrauensseliger Hingebung
schmiegte sie sich an seine Schulter, daß ein Stöhnen sich seiner
entkräfteten Brust entrang vor lauter Glück. Es war, als wolle sie ihm
etwas sagen, etwas ihm anvertrauen. Wieder glaubte er, den Klang einer
Stimme zu vernehmen, der sein Herz durchbohrte. Gierig atmete er die
Luft ein, die ihr naher Atem erwärmte und gleichsam mit einer
elektrischen Spannung für ihn erfüllte. In Sehnsucht streckte er die
Arme aus, schöpfte tief Atem und schlug die Augen auf ... Sie stand vor
ihm, über ihn gebeugt, bleich wie nach einem großen Schreck, am ganzen
Körper vor Aufregung zitternd. Sie sprach etwas zu ihm, sie flehte und
rang die Hände. Er umschlang sie mit seinen Armen, sie sank zitternd an
seine Brust ...


                                  IV.

„Was hast du? Was ist dir geschehen?“ fragte Ordynoff, plötzlich
erwacht, sie immer noch in starker und heißer Umarmung an sich pressend.
„Was fehlt dir, Katherina? Was ist dir zugestoßen, mein Lieb?“

Sie weinte leise und verbarg ihr glühendes Gesicht an seiner Brust.
Lange Zeit vermochte sie nichts zu sprechen. Ihr ganzer Körper zitterte,
wie nach einem großen Schreck.

„Ich weiß nicht, ich weiß es nicht,“ brachte sie endlich kaum vernehmbar
hervor, als stehe ihr das Herz still vor Angst, „ich weiß auch nicht,
wie ich zu dir gekommen bin ...“ Und sie schmiegte sich noch fester an
ihn, und in einem unbezwingbaren, krankhaften Gefühl küßte sie seine
Schulter, seinen Arm, seine Brust. Endlich, wie in Verzweiflung, preßte
sie die Hände vor das Gesicht und sank in die Kniee. Als aber Ordynoff
sie in einem unsagbaren Gefühl von Beklemmung emporhob und sie neben
sich niedersetzen ließ, da errötete sie heiß vor Scham und ihre Augen
baten wie um Gnade, und das Lächeln, das sie auf ihre Lippen zwang,
verriet, daß sie kaum zu versuchen wagte, die unbezwingbare Macht der
neuen Empfindung zu brechen, denn der Versuch wäre ja doch fruchtlos
gewesen. Plötzlich schien wieder etwas sie zu erschrecken: mißtrauisch
schob sie ihn mit der Hand zurück, sah ihn kaum mehr an und antwortete
gesenkten Blickes nur angstvoll und leise auf seine sich überstürzenden
Fragen. –

„Hat dich vielleicht ein böser Traum geängstigt? Oder ist dir sonst
etwas Böses zugestoßen? Sag doch! Oder hat er dich erschreckt? ... Er
fiebert und phantasiert ... Vielleicht hat er im Fieber etwas
gesprochen, was du nicht hättest hören sollen? ... Du hast etwas
Furchtbares gehört? Ja? Oder war es nur ein Traum?“

„Nein ... ich schlief ja gar nicht,“ antwortete Katherina, mit Mühe ihre
Aufregung niederringend. „Ich fand keinen Schlaf. Er aber schwieg, nur
einmal rief er mich. Ich trat an sein Bett, sprach zu ihm, rief ihn –
ich ängstigte mich so! – aber er hörte mich nicht und wachte nicht auf.
Er ist sehr schwer krank, möge der liebe Gott ihm helfen! Da senkte sich
wieder der Gram in mein Herz, bitterer Gram, und ich betete, betete! Und
da, sieh, da kam das über mich ...“

„Beruhige dich, Katherina, sei ruhig, mein Lieb, sei ruhig! Wir haben
dich gestern erschreckt ...“

„Nein, ich erschrak ja gar nicht!“ ...

„Was ist es denn? Ist dir denn das auch früher schon geschehen?“

„Ja, auch früher schon!“ Und sie erbebte und schmiegte sich wieder wie
ein geängstigtes Kind an ihn. „Sieh, ich bin doch nicht umsonst zu dir
gekommen,“ sagte sie, ihr Weinen unterbrechend, und dankbar drückte sie
ihm die Hände, „und nicht umsonst wurde es mir so schwer, allein zu
sein! Also nicht mehr weinen, weine auch du nicht, wozu solltest du um
fremdes Leid Tränen vergießen! Spare sie für trübe Tage, wenn es dir in
der Einsamkeit schwer wird und du keinen Menschen bei dir hast! ...
Höre, hattest du eine Geliebte?“

„Nein ... vor dir – keine ...“

„Vor mir? ... Du nennst mich deine Geliebte?“

Sie sah ihn plötzlich mit Verwunderung an, wollte etwas sagen, schwieg
aber und senkte den Blick. Leise stieg ihr die Röte ins Gesicht, das
plötzlich wie in Flammenglut getaucht stand. Leuchtender, durch die
vergossenen Tränen glänzten ihre Augen und eine Frage schien auf ihren
Lippen zu schweben. Mit verschämter Schelmerei blickte sie ein-, zweimal
zu ihm auf, dann senkte sie plötzlich wieder den Kopf.

„Nein, ich kann nicht deine erste Liebe sein,“ sagte sie, und „nein,
nein,“ wiederholte sie nachdenklich mit leisem Kopfschütteln, und
allmählich erschien wieder ein stilles Lächeln auf ihren Lippen, „nein,
mein Lieber,“ fuhr sie fort, „ich werde nicht deine Geliebte sein!“

Und sie sah ihn an, aber da sprach plötzlich so viel Weh aus ihrem
Gesicht, eine so hoffnungslose Trauer, und so überraschend brach aus
ihrem Innersten Verzweiflung hervor, daß Ordynoff ein unbegreifliches
krankhaftes Gefühl des Mitleids mit ihrem ihm unbekannten Leid erfaßte:
und er sah sie an, wie einer, dessen Mitleid ihm selbst zur noch
größeren Qual wird.

„Höre, was ich dir sagen werde,“ sagte sie mit einer Stimme, die ihm ins
Herz schnitt, und sie nahm seine Hände und drückte sie, wie um
aufsteigende Tränen zu ersticken. „Höre mich an, Lieber, und vergiß es
nicht, was ich dir sage: bezähme du dein Herz und liebe mich nicht so,
wie du mich jetzt liebst. Es wird dir dann leichter sein, du wirst dich
vor einem argen Feinde bewahren und eine liebe Schwester gewinnen. Ich
werde zu dir kommen, wenn du willst, werde dich liebkosen und es mir
doch nicht zur Schande werden lassen, daß ich dich kennen gelernt habe.
War ich doch auch Tag und Nacht bei dir, als du das böse Fieber hattest!
Nimm mich als Schwester! Wir sind doch nicht umsonst einander gut und
nicht umsonst hab’ ich unter Tränen für dich zur Gottesmutter gebetet!
Eine andere wirst du nicht finden. Suche auf dem ganzen Erdenrund,
durchsuche den Himmel – nein, glaube mir, du wirst keine zweite finden,
die dir eine solche Geliebte sein wird, wie ich, wenn es Liebe ist, um
was dein Herz bittet. Oh, glühend werde ich dich lieben, werde dich ewig
so lieben wie jetzt, und werde dich deshalb lieben, weil deine Seele so
rein ist, so hell, so ... so durchsichtig! – ich werde dich lieben, weil
ich, als ich dich zum ersten Male sah, sogleich fühlte, daß du meines
Hauses Gast bist, ein erwünschter, ein ersehnter Gast, und uns nicht
ohne Grund um Aufnahme batest. Ich werde dich lieben, weil deine Augen
lieben, wenn du einen ansiehst, und von deinem Herzen künden. Und wenn
sie etwas sagen, dann weiß ich gleich alles, was in dir ist, und dafür
möchte man dann das Leben hingeben, um dieser deiner Liebe willen,
möchte alle Freiheit dem eigenen Willen nehmen, denn es ist süß,
desjenigen Sklavin zu sein, dessen Herz man gefunden hat ... Aber _mein_
Leben, das gehört ja nicht mir, das ist schon fremdes Eigentum, und der
Wille ist gebunden! Doch die Schwester nimm und sei mir ein Bruder und
hilf mir mit deinem Herzen, wenn wieder das Schlimme mich anficht. Nur
sorge du selbst, daß ich mich nicht zu schämen brauche, zu dir zu kommen
und die lange Nacht wie jetzt bei dir zu bleiben. Hörst du mich? Hat
auch dein Herz es gehört? Hast du auch alles verstanden, was ich dir
sagte? ...“ Sie wollte noch etwas hinzufügen, sah zu ihm auf und legte
die Hand auf seine Schulter, doch da war es, als verließe sie alle
Kraft, aufschluchzend sank sie an seine Brust und in einem Weinkrampf
tobte ihre Leidenschaft sich aus. Ihre Brust wogte, ihr Gesicht brannte
wie in Glut.

„Mein Leben!“ stammelte Ordynoff, dem die Erregung die Augen umflorte
und den Atem benahm. „Meine Wonne ... du!“ flüsterte er, ohne zu wissen,
was er sagte, ohne die Worte, ohne sich selbst zu begreifen, zitternd
vor Furcht, mit einem Hauch den ganzen Zauber zu zerstören, den ganzen
Sinnenrausch, und damit alles, was mit ihm geschah und um ihn war und
was er eher für Unwirklichkeit als für Wirklichkeit hielt: so entrückt
fühlte er sich! „Ich weiß nicht, ich verstehe dich nicht, ich habe
vergessen, was du mir sagtest, alle Vernunft ist in mir erloschen – nur
das Herz fühle ich ... meine Königin du!“ ...

Seine Stimme versagte vor Aufregung. Sie schmiegte sich immer fester,
immer wärmer, glühender an ihn. Da erhob er sich taumelnd und, unfähig,
sich noch länger zu bezwingen, wie entkräftet vor Seligkeit, sank er in
die Knie vor ihr. Eine Erschütterung wie ein Schluchzen brach endlich
schmerzhaft aus seiner Brust hervor und durchrieselte seinen ganzen
Körper – und von der Fülle der noch nie empfundenen Verzückung bebte
seine Stimme, die tief aus seinem Innersten hervordrang, wie der Ton
einer Saite, die man in Schwingung gebracht.

„Wer bist du, wer warst du? Woher kommst du? Aus welchem Himmel bist du
zu mir herabgestiegen? Es ist ja alles wie ein Traum, ich kann noch
nicht glauben, daß du wirklich bist! Schilt mich nicht ... laß mich
sprechen, laß mich alles dir sagen, alles! ... Ich habe schon lange
einmal sprechen wollen ... wer bist du, meine Freude, sag? Wie hast du
mein Herz gefunden? Erzähle mir, bist du schon lange meine Schwester?
... Wo warst du bisher, erzähl mir von dir, – erzähl mir, wo hast du
früher gelebt, was hast du dort geliebt? Erzähle mir alles, ich will
alles von dir wissen! Wo ist deine Heimat? Ist der Himmel dort wie bei
uns? Wer war dir dort nahe, wer hat dich vor mir geliebt? Zu wem hat
dich zuerst dein Herz gedrängt? ... Hast du deine Mutter gekannt und hat
sie dich als Kind geliebkost und gepflegt oder bist du wie ich unter
Fremden aufgewachsen? Sage mir, bist du immer so gewesen? Erzähl mir von
deinen Träumen und Wünschen und was von ihnen in Erfüllung gegangen ist
und was nicht – erzähle mir alles! ... Wer war der erste, den dein
Mädchenherz liebgewann und wofür hast du es ihm hingegeben? Sage mir,
was soll _ich_ dafür geben, was muß _ich_ dir geben ... für – dich?! ...
Sag mir, mein Lieb, meine Sonne, mein Schwesterchen, sag mir, womit kann
ich mir dein Herz verdienen?“

Seine Stimme versagte und er preßte den Kopf in ihren Schoß. Als er aber
aufblickte, überlief es ihn vor Schreck: Katherina saß totenblaß und
regungslos auf dem Bett, ihre Augen starrten mit leerem Blick über ihn
hinweg in die Luft, nur ihre Lippen zitterten in stummem, unsagbarem
Schmerz. Langsam erhob sie sich, wankte zwei Schritte vom Bett und fiel
vor dem alten Heiligenbilde nieder ... sinnlose, unverständliche Worte
entrangen sich stoßweise ihrer Brust. Sie schien ohnmächtig zu werden.
Ordynoff hob sie auf, trug sie auf sein Bett und stand in atemloser
Angst über sie gebeugt. Nach einer Weile schlug sie die Augen auf,
bewegte sich, wie um sich auf den Ellbogen zu stützen, sah sich mit
irrem Blick im Zimmer um, sah zu ihm auf und tastete nach seiner Hand.
Sie zog ihn näher zu sich, ihre Lippen bewegten sich, als wollte sie
etwas sagen, aber sie konnte nichts hervorbringen. Endlich brach sie in
einen Strom von Tränen aus.

Sie stammelte ein paar Worte, aber das Schluchzen zerriß dieselben und
erstickte ihre Stimme. Als sie dann wieder den Kopf hob, sah sie mit
solch einer Verzweiflung Ordynoff an, daß er, der sie nicht verstand,
sich näher über sie beugte, um keinen Laut aus ihrem Munde zu verlieren.
Endlich hörte er sie deutlich flüstern:

„Ich bin verdorben, man hat mich verdorben, ich bin verloren!“

Ordynoff erhob jäh den Kopf und sah sie voll Bestürzung an. Ein
gemeiner, scheußlicher Gedanke durchzuckte ihn. Und Katherina sah dieses
plötzliche schmerzliche Zusammenzucken seines Gesichtes.

„Ja! Verdorben!“ stieß sie hervor, „ein böser Mensch hat mich verführt,
– _er_, _er_ ist mein Verderber! ... Ich habe ihm meine Seele verkauft
... Warum, oh, warum hast du von der Mutter gesprochen! Wozu brauchtest
du mich daran zu erinnern: Gott möge dir ... möge dir verzeihen! ...“

Und sie weinte still vor sich hin. Ordynoffs Herz schlug so todesweh,
daß er vor Schmerz hätte aufschreien mögen.

„Er sagt,“ flüsterte sie geheimnisvoll, mit zurückgehaltenem Atem, „er
sagt, wenn er stirbt, wird er kommen und meine sündige Seele holen ...
Ich gehöre ihm, ich hab’ ihm meine sündige Seele verkauft ... Und jetzt
quält er mich und liest mir aus seinen Büchern vor ... Dort, sieh, das
ist sein Buch! Dort! Er sagt, ich habe eine Todsünde begangen ... Sieh,
da liegt sein Buch, sieh ...“

Und sie wies mit Grauen auf einen großen Band. Ordynoff hatte nicht
bemerkt, wie der in sein Zimmer geraten war. Er nahm ihn mechanisch – es
war eines von jenen mit reichem Bilderschmuck ausgestatteten Büchern der
Altgläubigen, wie er sie früher einmal gelegentlich gesehen hatte. Doch
war er unfähig, seine Aufmerksamkeit auf irgend etwas zu lenken.

Sacht umfing er sie und redete ihr beruhigend zu.

„Denk nicht daran, laß das jetzt ... Man hat dich geängstigt und
erschreckt ... ich bin ja bei dir ... Ruhe dich bei mir aus, mein Lieb,
mein Licht!“

„Du weißt noch nichts! nichts!“ Sie umklammerte wieder seine Hände. „Ich
bin ja immer so! ... Immer fürchte ich mich ... Aber du, nein, du quäle
mich nicht, quäle mich nicht! ...“

„Ich gehe dann zu ihm,“ fuhr sie nach einer Weile fort. „Manchmal
bespricht er mich einfach mit seinen eigenen Worten, ein anderes Mal
nimmt er sein Buch, das größte, und liest mir vor – liest so drohende
und strenge Worte! – ich weiß nicht, was es ist, und ich verstehe auch
nicht jedes Wort, aber mich überkommt dann solch eine Angst, und wenn
ich auf seine Stimme horche, ist es mir, als spräche das gar nicht er,
sondern ein anderer, kein guter, sondern einer, den nichts erweicht und
der so unerbittlich ist, daß es mir das Herz zermalmt und die Qual noch
größer wird, als zu Anfang mein Gram war!“

„Geh nicht mehr zu ihm! Warum gehst du zu ihm?“ sagte Ordynoff, ohne
sich dessen recht bewußt zu sein, was er sprach.

„Warum bin ich zu dir gekommen? Frag mich – ich weiß es nicht ... Er
aber sagt mir immer: bete, bete, bete! Zuweilen stehe ich in dunkler
Nacht auf und bete lange –, stundenlang. Oft übermannt mich der Schlaf,
aber die Angst weckt mich wieder, immer wieder, und dann kommt es mir
vor, daß ringsum ein dunkles Gewitter aufsteigt, daß mir Schlimmes
droht, daß die Bösen mich zu Tode quälen und zerreißen werden, daß ich
keines Menschen Hilfe zu erflehen vermag und mich niemand vor dem
Furchtbaren retten kann. Meine Seele will sich selbst verzehren, und es
ist, als wolle sich mein ganzer Körper in Tränen auflösen ... Dann fange
ich wieder an, zu beten, und bete und bete, bis die Gottesmutter
liebevoller auf mich herabschaut. Dann erst stehe ich auf und gehe
halbtot wieder zu Bett, manchmal aber schlafe ich auch so vor dem
Heiligenbilde kniend ein. Da kommt es denn vor, daß er erwacht und mich
ruft ... und dann liebkost und tröstet und beruhigt er mich ... und dann
wird mir wohl viel leichter. Ja, gleichviel was für ein Unglück auch
noch käme, bei ihm fürchte ich mich nicht mehr. Er ist mächtig! Groß ist
sein Wort!“

„Aber was, was ist denn dein Unglück?!“ ... fragte Ordynoff zitternd,
mit Verzweiflung im Herzen.

Katherina erbleichte. Sie sah ihn wie eine zum Tode Verurteilte an, der
man die letzte Hoffnung auf Gnade nimmt.

„Ich ... ich bin verflucht, ich bin eine Seelenmörderin, meine Mutter
hat mich verflucht! Ich habe meine eigene Mutter umgebracht!“ ...

Ordynoff umschlang sie wortlos. Bebend schmiegte sie sich an ihn. Er
fühlte, wie ein Zittern ihren Körper durchlief, als wolle sich ihre
Seele diesem Körper entringen.

„Ich habe sie unter die feuchte Erde gebracht,“ sagte sie, ganz
beherrscht von der Erinnerung und ihrer Aufregung – und sie schien das
unwiderruflich Geschehene, unwiederbringlich Vergangene in diesen
Augenblicken noch einmal zu erleben. „Ich wollte es schon lange sagen,
aber er verbot es mir immer, bald mit Bitten, bald mit Vorwürfen und
zornigen Worten. Zuweilen freilich beginnt er selbst, mich daran zu
erinnern, als wäre er mein Feind und Widersacher. Mir aber kommt alles
das – so auch heute nacht – wie stets und immer gegenwärtig vor ...
Höre, höre mich! Das ist schon lange, sehr lange her, ich weiß nicht
einmal mehr, wann es war, und doch steht es vor mir, als wäre es gestern
gewesen, wie ein Traum der letzten Nacht, der bis zum Morgen mein Herz
bedrückt hat. Der Gram macht die Zeit noch einmal so lang. Setze dich,
setze dich hierher, ich werde dir mein ganzes Leid erzählen – verfluche
mich, die ich schon verflucht bin ... Ich will dir mein ganzes Leben
anvertrauen ...“

Ordynoff wollte sie aufhalten, wollte sie am Sprechen verhindern, doch
sie faltete die Hände, wie um ihn bei seiner Liebe anzuflehen, ihr doch
Gehör zu schenken, und dann fuhr sie in noch größerer Erregung fort.
Ihre Erzählung war wirr und sprunghaft, ihre Stimme verriet den Sturm,
der in ihrer Seele tobte, aber trotzdem verstand Ordynoff alles, denn
ihr Leben war für ihn zu seinem eigenen Leben geworden, ihr Leid auch
sein Leid. Er glaubte wieder seinen Feind vor sich zu sehen. Der Feind
wuchs vor ihm auf mit jedem ihrer Worte und ward immer greifbarer, und
es war ihm, als presse er mit ungeheurer Kraft sein Herz zusammen und
spotte obendrein mit höhnischen Schimpfworten seiner Wut. Sein Blut
begann zu sieden, drängte sich heiß in seine Gedanken und brachte sie in
Verwirrung. Da war es ihm denn, als stehe der boshafte Alte aus seinem
Traum plötzlich auf (Ordynoff war davon überzeugt) und stände leibhaftig
vor ihm.

„Es war eine Nacht wie heute,“ begann Katherina, „nur viel dunkler und
grausiger, und der Wind heulte durch unseren Wald, wie ich es noch nie
gehört hatte ... begann schon in jener Nacht mein Verderben? ... Die
Eiche vor unseren Fenstern brach. Ich weiß noch, der alte Bettler, der
immer zu uns kam – er war schon ein ganz, ganz alter Mann – erzählte,
daß er sich dieser Eiche noch aus seiner Kindheit erinnere: damals sei
sie schon ebenso groß gewesen, wie dann, als der Sturm sie brach. In
derselben Nacht – wie heute entsinne ich mich dessen noch! – wurden
Vaters Barken auf dem Fluß von diesem Sturm zertrümmert, und als die
Fischer zu uns gelaufen kamen – wir wohnten bei der Fabrik – da fuhr der
Vater gleich selbst zum Fluß, obschon er krank war. Wir blieben allein,
Mutter und ich. Wir saßen beide im Zimmer, ich schlummerte, Mutter aber
war so traurig und weinte still ... und ich wußte, warum sie weinte. Sie
war erst vor kurzem vom Krankenbett aufgestanden, war noch ganz blaß und
sagte mir immer, ich solle ihr das Totenhemd nähen ... Plötzlich, um
Mitternacht, höre ich: jemand klopft draußen an die Pforte. Ich sprang
auf, alles Blut strömte mir zum Herzen – die Mutter schrie auf vor
Schreck ... Ich sah nicht nach ihr hin, ich fürchtete mich, aber ich
nahm die Laterne und ging selbst hinaus, um zu öffnen ... Das war er!
Mir wurde bange, denn ich bangte mich immer, wenn er kam, und das schon
von Kindheit an, soweit meine Erinnerung zurückreicht, seitdem ich
überhaupt denken kann! Damals hatte er noch kein graues Haar: sein Bart
war dunkel und sein Blick brannte wie Feuer. Bis dahin hatte er mich
noch kein einziges Mal freundlich angesehen. Er fragte: ‚Ist die Mutter
zu Hause?‘ Ich schloß die Pforte und sagte, daß der Vater nicht zu Hause
sei. Er sagte darauf nur: ‚Ich weiß,‘ und plötzlich sah er mich an, so
an ... zum ersten Male sah er so auf mich. Ich wandte mich zum Gehen, er
aber stand immer noch. ‚Warum kommst du nicht herein?‘ – ‚Ich überlege,‘
sagte er. Langsam folgte er mir – als wir aber eintraten, fragte er
plötzlich leise: ‚Warum sagtest du mir, daß der Vater nicht zu Hause
sei, als ich nach deiner Mutter fragte?‘ Ich schwieg ... Die Mutter
erstarrte, als sie ihn sah – und wollte dann zu ihm stürzen ... Er aber
schenkte ihr kaum einen Blick – ich sah alles. Er war ganz naß und
durchfroren – woher er kam und wo er sich aufhielt, das haben Mutter und
ich nie gewußt. Damals hatten wir ihn schon ganze neun Wochen nicht
gesehen ... Die Mütze warf er nun auf den Tisch, die Fausthandschuhe
streifte er ab – neigte sich aber nicht vor den Heiligenbildern, bot
keinen Gruß der Hausfrau – sondern setzte sich ans Feuer ...“

Katherina stützte den Kopf in die Hand, als bedrücke und quäle sie
etwas, doch schon bald erhob sie ihn wieder und fuhr fort:

„Er fing an, mit der Mutter tatarisch zu sprechen. Ich verstand kein
Wort. Früher hatte man mich immer fortgeschickt, wenn er kam; damals
aber wagte die Mutter nicht, ihrem eigenen Kinde ein Wort zu sagen. Der
Böse kaufte meine Seele, ich aber sah die Mutter an, als wäre ich stolz
darauf. Ich merkte, daß sie von mir sprachen. Mutter begann zu weinen.
Ich sah, wie seine Hand wieder an seinen Dolch fuhr – in der letzten
Zeit hatte ich schon mehrmals seine Hand nach dem Dolch, den er vorn im
Gürtel trug, greifen sehen, wenn er mit der Mutter sprach. Ich stand auf
und griff nach seinem Gürtel, um ihm den Dolch zu entreißen. Er aber
knirschte vor Wut und wollte mich fortstoßen – stieß mich auch vor die
Brust, doch ich ließ nicht los. Ich dachte, jetzt sterbe ich auf der
Stelle; es wurde mir dunkel vor den Augen und ich brach lautlos
zusammen, aber ich schrie nicht auf. Und da sah ich, obschon mir fast
die Sinne schwanden, – wie er seinen Gürtel abnahm und den Ärmel an der
Hand aufstreifte, mit der er mich gestoßen, und den kaukasischen Dolch
aus der Scheide zog und ihn mir reichte: ‚Da, schneide sie ab, die Hand,
räche an ihr, was sie dir tat; ich aber, du Stolze, werde mich dafür
tief bis zur Erde vor dir verneigen.‘ Ich legte den Dolch beiseite. Mein
Herz begann dumpf zu schlagen, aber ich sah nicht nach ihm hin. Ich weiß
noch, ich lächelte, sagte aber kein Wort und sah nur der Mutter in die
traurigen Augen, und sah sie zornig an, während zugleich ein schlechtes
Lächeln auf meinen Lippen blieb. Und die Mutter saß ganz bleich und
totenstill ...“

Ordynoff lauschte mit unendlicher Spannung jedem Wort ihrer Erzählung.
Doch allmählich legte sich ihre Erregung und ihre Rede wurde ruhiger.
Die Erinnerung überwältigte das arme junge Weib und löste ihren Gram in
ein Gefühl auf, das weit hinaus über das ganze uferlose Meer ihrer Sinne
reichte.

„Er nahm die Mütze, ohne zu grüßen. Und ich nahm wieder die Laterne, um
ihn hinauszugeleiten, indem ich der Mutter zuvorkam, die, obwohl sie
noch krank war, doch aufstehen und ihm das Geleit geben wollte. Wir
kamen zur Pforte, ich öffnete sie ihm, verscheuchte die Hunde, schwieg
aber. Er blieb stehen und plötzlich nimmt er die Mütze ab und grüßt mich
mit einem Gruß bis zur Erde. Zugleich sehe ich, wie er die Hand in den
Mantel schiebt und aus der Brusttasche ein kleines, mit rotem
Saffianleder überzogenes Kästchen hervorholt und es öffnet. Ich sehe
hin: es sind echte Perlen. Sie sollten für mich sein. ‚Ich habe,‘ sagte
er, ‚im Städtchen eine Schöne, der wollte ich zum Gruß diese Perlen
bringen, doch nun habe ich sie nicht ihr gebracht: nimm sie, schönes
Mädchen, schmücke mit ihnen deine Schönheit oder zertritt sie mit dem
Fuß, wie du willst, aber nimm sie.‘ Ich nahm sie, aber zertreten wollte
ich sie nicht – das wäre zuviel Ehre gewesen. So nahm ich sie tückisch
und sagte kein Wort. Ich kehrte zurück in das Zimmer und legte sie vor
der Mutter auf den Tisch – dazu hatte ich sie genommen! Sie schwieg
lange Zeit und war wie ein Handtuch so bleich, und, es war, als hatte
sie Furcht, mit mir zu sprechen. ‚Was bedeutet das, Katjä?‘ fragte sie
endlich. Ich aber sagte: ‚Dir, Mutter, hat es der Kaufmann gebracht,
mehr weiß ich davon nicht.‘ Und ich sah, wie ihr die Tränen über die
Wangen herabrollten und wie das Atmen ihr schwer wurde. ‚Nicht mir,
böses Töchterchen, nicht mir!‘ Ich weiß noch, so weh sprach sie die
Worte, so weh, als sei ihre ganze Seele voll Tränen. Und ich sah auf –
ich wollte mich zu ihren Füßen niederwerfen, aber statt dessen sagte
ich, was mir der böse Geist plötzlich eingab: ‚Nun, wenn nicht dir, dann
wohl dem Vater. Wenn er zurückkehrt, werde ich sie ihm geben und ihm
sagen, daß Kaufleute hier waren und ihre Ware vergessen haben ...‘ Da
brach sie in Tränen aus und weinte bitterlich ... ‚Das werde ich selbst
tun, werde dem Vater sagen, was für Kaufleute hier waren und nach was
für einer Ware sie fragten ... Ich werde es ihm schon sagen, wessen
Tochter du bist, du Gottlose! Du bist nicht mehr meine Tochter, du bist
eine arglistige Schlange! Als mein Kind verfluche ich dich!‘ Ich schwieg
und keine Träne trat mir ins Auge ... Ach! es war alles wie erstorben in
mir ... Ich ging hinauf in mein Mädchenzimmer und die ganze Nacht
horchte ich auf den Sturm und zusammen mit dem Sturm, das fühlte ich,
immer lauschend, entstanden in mir meine Gedanken.

„Fünf Tage vergingen. Dann kehrte gegen Abend der Vater heim, düster und
böse, denn unterwegs hatte ihn die Krankheit noch mehr mitgenommen. Ich
sah, den einen Arm trug er in der Binde – da erriet ich, daß der Feind
seinen Weg gekreuzt hatte. Und der Feind hatte ihn krank gemacht. Und
ich wußte auch, wer sein Feind war: Ich wußte alles! ... Mit der Mutter
sprach er kein Wort, nach mir fragte er nicht, die Leute ließ er alle
zusammenrufen und befahl, die Fabrik stillstehen zu lassen und das Haus
vor Fremden zu hüten. Da ahnte mein Herz, daß in unserem Hause etwas
nicht gut war. So wachten wir denn. Die Nacht verging langsam, wieder
stürmte es draußen im Dunkeln und meine Seele wurde von Erregung
geschüttelt. Ich öffnete das Fenster – mein Gesicht glühte, meine Augen
weinten und mein Herz konnte keine Ruhe finden. Wie Feuer brannte es in
mir! So – hinaus hätte ich mögen, hinaus aus dem drückenden Zimmer, und
weit weg, bis ans Ende der Welt, wo die Blitze und Stürme entstehen, wo
das Unwetter geboren wird! Meine Mädchenbrust bebte und zitterte ...
plötzlich, es war schon spät – ich erwachte wie aus leichtem Schlummer
... oder hatte sich ein Nebel auf meine Seele gesenkt und mich verwirrt?
– plötzlich höre ich, wie ans Fenster gepocht wird: ‚Mach auf!‘ – und
ich sehe, ein Mensch ist an einem Strick heraufgeklettert. Ich ahnte
sogleich, wer der späte Gast war, öffnete das Fenster und ließ ihn in
mein einsames Zimmer. Das war _er_! Die Mütze nahm er nicht ab, setzte
sich auf die Truhe, und sein Atem ging keuchend, als sei eine Meute von
Verfolgern hinter ihm her gewesen. Ich stand und wußte, daß ich bleich
war. ‚Ist der Vater zu Hause?‘ fragte er. – ‚Ja.‘ – ‚Und die Mutter
auch?‘ – ‚Auch die Mutter,‘ sagte ich. ‚Dann sei jetzt ein Weilchen
still ... Hörst du nichts?‘ – ‚Ich höre.‘ – ‚Was?‘ – ‚Ein Pfeifen unter
dem Fenster!‘ – ‚Nun, willst du jetzt, schönes Mädchen, den Feind um
seinen Kopf bringen? Willst du den Vater rufen und mich dem Verderben
preisgeben? Deinem Mädchenwillen füge ich mich: was du willst, das
geschehe! Hier hast du einen Strick, binde mich, wenn dein Herz dir
befiehlt, für deine Mädchenehre einzustehen.‘ – Ich schwieg. – ‚Nun?
Sprich doch, meine Schöne!‘ – ‚Was willst du?‘ fragte ich. – ‚Was ich
will? Von meiner alten Liebe Abschied nehmen und einer neuen, einer
jungen Liebe – dir, mein schönes Mädchen, meine Seele verpfänden ...‘
Ich lachte auf. Ich weiß selbst nicht, wie seine freche Rede mein Herz
berühren konnte. ‚So laß mich jetzt, schönes Mädchen, nach unten gehen,
mein Herz prüfen und dem Vater und der Mutter meinen Gruß entbieten,‘
sagte er und stand auf. Ich zitterte so, daß mir die Zähne
aufeinanderschlugen, und ich mein Herz wie glühendes Eisen in der Brust
fühlte. Und ich ging, öffnete ihm die Tür. Doch wie er schon über die
Schwelle trat, nahm ich alle meine Kraft zusammen und stieß noch hervor:
‚Da hast du dein Geschmeide, und wage es nicht wieder, mir Geschenke zu
bringen!‘ – und ich warf ihm das rote Kästchen mit den Perlen nach.“

Katherina hielt inne, um Atem zu schöpfen. Sie wechselte, wie schon oft
während ihrer Erzählung, wieder die Farbe: ihre blauen Augen waren
dunkel und glänzten seltsam. Plötzlich aber erblaßte sie von neuem und
ihre Stimme senkte sich und bebte wie in verhaltener Trauer.

„Ich blieb allein,“ fuhr sie fort, „und es war mir, als habe mich ein
Wirbelsturm erfaßt. Plötzlich höre ich rufen, schreien, höre wie über
den Hof die Leute laufen, höre: ‚Die Fabrik brennt!‘ Ich rührte mich
nicht, ich hörte nur, wie alle aus dem Hause liefen; ich selbst blieb
allein mit der Mutter. Ich wußte, daß sie mit dem Tode rang, seit drei
Tagen lag sie schon im Sterben, ich, ihre verfluchte Tochter, ich wußte
es! ... Plötzlich tönte ein Schrei unter meinem Zimmer, nur ein ganz
schwacher, leiser Schrei, der so klang, wie ein Kind aufschreit, wenn es
im Traum erschrickt, und dann war wieder alles still ... Ich löschte das
Licht aus – es überlief mich kalt in der Dunkelheit, ich bedeckte das
Gesicht mit den Händen, ich fürchtete mich, mich umzusehen. Dann drang
plötzlich wieder Stimmengewirr zu mir, lauter und lauter – von der
Fabrik her kamen Menschen gelaufen. Ich beugte mich weit zum Fenster
hinaus – und ich sah: da brachten sie den Vater, tot, und ich hörte
noch, wie man sagte: ‚Von der Treppe fiel er, von der Treppe ... gerade
in den siedenden Kessel – der Teufel muß ihn hinuntergestoßen haben!‘
Ich sank auf mein Bett; kein Glied rührte sich, aber ich wartete, doch
wußte ich selbst nicht, auf was und auf wen ich wartete. Furchtbar war
diese Stunde. Ich weiß nicht, wie lange ich so saß. Ich weiß nur, daß
ich schließlich ein Gefühl hatte, als drehe sich alles rund um mich. Im
Kopf empfand ich einen dumpfen Druck und der Rauch biß mir in die Augen.
Und es freute mich, daß mir das Ende nahte. Da berührte plötzlich jemand
meine Schultern und hob mich auf. Ich schlug die Augen auf und sah, so
gut ich sehen konnte: _er_ war es – und ganz versengt waren seine
Kleider und heiß, ich glaube, sie schwelten noch und rochen nach Rauch.

„‚Ich bin gekommen, um dich zu holen, schönes Mädchen,‘ sagte er. ‚Führe
du mich aus dem Verderben, wie du mich ins Verderben hineingeführt hast.
Meine Seele habe ich heut für dich geopfert. Allein aber kann ich für
die Sünde dieser verwünschten Nacht nicht Vergebung erflehen – es sei
denn, daß wir zwei gemeinsam beten und bitten!‘ Und er lachte dann, der
Böse! ‚Nun weise den Weg,‘ sagte er, ‚wie man von hier fortkommt, ohne
gesehen zu werden!‘ Ich nahm ihn bei der Hand und führte ihn. Wir
stiegen die Treppe hinunter, gingen leise durch den Korridor, ich schloß
die Tür der Vorratskammer auf – die Schlüssel trug ich bei mir – und
wies auf das Fenster. Dort lag der Garten. Da ergriff er mich, hob mich
auf seinen starken Arm und schwang sich mit mir aus dem Fenster. Hand in
Hand liefen wir weiter, lange liefen wir. Dann stand endlich der dichte
dunkle Wald vor uns. Er blieb stehen und horchte. ‚Sie verfolgen uns,
Katjä! Die Verfolger sind uns auf den Fersen, schönes Mädchen, aber
nicht in dieser Stunde ist es uns bestimmt, unser Leben zu lassen! Küsse
mich, schönes Mädchen, verheiße mir Liebe und ewiges Glück!‘ – ‚Wovon
sind deine Hände blutig?‘ fragte ich. – ‚Sind meine Hände blutig, mein
Lieb? Ich habe eure Hunde gemetzelt. Sie bellten zu laut für den späten
Gast. Komm!‘ Und wir liefen weiter. Da sahen wir auf dem Waldweg meines
Vaters Reitpferd, das hatte die Zügel zerrissen und war aus dem Stall
gelaufen: es hatte nicht mit verbrennen wollen! ‚Das schickt uns Gottes
Hilfe!‘ sagte er, ‚ich hebe dich, Katjä, aufs Pferd!‘ Ich schwieg. ‚Oder
willst du nicht? Ich bin doch kein Unchrist, kein böser Geist, da sieh,
ich bekreuzige mich, wenn du willst,‘ und er schlug auch wirklich das
Kreuz. Dann schwang er sich aufs Pferd, hob mich zu sich hinauf und ich
drückte mich an ihn und vergaß an seiner Brust alles um mich her, und es
war ganz so, als hielte mich nur ein Traum umfangen. Als ich aber aus
diesem Traum erwachte, da sah ich, daß wir an einem breiten, breiten
Fluß waren. Er stieg ab, hob mich vom Pferde und ging zum Schilf: dort
hatte er seinen Nachen versteckt. Zum Abschied klopfte er dem Tier noch
den Hals: ‚Nun leb wohl, alter Freund!‘ sagte er, ‚geh, such dir einen
neuen Herrn, die alten haben dich alle verlassen.‘ Das ging mir so nah!
Ich schlang meine Arme um den Hals des Tieres und preßte das Gesicht an
sein glattes Fell und küßte es. Dann stiegen wir in den Nachen, er nahm
die Ruder und bald lag das Ufer weit hinter uns. Und sobald das Ufer
nicht mehr zu sehen war, zog er die Ruder ein und schaute sich rings um
auf dem Wasser. Und während er noch so schaute, murmelte er:

„‚Grüße dich, Mütterchen, du freier Strom, bist manches Gottesmenschen
Ernährerin und mir meine Beschützerin! Hast du mein Gut auch bewahrt,
meine Waren sanft getragen?‘ Ich schwieg und hatte den Blick gesenkt,
denn mein Antlitz brannte vor Scham. ‚Hättest du doch lieber alles
genommen, du stürmische, unersättliche,‘ murmelte er weiter, ‚und
würdest mir nun dafür versprechen, meine schönste, vielkostbare Perle zu
hüten und zu wiegen! Sag mir doch nur ein Wort, Mädchen, was bist du so
stumm? – strahle Wärme, sei Sonne und verscheuche das Dunkel der Nacht!‘
Und er sagte es und lachte selbst dazu! Sein Herz brannte nach mir, ich
fühlte es, aber doch wollte ich, in meiner Scham, das nicht dulden. Ich
wollte etwas sagen, aber ich wußte nicht, wie ich es sagen sollte, und
so sagte ich nichts. ‚Nun, wohlan, wie du willst!‘ sagte dafür er zu
meinem scheuen Schweigen, sagte es wie mit Trauer, und war sehr
niedergeschlagen. ‚Mit Gewalt läßt sich Liebe doch nicht erzwingen. Gott
mit dir, du Hochmütige! Da sieht man, daß dein Haß gegen mich groß ist!
Bin ich deinen blauen Augen so wenig liebwert erschienen, meine Taube?‘
Ich hörte es und Haß kam über mich, Haß aus Liebe; doch bezwang ich mein
Herz und sagte: ‚Liebwert oder nicht liebwert, wie kann ich das wissen,
wohl aber eine andere Törichte, Schamlose, die ihr reines
Mädchenstübchen in dunkler Nacht entweiht, die ihre Seele für eine
Todsünde verkauft und die ihr unkluges Herz nicht bezwungen hat. Das
wissen vielleicht nur meine heißen Tränen und das sollte auch der noch
wissen, der wie ein Verbrecher auf das Leid, das er verursacht,
obendrein stolz ist und über ein Mädchenherz sich lustig macht!‘ Ich
sagte es, vermochte dann aber nicht länger an mich zu halten und brach
in Tränen aus ... Er schwieg, und sah mich nur an, daß ich wie ein Blatt
erzitterte. ‚So höre denn, Mädchen,‘ sagte er dann, und seine Augen
brannten auf mir, ‚es sind keine leeren Worte, die ich dir sage, sondern
es ist ein großes Wort, das ich dir jetzt gebe: solange du mir Glück
schenken wirst, so lange werde ich dir ein milder Herr sein, wenn du
mich aber einmal nicht mehr liebhast, – so mache keine unnützen Worte,
sage nichts, bemühe dich nicht: nur ein Zucken deiner Zobelbrauen, ein
Blick aus deinem dunklen Auge, eine Bewegung deines kleinen Fingers laß
genug sein und ich gebe deine Liebe frei und schenke dir deine goldene
Freiheit zurück. Nur wird das zu derselben Stunde, du wunderbar Stolze,
mein Leben enden und mir den Tod bringen.‘ Da lächelten alle meine Sinne
zu seinen Worten ...“

In tiefer Erregung hielt Katherina in ihrer Erzählung inne. Sie holte
schwer Atem, lächelte sinnend vor sich hin und wollte fortfahren, doch
da begegneten ihre glänzenden Augen Ordynoffs fieberglühendem Blick, der
wie gebannt an ihrem Antlitz hing. Sie zuckte zusammen, wollte etwas
sagen, aber nur das Blut stieg ihr wieder ins Gesicht ... Und nun – wie
fassungslos hob sie die Hände, umklammerte ihren Kopf und warf sich mit
dem Gesicht auf das Kissen. – Alles erbebte in Ordynoff! Ein qualvolles
Gefühl, eine Erregung, über die er sich keine Rechenschaft zu geben
vermochte und die unerträglich war, ergoß sich wie ein Gift durch alle
seine Adern und wuchs, und wuchs: ein wilder und doch gefesselter Trieb,
eine gierig verlangende, nicht zu ertragende Leidenschaft verschlang
sein ganzes Denken und tobte durch alle seine Gefühle. Gleichzeitig aber
begann eine unendliche, uferlose Trauer immer lastender sein Herz zu
bedrücken. Mehr als einmal hatte er, während Katherina erzählte,
aufschreien und ihr zurufen wollen, daß sie doch schweigen solle. Er
wollte sich ihr schon zu Füßen werfen und sie unter Tränen anflehen, ihm
seine früheren Liebesqualen, sein erstes, ihm selbst noch
unverständliches reines Verlangen wiederzugeben, und er sehnte sich
förmlich zurück nach den Tränen, die nun schon lange versiegt waren.
Sein Herz verging vor Sehnsucht und es war ihm, als sei es
blutüberströmt und schließe alle Tränen in sich ein, die seine Seele
nicht mehr erlösen wollten. Er begriff kaum, was Katherina ihm erzählte,
und das Gefühl, das das arme junge Weib in ihm erregte, machte seine
Liebe irre und scheu. In diesem Augenblick verfluchte er seine
Leidenschaft: sie drohte, ihn zu ersticken, sie marterte ihn und es war
ihm, als fließe nicht Blut, sondern siedendes Blei durch seine Glieder.

„Ach, nicht das ist mein Elend, was ich dir bis jetzt erzählt habe!“
sagte Katherina, sich wie nach einem plötzlichen Entschluß aufrichtend,
„nicht das, nicht das!“ stieß sie mit einer Stimme hervor, in der ein
neues, sie überwältigendes Gefühl zitterte und in der die ganze Qual
ihrer Seele lag, die sich zu zerreißen schien. „Mein Leid und mein
Jammer ist etwas ganz anderes! Was ist mir die Mutter, wenn ich auch auf
der ganzen Welt keine zweite leibliche Mutter mehr finden kann! Was
liegt mir daran, daß sie mich in einer bitteren Stunde verflucht hat!
Was liegt mir an meinem früheren sonnigen Leben, an meinem warmen
Stübchen und meiner Mädchenfreiheit! und was liegt daran, daß ich mich
dem Bösen verkauft und meine Seele dem Verderben hingegeben habe, daß
ich für das kurze Glück ewige Schuld trage! Ach, nein, das ist es nicht,
obschon darin mein Verderben liegt! Aber bitter ist mir dies und es
zerreißt mein Herz, daß ich seine Sklavin geworden bin, daß meine
Entehrung und Schande mir Schamlosen lieb sind, daß das gierige Herz
sich daran freut, seiner Schmach zu gedenken, als wäre sie eine Lust und
ein Glück – das, nur das ist mein Elend, daß keine Kraft zur Empörung in
ihm ist und kein Zorn über die ihm angetane Schmach! ...“

Der Herzschlag stockte in der Brust des armen Weibes und ein
krampfhaftes Aufschluchzen erstickte ihre Worte. Ihr Atem strich heiß
über ihre brennenden Lippen, ihre Brust hob und senkte sich und ihre
Augen blitzten in wildem Zorn. Ihr ganzes Gesicht war dabei in diesem
Augenblick so bezaubernd, es sprach solch eine Flut von Gefühl und
Leidenschaft aus ihm und jeder Zug, jede Linie ihres Antlitzes bebte in
einer so berauschenden Schönheit, daß alles feindliche Empfinden, das in
Ordynoffs Brust aufstieg, sofort wieder verschwand. Sein Herz drängte zu
ihr hin, wollte sich an ihr zitterndes Herz drücken und voll
Leidenschaft in sinnlosem Rausch gemeinsam mit ihr in den Wellen
desselben Sturmes untertauchen, in demselben Ausbruch unbeschreiblicher
Raserei, gemeinsam mit ihr vergehen und, wenn es sein mußte, mit ihr
sterben. Katherina begegnete dem flimmernden Blick Ordynoffs und
lächelte, daß eine doppelte Flammenglut sein Herz durchloderte. Er wußte
nicht mehr, was mit ihm geschah.

„Hab Erbarmen mit mir, hab Gnade!“ flüsterte er ihr mit verhaltener
Stimme zu und beugte sich zu ihr nieder, so nah, so nah, daß sein Atem
mit dem ihren zusammenströmte, während er ihr zugleich in die Augen sah.
„Du richtest mich zugrunde! Ich weiß von deinem Leid nichts, meine Seele
ist verwirrt ... Was geht es mich an, worüber dein Herz weint! Sage, was
du verlangst ... ich werde es tun. So komm, laß, töte mich nicht, bring
mich nicht um! ...“

Regungslos sah ihn Katherina an. Die Tränen waren versiegt auf ihren
heißen Wangen. Sie wollte ihn unterbrechen, wollte seine Hand erfassen,
wollte selbst etwas sagen und fand doch kein Wort. Ein seltsames Lächeln
erschien langsam auf ihren Lippen, ja fast war es, als wolle ein Lachen
hervorbrechen ...

„So habe ich dir wohl noch nicht alles erzählt,“ sagte sie endlich mit
stockender Stimme. „Höre weiter ... wirst du auch mir zuhören, du heißes
Herz? Höre, was deine Schwester dir erzählt. Du hast noch wenig von
ihrem Leid erfahren! Ich wollte dir erzählen, wie ich mit ihm ein Jahr
verlebte, doch wozu ... Als aber dies Jahr vergangen war, da zog er mit
seinen Freunden stromabwärts und ich blieb bei seiner Pflegemutter am
Landungsort. Ich wollte dort bis zu seiner Rückkehr verweilen. Ich
wartete einen Monat, wartete noch einen – da begegnete mir im Städtchen
ein junger Kaufmann, und wie ich ihn erblickte, erinnerte ich mich
meiner früheren goldenen Jahre. ‚Schwesterchen, liebes Schwesterchen!‘
sagte er, als er mich erkannte, ‚ich bin Aljoscha, dein Spielkamerad:
die Alten verlobten uns als Kinder – weißt du noch? Hast du mich
vergessen? Erinnere dich, ich bin aus demselben Ort wie du ...‘ – ‚Was
sagt man dort von mir?‘ fragte ich. ‚Man sagt, du seist fortgegangen,
habest deine Mädchenehre vergessen und dich einem Räuber, einem
Seelenverderber hingegeben,‘ antwortete mir Aljoscha lachend. ‚Und was
sagtest du von mir, Aljoscha?‘ ‚Vieles wollte ich dir sagen, als ich
hierherkam,‘ – und sein Herz verwirrte sich – ‚vieles wollte ich dir
sagen, aber jetzt, wo ich dich sehe, habe ich alles vergessen ...
verdorben hast du mich!‘ sagte er leise. ‚So sei es denn, nimm auch
meine Seele, und solltest du mein Herz auch verspotten und über meine
Liebe lachen, du Schöne! ... Ich bin allein, habe mein Erbe und bin mein
eigener Herr, und meine Seele ist mein, habe sie keinem verkauft, wie
eine andere es getan, die ihr Gewissen begraben hat, und nicht zu kaufen
brauchst du sie, umsonst gebe ich sie dir, denn verdienen läßt sie sich
ja nicht, wie man sieht!‘ Ich lachte, und nicht ein- oder nur zweimal
hat er mir das gesagt – einen ganzen Monat lebte er dort, ließ alles
andere liegen, vergaß die Waren, entließ seine Leute, lebte dort ganz
allein. Da tat er mir schließlich leid und ich sagte eines Morgens zu
ihm: ‚Erwarte mich, Aljoscha, wenn die Nacht dunkelt, unten am
Landungsplatz; laß uns dann zu dir fahren! Ich bin meines schalen Lebens
hier überdrüssig!‘ Die Nacht kam, ich schnürte mein Bündelchen, und
meine Seele begann sich zu sehnen und sie spielte mit meinen Gedanken.
Da sehe ich – mein Herr tritt ein, ganz unerwartet, unverhofft! – ‚Sei
gegrüßt,‘ sagte er. ‚Komm. Auf dem Fluß wird es heute Sturm geben, die
Zeit drängt.‘ Ich folgte ihm; wir kamen an den Fluß, aber bis zu den
Unsrigen war es weit. Da sehen wir – ein Boot hat angelegt und in ihm
sitzt ein bekannter Ruderer, der jemand zu erwarten scheint. ‚Guten
Abend, Aljoscha, Gott helfe dir!‘ sagt mein Herr. ‚Was, – hast dich
verspätet oder willst du noch zu deinen Schiffen? Nimm uns mit, sei so
gut und bringe uns zu den Unsrigen. Mein Boot ist nicht hier und ich
kann nicht schwimmen.‘ – ‚Steige ein,‘ sagte Aljoscha, und mein ganzes
Herz erbebte, als ich seine Stimme vernahm. ‚Setzt euch, der Wind ist
für alle und in meinem Boot ist auch für euch noch ein Platz.‘ Wir
stiegen ins Boot. Die Nacht war dunkel, die Sterne hatten sich
versteckt, der Wind heulte und die Wellen wuchsen, vom Ufer aber waren
wir bald schon über eine Werst weit entfernt. Wir schwiegen alle.

„‚Sturm!‘ sagte endlich mein Herr. ‚Der bringt diesmal nichts Gutes!
Einen solchen wie heut nacht habe ich auf dem Fluß noch niemals erlebt.
Wir sind zu schwer für das Boot! Drei Menschen kann es bei diesem Sturm
nicht tragen!‘ – ‚Ja, du hast recht, drei kann es nicht tragen, da ist
einer von uns zu viel,‘ sagte Aljoscha, und in seiner Stimme klang ein
verhaltenes Beben. ‚Nun was, Aljoscha?‘ sagte er, ‚ich kannte dich schon
als kleines Kind, hab mit deinem seligen Vater Bruderschaft getrunken,
haben uns Salz und Brot gegenseitig gebracht – nun sage mir, Aljoscha,
könntest du ohne Boot von hier aus ans Ufer gelangen ... würdest du
untergehen und dein Leben verlieren? – oder würdest du zur Not das Ufer
erreichen?‘ – ‚Nein,‘ sagte Aljoscha, ‚ich würde es nicht erreichen.‘ –
‚Aber wer weiß, vielleicht ist die Stunde dir hold und du könntest es
doch?‘ – ‚Nein, bei dem stürmischen Fluß kann ich es nicht wagen, ich
fände meinen Tod in den Wellen.‘ – ‚So höre jetzt, Katherinuschka, meine
schönste vielkostbare Perle!‘ wandte er sich da an mich. ‚Ich erinnere
mich einer ähnlichen Nacht, doch wogte da nicht die Welle, die Sterne
glänzten hell und der Mond schien ... Ich will dich nur so, ganz
harmlos, fragen, ob du sie nicht vergessen hast?‘ – ‚Nein,‘ sagte ich.
‚Und wenn du sie nicht vergessen hast, dann wirst du dich wohl auch noch
erinnern, wie ein Verwegener ein schönes Mädchen lehrte, ihre Freiheit
zurückzugewinnen, wenn ihr jemand nicht mehr liebwert erscheint – was?‘
– ‚Auch das habe ich nicht vergessen,‘ sage ich, mehr tot als lebendig.
– ‚Ah! hast also nichts vergessen! Nun sieh – für das Boot sind drei zu
schwer. Sollte da nicht jemandes Stunde gekommen sein? Sag, meine Liebe,
sprich es aus, dein Wort, meine Taube, du Süße ...‘

„Ich habe damals das Wort nicht gesagt!“ flüsterte Katherina erbleichend
... Sie beendigte die Erzählung nicht.

„Katherina!“ ertönte eine heisere dumpfe Stimme, Ordynoff fuhr zusammen.
In der Tür stand Murin. Er stand regungslos, in die Pelzdecke gehüllt,
stand totenbleich und sah sie mit starrem, fast irrsinnigem Blick an.
Katherina erblaßte und auch ihr Blick hing starr, wie gebannt an ihm.

„Komm zu mir, Katherina!“ flüsterte der Kranke kaum vernehmbar und
verließ das Zimmer. Katherina sah aber immer noch starr auf die Tür, als
stehe er noch dort. Plötzlich jedoch stieg das Blut heiß in ihre
bleichen Wangen und sie erhob sich langsam vom Bett. Ordynoff entsann
sich der ersten Begegnung.

„Also auf morgen denn, mein Herz!“ sagte sie, und es klang wie ein
seltsames leises Auflachen. „Also auf morgen. Vergiß aber nicht, wo ich
stehen geblieben bin: ‚Wähle einen von beiden: wer ist dir lieb und wer
nicht lieb von ihnen, du Schöne!‘ Wirst’s nicht vergessen? wirst eine
Nacht dich gedulden?“ fragte sie, indem sie die Hände auf seine
Schultern legte und zärtlich auf ihn herabsah.

„Katherina, geh nicht zu ihm, tu’s nicht! Er ist wahnsinnig, siehst du’s
denn nicht!“ flüsterte Ordynoff, zitternd für sie.

„Katherina!“ rief Murins Stimme hinter der Wand.

„Warum nicht? Er wird mich ermorden, meinst du?“ fragte Katherina
lachend. „Gute Nacht, mein Geliebter, mein lieber Bruder!“ sagte sie,
zärtlich seinen Kopf an ihre Brust drückend, während plötzlich Tränen
aus ihren Augen brachen. „Das sind die letzten Tränen. Verschlafe dein
Leid, mein Geliebter, sollst morgen zur Freude erwachen!“ Und sie küßte
ihn leidenschaftlich.

„Katherina, Katherina!“ flehte Ordynoff, und wollte vor ihr niederknien,
um sie zurückzuhalten, „Katherina!“

Sie wandte sich noch einmal nach ihm um, nickte ihm lächelnd zu und
verließ das Zimmer. Ordynoff hörte, wie sie bei Murin eintrat. Er hielt
den Atem an und lauschte, doch kein Laut war zu vernehmen. Der Alte
schwieg oder war vielleicht wieder bewußtlos ... Er wollte zu ihr gehen,
doch seine Füße versagten ... Er verlor alle Kraft und sank erschöpft
auf das Bett zurück ...


                                   V.

Als er wieder zu sich kam, vermochte er zunächst gar nicht
festzustellen: War es erste Morgen- oder späte Abenddämmerung? Das
Zimmer lag fast vollständig im Dunkel. Das Lämpchen vor dem
Heiligenbilde mußte erloschen sein. Er wußte nicht, wie lange er
geschlafen hatte, er fühlte nur, daß sein Schlaf krankhaft gewesen war.
Als er zu sich kam, strich er sich unwillkürlich mit der Hand über das
Gesicht, als wolle er einen Traum und nächtliche Visionen verscheuchen.
Doch als er aufzustehen versuchte, fühlte er sich am ganzen Körper wie
zerschlagen und seine erschöpften Glieder versagten den Dienst. Sein
Kopf schmerzte, ihm schwindelte, und Frostschauer überliefen seinen
Körper, denen dann wieder glühende Fieberwellen folgten. Mit dem
Bewußtsein kehrte auch die Erinnerung zurück und sein Herz krampfte sich
zusammen und erzitterte, als er in einer Sekunde die ganze letzte Nacht
wiedererlebte. Sein Herz schlug bei der Erinnerung so stark, und seine
Empfindungen waren so heiß und unmittelbar, als wären nicht eine Nacht,
nicht lange Stunden vergangen, seit Katherina ihn verlassen, sondern
kaum eine Minute. Er fühlte, daß seine Augen noch von den Tränen
brannten – oder waren es neue Tränen seiner heißen Seele? Und doch – wie
ein Wunder schien ihm alles – in seinen Qualen lag für ihn eine Süße und
Lust, obschon er gleichzeitig mit jedem Nerv seines Körpers fühlte, daß
er eine solche Vergewaltigung ein zweites Mal nicht mehr ertragen würde.
Es kam ein Augenblick, wo er fast den Tod fühlte und bereit war, ihn wie
einen lichten Gast zu empfangen, der in weiblicher Gestalt ihm nahte:
bis zu einer solchen Spannung war seine Empfindungsfähigkeit gesteigert,
mit solch einer stürmischen und machtvollen Allgewalt wogte jetzt, nach
dem Erwachen, seine Leidenschaft von neuem auf, und solch ein Entzücken,
solch eine Begeisterung erfüllte seine Seele, daß sein Leben, bis in
schwindelnde Höhen gesteigert, gleichsam im Begriff war,
zusammenzubrechen und niederzustürzen, sofort zu verwesen und auf ewig
zu vergehen ... Fast in demselben Augenblick, als wär’s eine Antwort auf
seinen Schmerz, auf das Zittern seines Herzens, erklang eine Stimme, die
ihm so bekannt schien, wie das innere Klingen und Tönen, das die
Menschenseele in Stunden der Freude, in Stunden großen Glückes über ihr
Dasein empfindet – es war die weiche, volltönende Stimme Katherinas.
Ganz nah, fast wie am Kopfende seines Bettes begann ein Lied, zu Anfang
leise und schwermütig. Dann hob sich die Stimme und senkte sich wieder,
wie in leisem Verhallen, als vergehe sie und wiege dabei doch noch
zärtlich die unruhvolle Qual des eigenen unterdrückten Verlangens, das
in ihrem sich sehnenden Herzen für ewig gefangen war. Bald wieder
schwang sie sich hoch empor und ergoß sich zitternd und glühend von
einer Leidenschaft, die sich nicht länger zurückhalten ließ, in ein
ganzes Meer von Entzücken, in ein Meer von zaubermächtigen, uferlosen
Tönen, so selig, wie der erste selige Augenblick der Liebe. Ordynoff
vernahm auch Worte: sie waren der rührend schlichte, zu Herzen gehende
Ausdruck eines reinen, ruhigen, weil selbstverständlichen und klaren
Gefühls – der Form nach alte, schon längst verklungene Worte, wie der
Volksmund sie in früheren Zeiten gedichtet. Doch Ordynoff dachte nicht
an ihren Sinn, er vergaß sie, er hörte nur die Töne, und aus den
treuherzigen naiven Strophen des alten Liedes sprachen zu ihm ganz, ganz
andere Worte – Worte, in denen dieselbe Sehnsucht zitterte, die seine
eigene Brust erfüllte, Worte, die wie ein Widerhall der geheimsten und
tiefsten, ihm selbst noch halb unverständlichen Regungen seiner
Leidenschaft waren und die nun, da sie im Liede zu ihm drangen, ihm
verrieten, wie sehr auch sie um dieselben wußte. Er glaubte, den letzten
bangen Laut eines vor Liebe vergehenden Lebens zu hören, dann wieder die
aufjauchzende Freude eines Willens, der seine Ketten gesprengt und licht
und frei ins unermeßliche Meer unversehrbarer Seligkeit strebte; dann
wieder war es ihm, als hörte er das erste zitternde Liebesgeständnis,
unter Erröten und Tränen in heimlichem zagen Flüstern von Mädchenlippen,
noch mit dem ganzen Duft süßer Scham; dann wieder stieg gleichsam der
Wunsch einer Bacchantin auf, die stolz und froh ob ihrer Macht,
unverhüllt, des Geheimnisses bar, mit sprühendem Lachen und trunken
schweifendem Blick im Kreise sich umschaut ...

Ordynoff hielt es nicht aus bis zum Ende des Liedes und erhob sich vom
Bett. Das Lied verstummte sogleich.

„Der gute Morgen und der gute Tag sind vorbei, mein Ersehnter!“ sagte
Katherinas Stimme hinter der Wand, „also sage ich jetzt guten Abend zu
dir! Steh auf, komm zu uns, erwache zu heller Freude: wir erwarten dich,
ich und mein Herr, beides gute Leute und dir ergeben. Lösche mit Liebe
den Haß, wenn das Herz uns die Kränkung noch nachträgt. Sage ein
freundliches Wort! ...“

Ordynoff verließ bereits sein Zimmer, wußte aber eigentlich selbst kaum,
daß er zu ihnen ging. Vor ihm öffnete sich die Tür und er sah und
schaute und war wie geblendet von dem goldenen Lächeln der Wundersamen,
die vor ihm stand. Er hörte und sah nichts und niemanden außer ihr. Im
Augenblick war ihre Lichtgestalt der Inbegriff seines ganzen Lebens,
seiner ganzen Freude.

„Zwei Sonnenröten sind schon vergangen, seit wir Abschied nahmen,“ sagte
sie, und sie streckte ihm die Hände entgegen, „da sieh durch das
Fenster, auch die zweite ist schon erloschen. Sie waren ähnlich dem
Erröten eines schönen Mädchens,“ fuhr sie lachend fort, „die erste
Morgenröte war wie die Glut, mit der das Mädchen zum erstenmal das Herz
in der Brust schlagen fühlt; und die zweite wie wenn die Schöne ihre
Scheu vergißt und das Blut feurig ins Antlitz steigen spürt. ... Tritt
ein, tritt ein in unser Haus, du Junger! Was stehst du noch auf der
Schwelle? Ehre werde dir zuteil und Liebe und als erstes ein Gruß vom
Hausherrn!“

Und mit hellem Lachen erfaßte sie Ordynoffs Hand und führte ihn ins
Zimmer. Befangenheit überkam sein Herz. Das ganze Feuer, das in seinem
Inneren flammte, war wie im Augenblick erloschen, doch nur für einen
Augenblick. Verwirrt senkte er das Auge, um sie nicht anzusehen. Er
fühlte, sie war von so bezaubernder Schönheit, daß er ihren heißen Blick
nicht würde ertragen können. Nein, so hatte er sie noch nie gesehen! Zum
erstenmal sah er Freude und den Zauber des Lachens in ihrem Gesicht, und
ihre dunklen Wimpern glänzten nun nicht mehr von vergossenen Tränen.
Seine Hand lag bebend in ihren Händen. Hätte er den Blick erhoben, so
würde er gesehen haben, daß Katherinas strahlende Augen mit
triumphierendem Lächeln an seinen Mienen hingen, in denen sich deutlich
Verwirrung und Leidenschaft widerspiegelten.

„Stehe auf, Alter!“ sagte sie endlich, als käme sie selbst erst und mit
einem Male zur Besinnung, „sage dem Gast ein freundliches Wort zum Gruß.
Er ist unser Gast und mir so gut wie ein leiblicher Bruder! Stehe auf,
stolzer Alter, sei nicht hochmütig, steh auf, entbiete ihm einen Gruß,
fasse seine weiße Hand, bitte ihn an den Tisch!“

Ordynoff sah auf, und es war ihm, als käme er jetzt erst zu sich: er
hatte Murin ganz vergessen, an seine Anwesenheit gar nicht gedacht. Die
Augen des Alten, die wie in Todesahnen erloschen schienen, sahen ihn
unbeweglich an, und mit einem stechenden Schmerzgefühl erinnerte sich
Ordynoff jenes Blickes, der ihn das letztemal unter den buschigen
überhängenden Brauen hervor getroffen hatte, und diese Brauen waren auch
jetzt wieder wie in Qual und Grimm zusammengezogen. Ein leichtes
Schwindelgefühl erfaßte ihn. Er sah sich um: und da erst kam ihm klar
zum Bewußtsein, wo er sich eigentlich befand. Murin lag noch immer auf
dem Bett, war jedoch fast vollständig angekleidet und es machte den
Eindruck, als sei er bereits am Morgen aufgestanden und tagsüber
ausgegangen. Um den Hals trug er wieder ein rotes Tuch, die Füße staken
in Hausschuhen. Die Krankheit war offenbar überstanden, nur sein Gesicht
war noch auffallend blaß und fast gelb. Katherina stand neben dem Bett,
stützte sich mit der Hand auf den Tisch und sah aufmerksam von dem einen
zum anderen: doch das freundliche Lächeln schwand nicht aus ihrem
Gesicht. Es schien beinahe, als geschehe alles auf einen Wink von ihr.

„Ja! Das bist du,“ sagte Murin, indem er sich langsam erhob und auf das
Bett setzte. „Du bist mein Mieter. Ich bin schuldig vor dir, Herr, habe
gesündigt und dich, ohne es zu wollen, erschreckt – gestern, mit der
Flinte. Wer konnt’s denn wissen, daß dich auch mitunter Krankheit
heimsucht! Bei mir aber kommt das vor,“ fügte er mit rauher, von der
Krankheit noch heiserer Stimme hinzu. Seine Stirn runzelte sich und
unwillkürlich wandte er den Blick von Ordynoff ab. „Unglück pflegt sich
nicht vorher anzumelden, wenn es kommt, schleicht es sich wie ein Dieb
heran und ist da! Auch ihr hab’ ich vor kurzem beinahe das Messer in die
Brust gestoßen ...“ brummte er, mit dem Kopf nach Katherina weisend.
„Ich bin ein kranker Mensch, habe zuweilen meine Anfälle – nun, was ist
da noch viel zu erklären, das mag dir genügen! Setz dich – wirst mein
Gast sein.“

Ordynoff sah ihn immer noch unverwandt an.

„Setz dich, so setz dich doch!“ rief der Alte ungeduldig, „wenn’s ihr
nun mal Freude macht! ... Hm! Da seid ihr nun also sozusagen
Geschwister, seht doch mal an! Habt euch ja lieb, recht wie ein
Liebespaar!“

Ordynoff setzte sich.

„Sieh doch, was du da für eine Schwester hast,“ fuhr der Alte lustig
fort, und er lachte, daß man alle seine ausnahmslos noch weißen, schönen
Zähne sehen konnte. „So tut doch zärtlich, meine Lieben! Hast du nicht
eine schöne Schwester, Herr? Sprich doch, antworte! Da, sieh sie doch
an, sieh, wie ihre Wangen glühen. So sage doch, daß sie eine Schönheit
ist, rühme doch vor der ganzen Welt ihre Schönheit! Zeige, wie sehr dein
Herz nach ihr verlangt!“

Ordynoff runzelte die Stirn und sah den Alten an. Der zuckte zusammen
unter seinem Blick. In Ordynoffs Brust stieg eine blinde Wut auf. Mit
geradezu tierischem Instinkt fühlte er, daß er seinen Todfeind vor sich
hatte. Er begriff selbst nicht, was mit ihm geschah. Er vermochte nicht
mehr zu denken –

„Sieh mich nicht an!“ erklang da Katherinas Stimme hinter ihm. Ordynoff
blickte sich um.

„Sieh mich nicht an, sage ich dir, wenn der Böse dich zu Bösem verleitet
– hab Mitleid mit deiner Liebsten,“ sagte Katherina lachend, und
plötzlich legte sie ihm hinterrücks die Hände auf die Augen, – zog sie
aber sogleich wieder zurück und bedeckte mit ihnen ihr eigenes Gesicht.
Doch die flammende Röte leuchtete gleichsam durch ihre Finger: sie ließ
die Hände sinken und mühte sich, offen und furchtlos den Blicken der
beiden Männer standzuhalten. Die aber sahen sie beide nur schweigend an
– Ordynoff mit einer gewissen verwunderten Liebe, die sein Herz zum
erstenmal zu der Schönheit eines Weibes empfand, der Alte dagegen
aufmerksam, forschend und kalt. Sein bleiches Gesicht verriet nicht das
geringste, nur seine Lippen waren blaß und bebten leise.

Katherina war gleichfalls ernst geworden, trat an den Tisch und begann,
die Bücher, Papiere, das Tintenfaß und alles übrige abzuräumen. Sie
atmete schnell und ungleichmäßig. Von Zeit zu Zeit holte sie tief Atem,
als sei’s ihr im unruhig schlagenden Herz eng und schwer. Schwer, wie
die Woge am Ufer, senkte sich und hob sich von neuem ihre Brust. Sie sah
nicht auf, und die dunkeln langen Wimpern glänzten seidig über ihren
zarten Wangen ...

„Meine Königin!“ flüsterte Ordynoff. Er besann sich aber sofort, denn er
fühlte den Blick des Alten auf sich ruhen. Wie ein Blitz, in einem Nu
war dieser Blick aufgeflammt, gierig, bohrend, gehässig, feindlich, mit
kalter Verachtung. Ordynoff erhob sich, aber eine unsichtbare Macht
schien seine Füße gefesselt zu haben. Er setzte sich wieder. Und er
drückte seine eigene Hand, als traue er nicht der Wirklichkeit, die ja
vielleicht nur ein Traum sein konnte. Es war ihm, als ob ein Alb ihn
bedrücke und als ob seine Augen in peinvollem und krankhaftem Dämmer
geschlossen lagen. Doch sonderbar! Er wollte nicht erwachen!

Katherina nahm den Teppich vom Tisch, öffnete eine Truhe, der sie ein
kostbares Tischtuch entnahm, das reich mit Stickereien in Seide und
Goldfäden verziert war, und breitete es über den Tisch; dann holte sie
aus dem Schrank eine altertümliche, aus schwerem Silber gearbeitete
Kanne, an der nach alter Art die silbernen Becher hingen – stellte sie
mitten auf den Tisch und nahm drei Becher von den Häkchen: einen für den
Hausherrn, einen für den Gast und einen für sich selbst. Mit ernstem,
fast nachdenklichem Blick sah sie auf den Alten, dann auf den Gast.

„Wer ist nun von uns einem anderen lieb oder nicht lieb?“ fragte sie.
„Wer niemandem lieb ist, der soll mir lieb sein und wird mit mir aus
einem Becher trinken. Mir aber ist jeder von euch lieb, lieb, wie ein
Nahestehender: deshalb laßt uns auf die Liebe und die Eintracht
trinken!“

„Trinken und die schwarzen Gedanken im Wein ertränken!“ sagte der Alte
mit veränderter Stimme. „Schenke ein, Katherina!“

„Und dir auch?“ fragte Katherina, indem sie Ordynoff ansah.

Der schob schweigend seinen Becher hin.

„Wartet!“ rief plötzlich der Alte und erhob sein Glas. „Hat jemand von
uns etwas Besonderes auf dem Herzen, so möge es nach seinem Wunsch in
Erfüllung gehen!“

Sie stießen an und tranken.

„Nun laß uns beide trinken,“ sagte Katherina, sich an den Alten wendend,
„trinken wir, wenn dein Herz mir gut ist! Trinken wir auf das erlebte
Glück, laß uns die vergangenen Jahre grüßen! Aus dem Herzen, dem Glück
in Liebe ein Gruß! So laß dir doch einschenken, Alter, wenn dein Herz
noch immer für mich glüht!“

„Dein Wein ist stark, mein Täubchen, du selbst aber hast nur die Lippen
benetzt!“ sagte der Alte lachend und hielt seinen Becher hin.

„Ich werde dir jetzt einschenken, du aber trinke den Wein bis zur Neige!
... Wozu leben, Alterchen, und ewig schwere Gedanken mit sich
herumtragen! Das bedrückt nur das Herz. Gedanken kommen vom Kummer und
Gedanken schaffen Kummer, im Glück da lebt man ohne Gedanken! Trink,
Alter! Ertränke deine Gedanken!“

„Da muß ja in dir viel Kummer sich angesammelt haben, wenn du dich
plötzlich so gegen ihn wappnen willst! Möchtest wohl mit einemmal allem
ein Ende machen, meine weiße Taube? Ich trinke auf dein Wohl, Katjä!
Aber du, hast auch du einen Kummer, Herr, wenn du erlaubst, zu fragen?“

„Was ich habe, das habe ich für mich,“ murmelte Ordynoff, ohne seine
Augen von Katherina abzuwenden.

„Hast du gehört, Alterchen? Ich habe mich selbst lange nicht gekannt und
an nichts zurückgedacht, da kam aber eine Stunde und ich erkannte alles
und erinnerte mich an alles: da hab’ ich alles Vergangene mit
unersättlicher Gier in der Seele nochmals erlebt.“

„Ja, es ist bitter, wenn man durch Vergangenes sich wieder
durchzuarbeiten anfängt,“ bemerkte der Alte nachdenklich. „Was vergangen
ist, ist wie getrunkener Wein! Was ist vergangenes Glück? Hat man einen
Rock abgetragen, dann fort mit ihm ...“

„Dann ist ein neuer nötig!“ fiel ihm Katherina ins Wort, mit etwas
erzwungenem Lachen, während zwei große Tränen an ihren Wimpern
erglänzten. „Da sieht man, ein Menschenalter kann nicht in einem
Augenblick vergehen, und ein Mädchenherz hat ein zähes Leben: das ist
nicht so leicht erschöpft! Hast du’s erfahren, Alter? Sieh, da habe ich
eine Träne in deinem Becher begraben!“

„War es denn viel Glück, für das du dein Leid verkauftest?“ fragte
Ordynoff und seine Stimme zitterte vor Erregung.

„Du hast wohl, Herr, viel eigenes zu verkaufen,“ versetzte der Alte,
„daß du dich ungebeten vordrängst.“ Und er lachte lautlos und boshaft
und sah dabei Ordynoff frech an.

„Wofür ich es verkaufte, das war auch danach,“ antwortete Katherina mit
einer Stimme, aus der eine gewisse Unzufriedenheit und Gekränktheit zu
klingen schien. „Dem einen scheint es viel, dem anderen wenig. Der eine
will alles hingeben, es wird ihm aber nichts dafür geboten; der andere
verheißt nichts, und doch folgt ihm das Herz gehorsam. Du aber, mach
deshalb niemandem einen Vorwurf.“ Sie wandte das Gesicht nach ihm hin
und sah ihn traurig an. „Der eine ist so ein Mensch, der andere ein
anderer – weiß man’s denn selbst, weshalb die Seele gerade zu dem einen
drängt! Fülle deinen Becher, Alter! Trinke auf das Glück deiner lieben
Tochter, deiner gehorsamen Sklavin, wie einst, als sie dich erst noch
lieben lernte. Nun, erhebe den Becher!“

„Wohlan! So schenke auch dir ein!“

„Warte, Alter! Trink noch nicht, laß mich zuvor noch ein Wort sagen!
...“

Katherina stützte die Ellbogen auf den Tisch und sah regungslos mit
glänzendem, leidenschaftlichem Blick dem Alten in die Augen. Eine
eigentümliche Entschlossenheit lag plötzlich in diesem Blick. Doch alle
ihre Bewegungen waren sicher, ihre Gesten kurz, unerwartet, schnell. Es
war, als sei Feuer in ihr und wunderbar nahm sich das aus. Ihre
Schönheit schien mit ihrer Erregung, mit ihrer Spannung zu wachsen. Sie
lächelte und wie Perlen erglänzten ihre gleichmäßigen Zähne zwischen den
Lippen. Ihr Atem war kurz und unterbrochen durch die Erregung. Ihre
feinen Nasenflügel bebten. Der eine ihrer schimmernden Zöpfe, die sie
zweimal um den Kopf geschlungen trug, hatte sich gelöst und gesenkt und
bedeckte das linke Ohr und einen Teil der heißen Wange. Ihre Schläfen
glänzten feucht.

„Sage mir wahr, Alter! Sag mir wahr, mein Guter, sag, bevor du deinen
Verstand vertrinkst! Hier hast du meine weiße Hand! Nennen dich doch die
Leute bei uns nicht umsonst einen Zauberer. Du hast aus Büchern gelernt
und kennst jede schwarze Wissenschaft! So sieh dir jetzt die Linien
meiner Hand an, Alterchen, und verkünde mir mein ganzes unseliges Los!
Nur sieh zu, daß du die Wahrheit sagst! ... Nun, sage mir, wie du es
weißt und meinst – wird dein Töchterchen glücklich sein oder verzeihst
du ihr nicht und rufst ihr durch deine Zauberstücke herbes Leid auf den
Weg? Sage, wird der Winkel warm sein, in dem ich mich einnisten werde,
oder soll ich, wie ein Zugvogel, mein Leben lang gleich einer Waise bei
guten Leuten Unterkunft suchen? Sage, wer ist mein Feind und hegt Arges
gegen mich im Sinn? – und wer ist mein Freund und hat für mich nur Liebe
im Herzen? Sage, wird mein junges heißes Herz sein Lebtag einsam bleiben
und vor der Zeit verstummen, oder wird es ein anderes Herz finden, das
ihm gleich ist, und im gleichen Pulsschlag der Freude mit ihm schlagen
... bis zu neuem Leid! Und sage mir, Alterchen, wenn du schon einmal
wahrsagst, wo, unter welchem blauen Himmel, hinter welchen fernen Meeren
und Wäldern mein heller Falke denn lebt, sag mir, wo, und ob er auch mit
scharfem Auge nach seinem Falkenweibchen Ausschau hält, und ob er auch
in Liebe wartet, ob er es auch heiß lieben oder ob er die Liebe bald
verlernen und mich betrügen, oder ob er mich nicht betrügen und mir treu
bleiben wird? Und dann sprich auch schon das Letzte und Allerletzte aus,
Alter: sag, ist es uns beiden bestimmt, lang noch gemeinsam die Zeit zu
verbringen, hier im armseligen Winkel zu sitzen, dunkle Bücher zu lesen?
Oder wann werde ich von dir Abschied nehmen, mich tief vor dir neigen
und dir für deine Gastfreundschaft danken, und dafür daß du mir Speise
und Trank gegeben und mir Märchen erzählt hast? ... Aber sieh zu, daß du
mir die Wahrheit sagst, lüge nicht! Die Zeit ist gekommen, jetzt steh
für dich ein!“

Ihre Erregung war mit jedem weiteren Wunsche gewachsen, bis ihre Stimme
bei den letzten Worten die Gewalt über sich verlor, als risse ein
Wirbelsturm ihr Herz mit sich fort. Ihre Augen blitzten und ihre Lippen
schienen leise zu beben. Und doch hatte aus ihrer Stimme zugleich ein
boshafter Spott geklungen – wie eine Schlange wand er sich versteckt
durch ihre Worte – und es war, als habe ein Schluchzen in ihrem Spott
geklungen, der doch voll Lachen sein sollte. Sie hatte sich über den
Tisch zu dem Alten gebeugt und sah ihm mit forschender Neugier in seine
umflorten Augen. Ordynoff hörte, als sie verstummte, wie ihr Herz
plötzlich heftig zu klopfen begann; er sah sie an und wollte aufjauchzen
vor Entzücken, und war schon im Begriff, sich von der Bank zu erheben.
Da traf ihn ein flüchtiger, kurzer Blick des Alten und wie gebannt, wie
gelähmt blieb er auf seinem Platz: es war eine seltsame Mischung von
Verachtung, Spott, ungeduldiger, ärgerlicher Unruhe und zugleich
boshafter, arglistiger Neugier, die aus diesem flüchtigen jähen Blick
aufblitzte, aus diesem Blick, unter dem Ordynoff jedesmal zusammenfuhr
und der sein Herz stets mit Haß und ohnmächtiger Wut erfüllte.

Nachdenklich und mit einer eigentümlichen traurigen Neugier betrachtete
der Alte seine Katherina. Sie hatte sein Herz getroffen, durchbohrt, das
Wort war jetzt von ihr ausgesprochen – und doch hatte er nicht einmal
mit einer Wimper gezuckt. Er lächelte nur, als sie verstummt war.

„Willst viel auf einmal erfahren, mein flügge gewordenes, mein
flugbereites Vögelchen! Fülle mir schnell noch den tiefen Becher; und
dann laß uns trinken: zuerst auf die Entzweiung und auf den guten
Willen; sonst verderbe ich noch durch irgend jemandes bösen unsauberen
Blick meinen Wunsch. Der Teufel ist stark! Wie weit ist’s denn bis zur
Sünde!“

Er hob seinen Becher und leerte ihn. Je mehr er trank, um so bleicher
wurde er. Seine Augen röteten sich und glühten wie Kohlen. Es war
augenscheinlich, daß ihr fieberhafter Glanz und die plötzliche
Totenblässe die Vorläufer eines baldigen neuen Anfalls waren. Der Wein
aber war schwer und feurig. Auch Ordynoff fühlte von dem einen Becher,
den er geleert, seinen Blick heiß und unsicher werden: sein durch das
Fieber erregtes Blut konnte nicht lange dem Geist des Weines widerstehen
und überstürmte sein Herz, quälte und verwirrte seinen Verstand. Seine
Unruhe wuchs mit jeder Minute. Und er schenkte sich noch von dem
schweren Wein in den Becher und trank einen Schluck, ohne selbst zu
wissen, was er tat oder wie er gegen seine wachsende Erregung ankämpfen
sollte, und das Blut jagte noch stürmischer durch seine Adern. Er war
wie von einem Fiebertraum fortgerissen und vermochte kaum noch, trotz
krampfhaftester Anspannung seiner ganzen Aufmerksamkeit, zu verfolgen,
was zwischen dem Alten und Katherina vorging.

Der Alte klopfte laut mit dem Becher auf den Tisch.

„Schenk ein, Katherina!“ rief er, „schenk ein, böses Töchterchen, schenk
ein, bis ich trunken bin! Beseitige den Alten, es ist auch genug für
ihn! So ist’s recht, schenk ein, meine Schöne, ganz voll – so! Nun laß
uns beide trinken! Warum hast du denn so wenig getrunken? Oder habe ich
es nicht gesehen ...?“

Katherina entgegnete ihm etwas, doch Ordynoff begriff die Worte kaum,
und der Alte ließ sie nicht zu Ende sprechen: er ergriff ihre Hand, als
habe er nicht mehr die Kraft, all das zurückzuhalten, was seine Brust
einschloß. Sein Gesicht war bleich und sein Blick umflorte sich bald,
bald flammte er auf und dann brannte in ihm ein unheimliches Feuer.
Seine farblosen Lippen zuckten und mit ungleichmäßiger, schwankender
Stimme, aus der hin und wieder eine seltsame Begeisterung klang, sagte
er zu ihr:

„Gib dein Händchen, du Schöne! Ich werde dir wahrsagen, werde dir die
ganze Wahrheit sagen. Ich bin wirklich ein Zauberer, da hast du dich
nicht geirrt, Katherina! Dein goldenes Herz hat erraten, daß ich sein
einziger Wahrsager bin und ihm die Wahrheit nicht verheimlichen werde,
diesem schlichten, diesem unschlauen Herzen! Nur eines hast du nicht
erkannt: nicht ich, der Zauberer, kann dich vernünftig machen! Vernunft
ist keine Richtschnur für ein Mädchen, und wenn man ihm auch die ganze
Wahrheit sagt, so ist es doch, als habe es nichts erfahren und
begriffen! Ihr eigner Kopf – ist eine listige Schlange, wenn auch das
Herz von Tränen überfließt! Jeden Weg findet sie selbst, zwischen
Gefahren versteht sie kriechend sich durchzuschlängeln und ihren
schlauen Willen zu erreichen! Manchmal erreicht sie auch wohl mit dem
Verstande was sie will, wenn aber nicht – dann berückt sie mit ihrer
Schönheit, und verwirrt mit ihrem dunklen Auge! Schönheit bricht die
Kraft, und wenn das Herz auch von Eisen ist – sie zerspellt es mit ihrer
Macht! Ob auch Leid und Sorge deiner harrt? Schwer ist Menschenleid!
Doch nicht schwache Herzen werden von ihm heimgesucht. Das Unglück sucht
sich, wenn es kommt, ein starkes Herz zum Wohnsitz aus, aus dem dann im
stillen, aller Welt verborgen, manch blutige Träne rinnt, bösen Leuten
ein Schaustück. Dein Leid aber, Mädchen, ist wie die Spur im Sande, die
der Regen verwischt, die Sonne trocknet und der frische Wind verweht!
Laß mich dir noch mehr sagen, dir wahrsagen: wer dich lieben wird, zu
dem wirst du als Sklavin gehen, wirst selbst deinen Willen und deine
Freiheit binden und ihm hingeben als Pfand und auch nie mehr
zurückverlangen; wirst es nicht verstehen, zur rechten Zeit deine Liebe
zu vergessen; ein Körnchen legst du hin und dein Verderber läßt es zur
vollen Ähre wachsen und behält alles! Mein zärtliches Kind, mein
Goldköpfchen, hast in meinem Wein dein Tränenperlchen begraben und dann
doch nicht widerstanden und darüber gleich hundert andere vergossen,
hast ein schönes Wort gesagt, dich an ihm berauscht und auf dein Leid
gepocht. Doch ob deines Tränchens, des himmlischen Tautropfens, wirst du
dich nicht zu grämen, wirst nicht zu trauern brauchen! Es wird dir in
Überfluß wiedergegeben, und mit Wucherzinsen, dein Tränenperlchen, warte
nur, in langer Nacht, in trauriger Nacht, wenn böser Kummer an deinem
Herzen nagen wird und ein arger Gedanke – dann wird auf dein heißes
Herz, für dies selbe Tränchen, eines anderen Träne fallen, eine blutige,
nicht warme oder heiße, sondern eine glühende, wie von flüssigem Erz,
und die wird dir deine weiße Brust blutig brennen, und bis zum Morgen,
dem trüben, düsteren, wie er an Regentagen graut, wirst du dich auf
deiner Lagerstätte wälzen und aus der frischen Wunde wirst du purpurnes
Blut vergießen und nimmer wird dir diese Wunde bis zum vollen Morgen
verheilen! Schenke mir noch ein, Katherina, schenke mir ein, meine
Taube, für den klugen Rat! – weiter aber, denke ich, sind keine Worte
mehr vonnöten ...“

Seine Stimme sank und bebte: es war, als wolle ein Schluchzen aus seiner
Brust hervorbrechen ... Er schenkte sich selbst den Wein ein und stürzte
ihn gierig hinab; dann klopfte er wieder mit dem Becher auf den Tisch.
Sein trüber Blick flammte noch einmal auf.

„Ach! Lebe, wie es sich leben läßt!“ rief er, „was vorüber ist, ist
vorüber! Schenk mir ein, schenk mir noch einmal ein, noch einmal, und
ganz voll, bis zum Rande, damit der Wein den wilden Kopf von den
Schultern nimmt und die Seele in ihm ertränkt! Schläfere mich ein für
die lange Nacht, der kein Morgen folgt, auf daß das Gedächtnis mir
völlig schwinde! Getrunkener Wein ist wie verlebtes Leben! Da muß doch
dem Kaufmann die Ware liegen geblieben sein, wenn er sie umsonst aus der
Hand gibt! Würde er sie doch sonst nicht aus freiem Willen unter dem
Preise hingeben, würde auch der Feinde Blut vergießen, auch unschuldig
Blut würde fließen und auf den Kauf würde jener Käufer obendrein noch
seine verlorene Seele hergeben müssen! Schenk ein, schenk mir noch ein,
Katherina!“

Doch seine Hand, die den silbernen Becher hielt, schien plötzlich wie im
Krampf zu erstarren und rührte sich nicht mehr. Er atmete schwer und
mühsam, sein Kopf sank unwillkürlich auf die Brust. Noch einmal richtete
er den Blick starr auf Ordynoff, als wolle er ihn zum letztenmal
durchbohren, aber auch dieser Blick erlosch endlich und seine Lider
senkten sich, als wären sie bleischwer. Tödliche Blässe breitete sich
über sein Antlitz ... Ein paarmal zuckten noch seine Lippen und bewegten
sich, als wollten sie etwas sagen – und plötzlich glänzte eine große
heiße Träne an seinen Wimpern, hing, löste sich und rollte langsam über
seine bleiche Wange herab ... Ordynoff hatte nicht mehr die Kraft, noch
länger dies alles zu ertragen. Er erhob sich, trat schwankend einen
Schritt vor, näherte sich Katherina und faßte sie am Arme; sie aber
hatte nicht einmal einen Blick für ihn, und tat, als bemerke sie ihn
überhaupt nicht ...

Es war, als verließe sie gleichfalls die Besinnung, als hielte ein
besonderer Gedanke sie in seinem Bann oder als sei sie von einem
einzigen starren Gedanken erfüllt. Sie sank an die Brust des schlafenden
Alten, schlang ihren weißen Arm um seinen Hals und sah ihn regungslos
an, als könne sie den Blick nicht losreißen von ihm. Sie fühlte es wohl
gar nicht, als Ordynoff ihren Arm erfaßte. Erst nach einer Weile hob sie
den Kopf und wandte das Gesicht ihm zu und sah ihn mit einem langen
durchdringenden Blick an. Und dann rang sich, als begreife sie endlich,
ein schweres, verwundertes Lächeln gleichsam mühselig, wie mit Schmerz
aus ihrem Innersten hervor und erschien auf ihren Lippen ...

„Geh, geh fort,“ flüsterte sie, „du bist betrunken und böse! Du bist mir
ein schlechter Gast!“ Und sie wandte sich wieder dem Alten zu und wieder
hing ihr Blick wie gebannt an seinen Zügen.

Sie schien jeden Atemzug des Schlafenden zu bewachen, schien seinen
Schlaf mit ihrem Blick liebkosen zu wollen. Ja, sie schien sogar ihren
eigenen Atem zurückzuhalten, als wage sie kaum, ihr Herz schlagen zu
lassen. In ihrem Gesicht, in ihrem ganzen Wesen lag eine solche
Liebesverzückung, daß Ordynoff plötzlich von Verzweiflung, Wut, Zorn und
rasendem Haß übermannt wurde ...

„Katherina! Katherina!“ rief er, wie mit Klammern ihren Arm umspannend.

Schmerz sprach aus ihrem Gesicht: sie erhob wieder den Kopf und sah ihn
an, doch diesmal mit solch einem Spott und solch schamloser Verachtung,
daß er sie anstarrte, ohne fassen zu können, was er sah. Sie wies auf
den schlafenden Alten und sah – als wäre der ganze Hohn seines Feindes
in ihre Augen übergegangen – sah mit einem Blick zu Ordynoff auf, unter
dem in seinem Inneren irgend etwas mit schneidendem Schmerz zerriß und
von dem es ihn mit Eiseskälte überlief.

„Was? er wird mich ermorden, meinst du?“ stieß Ordynoff hervor, außer
sich vor Wut.

Und als hätte ihm ein Dämon etwas ins Ohr geflüstert – begriff er sie
plötzlich ... und sein ganzes Herz lachte gellend dazu.

„So werde ich dich denn kaufen, du Schöne, von deinem Kaufmann, wenn du
meine Seele verlangst! Sei ruhig, nicht er wird morden! ...“

Das starre Lachen, das nicht aus ihrem Gesicht wich, wurde ihm
fürchterlich. Der grenzenlose Hohn ihres Spottlächelns marterte ihm das
Herz. Er wußte nicht mehr, was in ihm vorging, und was er fast
mechanisch tat: er stützte sich an die Wand und nahm von einem Nagel
einen altertümlichen kostbaren Dolch. Ein Ausdruck wie Verwunderung
glitt über Katherinas Züge; zugleich jedoch trat der Ausdruck von Haß
und Verachtung mit solcher Stärke in ihre Augen, daß er alles andere
darüber vergessen ließ. Ordynoff sah sie an und ihm schwindelte ... Es
war ihm, als zerre jemand an seiner Hand, die sich zu einer unsinnigen
Tat erheben wollte, und als sei ein fremder Trieb in ihr. Er zog das
Messer aus der Scheide ... Katherina folgte regungslos, wie in atemloser
Spannung, seiner Bewegung ...

Er sah auf den Alten ...

Da schien es ihm plötzlich, als ob ein Augenlid des Alten sich langsam
hebe und als ob durch die Wimpern, lauernd, ein Auge ihn lächelnd
ansehe. Ihre Blicke begegneten einander, Auge ruhte in Auge. Minutenlang
sah Ordynoff ihn an, ohne zu zucken ... Plötzlich aber schien es ihm,
daß das ganze Gesicht des Alten lache und ein teuflisches Gelächter, das
ihn eisig überlief und erstarren machte, im Zimmer erschallte. Ein
scheußlicher nachtschwarzer Gedanke kroch wie eine Schlange durch sein
Gehirn. Er erzitterte: das Messer entfiel seiner Hand und klirrte auf
die Diele. Katherina schrie auf, wie aus einem Traume erwachend, wie
nach einem furchtbaren Alb, und doch noch im Bann des Schreckbildes ...
Der Alte erhob sich langsam, mit bleichem Gesicht, und stieß voll
Ingrimm mit dem Fuß das Messer in die Ecke des Zimmers. Katherina stand
totenblaß neben dem Bett und rührte sich nicht. Ihre Augen schlossen
sich; ein dumpfer, unerträglicher Schmerz drückte sich in ihren Zügen
aus; sie bedeckte das Gesicht mit den Händen und mit einem
erschütternden Aufschrei warf sie sich dem Alten zu Füßen ...

„Aljoscha! Aljoscha!“ rang es sich in äußerster Verzweiflung aus ihrer
Seele.

Der Alte umfing sie mit seinen mächtigen Armen und erdrückte sie fast an
seiner Brust. Als sie aber ihren Kopf so an ihn schmiegte, da lachte
jeder Zug, jede Runzel im Gesicht des Alten ein so schamloses,
entblößtes nacktes Lachen, daß Ordynoff nur fühlte, wie kaltes Entsetzen
ihn ergriff. Betrug, Berechnung, eifersüchtige Tyrannei und
Vergewaltigung dieses armen, dieses zerrissenen Herzens – das war es,
was er an dem schamlosen Lachen begriff.

„Wahnsinnige!“ flüsterte er erschauernd, von Entsetzen geschüttelt, und
stürzte hinaus.


                                  VI.

Als Ordynoff am nächsten Morgen, noch blaß und erregt von dem Erlebnis
der Nacht, gegen acht Uhr bei Jaroslaw Iljitsch eintrat – zu dem er
übrigens aus einem ihm selbst völlig unklaren Grunde gegangen war –
blieb er starr vor Überraschung auf der Schwelle stehen: denn im Zimmer
erblickte er – Murin. Der Alte war noch bleicher als Ordynoff und schien
sich vor Krankheit kaum auf den Füßen halten zu können, weigerte sich
jedoch, trotz aller Aufforderungen Jaroslaw Iljitschs, der über den
Besuch offenbar sehr erfreut war, auf einem Stuhl Platz zu nehmen. Als
Jaroslaw Iljitsch Ordynoff erblickte, entfuhr ihm ein Ausruf freudiger
Überraschung, doch schon im nächsten Augenblick wich seine Freude einer
recht merkbaren Verwirrung, die ihn ganz plötzlich überkam, so daß er
mitten auf dem Wege zum nächsten Stuhl, den er wohl Ordynoff hatte
anbieten wollen, ratlos stehen blieb. Man sah es ihm an, daß er nicht
wußte, was er sagen oder tun sollte und daß er es zugleich als unpassend
empfand, in dieser schwierigen Lage seine türkische Pfeife weiter zu
rauchen. Trotzdem aber – so groß war seine Verwirrung – zog er in vollen
Zügen den Rauch aus seinem Pfeifenrohr und zwar noch viel häufiger und
heftiger, als es sonst seine Art war. Inzwischen trat Ordynoff ins
Zimmer. Er warf einen flüchtigen Blick auf Murin und bemerkte in dessen
Gesicht etwas Ähnliches wie das boshafte Lächeln vom letzten Abend, das
Ordynoff auch jetzt wieder erbeben machte vor Wut und Empörung. Übrigens
verschwand alles Feindliche sofort aus Murins Zügen und sein Gesicht
nahm den Ausdruck vollständiger Verschlossenheit und Gelassenheit an.
Langsam machte er eine sehr tiefe Verbeugung vor seinem Mieter ... Diese
kurze Szene hatte indes das Gute, daß sie Ordynoff vollends zur
Besinnung brachte. Er sah Jaroslaw Iljitsch mit scharfem Blick
aufmerksam an, wie um aus dessen Antlitz sich Aufschluß über den
Sachverhalt zu verschaffen. Jaroslaw Iljitsch freilich schien dieser
forschende Blick äußerst peinlich zu sein.

„Aber ich bitte Sie, treten Sie doch näher, teuerster Wassilij
Michailowitsch,“ brachte er endlich verwirrt hervor, „ich bitte Sie
dringend, beehren Sie mich mit Ihrem Besuch ... Geben Sie diesen meinen
einfachen Sachen hier ... die Weihe, indem Sie ihnen, wie gesagt, die
Ehre antun ... wie gesagt ...“

Jaroslaw Iljitsch geriet mit seinen Gedanken und Worten in einige
Unordnung, verlor den Faden, wurde bis über die Ohren rot vor Verwirrung
und auch vor Ärger darüber, daß die schöne Phrase mißlungen war und daß
er sie somit umsonst ausgespielt, sie für immer verdorben hatte. Mit
Gepolter rückte er deshalb einen Stuhl bis mitten ins Zimmer.

„Ich werde Sie nicht lange aufhalten, Jaroslaw Iljitsch, ich wollte nur
...“

„Aber ich bitte Sie! Sie und mich aufhalten – Wassilij Michailowitsch!
... Doch – nicht wahr – ein Glas Tee? He! Bedienung! ... Und Sie,
versteht sich, werden doch auch nicht ein Glas ablehnen!“

Murin nickte nur mit dem Kopf, wodurch er wohl zu verstehen gab, daß er
das Angebot ganz selbstverständlich fand.

Jaroslaw Iljitsch schnauzte zunächst den eingetretenen Diener wegen
seiner angeblichen Saumseligkeit an und bestellte dann in strengem Tone
noch drei Glas Tee, worauf er sich auf den nächsten Stuhl neben Ordynoff
niederließ. Nachdem er sich gesetzt, drehte er den Kopf wie eine
Pappkatze bald nach rechts, bald nach links, sah von Murin zu Ordynoff
und von Ordynoff zu Murin. Seine Lage war keineswegs angenehm. Offenbar
wollte er etwas sagen, etwas vielleicht äußerst Kitzliges, wenigstens
für den einen Teil; doch ungeachtet aller seiner Gedankenanstrengungen
brachte er nichts über die Lippen ... Ordynoff schien auch nicht recht
zu wissen, was er sagen, und noch viel weniger, was er denken sollte. Es
gab einen Augenblick, wo sie plötzlich beide zugleich anfangen wollten.
... Währenddessen hatte der schweigsame Murin Zeit, sie aufmerksam zu
beobachten und in sein Gesicht wieder den Ausdruck der Ruhe zu bringen
...

„Ich bin gekommen, um Ihnen mitzuteilen,“ begann plötzlich Ordynoff,
„daß ich mich infolge eines unangenehmen Zwischenfalls gezwungen sehe,
meine Wohnung zu verlassen, und ...“

„Ja denken Sie sich!“ unterbrach ihn Jaroslaw Iljitsch. „Ich war, offen
gestanden, baff, als mir dieser ehrenwerte Mann hier von Ihrem Entschluß
Mitteilung machte. Aber ...“

„Wie, _er_ hat es Ihnen bereits mitgeteilt?“ fragte Ordynoff verwundert,
und blickte auf Murin.

Dieser strich sich über den Bart und lächelte vor sich hin.

„Ja, was sagen Sie dazu!“ fuhr Jaroslaw Iljitsch fort. „Übrigens – oder
habe ich da vielleicht was mißverstanden? Jedenfalls muß ich sagen, daß
– ich versichere Sie bei meiner Ehre! – daß in seinen Worten auch nicht
der Schatten einer Sie kränkenden Äußerung enthalten gewesen ist ...“

Und Jaroslaw Iljitsch errötete hierbei und vermochte nur mit Mühe seine
Erregung niederzuhalten. Murin, der sich an der Verwirrung Jaroslaw
Iljitschs und seines Gastes inzwischen genugsam ergötzt zu haben schien,
hielt es nun wohl für angemessen, auch mit der Sprache herauszurücken,
und trat einen Schritt vor.

„Ich habe dieserhalb, Euer Wohlgeboren,“ begann er langsam, sich nach
Bauernart vor Ordynoff verneigend, „Eure Wohlgeboren zu belästigen
gewagt. Es ist nun mal so, Herr, es kommt schon so heraus – Sie wissen
doch selber: wir – wollte sagen ich und meine Hausfrau – wir wären ja
mehr als froh und würden auch kein Wort dawider reden ... Aber – was
soll man da viel sagen – was hab’ ich denn für eine Wohnung, das wissen
und sehen Sie doch selbst, Herr! Und was haben wir denn überhaupt – grad
nur so viel, daß man satt wird, wofür wir denn auch genugsam dem
Schöpfer danken und zu ihm beten, und ihn bitten, er möge uns seine
Gnade auch fernerhin in diesem Maße zuteil werden lassen. Aber sonst,
Herr, Sie sehen doch selbst, wie’s ist, was soll man da viel reden?“ Und
Murin wischte sich nach echter Bauernart mit dem Ärmel ruhig den Bart.

Ordynoff fühlte nur, wie ihn Ekel erfaßte.

„Ja, es ist wahr, ich habe Ihnen auch schon von ihm erzählt: er ist
krank, tatsächlich, ^ce malheur^ ... das heißt, Verzeihung, ich wollte
... ich beherrsche die französische Sprache nicht vollkommen, aber wie
gesagt ...“

„Ja, wie ...“

„Ja eben, wie gesagt ... das heißt ...“

Ordynoff und Jaroslaw Iljitsch machten sich gegenseitig so etwas wie
eine halbe Verbeugung, natürlich ohne sich deshalb von den Stühlen zu
erheben, und Jaroslaw Iljitsch suchte das entstandene kleine
Mißverständnis mit einem entschuldigenden Lachen zu verwischen, fuhr
jedoch sogleich wieder fort:

„Übrigens habe ich mich soeben ausführlich bei ihm erkundigt, und wie er
mir erklärte – und ich glaube ihm, da ich ihn als Ehrenmann kenne, aufs
Wort! – daß die Krankheit jenes ... jungen Weibes ...“

Hier sah der gewissenhafte Jaroslaw Iljitsch – vermutlich um einen
kleinen Zweifel zu beseitigen, der sich wieder auf Murins Gesicht
gezeigt hatte, mit fragendem Blick zu ihm auf.

„Nun ja, unserer Hausfrau ...“

Der zartfühlende Jaroslaw Iljitsch begnügte sich sogleich mit der ihm
zuteil gewordenen Erklärung und fuhr schnell fort:

„... Ihrer Hausfrau – das heißt, jetzt ist sie es ja nicht mehr, aber
sie war es – also Ihrer ... das heißt, pardon, ich weiß nicht ... nun
ja! Sehen Sie, sie ist eben krank und dem müssen Sie Rechnung tragen.
Sie sagt, sie störe Sie ... in Ihrer Beschäftigung, und auch er ... Sie
haben mir nämlich einen wichtigen Zwischenfall verschwiegen, Wassilij
Michailowitsch!“

„Welch einen?“

„Ja – das mit der Flinte,“ sagte in der schonendsten Weise flüsternd
Jaroslaw Iljitsch, wobei nur ein verschwindender Bruchteil, höchstens
ein Milliontel eines Vorwurfs aus dem zart-freundschaftlichen Tonfall
seiner Tenorstimme herauszuhören war.

„Aber,“ fügte er schnell hinzu, „jetzt, wo ich alles weiß – er hat mir
nämlich den ganzen Vorgang erzählt – kann ich Ihnen nur sagen, daß es
von Ihnen höchst anständig und anerkennenswert war, ihm seine unbedachte
Tat zu verzeihen. Ich schwöre Ihnen, ich sah Tränen in seinen Augen, als
er davon sprach! ...“

Jaroslaw Iljitsch errötete wieder ein wenig; seine Augen glänzten und er
rückte zufrieden seinen Stuhl und sich selbst etwas von der alten
Stelle.

„Ich, wollte sagen, wir, Herr, Euer Wohlgeboren, will sagen ich und
meine Hausfrau, wie beten wir für Euch zu Gott,“ begann wieder Murin,
sich an Ordynoff wendend – während Jaroslaw Iljitsch noch wie gewöhnlich
seine Erregung niederkämpfte – und er sah ihn dabei unverwandt an, „aber
Ihr wißt doch selbst, Herr, sie ist ein krankes, dummes Weib; und mich
wollen die Füße auch nicht so recht mehr tragen ...“

„Aber ich bitte Sie,“ unterbrach ihn Ordynoff ungeduldig, „ich bin ja
bereit, meinetwegen sofort! ...“

„Nein, Herr, will sagen, wir wären ja mit Verlaub, mit Euer Wohlgeboren
mehr als zufrieden.“ (Murin verbeugte sich wieder äußerst tief.) „Ich,
Herr, ich rede nicht davon; ich wollte nur ein Wort noch sagen – sie ist
doch, Herr, fast verwandt mit mir, wenn auch nicht nah, sondern nur so
wie man beispielsweise zu sagen pflegt, etwa durch sieben Scheffel
Erbsen, will sagen, Euer Wohlgeboren mögen uns unsere einfache
Ausdrucksweise zugute halten, wir sind niedrige Leute – aber sie ist ja
schon von Kindheit an so! Eigenwillig, im Walde aufgewachsen, nur unter
den Barkenknechten und Fabrikarbeitern. Und da brannte dann noch das
Haus nieder; und ihre Mutter, Herr, verbrannte; und auch der Vater
verbrannte – aber sie selbst, Herr, erzählt das doch Gott weiß wie ...
Ich will ihr nur nicht widersprechen, aber in Moskau haben die größten
Ärzte sie untersucht, ein ganzes Kon... Konsilium, wie sie sagen ...
doch nichts war zu machen, Herr, sie ist ganz unheilbar, das ist es! Ich
allein bin ihr noch geblieben, und so lebt sie denn bei mir ... will
sagen, so leben wir denn beide, beten zu Gott und hoffen auf seine
Allmacht; sonst aber – mag sie reden, was sie will, ich widerspreche ihr
schon gar nicht mehr ...“

Ordynoff erbleichte. Jaroslaw Iljitsch sah wieder bald den einen, bald
den anderen an.

„Aber ich wollte nicht davon reden, Herr ... nein!“ fuhr Murin fort und
schüttelte ernst das Haupt. „Sie ist nun einmal so, will sagen, von so
heißblütigem Schlage, das Köpfchen stürmisch, liebevoll und
liebebedürftig, ist wie’n Wirbelwind, hat alleweil Verlangen nach einem
lieben Freunde, will immer – wenn ich mit Verlaub Euer Gnaden so sagen
darf –, daß man ihrem Herzen einen Geliebten gebe; das ist eben ihre
Verrücktheit. So erzähle ich ihr denn Märchen, um sie abzulenken und zu
zerstreuen. Das ist nun mal so. Aber ich hab’ ja doch, Herr, gesehen,
wie sie – verzeiht schon, Herr, mein dummes Wort,“ entschuldigte Murin
sich mit einer Verbeugung und indem er wieder mit dem Ärmel den Bart vom
Munde nach links und rechts wischte, „wie sie beispielsweise mit Euer
Gnaden näher bekannt geworden ist, will sagen, um beispielsweise zu
reden, daß Sie, halten zu Gnaden, beispielsweise bezüglich der Liebe
sich ihr zu nähern wünschten ...“

Jaroslaw Iljitsch wurde feuerrot und blickte vorwurfsvoll auf Murin.
Ordynoff bezwang sich so weit, daß er äußerlich ruhig auf seinem Stuhl
sitzen blieb.

„Nein ... will sagen, ich, Herr, ich wollte nicht davon reden ... ich
bin, halten zu Gnaden, nur ein einfacher Bauer, Herr ... wir sind
niedrige Leute, sind unwissend und ungebildet, Herr, sind Eure Diener.“
Er machte wieder eine tiefe Verbeugung. „Und wie werden wir, ich und
mein Weib, für Euer Gnaden beten! ... Worüber hätten wir auch zu klagen?
– wenn man nur immer satt wird und gesund bleibt, dann ist man schon
zufrieden. Aber was soll ich denn, Herr, tun? – soll ich freiwillig den
Kopf in die Schlinge stecken! Ihr wißt doch, Herr, das ist eine
Lebensfrage, habt Mitleid mit uns, das würde ja sein wie mit einem
Liebhaber! ... Halten zu Gnaden, Herr, mein grobes Wort ... bin ein
Bauer und Ihr seid ein Herr ... Aber Euer Gnaden sind eben ein junger,
stolzer, heißer Mensch, sie aber, Herr, Ihr wißt doch selbst, ist noch
ein Kind, jung und unvernünftig – wie weit ist es denn da mit ihr bis
zur Sünde! Sie ist ja gewiß ein frisches, rosiges, liebes Weib, und mich
Alten plagt immer die Krankheit. Nun was? Wie man sieht, muß der Teufel
Euer Gnaden schon arg umgarnt haben! Ich zerstreue sie schon immer mit
Märchen und ähnlichen Geschichten, zerstreue sie wirklich! ... Und wie
wir für Euer Gnaden beten würden! will sagen, wirklich von
Herzensgrunde! ... Und was finden denn Euer Gnaden an ihr? Wenn sie auch
schön ist, sie bleibt doch eine Bäuerin, ein einfaches Weib, das zu mir,
dem einfachen Bauern paßt! Euch aber, Herr, steht es doch nicht an, sich
mit Bäuerinnen abzugeben! Und wie wir doch für Euer Gnaden beten werden,
wirklich von Herzensgrunde! ...“

Und Murin neigte sich von neuem tief, tief und blieb lange in dieser
untertänigst ergebenen Stellung, während er zugleich unausgesetzt mit
dem Ärmel den Bart vom Munde zu den Seiten strich. Jaroslaw Iljitsch
wußte kaum noch, wo er sich lassen sollte.

„Ja ... tja, der gute Mann,“ begann er, nur so, um etwas zu sagen,
„erzählte mir da auch so einiges ... wie gesagt, es scheint eben doch
nicht so weiter zu gehen. Nur, bitte, denken Sie deshalb nicht, bester
Wassilij Michailowitsch, daß ich mir da ... vielleicht irgendwelche
Gedanken zu machen erlaube! ... Wie gesagt,“ unterbrach er sich schnell,
„ich hörte, Sie seien noch immer krank?“ fragte er teilnehmend und sah
Ordynoff vor lauter Verlegenheit mit förmlich bittendem Blick an.

„Wie viel bin ich Ihnen schuldig?“ fragte Ordynoff schnell, sich an
Murin wendend.

„Wie denn, Herr! Wir sind doch keine Räuber! Euer Gnaden werden uns doch
nicht beleidigen wollen! Nein, Herr, Euer Wohlgeboren sollten sich
schämen, – wodurch haben wir denn Euer Gnaden gekränkt? Ich bitte!“

„Aber ... einstweilen – erlauben Sie mal, mein Freund: so geht das doch
auch nicht! Er war immerhin Ihr Mieter – ja, fühlen Sie denn nicht, daß
umgekehrt Sie ihn durch Ihre Weigerung, eine Entschädigung dafür
anzunehmen, empfindlich kränken, ja gewissermaßen sogar beleidigen?“
legte sich Jaroslaw Iljitsch ins Mittel, da er es für seine Pflicht
hielt, Murin die peinliche Seite seiner Handlungsweise zu Bewußtsein zu
bringen.

„Aber ich bitte, Herr! Wie kommen Euer Wohlgeboren nur darauf? Erbarmen
Sie sich! Inwiefern sind wir denn Eurer Ehre zu nahe getreten? Haben uns
doch redlich und weidlich bemüht, alles zu tun, was in unseren Kräften
steht! Laßt es gut sein, Herr, Gott verzeihe Euch! Sind wir denn Heiden
oder Wegelagerer? Wir hätten ja nichts dawider, mag er bei uns leben,
unser einfaches Essen mit uns teilen und es zur Gesundheit verzehren, –
mag er, mag er – wir würden ja nichts dawider sagen und ... kein Wort
reden; aber da hat nun der Teufel seine Hand im Spiel, ich bin ein
kranker Mensch und auch sie ist ein krankes Weib – was soll man da tun!
Es ist niemand zum Bedienen da, sonst aber wären wir ja von Herzen froh.
Und wie wir doch für Euer Gnaden, Herr, beten werden, will sagen, wie
inbrünstig beten!“

Murin neigte sich wieder tief vor Ordynoff. Jaroslaw Iljitsch war vor
lauter Anteilnahme geradezu gerührt und wandte seinen Blick fast stolz
Ordynoff zu.

„Was sagen Sie dazu, ist das nicht ein edler Zug!“ rief er begeistert
aus. „Ist es nicht ein heiliges Gefühl der Gastfreundschaft, das in
unserem russischen Volke schlummert!“

Ordynoff sah ihn wild an und maß ihn vom Kopf bis zu den Füßen mit einem
Blick, in dem fast Entsetzen sich ausdrückte.

„Ja, so ist es wirklich, Herr, Gastfreundschaft ist uns heilig, und
wie!“ bestätigte Murin, und wieder wischte der Ärmel den Bart vom Munde
nach links und rechts, „und da kommt mir soeben ein Gedanke: der Herr
war bei uns eben nur zu Gast, bei Gott, nur zu Gaste,“ fuhr er fort,
indem er sich Ordynoff näherte, „und es wäre ja alles gut, Herr, – nun,
beispielsweise einen Tag, sagen wir, noch einen – ich würde ja wirklich
nichts dawider haben. Aber die Sünde verführt, und meine Hausfrau ist
nun einmal nicht ganz gesund. Ja, wenn sie nicht wäre! – will sagen,
wenn ich beispielsweise allein leben würde! – oh, wie würde ich da Euer
Gnaden dienen und alles zu Gefallen tun! – will sagen, das steht ja ganz
außer Frage! Wen sollten wir denn achten, wenn nicht Euer Gnaden? Und
ich würde Euch schon gesund machen, Herr, wirklich, ich kenne ein Mittel
... Nur zu Gaste seid Ihr bei uns gewesen, Herr, bei Gott, da habt Ihr
mein Wort darauf, wirklich nur zu Gaste! ...“

„Nein in der Tat, gibt es nicht ein solches Mittel?“ bemerkte Jaroslaw
Iljitsch ... brach aber kurz ab und wandte sich schleunigst zur Seite.

Ordynoff hatte ihm entschieden unrecht getan, als er ihn mit so wilder
Verwunderung maß.

Jaroslaw Iljitsch war natürlich einer der ehrlichsten und anständigsten
Menschen, doch jetzt, wo er endlich alles begriffen hatte, war seine
Lage allerdings eine äußerst schwierige. Er wollte, wie man so sagt,
einfach bersten vor Lachen! Wäre er mit Ordynoff allein gewesen, so
hätte er sich selbstverständlich (zwei so gute Freunde unter sich!)
nicht bezwungen und sich rückhaltlos dem Ausbruch seiner Heiterkeit
hingegeben. Jedenfalls hätte er, eben wie ein im Grunde anständiger
Kerl, voll Mitempfinden Ordynoff die Hand gedrückt, hätte ihm aufrichtig
und wahrheitsgemäß versichert, daß er ihn nun noch doppelt achte und es
unter allen Umständen verzeihlich finde, daß usw. ... Jugend bliebe eben
Jugend. Doch in Murins Gegenwart war das natürlich ausgeschlossen: und
so befand er sich denn in einer so peinlichen Lage, daß er nicht wußte,
wohin er mit sich sollte ...

„Ein Mittel, will sagen, ein Heilmittel,“ versetzte Murin, dessen ganzes
Gesicht nach dem ungeschickten Zwischenruf Jaroslaw Iljitschs ins Zucken
geriet.

„Ich, Herr, ich würde in meiner Dummheit, das heißt, bei meinem
bäuerischen Unverstand, nur das sagen,“ fuhr er fort, wieder einen
Schritt näher tretend: „Bücher, Herr, habt Ihr arg viel gelesen; ich
sage auch: klug seid Ihr sehr, seid sogar arg klug geworden und Euer
Verstand ist arg gewachsen; aber nun, wie man bei uns Bauern zu sagen
pflegt, nun ist der Verstand da angelangt, wo er stille steht ...“

„Genug! hören Sie auf!“ unterbrach ihn Jaroslaw Iljitsch in strengem
Ton.

„Ich gehe,“ sagte Ordynoff. „Ich danke Ihnen, Jaroslaw Iljitsch. Gewiß,
gewiß, ich werde Sie besuchen, nächstens,“ versprach er noch schnell,
der Aufforderung zuvorkommend, da sie schon in der Gebärde lag, mit der
ihn Jaroslaw Iljitsch zurückzuhalten suchte. „Leben Sie wohl ...“

Ordynoff hörte nichts mehr. Halb wahnsinnig verließ er das Zimmer.

Er war wie zerschlagen und alles Denken war in ihm erstarrt. Er hatte
eigentlich nur die dumpfe Empfindung seiner Krankheit, doch zugleich
erfaßte ihn eine kalte Verzweiflung, die ihn den einen, kaum bewußt
gefühlten Schmerz in der Brust vergessen ließ. Er dachte an den Tod,
dachte, daß es das beste wäre, jetzt schnell zu sterben. Seine Füße
versagten ihm den Dienst und er setzte sich auf eine Bank an einem Zaun,
ohne den Vorübergehenden irgendwelche Beachtung zu schenken: allen den
Leuten, die sich nach und nach um ihn zu versammeln begannen, ihn teils
neugierig und mitleidig betrachteten, teils Fragen an ihn stellten und
sich besorgt ereiferten. Da vernahm er plötzlich durch das Stimmengewirr
Murins Stimme, die ihn wie aus einem Traum schreckte, und er sah auf.
Der Alte stand neben ihm: sein bleiches Gesicht war ernst und
nachdenklich. Das war ein ganz anderer Mensch, als der, der sich bei
Jaroslaw Iljitsch in so frecher Weise über ihn lustig gemacht hatte.
Ordynoff erhob sich und Murin faßte ihn am Arm und führte ihn aus der
Menge.

„Du mußt noch deine Habseligkeiten mitnehmen,“ sagte er, indem er
Ordynoff flüchtig von der Seite ansah und seinen Arm wieder freigab.
„Sei nicht traurig, Herr!“ versuchte er ihn zu ermuntern. „Du bist jung,
wozu da trauern! ...“

Ordynoff schwieg.

„Bist gekränkt, Herr? Ärgerst dich also ... aber worüber denn? Jeder
verteidigt sein Gut!“

„Ich kenne Sie nicht,“ stieß Ordynoff hervor, „und Ihre Geheimnisse
gehen mich nichts an. Aber sie, sie!“ rief er, und Tränen entströmten
seinen Augen und rollten über seine Wangen, doch der Wind trocknete sie
schnell ... Ordynoff hob die Hand, wie um sie fortzuwischen. – Aber
seine Geste, sein Blick, die unwillkürliche Bewegung seiner bebenden
bläulichen Lippen – alles schien darauf hinzudeuten, daß sein Geist
nicht lange mehr widerstandsfähig war und er dem Wahnsinn verfallen sein
mochte.

„Ich habe dir doch schon erklärt,“ sagte Murin, die Brauen
zusammenziehend, „sie ist eine Halbirrsinnige! Wodurch und wie sie
irrsinnig wurde ... wozu brauchst du das zu wissen? Mir ist sie auch so
– das, was sie mir ist! Ich habe sie liebgewonnen mehr als mein Leben
und werde sie niemand abtreten. Begreifst du jetzt!“

In Ordynoffs Augen flammte es auf.

„Aber warum,“ stieß er hervor, „warum ist mir denn nun, als hätte ich
mein Leben verloren? Warum schmerzt denn _mein_ Herz? Warum mußte ich
Katherina kennen lernen?“

„Warum?“ wiederholte Murin mit kurzem Auflachen, ward aber sogleich
ernst und nachdenklich. „Ja, warum – das weiß ich auch nicht,“ murmelte
er endlich. „Weibersinn ist schließlich kein Meeresgrund, erforschen
kann man ihn schon, aber! ... Was sie wollen, das muß man ihnen geben –
ob sie’s mit List, Beharrlichkeit oder Zähheit verlangen – aber geben
muß man’s ihnen, als hätte man es nur aus der Tasche zu nehmen und
hinzulegen. Da ist es denn wohl wahr, Herr, daß sie mit Ihnen von mir
weggehen wollte,“ fuhr er nachdenklich fort. „Sie verschmähte den Alten,
nachdem sie mit ihm alles erlebt, was man erleben kann! Da müssen Sie
ihr anfangs arg in die Augen gestochen haben! Oder war’s nur so – ob
Sie, ob ein anderer ... Ich verbiete ihr ja nichts, lasse ihr in allem
ihren Willen. Und sollte sie Vogelmilch verlangen – ich verschaffe ihr
auch Vogelmilch, werde selbst den Vogel erschaffen, wenn es einen
solchen noch nicht gibt! Eitel ist sie! Nach Freiheit strebt sie und
dabei weiß sie selbst nicht, was das Herz will. Und da hat es sich denn
jetzt herausgestellt, daß es am besten doch wieder beim alten bleibt!
Ach, Herr! Jung bist du, noch arg jung! Dein Herz ist heiß wie das Herz
eines jungen Mädchens, das sich noch mit dem Ärmel die Tränen trocknet,
wenn es sich vom Liebsten verlassen sieht. Höre, Herr, was ich dir sage:
ein schwacher Mensch kann sich allein nicht halten! Gib ihm alles, was
du willst – er wird dir freiwillig alles wieder zurückgeben, und wenn du
ihm auch das halbe Erdreich schenkst und sagst: ‚Nimm und herrsche!‘ –
was meinst du, was er tut? – in den Stiebel kriecht er und versteckt
sich, so klein macht er sich! Und so ist es auch mit dem freien Willen:
gibst du ihn ihm, dem schwachen Menschen, so wird er ihn selbst binden
und ihn dir zurückgeben. Dummen Herzen nützt Freiheit nichts. Sie wissen
damit nichts anzufangen. Ich sage dir das nur so – bist noch arg jung!
Sonst aber – was gehst du mich an? Gekommen, gegangen – ob du oder ein
anderer: bleibt sich gleich. Ich hab’s ja schon von Anfang an gewußt,
wie es kommen würde. Sich widersetzen, das hilft da nichts. Kein Wort
darf man dawider sprechen, wenn man sein Glück bewahren will. Es ist
doch, Herr,“ fuhr Murin fort, in seiner Art zu philosophieren,
„gewöhnlich alles nur so ... gesagt: bis zum Ausführen hat’s noch eine
gute Weile. Aber schließlich – was kann nicht vorkommen? Im Zorn ist
auch das Messer zur Hand, oder wenn nicht, dann geht es auch unbewaffnet
mit den Zähnen dem Feinde an die Gurgel! Wird dir aber offen das Messer
angeboten und dein Feind entblößt vor dir seine breite Brust – da wirst
du wohl zurücktreten!“

Sie traten auf den Hof. Der Tatar, der sie schon von weitem hatte kommen
sehen, nahm vor ihnen die Mütze ab und betrachtete Ordynoff mit listiger
Neugier.

„Wo ist deine Mutter? Zu Haus?“ wandte sich Murin barsch an ihn.

„Zu Haus.“

„Sag ihr, daß sie seine Sachen herunterschleppen soll. Und auch du,
marsch! rühr dich!“

Sie stiegen die Treppe hinauf. Die Alte, die bei Murin diente und die,
was Ordynoff noch nicht gewußt hatte, die Mutter des Hausknechtes war,
trug seine Habseligkeiten brummend zusammen und band sie in ein großes
Bündel.

„Warte; ich bringe dir noch etwas, was dir gehört ...“

Murin ging in sein Zimmer, kam aber sogleich wieder zurück und händigte
Ordynoff ein mit Seide und Perlen reich gesticktes Kissen ein, dasselbe,
das Katherina ihm unter den Kopf gelegt hatte, als er krank wurde.

„Das schickt sie dir,“ sagte er. „Jetzt gehe mit Gott, aber sieh zu, daß
du auf dich acht gibst,“ fügte er halblaut in väterlichem Tone hinzu,
„sonst kann es schlimm werden.“

Augenscheinlich wollte er ihm beim Abschied nicht weh tun. Als aber
Ordynoff bereits aus der Tür trat und er den letzten Blick auf ihn warf,
da war es doch wie ein Aufflammen unendlicher Bosheit, das sich in
seinem Blick verriet. Fast wie mit Ekel schloß Murin hinter ihm die Tür.

Zwei Stunden darauf zog Ordynoff zu Spieß, dem Deutschen. Tinchen schlug
die Hände zusammen und rief „Mein Gott und Vater!“ als sie ihn erkannte.
Das erste war, daß sie sich nach seiner Gesundheit erkundigte, und als
sie erfuhr, daß er krank war, schickte sie sich sogleich an, ihn zu
kurieren.

Der alte Spieß erzählte ihm darauf mit Selbstzufriedenheit, daß er
gerade im Begriff gewesen sei, den Mietszettel wieder unten am Haustor
auszuhängen, da dies genau der letzte Tag sei, an dem seine Anzahlung
der Miete ablaufe. Natürlich konnte der Alte nicht umhin, bei der
Gelegenheit ein Wörtchen über den deutschen Ordnungssinn im allgemeinen
wie im besonderen einzuflechten und desgleichen auch die bekannte
deutsche Ehrlichkeit rühmend hervorzuheben. Am selben Tage erkrankte
Ordynoff ernstlich und erst nach vollen drei Monaten konnte er das Bett
verlassen.

Seine Genesung machte nur sehr langsame Fortschritte. Das Leben bei den
Deutschen verging einförmig, ruhig, still. Der Alte schien im Grunde ein
Gemütsmensch zu sein, ohne besondere Eigenheiten, und das nette Tinchen
war, natürlich innerhalb der Gebote der Sittsamkeit, alles, was man nur
wünschen konnte. Und doch erschien das Leben Ordynoff so öde und
farblos, als hätte es für ihn auf ewig alles Licht und alle Farben
verloren. Er versank in grübelndes Sinnen und wurde reizbar; er war
gleichsam preisgegeben den Eindrücken, die er empfing und er empfand sie
mit krankhafter Nachdrücklichkeit. So kam es, daß er in einen Zustand
verfiel, der an Hypochondrie gemahnte und schließlich sein Empfinden
gegen äußere Eindrücke völlig abstumpfte. Oft rührte er wochenlang kein
Buch an. Die Zukunft war für ihn aussichtslos, sein Geld ging auf die
Neige und er ließ schon im voraus die Arme sinken; ja er dachte nicht
einmal an die Zukunft. Manchmal kam wohl seine frühere Liebe zur
Wissenschaft über ihn, das frühere Fieber, das ihn zum Schaffen gedrängt
hatte, und die Gedanken und Gestalten, die einst in seinem Geist
entstanden waren, erstanden jetzt wieder aus der Vergangenheit und
stellten sich förmlich greifbar vor ihm auf ... doch sie bedrückten ihn
jetzt nur und lähmten seine Energie. Seine Gedanken wurden nicht zu
Taten. Die Kraft zur Schöpfung war ausgeschaltet und so schien das
Schaffen wie stehen geblieben. Es war, als erständen alle diese Ideen
jetzt nur noch deshalb wie Giganten in seinem Geiste, um über seine,
ihres Schöpfers, Kraftlosigkeit zu spotten. Unwillkürlich kam es ihm in
einer traurigen Stunde in den Sinn, sich mit jenem vorwitzigen
Zauberlehrling zu vergleichen, der, nachdem er von seinem Meister den
Zauberspruch erlauscht, dem Besen befiehlt, das Wasser herbeizutragen,
und der dann schließlich in diesem Wasser ertrinkt, weil er vergessen
hat, wie man ihm Einhalt gebietet. Vielleicht, wer weiß, wäre von ihm
eine große, selbständige, neue Idee in die Welt gesetzt worden.
Vielleicht war es ihm bestimmt gewesen, ein Großer in seiner
Wissenschaft zu werden. Wenigstens hatte er früher selbst so etwas
geglaubt. Ein aufrichtiger Glaube aber ist schon eine Bürgschaft für die
Zukunft. Jetzt jedoch lachte er über diesen seinen blinden Glauben und –
kam keinen Schritt vorwärts. Ein halbes Jahr vorher war das anders
gewesen: da hatte er in klaren Zügen eine Skizze zu einem Werk
entworfen, in dem er seine Anschauungen festlegen wollte, und auf dieses
Werk hatte er, jung wie er war, die größten, auch die größten
materiellen Hoffnungen aufgebaut. Das Werk war ein Buch über
Kirchengeschichte und Worte tiefster glühendster Überzeugung
entströmten, während er an ihm schrieb, seiner Feder. Jetzt nahm er
diesen Plan wieder vor, las ihn durch, änderte, dachte über ihn nach,
las und suchte in den verschiedensten Büchern, und schließlich verwarf
er seine Idee – verwarf sie, ohne sie durch eine andere zu ersetzen.
Dafür begann so etwas wie Mystik, ja sogar so etwas wie ein Glaube an
Prädestination und ein Ahnen der letzten Geheimnisse dieser Welt sich
mehr und mehr in seine Seele einzudrängen. Der Unglückliche litt unter
seinen unendlichen Qualen und wandte sich schließlich Gott zu, um bei
ihm Erlösung zu finden. Die Aufwärterin der Deutschen, eine alte
gottesfürchtige Russin, erzählte mit Wohlgefallen, wie ihr stiller
Mieter in der Kirche bete und wie er zuweilen stundenlang regungslos auf
den Knien liege, die Stirn auf die Fliesen gebeugt ...

Er hatte zu keinem Menschen ein Wort von seinem Erlebnis gesagt.
Zuweilen aber, namentlich in der Dämmerung, wenn die Kirchenglocken
läuteten und zur Abendandacht riefen und ihr Klang in ihm wieder die
Erinnerung an jenen Augenblick erweckte ... als zum erstenmal jenes
Gefühl über ihn kam, das er noch nie empfunden und das ihn erzittern
ließ, während er, neben ihr kniend, alles andere um sich her vergaß und
nur ihr Herz pochen hörte ... und wie da plötzlich diese lichte Hoffnung
mit einemmal sein einsames Leben durchstrahlt hatte und er vor lauter
Freude und Entzücken in Tränen ausgebrochen war – wenn er das alles
jetzt nochmals durchlebte, dann war es ihm, als risse ihn ein Sturm mit
sich fort, ein Sturm, der sich aus seiner eigenen, für immer verwundeten
Seele erhob; dann erzitterte er und die Qual der Liebe brannte wieder
wie sengendes Feuer in seiner Brust; dann tat ihm das Herz vor Leid und
Leidenschaft zum Zerspringen weh und mit der Trauer wuchs seine Liebe,
wurde noch immer größer und tiefer. Oft saß er so, stundenlang, vergaß
sich selbst und sein ganzes alltägliches Leben, vergaß alles in der Welt
und saß stundenlang auf einem Fleck, einsam, traurig – stützte dann wohl
die Ellbogen auf die Knie und bedeckte das Gesicht mit den Händen, bis
ihm die Tränen durch die Finger rannen und er hoffnungslos müde den Kopf
schüttelte, während seine Lippen leise flüsterten: „Katherina! Du Süße!
Meine Taube du! Mein Schwesterchen! ...“

Nach und nach jedoch begann eine häßliche Überzeugung sich immer mehr in
ihm festzusetzen, ja sie verfolgte ihn geradezu und peinigte ihn und
stand doch mit jedem Tage unabweisbarer vor ihm, bis sie aus einem
bloßen Verdacht zur Wahrscheinlichkeit und zu guter Letzt zur Gewißheit
und Überzeugung für ihn wurde. Es schien ihm – und wie gesagt, zuletzt
glaubte er selbst fest daran – es schien ihm, daß Katherinas Geist und
Vernunft keineswegs gelitten hatten, daß aber Murin seinerseits auch
nicht so unrecht hatte, wenn er sie ein „schwaches Herz“ nannte. Es
schien ihm, daß irgendein verbrecherisches Geheimnis sie mit dem Alten
verband, daß aber das Verbrechen selbst Katherina gar nicht recht zu
Bewußtsein gekommen, eben wegen ihres reinen Herzens, und daß sie so in
seine Gewalt geraten war. Wer waren sie? – er wußte es nicht. Aber ihn
verfolgte die Vorstellung einer erbarmungslosen, eifersüchtigen
Tyrannei, die der Alte mit der Beherrschung des armen schutzlosen
Geschöpfs ausübte, und sein Herz erbebte in ohnmächtiger Empörung. Es
schien ihm, daß der Alte, als ihr vielleicht einmal so etwas wie eine
Ahnung des ganzen Zusammenhangs aufgegangen war, ihr dann arglistig das
„Verbrechen“ vorgehalten hatte, ihre Schuld und ihren Fall, um dann
listig das arme „_schwache_“ Herz zu quälen und den Tatbestand in
schlauer Weise zu verdrehen, wobei er mit Absicht ihre Blindheit da, wo
es ihm ratsam erschien, noch verstärkt und andererseits die Neigungen
ihres heißen, verwirrten, unerfahrenen Herzens begünstigt haben mochte,
bis er ihr auf diese Weise allmählich die Flügel gestutzt und die einst
freie unabhängige Seele so weit gebracht, daß sie schließlich weder zu
einer Selbstbefreiung durch eine Rettung ins wirkliche Leben, noch zu
überhaupt einer Auflehnung gegen seine schlaue Gewaltherrschaft fähig
war ...

Mit der Zeit wurde Ordynoff noch menschenscheuer, als früher, seine
Deutschen hinderten ihn daran nicht im geringsten, was um der
Gerechtigkeit willen nicht verschwiegen sei. Ab und zu aber machte er
sich doch auf und ging hinaus, um dann lange ziellos durch die Straßen
zu wandern. Es geschah das vornehmlich in der Dämmerstunde und dazu
suchte er sich dann öde und entlegene Stadtteile auf, wo selten ein
Mensch zu sehen war. An einem regnerischen Vorfrühlingsabend begegnete
er in einer dieser Gassen Jaroslaw Iljitsch.

Der war inzwischen merklich magerer geworden, seine freundlichen Augen
hatten ihren Glanz verloren und der ganze Mensch machte den Eindruck,
als habe das Leben ihn enttäuscht. Er hatte es gerade sehr eilig und
eine Angelegenheit vor, die angeblich keinen Aufschub duldete – war
dabei durchnäßt und angeschmutzt, und an seiner sonst sehr anständigen,
jetzt jedoch von der Witterung etwas blau angelaufenen Nase hing in
beinahe phantastischer Weise ein Regentropfen. Außerdem trug er einen
Backenbart, während er früher nur einen Schnurrbart gehabt hatte.

Dieser Backenbart und der Umstand, daß Jaroslaw Iljitsch im ersten
Augenblick fast tat, als wolle er seinem alten Bekannten ausweichen,
frappierten Ordynoff ... Und sonderbar! gewissermaßen schmerzte ihn das
sogar und kränkte sein Herz, das doch bis dahin noch niemals des
Mitleids anderer Menschen bedurft hatte. Der frühere Jaroslaw Iljitsch
war ihm lieber gewesen, dieser gutmütige, dieser naive und –
entschließen wir uns, es endlich offen auszusprechen – dieser etwas
dumme Jaroslaw Iljitsch, der so gar keine Ansprüche machte auf
Enttäuschungen oder Bereicherungen. Es ist doch unangenehm, entschieden
unangenehm, wenn ein _dummer_ Mensch, den man einst vielleicht gerade
wegen seiner Dummheit gern gehabt hat, _plötzlich klüger wird_! Übrigens
verschwand das Mißtrauen, mit dem er im ersten Augenblick Ordynoff
ansah, fast noch schneller, als dieser es wahrnehmen konnte.

Doch ungeachtet dieser Veränderung hatte er seine alten Gewohnheiten
keineswegs aufgegeben, wie ja bekanntlich fast jeder Mensch seine
Gewohnheiten ins Grab mitzunehmen pflegt: und so begann er denn auch
jetzt wieder ganz im Tone des besten Freundes die Unterhaltung. Zunächst
bemerkte er, daß er viel zu tun habe, dann, daß sie sich lange nicht
gesehen. Darauf nahm aber seine Rede plötzlich eine ganz andere und
jedenfalls ganz neue Wendung. Er begann von der Verlogenheit der
Menschen im allgemeinen zu sprechen, von der Vergänglichkeit der
irdischen Güter sowie von der irdischen Nichtigkeit überhaupt, die nur
eine einzige Sorge kenne ... versäumte auch nicht, so ganz beiläufig
Puschkin zu erwähnen, jedoch in fast herablassendem Tone, und sprach
ferner von seinen guten Bekannten sogar mit einem gewissen Zynismus,
worauf er zum Schluß sich noch ein paar Andeutungen über die Falschheit
derjenigen erlaubte, die sich öffentlich Freunde nennen, während es in
Wirklichkeit, solange die Welt stehe, überhaupt noch keine echte
Freundschaft gegeben habe. Mit einem Wort, Jaroslaw Iljitsch war _doch_
klüger geworden!

Ordynoff widersprach ihm nicht, aber eine unsagbare, qualvolle
Traurigkeit bemächtigte sich seiner: es war ihm, als habe er soeben
seinen besten Freund begraben!

„Ach! Stellen Sie sich vor, da hätte ich es beinahe zu erzählen
vergessen!“ unterbrach sich plötzlich Jaroslaw Iljitsch, als fiele ihm
etwas ungeheuer Wichtiges ein. „Ich habe eine Neuigkeit! Erinnern Sie
sich noch jenes Hauses, wo Sie mal kurze Zeit wohnten?“

Ordynoff zuckte zusammen und erbleichte.

„Können Sie sich denken, in diesem Hause hat man vor kurzem eine ganze
Räuberbande entdeckt! – das heißt, verstehen Sie: eine ganze Bande!
Schmuggler, Diebe, Spitzbuben der schlimmsten Art und weiß der Teufel
was noch alles! Mehrere sind schon hinter Schloß und Riegel, den andern
ist man erst noch auf der Spur. Die strengsten Weisungen sind erlassen!
Und denken Sie sich weiter: – Sie erinnern sich doch wohl noch des
Hausbesitzers? – so’n kleines Männchen, gottesfürchtig, dem Anscheine
nach ein ehrwürdiger, durch und durch anständiger, alter Mann ...“

„Nun?“

„Tja – da urteilen Sie jetzt über die Menschheit! Gerade der ist das
Haupt der Bande gewesen, der Anführer! Was sagen Sie dazu? Ist das nicht
haarsträubend!“

Jaroslaw Iljitsch sprach mit Leidenschaft und verurteilte mit dem einen
Sünder sogleich die ganze Welt, denn so ein Jaroslaw Iljitsch kann eben
nicht anders, als nach einem Ding alle Dinge beurteilen, das liegt nun
mal in seinem Charakter.

„Und jene? ... Und Murin?“ stieß Ordynoff atemlos hervor.

„Murin? Ach so – der! Nein, Murin war ein ehrwürdiger Alter ... Aber ...
erlauben Sie mal! ... erlauben Sie mal! ... Sie werfen da ein neues
Licht auf die Affäre ...“

„Wie denn? Gehörte er nicht auch zur Bande?“

Ordynoffs Herz schlug laut gegen seine Brust – er verging vor Spannung.

„Übrigens ... nein, wie denn das ... wie kommen Sie darauf?“ Jaroslaw
Iljitsch richtete seine bleiernen Augen mit unbeweglichem Blick auf
Ordynoff – ein Zeichen, daß er überlegte.

„Murin kann nicht darunter gewesen sein. Er hat schon drei Wochen vorher
mit der Frau Petersburg verlassen – ist in seine Heimat zurückgekehrt
... Ich erfuhr es vom Hausknecht ... jenem Tatarenfrechling, erinnern
Sie sich?“




                           Ein schwaches Herz


      In ihrer Wohnung im vierten Stock unter dem Dach lebten zwei
       junge Beamte, Arkadij Iwanowitsch Nefedewitsch und Wassjä
                               Schumkoff.

Ich müßte nun eigentlich den Leser darüber aufklären, warum ich den
einen Helden meiner Erzählung bei vollem Namen, den anderen dagegen nur
bei seinem Rufnamen genannt habe, sonst könnte man dieses Verfahren
leicht für unangebracht oder für allzu vertraulich halten. Das aber
setzte wieder voraus, daß ich das Alter, den Rang und Beruf der
handelnden Personen genau feststellte. Doch weil die meisten
Schriftsteller mit einer derartigen Einleitung beginnen, so habe ich mir
vorgenommen, die Erzählung sofort mit der Handlung anfangen zu lassen –
nur, um nicht in die abgeschmackte Art der anderen zu verfallen oder wie
einige behaupten werden, aus Eigendünkel und Einbildung.

So schließe ich denn meine Einleitung und beginne.

Um sechs Uhr am Vorabend des neuen Jahres kehrte Schumkoff nach Hause
zurück. Arkadij Iwanowitsch, der auf seinem Bett lag, erwachte und
blinzelte verstohlen den Freund an. Er bemerkte, daß dieser seinen
besten Anzug trug und ein blitzblankes Vorhemd anhatte. Das setzte ihn
natürlich in Erstaunen. Was beabsichtigte er wohl damit? Woher kam er?
Obendrein hatte er heute nicht zu Hause gespeist!

Schumkoff zündete unterdessen Licht an und Arkadij Iwanowitsch erriet
sofort, daß sein Freund ihn durch ein scheinbar unbeabsichtigtes
Geräusch wecken wollte. Und so geschah es denn auch: Wassjä hustete
zweimal, ging mehrmals im Zimmer auf und ab, und ließ ganz zufällig
seine Pfeife aus der Hand fallen, als er sie in der Ecke am Ofen
ausklopfte. Arkadij Iwanowitsch mußte lachen.

„Nun ist’s aber genug, du Schlauberger!“ sagte er.

„Arkascha, du schläfst nicht?“

„Ja, weißt du: Genau kann ich’s dir nicht sagen; doch scheint es mir,
daß ich nicht schlafe.“

„Ach, Arkascha! Guten Tag, mein Lieber! nun Bruderherz ... Du weißt
nicht, was ich dir zu sagen habe!“

„Natürlich weiß ich’s nicht! Doch komm mal ein bißchen her zu mir!“

Wassjä kam sofort herbei, ganz als hätte er nur darauf gewartet, und
ohne von den Absichten Arkadij Iwanowitschs auch nur etwas zu ahnen.
Dieser ergriff ihn bei der Hand, drehte ihn geschickt um, drückte ihn
rückwärts aufs Bett und begann ihn, wie man sagt, „zu würgen“, was ihm,
dem immer fröhlichen Arkadij Iwanowitsch, ein ungeheueres Vergnügen zu
machen schien.

„Hereingefallen!“ rief er, „hereingefallen!“

„Arkascha, Arkascha, was tust du mit mir? Laß los, um Gottes willen, laß
los, ich verderbe mir meinen Anzug!“

„Das tut nichts: warum hast du auch deinen guten Anzug an? Sei ein
andermal nicht so unvorsichtig und gib dich nicht selbst in meine Hände!
Sprich, wo warst du, wo hast du gespeist?“

„Arkascha, um Gottes willen, laß mich los!“

„Wo hast du gespeist?“

„Ja, das wollte ich dir doch gerade erzählen!“

„Also erzähle!“

„Schön, aber laß mich erst los!“

„Nein, ich lass’ dich nicht los, bevor du nicht erzählt hast!“

„Arkascha, Arkascha! Ja, verstehst du denn nicht, daß es so unmöglich
ist, ganz unmöglich!“ stöhnte der schwache Wassjä und versuchte
vergeblich sich aus den kräftigen Armen seines Freundes zu befreien, „es
gibt doch gewisse Angelegenheiten, die ...“

„Was für Angelegenheiten?“

„Nun ja, Angelegenheiten, die, wenn man in solcher Lage von ihnen zu
reden beginnt, allen Ernst verlieren. Es ist mir ganz unmöglich ... es
würde nur lächerlich wirken und – die Sache ist doch durchaus nicht
lächerlich, sondern sogar sehr ernst!“

„Auch noch ernst! Was du dir nicht ausgedacht hast! Du, erzähle mir
lieber etwas, worüber ich lachen kann ... Etwas Ernstes, nein etwas
Ernstes will ich jetzt nicht hören. Was bist du mir für ein Freund?
Bitte, sage mir doch, was bist du für ein Freund!?“

„Arkascha, bei Gott, ich kann nicht!“

„Und ich will nichts davon wissen ...“

„Höre, Arkascha!“ begann Wassjä, der quer über dem Bett lag und sich mit
aller Gewalt mühte, seinen Worten Nachdruck zu geben. „Arkascha,
meinetwegen sag’ ich’s – nur ...“

„Nun, was denn ...“

„Ich habe – mich verlobt!“

Arkadij Iwanowitsch nahm schweigend und ohne ein Wort zu verlieren,
Wassjä wie ein kleines Kind auf seine Arme, ungeachtet dessen, daß
Wassjä durchaus nicht so klein war, sondern recht lang, wenn auch sehr
mager, und trug ihn von einer Ecke des Zimmers in die andere, ganz als
wiege er ein Kind.

„Und ich werde dich Bräutigam einwickeln wie einen Säugling,“ gab er zur
Antwort. Doch als er bemerkte, daß Wassjä regungslos und ohne ein Wort
zu sagen in seinen Armen lag, besann er sich und begriff, daß er in
seinem Scherz offenbar zu weit gegangen war: er stellte ihn daher mitten
ins Zimmer hin und streichelte ihm auf die freundschaftlichste Weise die
Backe.

„Wassjä, du bist doch nicht böse?“

„Arkascha, höre ...“

„Wohl zum neuen Jahr?“

„Bös bin ich nicht – doch, warum bist du so ein Kraftrüpel, so ein
Unmensch? Wie oft habe ich dir nicht gesagt: Arkascha, bei Gott, das ist
nicht sehr witzig, durchaus nicht sehr witzig!“

„Nun sei nur nicht gleich böse!“

„Böse? ... Auf wen bin ich denn jemals böse! Aber gekränkt hast du mich
doch, verstehst du das!“

„Wodurch denn gekränkt, auf welche Weise?“

„Ich bin zu dir gekommen, wie zu einem Freunde, mit voller Seele und um
dir mein Herz auszuschütten, um dir mein Glück mitzuteilen ...“

„Ja, was für ein Glück denn? Warum hast du mir das nicht gleich gesagt?“

„Nun, ich heirate doch!“ antwortete geärgert Wassjä, denn er war
wirklich gekränkt.

„Du! Du heiratest! Ist das wahr?“ brüllte aus voller Kehle Arkascha.
„Nein, nein ... was soll denn das? Und dabei vergießt er Tränen! ...
Wassjä, du mein Wassjuk, mein Söhnchen, höre auf! Es ist also wirklich
wahr?“ Und Arkadij Iwanowitsch umarmte ihn immer wieder von neuem.

„Nun, also verstehst du jetzt, was soeben in mir vorging?“ sagte Wassjä.
„Du bist doch sonst gut zu mir, du bist doch mein Freund, ich weiß es.
Ich kam zu dir voll Freude und Begeisterung und plötzlich mußte ich nun
diese ganze Freude und diese ganze Begeisterung quer über dem Bette
liegend, würdelos ... Du begreifst doch, Arkascha,“ fuhr Wassjä
halblachend fort, „in einer so komischen Lage, in der ich in gewisser
Hinsicht und in diesem Augenblick nicht einmal mir selbst angehörte ...
Ich wollte doch diese Herzensangelegenheit nicht so erniedrigen ... Es
fehlt nur noch, daß du mich gefragt hättest, wie sie heißt? Ich schwöre
dir, ich hätte mir eher das Leben genommen, als dir in diesem Augenblick
ihren Namen gesagt!“

„Aber, Wassjä, warum hast du mir denn das nicht gleich gesagt! Ich hätte
ja sofort aufgehört mit dem Ulk!“ rief Arkadij Iwanowitsch in
aufrichtiger Verzweiflung.

„Schon gut, schon gut! Ich sage ja nur so ... Du weißt doch ... nur –
weil ich ein so gutes Herz habe. Es ärgert mich ja bloß, daß ich es dir
nicht so sagen konnte, wie ich’s wollte! Ich wollte dir doch eine Freude
bereiten, dir alles schön und feierlich mitteilen, dich in alles
einweihen ... Wirklich, Arkascha, ich liebe dich doch so sehr, daß ich,
wenn du nicht wärest, so scheint es mir, überhaupt nicht heiraten würde,
ja, vielleicht gar nicht auf der Welt sein möchte!“

Arkadij Iwanowitsch, der äußerst gefühlvoll war, weinte und lachte
zugleich, als er das hörte. Wassjä gleichfalls. Beide umarmten sich
immer wieder von neuem und vergaßen alles Gegenwärtige.

„Wie ist denn das nur, ja, wie ist denn das nur gekommen? Erzähle mir
doch alles, Wassjä! Ich bin, mein Lieber, entschuldige, ich bin
erschüttert, ganz und gar erschüttert, als hätte der Blitz mich
getroffen, bei Gott! Doch nein, mein Lieber, nein, du hast dir ganz
einfach was ausgedacht. Bei Gott, du lügst!“ brüllte Arkadij Iwanowitsch
und blickte wirklich ganz mißtrauisch Wassjä an, aber als er auf dessen
Gesicht nun wirklich die leuchtende Bestätigung seiner unumstößlichen
Absicht, so schnell als möglich zu heiraten, bemerkte, warf er sich aufs
Bett und begann sich vor lauter Entzücken so in ihm herumzuwälzen, daß
die Wände zitterten.

„Wassjä, setz dich hierher zu mir!“ rief er, endlich sich im Bett
aufrichtend.

„Ich, Bruderherz, ich weiß wirklich nicht – wie und womit beginnen!“

Beide sahen in freudiger Erregung einander an.

„Wer ist sie, Wassjä?“

„Eine Artemjewa! ...“ stieß Wassjä mit vor Glück zitternder und noch
ganz schwacher Stimme hervor.

„Nein, wirklich?“

„Nun, ich habe dir doch schon über sie die Ohren vollgeredet! Du
bemerktest nur von alledem nichts! Und so schwieg ich denn ganz! Ach,
Arkascha, was es mich kostete, dir gegenüber das alles zu verbergen! –
doch ich fürchtete mich, fürchtete mich zu reden! Ich dachte, es könnte
am Ende alles auseinandergehen, und ich war doch so verliebt, Arkascha!
Mein Gott, mein Gott! Weißt du, was das für Geschichten waren,“ begann
er, und brach sogleich wieder vor Erregung ab, „sie war doch vor einem
Jahr bereits einmal verlobt, er aber wurde plötzlich irgendwohin
wegversetzt, ich kannte ihn auch – so einer, nun, Gott mit ihm! Er hat
dann nichts mehr von sich hören lassen und war schließlich für sie
verschollen. Sie wartete und wartete und wußte nicht, was das bedeuten
sollte? ... Plötzlich, vor vier Wochen, kehrte er zurück – bereits
verheiratet, und ohne sich bei ihnen auch nur sehen zu lassen. War das
nicht roh? Gemein? Niemand war da, der für sie eintrat. Sie weinte und
weinte, die Arme, und so verliebte ich mich denn in sie ... ja, ich war
eigentlich schon lange, eigentlich schon immer in sie verliebt! Ich
tröstete sie und ging wieder und wieder zu ihr. Nun, und da weiß ich
denn selbst nicht, wie alles gekommen ist! Auch sie hatte mich recht
liebgewonnen: und in der vorigen Woche, da hielt ich es nicht mehr aus,
da mußte ich weinen, ich schluchzte und sagte ihr alles, sagte ihr, daß
ich sie liebe – kurz, alles! ... ‚Ich würde Sie wohl auch lieben,
Wassilij Petrowitsch,‘ sagte sie, ‚ich bin aber ein armes Mädchen, darum
spotten Sie meiner nicht – ich wage es überhaupt nicht mehr, jemanden zu
lieben.‘ Nun, mein Freund, verstehst du, verstehst du mich?! ... Da
haben wir uns denn gegenseitig das Wort gegeben. Und ich habe überlegt,
wie ich es der Mutter mitteilen wollte? Lisenka sagte, es sei sehr
schwierig, ich möchte noch ein wenig warten: sie fürchtete sich, es
selbst zu tun; ‚Mutter wird mich Ihnen jetzt noch nicht geben wollen,‘
meinte sie und weinte dazu. Ich sagte ihr weiter nichts. Heute habe ich
es nun der Alten gestanden. Lisa kniete vor ihr nieder und ich auch ...
Nun, und sie – segnete uns. Arkascha, Arkascha! mein Lieber! Wir wollen
alle zusammen leben! Nein! Ich werde mich von dir um nichts in der Welt
trennen!“

„Wassjä, wenn ich dich so ansehe, so kann ich es nicht glauben, bei
Gott, ich schwöre es dir, ich kann es nicht glauben. Wirklich, es
scheint mir immer ... Höre, wie kannst du dich denn verheiraten? und wie
habe ich die ganze Zeit über von nichts wissen können, sag! Jetzt, mein
Wassjä, kann ich dir auch gestehen, daß ich selbst zu heiraten gedachte:
da du es aber bereits für mich tust, so ist das ja ganz gleich! ...
Werde also glücklich, mein Lieber! ...“

„Ach, du, wie mir jetzt leicht und wohl zumut ist ...“ sagte Wassjä und
ging vor Erregung im Zimmer auf und ab. „Nicht wahr, nicht wahr, du
fühlst es doch auch? Wir werden arm sein, freilich, aber glücklich – und
das ist kein Hirngespinst. Unser Glück wird kein papierenes sein, wie es
in den Büchern steht, sondern wir werden in Wirklichkeit glücklich sein!
...“

„Wassjä, aber Wassjä, höre!“

„Was denn?“ sagte Wassjä und blieb vor Arkadij Iwanowitsch stehen.

„Mir kam nur der Gedanke – wirklich, ich fürchte mich eigentlich, ihn
auszusprechen ... Verzeih mir und nimm mir meine Bedenken! Wovon wirst
du leben? Ich bin ja, weißt du, außer mir vor Freude, daß du heiratest,
kann mich vor Freude kaum lassen, doch – die Frage bleibt: wovon wirst
du leben?“

„Ach, mein Gott, wie du auch bist, Arkascha!“ sagte Wassjä und sah mit
tiefer Verwunderung Nefedewitsch an. „Was fällt dir denn ein? Sogar die
Alte dachte kaum zwei Minuten lang nach, als ich ihr alles das klar
machte. Frage sie doch, wovon _sie_ gelebt haben? Fünfhundert Rubel im
Jahr! für drei! so viel beträgt die ganze Pension, mit der sie auskommen
müssen! Davon lebt sie, die Alte und ein kleiner Bruder, für den noch
die Schule bezahlt werden muß – siehst du, so lebt man eben! Wir beide
aber, du und ich, wir sind wahre Kapitalisten, denn ich habe manches
Jahr, wenn es gut ging, ganze siebenhundert verdient!“

„Höre, Wassjä, verzeih mir: ich denke, bei Gott, nur daran, wie das
alles zu machen geht – aber welche siebenhundert sollen das gewesen
sein? Nur dreihundert ...“

„Dreihundert! ... Und Juljan Mastakowitsch? Den hast du ganz vergessen!“

„Juljan Mastakowitsch! Das ist eine Sache, die nicht ganz stimmt, mein
Lieber: das sind nicht dreihundert Rubel feststehenden Gehaltes, von
denen einem ein jeder einzelne Rubel sicher ist. Juljan Mastakowitsch
ist freilich ein großmütiger und großzügiger Mensch, ich verehre ihn und
verstehe es, daß er so hoch gestiegen ist, und, bei Gott, ich liebe ihn,
weil er dir zugetan ist und dir eine Arbeit bezahlt, für die er sonst
nichts zu bezahlen, sondern einfach nur einen Beamten zu beauftragen
brauchte – aber sage doch selbst, Wassjä! ... Höre mich an, Wassjä, ich
rede doch keinen Unsinn; ich weiß auch, daß es in ganz Petersburg eine
solche Handschrift wie die deine nicht wieder gibt, und ich bin gern
bereit, das Beste anzunehmen,“ schloß, nicht ohne Wärme, Nefedewitsch,
„aber wie, wenn du ihm plötzlich – Gott bewahre dich davor! doch nicht
mehr so gefallen und ihn zufriedenstellen solltest und wenn er mit einem
Male die Verbindung mit dir abbräche und einen anderen nähme! ... wer
weiß, was im Leben nicht alles kommen kann. Dann ist Juljan
Mastakowitsch für dich nichts mehr, dann ist er bloß – gewesen, Wassjä
...“

„Höre, Arkascha, ebenso kann sofort über uns die Decke einbrechen ...“

„Nun, freilich, freilich ... Ich will ja auch nichts ...“

„Nein, höre mich an: warum soll er mich denn verabschieden ... Nein,
wirklich, höre mich doch nur an! Ich erledige ja alles pünktlich und
peinlich: und er ist so gut zu mir, er hat mir doch, Arkascha, er hat
mir doch heute noch fünfzig Rubel gegeben!“

„Ist’s möglich, Wassjä? eine Zulage?“

„Was, Zulage? Nein, so: einfach aus seiner Tasche. Er sagte: wie, mein
Lieber, du hast bereits den fünften Monat kein Geld mehr erhalten. Wenn
du welches brauchst, nimm es: denn ich bin, sagte er, mit dir sehr
zufrieden ... bei Gott! Du arbeitest doch nicht umsonst für mich, sagte
er, wirklich! Das hat er gesagt. Mir rollten die Tränen über die Backen,
Arkascha. Großer Gott!“

„Höre, Wassjä, hast du denn die neue Abschrift fertiggestellt? ...“

„Nein ... noch nicht.“

„Wassinjka! Mein Lieber! Was hast du denn getan?“

„Höre, Arkadij, das tut doch nichts, ich habe noch zwei volle Tage Zeit
bis zum Termin ...“

„Wie, hast du denn noch gar nicht angefangen?“

„Na ja, na ja! Du siehst mich ja mit einem Ausdruck an, daß sich mein
ganzes Innere umdreht! Nun, was ist denn dabei? Du kannst einem so den
Mut nehmen und schreist immer gleich: a–a–a!!! Überleg es dir doch: was
ist denn dabei? Ich werde damit schon fertig werden, bei Gott, das werde
ich ...“

„Aber wenn du es nun nicht wirst!“ rief Arkadij und sprang auf. „Gerade
jetzt, da er dir heute eine Belohnung gegeben hat! Und obendrein willst
du heiraten ... Oh, oh, oh! ...“

„Das hat nichts zu sagen, gar nichts,“ schrie fast verzweifelt
Schumkoff, „ich werde mich sofort hinsetzen, noch in dieser Minute werde
ich mich hinsetzen – das tut gar nichts!“

„Wie hast du es denn nur so vernachlässigen können, Wassjutka!“

„Ach, Arkascha! Konnte ich denn hier so ruhig still sitzen! Mein Zustand
war doch so, daß ich kaum in der Kanzlei arbeiten konnte ... Ach! Ach!
Heute werde ich die Nacht durcharbeiten, morgen wieder die Nacht
durcharbeiten und übermorgen auch noch und dann – wird’s fertig sein!
...“

„Ist noch viel übriggeblieben?“

„Störe mich nicht, um Gottes willen, störe mich nicht! schweige mir
davon!“

Arkadij Iwanowitsch ging leise auf den Fußspitzen zu seinem Bett, und
setzte sich hin, darauf wollte er plötzlich wieder aufstehen, sagte sich
aber sofort, daß er seinen Freund nicht stören dürfe und blieb sitzen:
offenbar hatte ihn die Mitteilung so aufgeregt, daß er noch nicht mit
sich zur Ruhe kommen konnte. Er blickte auf Schumkoff, der sah ihn an,
lächelte und drohte ihm mit dem Finger. Darauf runzelte Schumkoff ganz
furchtbar die Brauen, als läge darin die eigentliche Kraft und der
gewünschte Erfolg seiner Arbeit, und richtete seine Augen dann wieder
aufs Papier.

Es schien, daß auch er seine Erregung noch nicht überwunden hatte, er
wechselte beständig seine Feder, rückte auf dem Stuhle hin und her, nahm
sich zusammen, um wieder von neuem zu beginnen, doch seine Hand zitterte
und versagte offenbar den Dienst.

„Arkascha! Ich habe ihnen auch von dir erzählt!“ rief er plötzlich, als
wäre es ihm soeben eingefallen.

„Ja?“ rief Arkascha, „und ich wollte dich vorhin schon darüber fragen,
nun?“

„Nun! Ach, ich werde dir später alles erzählen. Sieh, bei Gott, jetzt
habe ich selbst zu sprechen angefangen und ich wollte es doch nicht tun,
bevor ich nicht wenigstens vier Blätter fertig gemacht. Mir fiel es aber
plötzlich ein, das von dir und von ihnen! Ich kann auch, mein Lieber –
ich kann gar nicht ordentlich schreiben: immer muß ich an euch denken
...“ Und Wassjä lächelte.

Es trat Schweigen ein.

„Pfui! Was für eine schlechte Feder!“ rief Schumkoff, schlug im Ärger
auf den Tisch und nahm wieder eine andere.

„Wassjä! Höre! Nur ein Wort ...“

„Nun, aber schnell, zum letztenmal.“

„Hast du noch viel zu schreiben?“

„Ach, mein Lieber! ...“ Wassjä runzelte die Stirn, als gebe es keine
schrecklichere und tötendere Frage auf der Welt, als diese. „Viel,
furchtbar viel!“ antwortete er dann.

„Weißt du, ich habe eine Idee ...“

„Was für eine?“

„Nein, nein, schreibe nur.“

„Nun, was für eine? Sag doch!“

„Es ist bereits sieben Uhr, Wassjä!“

Dabei lächelte Nefedewitsch schelmisch und blinzelte Wassjä zu, wenn
auch nur ganz schüchtern, da er nicht wußte, wie dieser es aufnehmen
würde.

„Nun, was denn?“ sagte Wassjä und schien wirklich mit dem Schreiben
aufhören zu wollen. Er sah ihm gerade in die Augen und war ganz bleich
vor Erwartung.

„Weißt du, was?“

„Um Gottes willen, was denn?“

„Weißt du, du bist so erregt und wirst doch nicht viel arbeiten können
... Warte, warte, warte, ich sehe, ich sehe – so höre doch!“ beeilte
sich Nefedewitsch und sprang, von seinem Gedanken gefaßt, vom Bett auf,
um mit allen Kräften einer Erwiderung Wassjäs zuvorzukommen, „es ist vor
allem nötig, daß du dich beruhigst und wieder von neuem Kräfte sammelst,
ist’s nicht so?“

„Arkascha! Arkascha!“ rief Wassjä aus und sprang vom Stuhl, „ich werde
die ganze Nacht aufbleiben und schreiben, bei Gott, das tu’ ich!“

„Nun ja, jawohl! doch gegen Morgen wirst du einschlafen ...“

„Ich werde nicht einschlafen, um nichts in der Welt ...“

„Nein, das geht, das geht nicht! Natürlich wirst du um fünf Uhr
einschlafen! Und um acht Uhr werde ich dich wieder wecken. Morgen ist
ein Feiertag, da kannst du dich hinsetzen und den ganzen Tag über
schreiben ... Dann noch eine Nacht und – ist denn noch so viel
übriggeblieben?“

„Da! sieh!“

Wassjä zeigte ihm zitternd vor Erwartung und Erregung das Heft: „Da!
sieh!“

„Höre, Bruder, das ist nicht viel ...“

„Ja, mein Lieber, aber – es ist noch etwas,“ sagte Wassjä und sah dabei
schüchtern, fragend Nefedewitsch an, als würde von dessen Entschluß
alles abhängen: ob sie gingen oder nicht gingen?

„Wieviel?“

„– Zwei Bogen ...“

„Nun, ich glaube, damit wirst du auch fertig, bei Gott, du wirst
fertig!“

„Arkascha!“

„Höre, Wassjä! Jetzt zum neuen Jahr sind doch alle in der Familie
versammelt und nur wir beide sollten – so ohne Häuslichkeit und ganz
verwaist ... Ach! Wassinjka!“

Nefedewitsch umarmte Wassjä und drückte ihn an seine Brust.

„Abgemacht, Arkadij!“

„Wassjuk, ich wollte dir nur noch eines sagen. Siehst du, Wassjuk, mein
Junge! Höre! Höre mich an!“

Arkadij hielt den Mund weit aufgesperrt, als könne er vor Begeisterung
nicht mehr sprechen. Wassjä, der sich noch immer mit den Händen an
Arkadijs mächtigen Schultern hielt, sah ihm gespannt in die Augen und
bewegte seine Lippen, ganz als wollte er für ihn sprechen ...

„Nun!“ sagte er endlich.

„Stelle mich ihnen heute vor!“

„Arkadij! Ja: gehen wir hin! Trinken wir Tee bei ihnen! Aber weißt du
was? Das neue Jahr freilich wollen wir nicht abwarten, wir wollen früher
nach Haus kommen,“ rief Wassjä noch immer in aufrichtiger Begeisterung.

„Das heißt also: zwei Stunden, nicht mehr und nicht weniger! ...“

„Und dann – Trennung, bis ich meine Sache fertig habe! ...“

„Wassjuk! ...“

„Arkadij! ...“

In drei Minuten war Arkadij im Galaanzug. Wassjä brauchte sich nur etwas
abzubürsten, da er sich mit solchem Eifer an die Arbeit gemacht hatte,
daß er nicht einmal seinen Rock ausgezogen.

Sie beeilten sich, auf die Straße zu kommen, der eine noch freudiger als
der andere. Der Weg ging auf die Petersburger Seite[3] nach Kolomna[4].
Arkadij Iwanowitsch schritt weit und kräftig aus, schon an seinem Gang
konnte man seine Freude über das Glück Wassjäs erkennen. Wassjäs Gang
war trippelnder, doch verlor er deshalb nichts von seiner Würde. Im
Gegenteil, Arkadij Iwanowitsch hatte noch nie einen so vorteilhaften
Eindruck von ihm gehabt. Er empfand, wie sie so gingen, fast eine
gewisse Hochachtung vor ihm, und ein körperlicher Fehler Wassjäs, von
dem der Leser bis jetzt noch nichts erfahren (Wassjä war nämlich ein
wenig schief gewachsen) und der im Herzen Arkadij Iwanowitschs immer ein
tiefes Mitgefühl für ihn erweckt hatte, trug zu einem nur noch größeren,
nur noch innigeren Gefühl für seinen Freund bei. Arkadij Iwanowitsch
hatte vor Freude weinen können, doch er beherrschte sich.

„Wohin, wohin, Wassjä? Hier ist es doch näher!“ rief er, als er sah, daß
Wassjä in den Wosnessenskij-Prospekt abbiegen wollte.

„Komm nur, Arkascha, komm ...“

„Wirklich, es ist näher, Wassjä.“

„Arkascha, weißt du?“ begann Wassjä geheimnisvoll und mit vor Seligkeit
flüsternder Stimme, „weißt du? Ich möchte nämlich Lisenka ein Geschenk
mitbringen ...“

„Was für eines?“

„Hier, mein Lieber – an der Ecke – wohnt Mme. Leroux ... ein
wundervoller Laden!“

„Was denn –“

„Ein Hütchen, mein Lieber, ein Hütchen. Heute morgen habe ich ein
reizendes Hütchen gesehen: ich fragte nach der Fasson, und man sagte
mir, Manon Lescaut heiße das Wunder! Die Bänder sind kirschfarben, und
wenn das Hütchen nicht zu teuer ist ... Arkascha, und schließlich, wenn
es auch teuer ist! ...“

„Du übertriffst wahrhaftig noch alle Poeten, Wassjä! Gehen wir also!
...“

Sie gingen und waren in zwei Minuten im Laden. Hier wurden sie von einer
schwarzäugigen und lockenhaarigen älteren Französin empfangen, die
sofort, beim ersten Blick auf ihre Käufer, ebenso lustig und glücklich
zu werden schien, wie diese selbst waren, sogar noch lustiger und noch
glücklicher, wenn das möglich gewesen wäre. Wassjä war bereit, Madame
Leroux vor Entzücken sofort abzuküssen ...

„Arkascha!“ flüsterte er diesem zu, als er mit seinem Blick all das
Schöne und Hohe überflog, das an Holzständern auf dem großen Tisch des
Geschäfts ausgestellt war. „Welche Wunder! Wie ist denn das? Dies hier
zum Beispiel, dieses Bonbon hier, siehst du?“ Wassjä wies auf ein
kleines, reizendes Hütchen, doch nicht auf dasjenige, welches er kaufen
wollte, denn schon von weitem hatte dieses andere, am entgegengesetzten
Ende, seine Aufmerksamkeit auf sich gezogen. Er starrte es so an, als
wäre zu befürchten, daß es von jemandem gestohlen werden könnte oder als
ob das Hütchen selbst, nur damit Wassjä es nicht bekommen sollte, in die
Luft fliegen könnte.

„Dieses hier,“ sagte Arkadij Iwanowitsch und wies auf ein anderes
Hütchen, „dieses hier ist meiner Meinung nach noch schöner.“

„Nun, Arkascha! Das legt dir Ehre ein: ich muß dir sagen, daß ich vor
deinem Geschmack Achtung bekomme,“ bemerkte Wassjä, der scheinbar aus
Liebe zu Arkascha auf dessen Geschmack einging. „Dein Hütchen ist
wirklich reizend, aber sieh einmal her!“

„Welches ist schöner?“

„Sieh mal her!“

„Dieses?“ sagte etwas zögernd Arkadij.

Doch als Wassjä, der nicht fähig war, länger an sich zu halten, das
Hütchen vom Holzgestell herunterholte, von dem es scheinbar selbst
herunterfliegen wollte, als freute es sich – nach so langer Erwartung,
in der seine Bänderchen, Rüschchen und Spitzen steif hatten dastehen
müssen – über den guten Käufer: da entriß sich der mächtigen Brust
Arkadij Iwanowitschs ein Schrei des Entzückens. Sogar Madame Leroux, die
die ganze Zeit über ihre Würde gewahrt und während ihrer Auswahl zu
allen Fragen des Geschmacks herablassend geschwiegen hatte, belohnte
jetzt Wassjä mit einem begütigenden Lächeln und dieses Lächeln schien zu
sagen: ja! Sie haben es getroffen, Sie sind des Glückes würdig, das Sie
erwartet.

„So hat es in seiner Einsamkeit kokettiert und kokettiert!“ rief Wassjä
aus, der seine ganze Zärtlichkeit auf das reizende Hütchen übertrug,
„hat sich mit Absicht versteckt, der Schelm!“ Und er küßte es, das
heißt, er küßte die Luft, die es umgab, denn er fürchtete sich, an seine
Kostbarkeit auch nur zu rühren.

„So versteckt sich das wahre Verdienst,“ fügte Arkadij in seinem
Entzücken hinzu, um mit dieser Phrase, die er am Morgen in einer Zeitung
gelesen hatte, Humor in die Sache zu bringen. „Nun, Wassjä, wie steht es
denn?“

„Vivat, Arkascha! Du spielst wohl heute den Geistreichen, um Furore zu
machen, wie sich die Damen ausdrücken – nicht wahr, Madame Leroux, nicht
wahr!“

„Was wünschen Sie?“

„Nicht wahr, meine liebe Madame Leroux!“

Madame Leroux blickte gütig lächelnd Arkadij Iwanowitsch an.

„Sie glauben nicht, wie ich Sie in diesem Augenblick vergöttere ...
Erlauben Sie, daß ich Sie umarme ...“ Und Wassjä küßte wirklich die
Ladenmadame.

Es gehörte Würde dazu, um sich in diesem Augenblick solch einem
Heißsporn gegenüber nichts zu vergeben. Und vor allem: eine angeborene
Liebenswürdigkeit und diese natürliche Grazie, mit der Madame Leroux die
Begeisterung Wassjäs aufnahm, entschuldigte ihn, und sie verstand es,
sich mit liebenswürdigem Geschick in die Situation zu finden! Es war ja
auch überhaupt unmöglich, Wassjä im Ernste böse zu sein!

„Madame Leroux, welches ist der Preis?“

„Fünf Rubel,“ antwortete sie und rechtfertigte ihre Forderung mit einem
neuen Lächeln.

„Und dieser Hut hier, Madame Leroux,“ fragte Arkadij Iwanowitsch und
wies auf den von ihm gewählten.

„Dieser: acht Rubel.“

„Aber erlauben Sie, erlauben Sie! Nun müssen Sie selbst entscheiden,
Madame Leroux, welcher ist schöner, welcher niedlicher, welcher von den
beiden würde Sie kleiden?“

„Dieser hier ist reicher, doch der, den Sie gewählt haben – ^il est plus
coquet^.“

„Also, nehmen wir ihn!“

Madame Leroux legte ihn in einen Bogen feinen, dünnen Seidenpapiers und
steckte es mit kleinen Stecknadeln fest. Das Papier aber, mit dem Hut,
schien jetzt beinahe noch leichter zu sein als früher, ohne Hut. Wassjä
nahm das Paket und wagte kaum zu atmen, er verabschiedete sich von
Madame Leroux, sagte ihr noch etwas Liebenswürdiges und verließ den
Laden.

„Ich bin ein Lebemann, Arkascha, ein geborener Lebemann!“ rief Wassjä
draußen lachend aus. Das Lachen ging aber gleich darauf in einen kaum
hörbaren nervösen feinen Ton über, den ein Lächeln begleitete – und
Wassjä selbst wich allen Vorübergehenden ängstlich aus, als ob er sie
mit einem Male im Verdacht hätte, der Versuchung, sein kostbares Hütchen
zu zerknüllen, nicht widerstehen zu können.

„Höre, Arkadij, höre!“ begann er einen Augenblick später und etwas
Feierliches, etwas unendlich Seliges lag in seiner Stimme. „Arkadij, ich
bin so glücklich, ich bin so glücklich!“

„Wassinjka! Und wie ich glücklich bin, mein Liebling!“

„Nein, Arkascha, nein, deine Liebe zu mir ist grenzenlos, ich weiß es.
Doch du kannst nicht den zehnten Teil von dem empfinden, was ich in
diesem Augenblick fühle. Mein Herz ist so voll, so übervoll!! Arkascha!
Ich bin ja meines Glückes gar nicht würdig! Ich weiß es, ich fühle es
selbst. Womit habe ich es verdient,“ rief er mit einer Stimme aus, die
voll war von verhaltenem Schluchzen, „was habe ich denn je Gutes getan,
sage nur. Sieh doch, wieviel Menschen es gibt, wieviel Tränen, wieviel
Kummer, wieviel Alltag ohne Feiertag! Und ich! Mich liebt ein solches
Mädchen, mich ... Du wirst sie ja selbst sehen, wirst selbst ihr edles
Herz erkennen. Ich komme aus niedrigem Stande, doch habe ich eine
Stellung und ein festes Gehalt. Ich bin mit einem Gebrechen auf die Welt
gekommen, bin schief gewachsen. Sie aber liebt mich, so wie ich bin.
Juljan Mastakowitsch war heute so zärtlich, so aufmerksam, so höflich zu
mir. Er spricht sonst selten mit mir – doch: ‚Nun, Wassjä,‘ sagte er
heute (bei Gott, Wassjä nannte er mich) ‚wirst du in den Feiertagen auch
durchgehen, wie?‘ Dabei lachte er. ‚Nein,‘ sagte ich zuerst, ‚Euer
Exzellenz, ich habe zu tun.‘ Doch dann nahm ich mich zusammen und sagte:
‚Vielleicht werde ich mich auch mal amüsieren, Exzellenz!‘ – bei Gott,
das sagte ich. Da gab er mir denn das Geld und sprach noch ein paar
Worte mit mir. – Ich, Bruder, ich weinte beinah, die Tränen stürzten mir
aus den Augen und er, er schien auch gerührt zu sein, klopfte mir auf
die Schulter und sagte: ‚Fühle immer so, Wassjä, wie du jetzt fühlst‘
...“

Wassjä verstummte auf einen Augenblick.

„Und nicht genug,“ fuhr Wassjä fort. „Ich habe es dir gegenüber noch nie
ausgesprochen, Arkadij ... Arkadij! Du hast mir deine Freundschaft
geschenkt, ohne dich wäre ich nicht auf der Welt, – nein, nein, sage
nichts, Arkascha! Laß mich dir deine Hand drücken, gib, ich will dir
danken!“ ... Wassjä konnte seinen Satz wieder nicht beenden.

Arkadij Iwanowitsch wollte schon Wassjä um den Hals fallen, doch
überschritten sie gerade die Straße, und so hörten sie denn plötzlich,
dicht hinter ihren Ohren den einschneidenden Ruf eines Kutschers: ‚Heda!
Achtung!‘ und beide, erregt und erschrocken wie sie waren, liefen so
schnell als nur möglich aufs Trottoir. Arkadij Iwanowitsch war
eigentlich froh über diesen Zwischenfall. Den Überschuß an Dankbarkeit
bei Wassjä erklärte er sich als einen Ausfluß des Augenblicks. Ihm war
er peinlich, weil er meinte, daß er Wassjä bis jetzt noch gar nichts
Gutes getan! Er schämte sich sogar vor sich selbst, weil Wassjä ihm für
das Wenige so dankte! Doch, ein ganzes Leben stand ihm noch bevor – und
Arkadij Iwanowitsch atmete frei mit einem großen Vorsatze auf ...

Man hatte es schon aufgegeben, sie zu erwarten! Ein Beweis: daß sie
bereits beim Tee saßen! Und wirklich, manchmal ist ein älterer Mensch
ahnungsvoller als die liebe Jugend. Lisenka hatte in allem Ernst
behauptet, daß er nicht kommen werde, nicht kommen werde. „Mamenka! mein
Herz fühlt es, daß er nicht kommen wird!“ aber Mamenka hatte im
Gegenteil behauptet, ihr Herz fühle ganz genau, daß Wassjä keine Ruhe
finden und deshalb ganz sicher gelaufen kommen würde, zumal er am
Vorabend des neuen Jahres doch keinen Dienst mehr hatte! Als nun Lisenka
die Tür öffnete, traute sie ihren Augen nicht: sie errötete über und
über und ihr Herz schlug so heftig, wie bei einem gefangenen Vögelchen.
Ja, sie war rot wie eine Kirsche, der sie überhaupt ähnlich sah.

„Mein Gott, welche Überraschung!“ Ein freudiges „Ach!“ kam über ihre
Lippen. „Du Schelm, du Betrüger, du mein Lieber du!“ rief sie aus und
fiel Wassjä um den Hals. Doch man stelle sich ihre Verwunderung vor,
ihre plötzliche Verlegenheit: denn genau hinter Wassjä, als wollte er
sich hinter ihm verstecken, stand, verwirrt wie er war, Arkadij
Iwanowitsch. Aber Arkadij Iwanowitsch verstand es nicht, mit Frauen
umzugehen: er war sogar sehr ungeschickt ... Einmal passierte es ihm,
daß ... Doch davon ein andermal. Indessen, man versetze sich in seine
Lage! Es ist nichts Lächerliches dabei: er stand im Vorzimmer, in
Gummischuhen, im Mantel und in einer Mütze mit Ohrenklappen, um den Hals
einen schrecklichen gelben Schal, der zum Überfluß hinten im Nacken dick
geknotet und gebunden war, – dieser Knoten mußte nun gelöst und der
Schal abgenommen werden, damit er selbst einen vorteilhaften Eindruck
machen konnte ... denn es gibt nun einmal keinen Menschen, der nicht
wünschte, einen vorteilhaften Eindruck zu machen! Und dieser Wassjä,
dieser unerträgliche, unausstehliche, obgleich sonst so liebe, gute
Wassjä, war jetzt ein ganz erbarmungsloser Wassjä! Schreien mußte er:

„Lisenka, hier stelle ich dir Arkadij vor! Wer das ist? Mein bester
Freund, umarme ihn, küsse ihn, Lisenka, küsse ihn im voraus, wenn du ihn
einmal kennst, wirst du ihn immer küssen ...“ Nun, was blieb da wohl dem
armen Arkadij Iwanowitsch übrig? Er stand noch immer und versuchte
seinen Schal aufzuknoten! Nein: diese Begeisterung Wassjäs war doch
manchmal wirklich unangebracht und ganz gewissenlos! Freilich, freilich,
sie bewies sein gutes Herz, aber ... immerhin – es war doch zu peinlich!

Endlich traten sie beide ins Zimmer ... Die Alte war unsagbar glücklich,
die Bekanntschaft Arkadij Iwanowitschs zu machen: sie hätte so viel von
ihm gehört, sie ... Doch sie beendete ihre Phrase nicht. Ein freudiges
„Ach!“ durchtönte das Zimmer und unterbrach sie. Mein Gott! Lisenka
stand vor dem enthüllten Hütchen, hielt naiv beide Hände gefaltet, und
lächelte, lächelte ... Mein Gott, warum gab es bei Madame Leroux nicht
noch ein viel, viel schöneres Hütchen!

Ach, aber wo konnte man wohl ein noch schöneres finden?! Ich spreche im
Ernst! Mich bringt schließlich diese Undankbarkeit Verliebter wirklich
zur Verzweiflung. Möchten die beiden doch endlich einsehen, daß es gar
nichts Schöneres geben kann, als dieses Bonbon von Hütchen! Möchten sie
einsehen – doch meine Verzweiflung war umsonst: sie sind bereits wieder
alle mit mir einverstanden, es war ein Irrtum und weiter nichts! Ich bin
bereit, ihnen zu vergeben. Meine Leser aber werden entschuldigen, wenn
ich immer noch von dem Hütchen spreche: Ganz leicht und durchsichtig aus
Tüll war es, mit breiten kirschroten Bändern und mit Spitzen bedeckt.
Unter dem Tüll und den Rüschen hervor hingen hinten auf den Hals zwei
Bänder herab ... Man mußte es ein wenig in den Nacken setzen. Und nun,
nach alledem sehen Sie hin, ich bitte Sie! Sie aber scheinen nicht sehen
zu wollen! ... Sie sehen zur Seite. Sehen, wie zwei Tränen gleich Perlen
in den langen schwarzen Augenwimpern hängen und dort einen Augenblick
erzittern und auf diesen Tüll niederfallen, der dünn wie Luft ist, auf
diesen Tüll, aus dem das Kunstwerk Madame Lerouxs bestand ... Ich aber
ärgere mich: denn nicht dem Hütchen galten diese beiden Tränen! ...
Nein! eine solche Sache muß man ganz kaltblütig aufnehmen, nur dann kann
man sie wirklich schätzen!

Man setzte sich. Wassjä setzte sich mit Lisenka zusammen und die Alte
mit Arkadij Iwanowitsch. Man begann ein Gespräch und Arkadij Iwanowitsch
behauptete sich durchaus. Mit Freuden lasse ich ihm Gerechtigkeit
widerfahren. Es war das eigentlich von ihm nicht zu erwarten. Nach ein
paar Worten über Wassjä verstand er es vorzüglich, von Juljan
Mastakowitsch, Wassjäs Wohltäter, zu erzählen. Und so klug, so
verständig sprach er, daß das Gespräch eine ganze Stunde lang nicht ins
Stocken geriet. Man müßte es gehört haben, mit welchem Takt Arkadij
Iwanowitsch einige Sonderheiten Juljan Mastakowitschs berührte, die eine
mittelbare oder unmittelbare Beziehung zu Wassjä hatten. Dafür war die
Alte auch ganz entzückt, aufrichtig entzückt von ihm: sie selbst gestand
es Wassjä. Ausdrücklich rief sie ihn zu sich, um ihm zu sagen, daß sein
Freund ein prächtiger, liebenswürdiger junger Mensch sei, und was die
Hauptsache, so ein ernster, gesetzter junger Mann. Wassjä hätte am
liebsten laut aufgelacht vor Vergnügen. Er dachte daran, wie der
gesetzte Arkascha ihn noch vor einer Viertelstunde aufs Bett geworfen
hatte! Darauf machte die Alte Wassjä ein Zeichen, leise und unbemerkt
ins andere Zimmer zu kommen. Und dort handelte sie nun allerdings
Lisenka gegenüber nicht richtig: sie zeigte nämlich Wassjä das Geschenk,
das Lisenka ihm zum neuen Jahr machen wollte. Es war eine Brieftasche
mit einer goldgestickten, wundervollen Zeichnung: auf der einen Seite
war ein rennender Hirsch dargestellt, so natürlich, so ähnlich, so
vorzüglich erfaßt. Auf der anderen Seite befand sich das Bild eines
berühmten Generals, ebenso vorzüglich, ebenso ähnlich und naturgetreu.
Ich kann es gar nicht schildern, dieses helle Entzücken Wassjäs.

Unterdessen war in dem anderen Zimmer die Zeit nicht ungenutzt
verstrichen. Lisenka war zu Arkadij Iwanowitsch getreten, hatte ihm die
Hand gereicht und ihm gedankt – und Arkadij Iwanowitsch hatte sofort
begriffen, daß es sich um den teuren Wassjä handelte. Lisenka war tief
bewegt: sie habe erfahren, sagte sie, daß Arkadij ein so treuer Freund
ihres Verlobten sei, daß er ihn liebe und über ihn wache und ihn auf
jeden Schritt mit seinen Ratschlägen unterstütze, so daß sie, Lisenka,
es nicht unterlassen könne, ihm zu danken, und daß sie hoffe, Arkadij
Iwanowitsch würde auch sie lieb haben, und wär’s auch nur halb so wie
den Wassjä. Darauf fragte sie ihn, ob Wassjä auch seine Gesundheit in
acht nehme, sprach von der Heftigkeit seines Charakters und über sein
Unvermögen dem praktischen Leben gegenüber, sowie über seinen Mangel an
Menschenkenntnis. Sie sagte weiter, daß sie auf ihn aufpassen und ihn
vor allem bewahren würde, und daß sie hoffe, auch Arkadij Iwanowitsch
werde sie nicht verlassen und bei ihnen bleiben.

„Wir werden alle drei zusammenbleiben und wie ein einziger Mensch sein!“
rief sie in naiver Begeisterung aus.

Doch die Zeit rückte vor und man mußte aufbrechen. Selbstverständlich
versuchte man, die Gäste zurückzuhalten, doch Wassjä erklärte kurz und
bündig, daß es nicht möglich sei, zu bleiben, und Arkadij Iwanowitsch
bestätigte es. Man fragte natürlich: warum? und so erfuhren sie denn,
daß es sich um eine Arbeit für Juljan Mastakowitsch handelte, eine sehr
eilige, notwendige, unangenehme, die bis übermorgen früh fertiggestellt
werden mußte, und daß sie noch sehr im Rückstande wäre. Das Mamachen
seufzte, als sie das hörte, Lisenka aber erschrak sehr und trieb sogar
selbst Wassjä zur Eile an. Der letzte Kuß verlor dabei nicht an Wert, er
war kürzer, eiliger, aber um so heißer und heftiger. Endlich trennte man
sich und die beiden Freunde gingen zusammen nach Haus.

Sofort, kaum daß sie auf der Straße waren, tauschten sie untereinander
ihre Eindrücke aus. Ja, und es mußte wohl so sein, daß Arkadij
Iwanowitsch sich sterblich in Lisenka verliebt hatte! Wem aber war das
leichter verständlich, als dem glücklichen Wassjä? Arkadij Iwanowitsch
gestand Wassjä sofort alles ein. Wassjä lachte und freute sich sehr
darüber, und bemerkte, daß sie jetzt noch innigere Freunde sein würden,
als ehedem. „Du hast mich sofort verstanden, Wassjä,“ sagte Arkadij
Iwanowitsch, „so ist’s! Ich liebe sie, wie ich dich liebe, sie wird mein
Schutzengel sein, ganz wie sie für dich einer ist und euer Glück wird
auch auf mich übergehen und auch mich erwärmen. Sie wird auch meine
Hausfrau sein, in ihre Hände lege auch ich mein Glück: möge sie für mich
sorgen, wie sie es für dich tut. Ja, Freundschaft zu dir – Freundschaft
auch zu ihr. Ihr beide werdet für mich ganz unzertrennlich sein, nur daß
ihr eben statt ein Wesen, das du früher für mich warst, zwei Wesen sein
werdet ...“

Arkadij verstummte im Übermaß seiner Gefühle. Wassjä war durch seine
Worte bis in die Tiefe seiner Seele erschüttert. Niemals hatte er solche
Worte von Arkadij erwartet! Arkadij Iwanowitsch verstand es sonst nicht,
sich auszudrücken, auch liebte er durchaus nicht zu schwärmen, und doch
hatte er soeben die allerüberschwenglichsten Gedanken geäußert. „Wie
werde ich für euch beide sorgen, wie euch verwöhnen,“ begann er jetzt
von neuem. „Erstens, Wassjä, werde ich der Taufpate aller deiner Kinder
sein, aller, ohne Ausnahme, und zweitens, Wassjä, muß man auch an die
Zukunft denken. Man muß eine Wohnung mieten, Möbel kaufen, so viel, daß
jeder von uns sein Zimmer hat. Weißt du, Wassjä, ich werde bereits
morgen ausgehen und die Wohnungszettel studieren. Drei ... nein, zwei
Zimmer, mehr haben wir nicht nötig. Ich glaube jetzt selbst, Wassjä, daß
ich da heute Unsinn gesprochen habe, das Geld wird gewiß reichen. Warum
denn auch nicht? Als ich ihr heute in die Augen sah, wußte ich sofort,
daß es reicht! Alles für sie! Oh, wie werden wir arbeiten! Jetzt,
Wassjä, kann man es wagen und fünfundzwanzig Rubel für die Wohnung
zahlen. Gute Zimmer, mein Lieber, müssen es sein ... in guten Zimmern
ist der Mensch fröhlich und hat heitere Gedanken! Und zweitens, Lisenka
wird unser gemeinsamer Kassierer sein: nicht eine Kopeke wird unnütz
verausgabt! Ich sollte künftig noch einmal in eine Kneipe gehen? Ja, für
wen hältst du mich denn eigentlich?! Um nichts in der Welt! Man wird uns
Zulage geben, uns Geschenke machen, wenn wir fleißig arbeiten! Und wie
werden wir arbeiten, wie Büffel werden wir die Akten pflügen! ... Stelle
dir nur vor ... (und die Stimme Arkadij Iwanowitschs wurde ganz schwach
vor Seligkeit) – wenn plötzlich so fünfundzwanzig bis dreißig Rubel ins
Haus kämen ... Nun, dann werden wir ihr Hütchen kaufen, einen Schal,
neue Strümpfchen! Mir aber muß sie dafür durchaus ein Halstuch häkeln:
sieh nur, wie schlecht das meine ist: gelb und abgetragen – hatte es zu
meinem Unglück heute umgelegt! Ja, und du, Wassjä, bist auch gut:
stellst mich gerade in dem Augenblick vor, wie ich noch mit dem Halstuch
dastehe ... Doch, nicht darum handelt es sich! Ich, siehst du: ich werde
für das Silber sorgen! Ich bin doch verpflichtet, euch ein Geschenk zu
machen – meine Ehre verlangt es, und auch meine Eigenliebe! ... Meine
Jahreszulage wird doch dazu reichen: hoffentlich wird man sie mir bald
geben? Fürchte nichts, mein Lieber, ich werde euch echte silberne Löffel
kaufen und gute Messer – die nicht aus Silber zu sein brauchen, doch
ausgezeichnete Messer sein werden, und eine Weste werde ich kaufen, das
heißt, eine Weste für mich: denn ich werde doch Trauzeuge sein! Du aber
nimm dich mal jetzt zusammen, ich werde schon auf dich aufpassen,
Bruder; heute und morgen, die ganze Nacht werde ich mit dem Stock hinter
deinem Stuhl stehen, beende die Arbeit, Bruder beende sie schnell! Nun,
und dann gehen wir beide zum Abend wieder hin, und wir werden glücklich
sein ... werden Lotto spielen! ... Werden die Abende zusammen verbringen
– hei, wird das schön werden! Pfui, Teufel! Wie ärgerlich, daß ich dir
nicht helfen kann. Ich würde am liebsten alles, alles für dich
abschreiben ... Warum haben wir nicht dieselbe Handschrift?“

„Ja!“ antwortete Wassjä. „Ja! Ich muß mich beeilen. Ich glaube, es wird
jetzt elf Uhr sein – wir müssen uns beeilen ... An die Arbeit!“ Und
Wassjä, der die ganze Zeit lächelnd zugehört und bin und wieder versucht
hatte, durch irgendeine Bemerkung seine freundschaftlichen Gefühle zu
Arkadij auszudrücken, kurz, der bis dahin mit Leib und Seele dabei
gewesen war, verstummte plötzlich, wurde unruhig und schweigsam und fing
beinah an zu laufen. Offenbar hatte irgendein schwerer Gedanke plötzlich
seinen allzu heißen Kopf abgekühlt!

Auch Arkadij Iwanowitsch wurde unruhig: auf seine dringlichen Fragen
erhielt er kaum eine Antwort von Wassjä, dessen Ausrufe anderseits gar
nicht mehr zur Sache gehörten.

„Ja, was fehlt dir denn, Wassjä?“ rief Arkadij endlich aus, als jener
seine Schritte so beschleunigte, daß er ihm kaum zu folgen vermochte.
„Bist du wirklich so in Sorge? ...“

„Ach, mein Lieber, wir haben genug geredet!“ antwortete ihm Wassjä
ärgerlich.

„Verzweifle doch nicht, Wassjä,“ unterbrach ihn Arkadij, „ich habe es
doch schon erlebt, daß du in einer kürzeren Frist noch viel mehr
abgeschrieben hast ... Was willst du denn! Du bist doch so geschickt! Im
äußersten Falle kannst du einfach etwas flüssiger schreiben: deine
Abschrift braucht doch nicht wie gestochen zu sein. Du wirst’s schon
schaffen! ... Wenn du dich jetzt aufregst, so wirst du nur zerstreut
sein und die Arbeit wird dir schwer fallen ...“

Wassjä antwortete nichts oder murmelte nur etwas vor sich hin, und beide
liefen voll Unruhe nach Haus.

Wassjä setzte sich sofort an die Arbeit. Arkadij Iwanowitsch verhielt
sich ganz ruhig, er entkleidete sich vorsichtig und legte sich aufs
Bett, ohne Wassjä aus den Augen zu lassen ... Angst überkam ihn ... „Was
ist das nur mit ihm?“ dachte er bei sich, als er Wassjäs bleiches
Gesicht mit den glänzenden Augen darin erblickte – diese Unruhe in all
seinen Bewegungen – dies Zittern seiner Hand ... Verdammt, wirklich
verdammt! Sollte ich ihm nicht raten, sich lieber zwei Stunden
hinzulegen: vielleicht kann er seine Aufregung ausschlafen.“

Wassjä hatte gerade eine Seite beendet, er sah auf und sein Blick traf
zufällig Arkadij. Doch sofort schlug er die Augen nieder und griff
wieder zur Feder.

„Höre, Wassjä,“ begann plötzlich Arkadij Iwanowitsch, „wäre es nicht
wirklich besser, wenn du dich ein wenig schlafen legtest! Sieh, du bist
wie im Fieber ...“

Wassjä sah geärgert, sogar wütend zu Arkadij hinüber und antwortete
nichts.

„Höre, Wassjä, was machst du mit dir? ...“ Wassjä schien sich zu
besinnen.

„Sollte ich nicht Tee trinken, Arkascha?“ sagte er plötzlich.

„Wie das? Warum?“

„Tee gibt Kraft. Schlafen will ich nicht und werde ich auch nicht! Ich
werde schreiben. Beim Teetrinken würde ich mich aber erholen, und ein
Augenblick der Ermüdung wäre leichter zu überwinden.“

„Famos, Bruder Wassjä, famos! So gefällst du mir: ich selbst wollte dir
schon den Vorschlag machen. Ich wundere mich nur, daß ich nicht früher
darauf verfiel. Und – weißt du was? Mawra wird nicht aufstehen, um
nichts in der Welt wird sie aufstehen ...“

„Ja! Das stimmt!“

„Ach, Unsinn, das tut auch nichts!“ rief Arkadij Iwanowitsch und sprang
barfuß aus dem Bett. „Ich selbst werde den Ssamowar aufstellen ...“

Arkadij Iwanowitsch lief in die Küche und mühte sich um den Ssamowar;
Wassjä schrieb unterdessen weiter. Dann kleidete sich Arkadij
Iwanowitsch an, um in eine Bäckerei zu gehen, damit Wassjä sich zur
Nacht stärken könnte. In einer Viertelstunde stand der Ssamowar auf dem
Tisch. Sie tranken den Tee, aber zu einem Gespräch kam es nicht mehr.
Wassjä war immer noch sehr zerstreut.

„Ja, was ich sagen wollte,“ sagte er endlich, sich besinnend, „morgen
muß man gehen und gratulieren.“

„Das hast du doch nicht nötig.“

„Nein, mein Lieber, das muß sein,“ sagte Wassjä ...

„Ich werde dich bei allen einschreiben. Wozu willst du gehen? Du,
arbeite morgen! Heute arbeite noch bis fünf Uhr, wie ich’s dir gesagt
habe, und dann lege dich schlafen. Denn sonst, wie wirst du morgen sonst
aussehen? Ich würde dich um Punkt acht Uhr wecken ...“

„Ja, geht es denn an, daß du statt meiner mich überall einschreibst?“
fragte Wassjä halb und halb mit dem Vorschlage einverstanden.

„Ja, warum denn nicht? So machen es doch alle!“

„Ich fürchte eigentlich ...“

„Was denn, was?“

„Bei den andern, weißt du, tut es nichts, aber bei Juljan Mastakowitsch
– er ist doch mein Wohltäter, Arkascha, und wenn er bemerkt, daß eine
fremde Hand ...“

„Bemerkt! Wie töricht du bist, Wassjuk! Wie kann er denn das bemerken?
... Ich kann doch deinen Namen so gut kopieren und dieselbe Schleife
dranmachen, bei Gott, du weißt doch. Wirklich, was soll er denn da
bemerken?“

Wassjä antwortete nichts und beeilte sich, sein Glas zu leeren ...
Darauf schüttelte er zweifelnd den Kopf.

„Wassjä, mein Junge! Ach, wenn es uns doch nur gelingen würde! Wassjä,
was fehlt dir denn? Du machst mir Angst! Weißt du, ich werde mich nicht
hinlegen, Wassjä, ich werde nicht einschlafen. Zeige mir doch, ob du
noch viel zu schreiben hast?“

Wassjä blickte Arkadij Iwanowitsch so an, daß diesem das Herz weh tat
und er kein Wort mehr herausbrachte.

„Wassjä! Was ist mit dir? Was hast du? Warum siehst du mich so an?“

„Arkadij, ich, weißt du, ich werde morgen doch selbst gehen und Juljan
Mastakowitsch gratulieren.“

„Nun, so gehe doch!“ sagte Arkadij und sah ihn mit großen Augen in
qualvoller Erwartung an.

„Höre, Wassjä, schreibe doch schneller, ich werde dir doch nichts
Schlechtes raten, bei Gott, das tue ich nicht. Wie oft hat dir nicht
Juljan Mastakowitsch selbst schon gesagt, daß ihm an deiner Handschrift
am meisten die Leichtigkeit gefällt! Nur Skoroplechin liebt es, wenn die
Schrift wie gemalt ist und wie eine Schönschreibevorlage aussieht, um
sich das Papier dann unrechtmäßigerweise anzueignen und seinen Kindern
mit nach Hause zu bringen – denn eine Vorlage für sie kann sich der
Schafskopf wohl nicht kaufen! Aber Juljan Mastakowitsch verlangt immer
nur: flüssig, flüssig, flüssig! Doch was hast du nur, Wassjä, ich weiß
wirklich nicht, was ich dir noch sagen soll ... Ich fürchte mich fast
... Mit deiner Verzweiflung bringst du mich noch um!“

„Nichts, nichts!“ sagte Wassjä und fiel erschöpft auf seinen Stuhl
zurück. Arkadij erschrak.

„Willst du Wasser, Wassjä? – Wassjä!“

„Laß nur, laß,“ sagte Wassjä, und drückte ihm die Hand. „Mir fehlt
nichts, mir ist nur etwas traurig zumut, Arkadij. Ich kann es eigentlich
selbst nicht sagen, warum. Höre, rede lieber von etwas anderem, erinnere
mich nicht daran ...“

„Beruhige dich, um Gottes willen, beruhige dich doch, Wassjä. Du wirst’s
schon beenden, bei Gott, wirst’s schon beenden! Und wenn nicht, – nun,
was wäre denn dabei für ein Unglück? Tust ja, als wäre das ein wahres
Verbrechen!“

„Arkadij,“ sagte Wassjä, seinen Freund so bedeutungsvoll ansehend, daß
dieser wieder erschrak, denn noch nie hatte er Wassjä so tief innerlich
aufgeregt gesehen. „Wenn ich allein gewesen wäre, wie früher ... Nein!
Nicht das meine ich! Ich möchte es dir immer sagen, dir anvertrauen, wie
einem Freunde ... Übrigens, wozu dich beunruhigen? ... Siehst du,
Arkadij, den einen ist viel gegeben, andere verrichten nur Kleines, wie
ich. Nun, wenn man von dir zum Beispiel Dankbarkeit und Anerkennung
verlangte – und dir wäre es nicht möglich ...?“

„Wassjä! Ich kann dich wahrhaftig nicht verstehen!“

„Ich bin niemals undankbar gewesen,“ fuhr Wassjä fort, als spräche er zu
sich selbst. „Wenn ich nun aber nicht imstande bin, alles auszudrücken,
was ich fühle, so ist es, als ob ... so hat es doch den Anschein,
Arkadij, als wäre ich tatsächlich undankbar, und das bringt mich einfach
um!“

„Was sagst du da, was! Besteht denn wirklich darin deine ganze
Dankbarkeit, daß du genau zum Termin fertig geworden bist? Denke doch
nach, Wassjä, was du da sagst! Wäre das wirklich die ganze Dankbarkeit?“

Wassjä verstummte und sah seinen Freund mit großen Augen an, als hätte
dieser unerwartete Einwand alle Bedenken genommen. Er lächelte sogar,
nahm aber sofort wieder eine nachdenkliche Miene an. Arkadij faßte
dieses Lächeln als das Ende aller Schrecken auf, die Lebhaftigkeit aber,
die wieder über Wassjä kam, als einen Entschluß zu etwas Besserem, und
freute sich bereits sehr.

„Nun, Arkascha, du legst dich jetzt schlafen,“ sagte Wassjä. „Sieh nur,
daß ich nicht einschlafe, das wäre ein Unglück. Ich mache mich also
jetzt an die Arbeit ... Arkascha!“

„Was?“

„Nein, nichts, ich wollte nur ...“

Wassjä setzte sich hin, schwieg und schrieb. Arkadij legte sich
schlafen. Weder der eine noch der andere hatte ihren Besuch vom
Nachmittag erwähnt. Vielleicht fühlten sich alle beide ein wenig
schuldig, die Zeit vergeudet zu haben. Arkadij Iwanowitsch war bald
eingeschlafen – in Sorgen über Wassjä. Zu seiner Verwunderung erwachte
er genau um acht Uhr morgens. Wassjä war auf seinem Stuhl gleichfalls
eingeschlafen, die Feder in der Hand, bleich und übermüdet. Das Licht
war niedergebrannt. In der Küche machte sich Mawra am Ssamowar zu
schaffen.

„Wassjä, Wassjä!“ rief Arkadij erschrocken aus. „Wann bist du
eingeschlafen?“

Wassjä riß die Augen auf und sprang vom Stuhl.

„Ach!“ sagte er, „ich bin nur so eingeschlafen! ...“

Er sah sofort nach seinen Papieren, nichts war ihnen geschehen, alles
war in Ordnung; kein Tintenfleck, kein Talgfleck, vom Licht war nichts
heruntergetröpfelt.

„Ich glaube, ich schlief um sechs Uhr ein,“ sagte Wassjä. „Wie kalt es
in der Nacht ist! Trinken wir einen Tee und dann werde ich wieder ...“

„Bist du ruhig geworden?“

„Ja, ja, mir fehlt nichts!“

„Prost Neujahr, Wassjä.“

„Prost Neujahr, mein Lieber, prost Neujahr, wünsche dir gleichfalls
alles Gute, mein Lieber.“

Sie umarmten sich. Wassjäs Lippen zitterten und seine Augen schwammen in
Tränen. Arkadij Iwanowitsch schwieg: ihm war bitter zumut. Beide tranken
sie eilig den Tee ...

„Arkadij! Ich habe beschlossen, selbst zu Juljan Mastakowitsch zu gehen
...“

„Aber er wird es ja doch nicht bemerken ...“

„Mich quält sonst das Gewissen, mein Lieber.“

„Du sitzt doch hier seinetwegen, seinetwegen quälst du dich ... Genug,
Wassjä! ... Und ich, weißt du, mein Lieber, werde auch dahin gehen ...“

„Wohin?“ fragte Wassjä.

„Zu Artemjeffs, um auch ihnen zu gratulieren, auch für dich mit!“

„Schön, mein Lieber, schön! Nun! So werde ich also hier bleiben: ja, ich
sehe, das hast du dir trefflich ausgedacht. Ich werde also hier bleiben
und arbeiten und nicht feiertagsmäßig die Zeit verbringen! Warte nur
noch ein wenig, ich werde gleich einen Brief schreiben.“

„Schreibe nur, schreibe, es hat ja noch Zeit. Ich werde mich erst
waschen, rasieren und den Rock reinbürsten.“

„Wassjä, mein Bruder, weißt du, wir werden beide glücklich und zufrieden
sein! Umarme mich, Wassjä!“

„Ach, wenn du das meinst, Bruder! ...“

„Wohnt hier der Herr Beamte Schumkoff?“ ertönte in diesem Augenblick ein
Kinderstimmchen auf der Treppe.

„Hier, mein Kleiner, hier,“ antwortete Mawra und ließ den kleinen Gast
eintreten.

„Wer ist da? Wer, wer?“ rief Wassjä, sprang vom Stuhl auf und stürzte
ins Vorzimmer. „Petinka, du? ...“

„Guten Tag, habe die Ehre Ihnen zum neuen Jahre zu gratulieren, Wassilij
Petrowitsch,“ sagte ein reizender schwarzlockiger Bengel von etwa zehn
Jahren, „die Schwester läßt Sie schön grüßen, Mama auch, und die
Schwester hat mir befohlen, Sie von ihr zu küssen ...“

Wassjä hob den kleinen Gesandten mit beiden Armen in die Luft und
drückte einen langen leidenschaftlichen Kuß auf seine Lippen, die ganz
Lisenkas Lippen ähnlich waren.

„Küsse ihn auch, Arkadij!“ wandte er sich an diesen und übergab ihm
Petjä – und Petjä ging, ohne die Erde zu berühren, in die mächtige und
heftige Umarmung Arkadij Iwanowitschs über.

„Mein Kleiner, willst du Tee?“

„Danke bestens. Wir haben bereits Tee getrunken! Heute sind wir früh
aufgestanden. Die Unsrigen gingen zur Frühmesse. Die Schwester hat mich
zwei Stunden lang angezogen, mich gewaschen und gekämmt und mir die
Hosen genäht, die ich gestern abend, als ich mit Ssascha auf der Straße
spielte, zerrissen hatte: wir spielten nämlich Schneeball zusammen, und
da ...“

„Nu – nu – nu – nu!“

„Jawohl, die ganze Zeit hat sie mich aufgeputzt, mich zurechtgestutzt
und dann mich abgeküßt: ‚gehe zu Wassjä, gratuliere ihm und frage ihn,
ob er ruhig die Nacht verbracht hat, und noch ...‘ und ich sollte noch
etwas fragen, ja! Ob die Sache schon beendet wäre, von der Sie gestern
gesprochen ... gestern ... Ach, ich habe ja alles aufgeschrieben,“ sagte
der Kleine, zog ein Blättchen aus der Tasche, – „ja, und ob Sie
aufgeregt wären?“

„Ich werde fertig! Ich werde! Sag’s ihr, daß ich fertig werde, mein
Ehrenwort drauf!“

„Ja und noch etwas ... Ach! Ich hab’s vergessen: die Schwester hat auch
einen Brief und ein Geschenk geschickt, ja, und ich hätte es fast
vergessen! ...“

„Mein Gott! ... Wo denn, mein Kind, wo? Da ist’s!? – ah! Sieh doch, mein
Lieber, sieh, was sie mir schreibt, die Liebe, Gute! Weißt du, gestern
habe ich bei ihr eine Brieftasche für mich gesehen: leider ist sie nicht
fertig geworden, so schickt sie mir heute eine ihrer schwarzen Locken,
die Brieftasche wird mir deshalb jedoch nicht verloren gehen. Sieh,
Bruder, sieh nur!“

Und der aufgeregte Wassjä zeigte Arkadij Iwanowitsch eine schwarze
Locke, küßte sie leidenschaftlich und legte sie dann in die
Seitentasche, nahe dem Herzen.

„Wassjä! Ich werde dir für diese Locke ein Medaillon kaufen!“ sagte
schließlich Arkadij Iwanowitsch.

„Und heute haben wir einen Kalbsbraten und morgen Kalbshirn. Mama will
auch noch Kuchen backen ... Und wir werden nicht wieder Haferbrei
essen,“ sagte der Knabe, und schloß seine Erzählung.

„Nein, was das für ein netter Kerl ist!“ meinte Arkadij Iwanowitsch.
„Wassjä, du bist der glücklichste Sterbliche!“

Der Kleine trank seinen Tee, erhielt ein Briefchen, tausend Küsse und
machte sich dann, frisch und fröhlich wie er gekommen war, auf den
Heimweg.

„Nun, mein Lieber,“ meinte hocherfreut Arkadij Iwanowitsch, „siehst du,
wie gut alles ist, siehst du! Alles wendet sich zum besseren, verzage
nicht und klage nicht! Immer voran, Wassjä, mache Schluß mit dem
Trübsinn! In zwei Stunden bin ich wieder zu Haus: zuerst fahre ich zu
ihnen, dann zu Juljan Mastakowitsch.“

„Nun, lebe wohl, Lieber, lebe wohl ... Ach, wenn es so ist! ... Nun gut,
gut, mache, daß du wegkommst,“ sagte Wassjä, „ich, mein Lieber, werde
dann also bestimmt _nicht_ zu Juljan Mastakowitsch gehen.“

„Lebe wohl!“

„Wart, mein Lieber, wart: sage ihr ... Nun, alles was du willst – küsse
sie von mir ... Du erzählst mir dann alles später, mein Lieber, alles
...“

„Nun, natürlich: jetzt wirst du ja wieder der alte! Seit gestern abend
warst du noch gar nicht recht zu dir gekommen, hattest dich von all den
Eindrücken noch gar nicht erholt. Nun aber Schluß! Kopf hoch, mein
lieber Wassjä! Lebe wohl, lebe wohl!“

Endlich trennten sich die Freunde. Den ganzen Morgen über war Arkadij
Iwanowitsch zerstreut und dachte nur an Wassjä. Er kannte dessen
schwache und leicht erregbare Natur. Das Glück hatte ihn offenbar so
erschüttert: jawohl, das war es, das Glück! Ich habe mich nicht
getäuscht! sagte Arkadij zu sich selbst. Mein Gott! Er hat mir aber
einen Schrecken eingejagt! Und woraus er nicht eine Tragödie macht! Was
für ein Hitzkopf er ist! Wirklich, man muß ihm helfen! Jawohl: helfen!

Bei Juljan Mastakowitsch erschien Arkadij erst um elf Uhr, um in der
Portiersloge seinen bescheidenen Namen der endlosen Reihe hoher
Persönlichkeiten hinzuzufügen, die auf einem bereits vollgekritzelten
weißen Bogen ihre Namen eingetragen hatten. Doch wie groß war seine
Verwunderung, als unmittelbar vor seinem Namen die Unterschrift Wassjä
Schumkoffs auftauchte! Nun – was ist denn mit ihm geschehen? dachte er
erschrocken. Und Arkadij Iwanowitsch, der gerade vorher soviel Hoffnung
geschöpft hatte, ging ganz bestürzt von dannen. Bereitete sich in der
Tat ein Unglück vor? Was hieß das? Was sollte daraus werden!?

In Kolomna erschien er mit düsteren Gedanken und war anfangs sehr
zerstreut. Erst als er mit Lisenka gesprochen hatte, kam er zur
Besinnung und ging dann mit Tränen in den Augen fort: er war Wassjäs
wegen wirklich in heller Angst. Er lief so schnell wie möglich nach
Haus. Gerade an der Newa stieß er mit Schumkoff zusammen. Der lief
gleichfalls mehr als er ging.

„Wohin?“ rief Arkadij Iwanowitsch.

Wassjä stutzte wie ein ertappter Verbrecher.

„Ich, mein Lieber, ich gehe nur so ... ich wollte nur ein wenig
spazieren ...“

„Du hast es nicht ausgehalten, du willst nach Kolomna gehen? Ach,
Wassjä, Wassjä! Warum bist du nur zu Juljan Mastakowitsch gegangen?“

Wassjä antwortete ihm nichts darauf, er winkte nur mit der Hand und
sagte dann:

„Arkadij! Ich weiß nicht, was mit mir vorgeht! Ich ...“

„Schon gut, Wassjä, schon gut! Ich weiß doch, wie das ist. Beruhige dich
doch nur! Du bist seit gestern unruhig und aufgeregt! Es ist ja auch
kein Wunder! Alle lieben dich, alle leben für dich, mit deiner Arbeit
geht’s vorwärts, bald wirst du sie beendet haben, das wirst du bestimmt,
ich weiß es: du bildest dir da nur so etwas ein, hast da irgendeine
Angst ...“

„Nein, durchaus nicht, durchaus nicht ...“

„Erinnere dich doch, Wassjä, erinnere dich doch, wie es mit dir war,
weißt du noch, als du befördert wurdest, du wußtest dich auch nicht vor
Glück und vor Dankbarkeit zu lassen, verdoppeltest deinen Eifer und eine
Woche lang verdarbst du doch nur die Arbeit! Dasselbe geschieht jetzt
wieder mit dir ...“

„Ja, ja, Arkadij – doch ist das jetzt etwas ganz anderes, durchaus etwas
anderes ...“

„Wieso denn, etwas anderes: ich bitte dich! Die Sache ist ganz sicher
nicht so eilig, du aber quälst dich dermaßen ...“

„Nein, nein, ich bin nur so ... Nun, gehen wir!“

„Wie, so willst du nach Haus und nicht zu ihnen?“

„Nein, mein Lieber, mit diesem Gesicht kann ich dort nicht erscheinen
... Ich habe mich bedacht. Ich konnte es nur ohne dich so allein zu
Hause nicht aushalten. Jetzt, da du wieder bei mir bist, werde ich mich
hinsetzen und weiter schreiben. Gehen wir!“

Sie gingen und schwiegen eine Zeitlang. Wassjä hatte es jetzt wieder
sehr eilig.

„Warum erkundigst du dich gar nicht nach ihnen?“ fragte Arkadij
Iwanowitsch.

„Ach, ja! Nun, Arkaschenka, wie steht’s?“

„Wassjä, man erkennt dich gar nicht wieder!“

„Nun, tut nichts, tut nichts. Erzähle mir nur alles, Arkascha!“ bat
Wassjä mit flehender Stimme, als wolle er jeder weiteren Erklärung
ausweichen. Arkadij Iwanowitsch seufzte tief auf: er wußte mit Wassjä
gar nichts mehr anzufangen.

Die Nachrichten von den Kolomnaschen belebten jedoch Wassjä wieder. Er
sprach sogar sehr lebhaft von ihnen. Sie speisten beide zu Mittag. Die
Alte hatte die Taschen Arkadij Iwanowitschs mit Kuchen vollgestopft und
die Freunde waren lustig und guter Dinge, während sie sie aßen. Nach
Tisch wollte Wassjä sich hinlegen, um dann die Nacht durcharbeiten zu
können. Und so geschah es denn auch. Am Morgen hatte jemand Arkadij
Iwanowitsch zum Tee aufgefordert, eine Einladung, die abzuschlagen nicht
gut anging. Die Freunde trennten sich infolgedessen. Arkadij versprach,
so früh als es eben nur anging, zurückzukommen, wenn möglich schon um
acht Uhr. Diese drei Stunden Trennung kamen ihm selbst wie drei Jahre
vor. Endlich machte er sich auf, um zu Wassjä zurückzukehren. Als er ins
Zimmer trat, sah er, daß es dunkel war. Wassjä war nicht zu Haus. Er
fragte Mawra. Mawra sagte, daß Wassjä die ganze Zeit geschrieben habe,
darauf im Zimmer auf und ab gegangen sei, und schließlich vor einer
Stunde ungefähr hinausgelaufen wäre – mit der Bemerkung, er käme in
einer halben Stunde wieder: ‚wenn aber Arkadij Iwanowitsch inzwischen
kommt, so sage du ihm,‘ schloß Mawra die Erzählung, ‚daß ich nur ein
wenig spazierengegangen bin,‘ das aber habe er ihr drei- bis viermal
ausdrücklich anbefohlen.

„Er ist sicher bei Artemjeffs!“ dachte Arkadij Iwanowitsch und
schüttelte den Kopf.

Im nächsten Augenblick sprang er auf: er hatte eine neue Hoffnung. „Er
ist wohl gar fertig geworden,“ dachte er, „ja: das wird es sein; und er
hat es nicht länger ausgehalten und ist zu ihnen gelaufen. Übrigens,
nein! Dann hätte er doch auf mich gewartet ... Sehen wir, wie es mit
seiner Arbeit steht –“.

Er zündete das Licht an und begab sich an Wassjäs Schreibtisch: die
Arbeit ging offenbar gut vonstatten und schien sich ihrem Ende zu
nähern. Arkadij Iwanowitsch wollte sich noch näher davon überzeugen, als
plötzlich Wassjä eintrat ...

„Ah! Du hier?“ rief er aus und schrak zusammen.

Arkadij Iwanowitsch schwieg. Er fürchtete sich, an Wassjä irgendeine
Frage zu stellen. Der schlug die Augen nieder und begann schweigend
seine Papiere zu ordnen. Schließlich begegneten sich beider Augen.
Wassjäs Blick war flehend und gebrochen. Arkadij schrak zurück, als er
ihn traf.

„Wassjä, mein Lieber, was ist das mit dir? Was hast du?“ rief er aus,
stürzte sich auf Wassjä und nahm ihn in seine Arme, „erkläre mir doch,
ich verstehe nichts von deiner Traurigkeit, was hast du, mein armer
Märtyrer? Sage mir doch alles, ohne Umschweife. Es kann doch nicht sein,
daß dieses eine ...“

Wassjä preßte sich ungestüm an ihn. Sprechen konnte er nicht. Der Atem
ging ihm aus.

„Schon gut, Wassjä, schon gut! Wenn du nicht fertig wirst, was ist denn
dabei? Ich verstehe dich gar nicht, sag doch, was quält dich so? Siehst
du, ich bin doch bereit, für dich alles ... Ach, mein Gott, mein Gott!“
sagte er, im Zimmer auf und ab gehend, während er nach allem griff, was
ihm in die Hände kam, als suchte er ein Mittel, eine Hilfe für Wassjä.
„Ich selbst werde morgen anstatt deiner zu Juljan Mastakowitsch gehen,
werde ihn bitten, ihn anflehn, daß er dir noch einen Tag Frist gebe. Ich
werde ihm alles auseinandersetzen, alles, alles, wenn es dich so quält
...“

„Gott bewahre mich davor!“ rief Wassjä aus und wurde weiß wie die Wand.
Er konnte sich kaum auf den Füßen halten.

„Wassjä, Wassjä!“

Wassjä kam wieder zu sich. Seine Lippen zitterten; er wollte etwas
sagen, konnte aber nur schweigend Arkadij die Hand drücken. Seine Hand
war kalt. Arkadij stand vor ihm in quälender Erwartung. Wassjä sah ihn
wieder an.

„Wassjä! Gott mir dir, Wassjä! Du zerreißt mir das Herz, mein Freund,
mein Lieber.“

Ströme von Tränen stürzten aus Wassjäs Augen: er warf sich an die Brust
seines Freundes.

„Ich habe dich betrogen, Arkadij!“ schluchzte er laut auf, „ich habe
dich betrogen: vergib mir, vergib! Ich habe dich hintergangen ...“

„Wieso, Wassjä! Was heißt das?“ fragte Arkadij, außer sich vor Angst und
Schrecken.

„Da! ...“

Und Wassjä warf mit einer verzweifelten Geste aus einem Kasten sechs
dicke Hefte auf den Tisch, die genau so aussahen wie jenes, das er
abschrieb.

„Was soll das?“

„Da, das Ganze müßte ich bis übermorgen fertigstellen. Ich habe nicht
einmal ein Viertel davon!“

„Frage nicht, frage nicht, wie das kommen konnte!“ fuhr Wassjä fort, um
selbst alles zu erzählen, was ihn so gequält hatte. „Arkadij, lieber
Freund! Ich weiß selbst nicht, was mit mir geschehen war. Ich bin erst
jetzt wie aus einem Traum erwacht. Ich habe drei ganze Wochen verloren.
Ich bin ... immer ... zu ihr gegangen ... Mein Herz sehnte sich ... ich
quälte mich ... mit der Ungewißheit ... und ich konnte, ich konnte nicht
arbeiten. Ich dachte auch nicht einmal daran. Jetzt erst, wo das Glück
wirklich für mich begonnen hat, – da bin ich aufgewacht.“

„Wassjä!“ begann Arkadij Iwanowitsch entschlossen, „Wassjä, ich werde
dich retten! Ich begreife alles. Diese Sache ist kein Spaß. Ich muß dir
helfen! Höre, höre mich an: ich gehe morgen zu Juljan Mastakowitsch ...
Schüttle nicht den Kopf, nein, höre nur! Ich werde ihm alles erzählen,
wie es gewesen ist, erlaube mir, daß ich es tue ... Ich werde ihm
erklären ... ich werde alles wagen! Ich werde ihm deine Lage schildern,
werde ihm erzählen, wie du dich quälst.“

„Wenn du dir nur sagen wolltest, daß du mich damit einfach vernichtest?“
erwiderte Wassjä, ganz starr vor Schreck.

Arkadij Iwanowitsch wurde blaß, doch er beherrschte sich und fing an zu
lachen.

„Aber was denn, Wassjä! Was denn! So höre doch! Ich sehe ja, daß ich
dich damit nur aufrege. Aber ich verstehe dich doch, ich weiß doch, was
in dir vorgeht. Wir leben doch schon fünf Jahre miteinander, und schwach
bist du, unverzeihlich schwach. Auch Lisaweta Michailowna hat es bereits
bemerkt. Außerdem bist du ein Schwärmer, und das ist auch nicht gut: man
kann da plötzlich ins Bodenlose fallen, mein Bruder! Höre mich an, ich
weiß doch, was du möchtest! Du möchtest, daß Juljan Mastakowitsch außer
sich vor Freude wäre: darüber, daß du heiratest – und womöglich sollte
er einen Ball für dich geben ... Halt, halt! Du runzelst die Brauen.
Siehst du, schon wegen dieser kleinen Bemerkung von mir bist du
beleidigt, für Juljan Mastakowitsch beleidigt! Lassen wir ihn also
beiseite. Ich verehre ihn nicht weniger als du. Du wirst mir aber doch
nicht abstreiten und mir nicht zu denken verbieten, daß du nicht
wünschtest – nun sagen wir: es gäbe keinen einzigen Unglücklichen auf
der Erde, bloß weil du heiratest ... Gib es doch zu, mein Lieber, daß du
nichts dagegen hättest, wenn ich, dein bester Freund, plötzlich in den
Besitz von hunderttausend Rubel Kapital käme: und daß alle Feinde der
Welt sich versöhnten, sich mitten auf der Straße vor Freude in die Arme
fielen und, wenn möglich, hierher zu dir zu Gaste kämen! Lieber Freund,
ich scherze nicht, es ist so! Ich habe dich schon längst erkannt. Weil
du dich glücklich fühlst, willst du, daß sich alle glücklich fühlen
sollen. Es fällt dir schwer, allein glücklich zu sein! Darum möchtest du
mit aller Gewalt dich deines Glückes würdig erweisen und zur Beruhigung
deines Gewissens sofort eine große Tat vollbringen! Nun, ich verstehe,
wie du dich quälen mußt, daß gerade dort, wo du dein Können zeigen
möchtest ... nun, sagen wir, daß dort deine Dankbarkeit, wie du dich
ausdrückst, plötzlich versagt! Der Gedanke ist dir sehr peinlich, daß
Juljan Mastakowitsch sich ärgern wird, wenn er erfährt, daß du in diesem
Falle die Hoffnungen getäuscht hast, die er auf dich gesetzt. Dir ist es
schmerzlich, daran zu denken, daß du Vorwürfe von dem hören wirst, den
du für deinen Wohltäter hältst – und das gerade jetzt! Jetzt, da dein
Herz voll Freude ist und da du nicht weißt, an wem du deine Dankbarkeit
auslassen sollst! ... Ist es nicht so? nicht wahr, es ist so!“

Mit zitternder Stimme schloß Arkadij Iwanowitsch seine Rede, er schwieg
und schöpfte tief Atem.

Wassjä blickte voll Liebe auf seinen Freund. Auf seinen Lippen lag ein
Lächeln.

In Erwartung einer Hoffnung belebte sich sogar sein Gesicht.

„Also, höre mich an,“ begann von neuem Arkadij, auch seinerseits wieder
von Hoffnung belebt, „so ist es denn nicht nötig, daß Juljan
Mastakowitsch seine Zuneigung zu dir einbüßt. Ist es nicht so, mein
Lieber? Hier liegt doch die Frage? Wenn dem aber so ist, dann werde
ich,“ sagte Arkadij vom Stuhl aufspringend, „dann werde ich mich für
dich opfern. Ich werde morgen zu Juljan Mastakowitsch gehen ...
Widersprich mir nicht! Du, Wassjä, machst ja dein Versäumnis zu einem
Verbrechen! Er aber, Juljan Mastakowitsch, ist großmütig und mildtätig,
und denkt nicht so wie du! Er, Bruder Wassjä, wird uns anhören und aus
dem Unglück helfen. Jawohl. Nun! Hast du dich beruhigt?“

Wassjä drückte mit Tränen in den Augen Arkadijs Hand.

„Schon gut, Arkadij, schon gut,“ sagte er, „die Sache ist bereits
beschlossen. Ich habe meine Sache nicht gemacht: gut! Nicht gemacht ist
– nicht gemacht. Du aber brauchst deshalb nicht hinzugehen: ich selbst
werde hingehen und ihm alles erzählen. Ich habe mich jetzt beruhigt, ich
bin vollständig gefaßt. Doch du, nein, du sollst nicht gehen ... So höre
doch ...“

„Wassjä, mein Lieber!“ rief Arkadij Iwanowitsch freudig aus, „meine
Worte haben auf dich gewirkt: wie freue ich mich, daß du dich besonnen
hast und dich zusammennehmen willst. Wie es mit deiner Sache auch stehen
mag, was auch geschehen wird – ich bin bei dir, vergiß das nicht! Ich
sehe, du willst nicht, daß ich mit Juljan Mastakowitsch darüber spreche
– gut: ich werde nichts sagen, nichts, du selbst wirst es tun. Siehst
du: du gehst morgen hin ... Oder nein, du wirst nicht hingehen, du wirst
hier bleiben und schreiben, verstehst du? Ich werde aber doch
herumhören, wie es mit der Sache steht, ob sie sehr eilig ist oder
nicht, ob sie zum Termin fertig sein muß oder nicht, und wenn du den
Termin versäumst, was daraus entspringen kann? Dann werde ich zu dir
kommen und dir berichten. Siehst du, siehst du! Da haben wir schon eine
Hoffnung; nun, stelle dir vor, daß die Sache keine Eile hat! Wie viel
ist dann gewonnen! Juljan Mastakowitsch kann sie vielleicht überhaupt
vergessen haben – und dann ist ja sowieso alles gerettet!“

Wassjä schüttelte bedenklich mit dem Kopf. Doch wandte er seinen
dankbaren Blick nicht von dem Gesicht seines Freundes.

„Schon gut, schon gut! Ich fühle mich so schwach und bin so müde,“ sagte
er dann seufzend, „ich möchte selbst nicht mehr daran denken. Sprechen
wir von etwas anderem! Ich, siehst du, ich werde auch jetzt nicht mehr
schreiben, ich werde nur noch die Seite beenden – bis zum Absatz. Höre
... Ich wollte dich schon längst fragen: wie kommt’s, daß du mich so gut
kennst?“

Tränen tropften aus seinen Augen auf die Hand Arkadijs.

„Wenn du wüßtest, Wassjä, wie sehr ich dich liebhabe, so würdest du
nicht danach fragen!“

„Ja, ja, Arkadij, ich weiß es nicht ... denn ich kann nicht verstehen,
für was du mich so liebhast! Ja, Arkadij, du mußt wissen, daß deine
Liebe mich geradezu erdrückt. Wie oft, wenn ich mich schlafen legte,
habe ich an dich gedacht (denn ich denke immer an dich, bevor ich
einschlafe) und mein Herz zitterte so heftig, so sehr ... so sehr ...
Weil du mich so gern hast, und ich mein Herz nicht erleichtern und dir
mit nichts danken konnte ...“

„Siehst du, Wassjä, siehst du, so bist du! ... Wie du dich wieder
aufregst,“ sagte Arkadij, dem das Herz weh tat, wenn er an die gestrige
Szene auf der Straße dachte.

„Schon gut. Du willst, daß ich mich beruhige und doch war ich noch
niemals so ruhig und glücklich wie eben! Weißt du was? ... Höre, ich
möchte dir gern etwas sagen, aber ich fürchte, dich zu kränken ... du
bist immer gleich so gekränkt und schreist dann auf mich ein: ich aber
bin dann so erschrocken ... Sieh, wie ich jetzt zittere, ich weiß gar
nicht warum ... Höre, was ich dir sagen will. Ich glaube, ich habe mich
früher selbst nicht gekannt – ja! Und die anderen habe ich erst gestern
kennen gelernt. Ich, Bruder, ich verstand nicht, alles richtig zu
schätzen. Das Herz in mir war verhärtet. Höre, wie ist das nur möglich,
daß ich niemandem, niemandem auf der Welt etwas Gutes getan habe, weil
ich es eben nicht tun konnte – sogar mein Äußeres ist unglücklich ...
Alle aber haben mir Gutes erwiesen! Du als der erste: sehe ich’s denn
nicht?! Ich habe nur immer geschwiegen, geschwiegen!“

„Wassjä, höre auf!“

„Nun, was denn, was denn, Arkascha! ... Ich habe doch nichts ...“
unterbrach sich Wassjä, der vor Tränen kaum sprechen konnte. „Ich habe
dir gestern von Juljan Mastakowitsch erzählt. Du weißt doch selbst, wie
streng er sonst ist, und wie rauh. Du selbst hast manche Bemerkung von
ihm einstecken müssen, mit mir aber hat er gestern gescherzt und mir
sein gutes Herz gezeigt, das er allen anderen gegenüber verbirgt ...“

„Nun, Wassjä? Das zeigt doch nur, daß du dessen würdig bist.“

„Ach, Arkascha! Wie gern, wie gern würde ich dies Ganze erledigt haben!
... Ich vernichte ja mein Glück damit! Ich habe so ein Vorgefühl! Nein,
nicht dadurch,“ unterbrach sich Wassjä, als er bemerkte, daß Arkadij
nach dem dicken Papierstoß auf dem Tisch schielte, „das hat nichts zu
sagen, das ist beschriebenes Papier, Unsinn! Diese Sache ist erledigt
... Ich, Arkascha, ich war heute bei ihnen ... Ich bin nicht
hineingegangen. – Es war mir zu schwer zumut! Ich stand nur an der Tür.
Sie spielte auf dem Klaviers, ich hörte es draußen. Siehst du, Arkadij,“
sagte er mit leiser Stimme, „ich wagte nicht einzutreten ...“

„Höre, Wassjä, was fehlt dir? Du siehst mich so seltsam an?“

„Nein, nichts! Mir ist nicht ganz wohl, meine Kniee zittern, das kommt
daher, weil ich die Nacht über auf war! Ein Schleier liegt mir vor den
Augen. Und hier, hier ...“

Er wies auf sein Herz und zugleich sank er auch schon ohnmächtig
zusammen.

Als er wieder zu sich kam, wollte Arkadij strenge Maßregeln ergreifen.
Er wollte ihn mit Gewalt ins Bett legen. Wassjä willigte aber nicht ein,
Arkadij konnte reden, was er wollte. Er weinte, rang die Hände, wollte
mit aller Gewalt weiterschreiben und seine Seite beenden. Um ihn nicht
unnötig aufzuregen, ließ ihn Arkadij schließlich zu seinen Papieren.

„Siehst du,“ sagte Wassjä, sich auf seinen Platz setzend, „ich habe eine
Idee, eine Hoffnung. Siehst du: ich werde ihm übermorgen nicht alles
bringen. Von dem Rest sage ich ihm, daß es verbrannt ist oder verloren
gegangen ... kurz ... – Nein, ich kann nicht lügen. Ich werde ihm lieber
alles erklären, werde sagen, wie es gekommen ist, daß ich einfach nicht
konnte. Ich werde ihm von meiner Liebe erzählen: er hat ja selbst erst
vor kurzem geheiratet, er wird mich verstehen! Ich werde alles das,
versteht sich, ihm bescheiden und demütig mitteilen, er wird meine
Tränen sehen, sie werden ihn rühren ...“

„Ja, das ist klug von dir, gehe, gehe zu ihm, erkläre dich ihm ...
Tränen sind dazu nicht nötig! Warum denn Tränen? Aber weißt du, Wassjä,
du hast mir einen tüchtigen Schrecken eingejagt.“

„Schön, ich werde also gehen, ich werde also gehen. Jetzt aber laß mich
schreiben, laß mich, Arkascha. Ich störe niemanden, laß auch du mich
ruhig schreiben!“

Arkadij warf sich aufs Bett. Er traute Wassjä nicht, er traute ihm
wirklich nicht. Wassjä war zu allem fähig. Doch um Entschuldigung
bitten, warum!? Die Sache lag ja gar nicht so. Die Sache war doch die,
daß Wassjä tatsächlich seine Pflicht nicht erfüllt hatte, daß er vor
sich selbst schuldig war und seinem Schicksal gegenüber ein schlechtes
Gewissen hatte, daß Wassjä sich niedergedrückt und seines Glückes nicht
würdig fühlte und daß er schließlich sich einen Vorwand suchte und seit
dem gestrigen Tage, erschüttert durch die Plötzlichkeit aller
Geschehnisse, wie er war, noch nicht recht zu sich kommen konnte: ja: so
war es! sagte sich Arkadij Iwanowitsch. Deshalb muß man ihn retten, muß
ihn mit sich selbst aussöhnen! Und Arkadij dachte noch lange nach und
beschloß, unverzüglich zu Juljan Mastakowitsch zu gehen, wenn möglich
schon morgen, und ihm alles zu erzählen.

Wassjä saß und schrieb. Der gequälte Arkadij Iwanowitsch legte sich von
neuem auf sein Bett, um noch weiter über die Sache nachzudenken, schlief
ein und erwachte erst beim Morgengrauen.

„Ach, Teufel! Wieder!“ rief er aus, als er Wassjä erblickte; der saß und
schrieb.

Arkadij stürzte zu ihm, umarmte ihn und brachte ihn mit aller Gewalt auf
sein Bett. Wassjä lächelte nur: seine Augen fielen ihm vor Müdigkeit zu.
Er konnte kaum sprechen.

„Ich wollte mich selbst hinlegen,“ sagte er. „Weißt du, Arkadij, ich
habe die Idee, daß ich’s doch noch beenden werde. Ich habe schneller,
immer schneller geschrieben. Doch noch länger zu sitzen – dazu bin ich
unfähig ... wecke mich um acht Uhr ...“

Er konnte nicht mehr weiter und schlief wie ein Toter ein.

„Mawra!“ wandte sich flüsternd Arkadij Iwanowitsch an die Magd, die
gerade den Tee hereinbrachte, „er bat mich, ihn nach einer Stunde zu
wecken. Das darf aber unter keiner Bedingung geschehen! Er soll
womöglich zehn Stunden hintereinander schlafen, verstehst du?“

„Verstehe, Herr, verstehe.“

„Das Mittagessen brauchst du nicht zu bereiten, nicht das Holz
hereinzuschleppen, überhaupt darfst du nicht lärmen, sieh dich vor! Wenn
er nach mir fragen sollte, so sage ihm, ich sei in den Dienst gegangen,
verstehst du?“

„Ich verstehe, Herr, verstehe, möge er sich ausruhen nach Belieben, was
geht’s mich an! Ich freue mich über den Schlaf meines Herrn und bemühe
mich, über ihn zu wachen. Was aber die zerschlagene Tasse anbelangt,
wegen der Sie mir Vorwürfe machten – das war gar nicht ich, das war die
Katze, die sie zerschlagen hat, ich werde es ihr noch zeigen!“

„Tss, sei still!“

Arkadij Iwanowitsch führte Mawra in die Küche, verlangte von ihr den
Schlüssel und schloß sie dort ein. Darauf begab er sich in den Dienst.
Auf dem Wege überlegte er sich’s, wie er sich bei Juljan Mastakowitsch
melden lassen sollte und ob es nicht vielleicht anmaßend sei, es zu tun?
Im Büro erschien er sehr schüchtern, fast zaghaft erkundigte er sich, ob
Seine Exzellenz da sei; man antwortete ihm, nein, und Exzellenz würden
heute wohl überhaupt nicht kommen. Arkadij Iwanowitsch wollte im ersten
Augenblick zu ihm in die Wohnung gehen, doch fiel es ihm noch zur
rechten Zeit ein, daß ja Juljan Mastakowitsch, wenn er hier nicht
erschienen war, dann ganz bestimmt zu Hause dringend beschäftigt sein
mußte. Er blieb also im Büro. Die Stunden schienen ihm unendlich lang zu
sein. Unterderhand erkundigte er sich nach der Abschrift, mit der
Schumkoff beauftragt worden war. Doch niemand wußte etwas von der
Angelegenheit. Man wußte nur, daß Juljan Mastakowitsch ihn mit
besonderen Aufträgen beschäftigte, mit was für welchen aber – das wußte
niemand zu sagen. Schließlich schlug es drei Uhr und Arkadij Iwanowitsch
stürzte nach Haus. Auf der Treppe des Dienstgebäudes redete ihn ein
Schreiber an und sagte, daß Wassilij Petrowitsch Schumkoff um ein Uhr
dagewesen sei und gefragt habe, ob er, Arkadij, da sei, und ferner, ob
Juljan Mastakowitsch dagewesen wäre. Als Arkadij Iwanowitsch das hörte,
nahm er eine Droschke und fuhr außer sich vor Angst und Schrecken nach
Hause.

Schumkoff war zu Hause. Er ging erregt im Zimmer auf und ab. Als er
Arkadij Iwanowitsch erblickte, nahm er sich sofort zusammen und beeilte
sich sichtlich, seine Erregung zu verbergen. Er setzte sich schweigend
an die Arbeit. Offenbar wollte er den Fragen seines Freundes ausweichen.
Fast schien er sich durch ihn belästigt zu fühlen und die Absicht zu
haben, von seinen Entschlüssen jetzt nichts mehr verlauten zu lassen, da
er sich, wie er wohl denken mochte, auf die Freundschaft des anderen ja
doch nicht verlassen konnte. Arkadij fühlte das wohl und sein Herz
krampfte sich zusammen. Er setzte sich aufs Bett und schlug ein Buch
auf, das einzige, welches in seinem Besitz war – wandte aber keinen
Blick von dem armen Wassjä. Wassjä schwieg hartnäckig, schrieb und
blickte nicht auf. So vergingen einige Stunden und Arkadijs Qualen
stiegen aufs höchste. Schließlich, gegen elf Uhr abends, erhob Wassjä
seinen Kopf und sah mit stumpfem, unbeweglichem Blick Arkadij an.
Arkadij wartete schweigend. Es vergingen zwei bis drei Minuten! Wassjä
schwieg immer noch. „Wassjä!“ rief Arkadij endlich. Doch Wassjä gab
keine Antwort. „Wassjä!“ wiederholte er und sprang vom Bett auf.
„Wassjä, was fehlt dir? Was hast du?“ rief er aus und lief zu ihm hin.
Wassjä hob den Kopf und sah ihn mit demselben stumpfen und unbeweglichen
Ausdruck an. „Er hat einen Krampf!“ dachte Arkadij, und dabei überlief
ihn ein Schauer. Er griff nach der Karaffe mit Wasser und goß Wassjä das
Wasser über den Kopf, befeuchtete seine Schläfen, rieb ihm die Hände,
und richtig, Wassjä kam wieder zu sich. „Wassjä, Wassjä!“ Arkadij brach
in Tränen aus: er konnte sich nicht mehr beherrschen. „Wassjä, richte
dich doch nicht zugrunde, besinne dich doch, Wassjä! ...“ Er verstummte
und nahm Wassjä in seine Arme. Ein sonderbarer Ausdruck lag auf Wassjäs
Gesicht: er rieb sich die Stirn und griff nach seinem Kopf, als fürchte
er, daß er ihm zerspränge ...

„Ich weiß nicht, was mit mir ist!“ sagte er endlich, „ich glaube ...
Aber beunruhige dich nicht, Arkadij, beunruhige dich nicht, es ist alles
gut!“ fügte er, ihn mit traurigen Augen ansehend, hinzu. „Laß gut sein,
laß gut sein!“

„Du – du beruhigst noch mich!“ rief Arkadij, dessen Herz in Stücke
zerriß. „Wassjä,“ sagte er dann, „lege dich endlich zu Bett, schlaf ein
wenig, was meinst du? Quäle dich doch nicht umsonst! Besser, du setzt
dich nachher wieder an die Arbeit!“

„Schon gut, schon gut!“ wiederholte Wassjä, „ja: Ich werde mich
hinlegen: schon gut; ja! Siehst du, ich wollte es nämlich beenden, aber
jetzt habe ich mich doch bedacht ... ja ...“

Und Arkadij schleppte ihn zu Bett.

„Höre, Wassjä,“ sagte er entschlossen, „mit dieser Sache muß ein Ende
gemacht werden! Sage mir, was hast du dir gedacht?“

„Ach!“ sagte Wassjä, winkte mit der Hand schwach ab und wandte seinen
Kopf auf die andere Seite.

„Schön, Wassjä, schön! Entschließe dich, ich will nicht zu deinem Mörder
werden, ich kann nicht länger schweigen! Du wirst nicht eher
einschlafen, bis du dich nicht zu etwas Bestimmtem entschlossen haben
wirst, ich weiß es.“

„Wie du willst, wie du willst,“ wiederholte rätselhaft Wassjä.

„Er ergibt sich,“ dachte Arkadij Iwanowitsch.

„Folge mir doch, Wassjä,“ sagte er, „denke daran, was ich dir gesagt
habe: ich kann dich ja retten; morgen – morgen werde ich dein Schicksal
entscheiden! Was sage ich: Schicksal!? Du hast mich so bange gemacht,
Wassjä, daß ich schon anfange, deine Worte zu wiederholen. Was für ein
Schicksal! Das ist ja Unsinn! Du willst nicht die Liebe und Zuneigung
Juljan Mastakowitschs verlieren, ja! Und du wirst sie auch nicht
verlieren, du wirst sehen ... Ich ...“

Arkadij Iwanowitsch hätte noch weiter gesprochen, aber Wassjä unterbrach
ihn. Er richtete sich auf, umschlang schweigend mit beiden Händen
Arkadij Iwanowitsch und küßte ihn.

„Schon gut!“ sagte er mit schwacher Stimme, „schon gut! Genug davon!“

Und wieder kehrte er seinen Kopf weg zur Wand.

„Mein Gott!“ dachte Arkadij. „Mein Gott! Was ist mit ihm? Er ist ganz
und gar von Sinnen: was mag er vorhaben? Er wird sich ja zugrunde
richten!“

Arkadij sah voll Verzweiflung auf ihn.

„Wenn er doch wirklich krank werden würde,“ dachte Arkadij, „das wäre
vielleicht noch das Beste. Durch die Krankheit würde er dann aller
Sorgen enthoben sein und man würde die Sache auf eine ganz
ausgezeichnete Weise beilegen können. Doch was sage ich? Ach, du mein
großer Gott ...“

Inzwischen schien Wassjä eingeschlafen zu sein. Arkadij Iwanowitsch
freute sich über das gute Zeichen, wie er es auslegte, und beschloß bei
sich, die ganze Nacht an Wassjäs Bett zu bleiben. Doch Wassjä schien
nicht zur Ruhe zu kommen, er bewegte sich alle Augenblick, warf sich im
Bett herum und öffnete von Zeit zu Zeit die Augen. Schließlich aber nahm
die Müdigkeit doch überhand und er schlief ein wie ein Toter. Es war
gegen zwei Uhr morgens, als Arkadij Iwanowitsch, mit den Ellenbogen auf
den Tisch gestützt, auf seinem Stuhl ebenfalls einschlief.

Er hatte einen sehr unruhigen und sonderbaren Traum. Ihm war es, als
wache er, während Wassjä noch immer auf dem Bett lag. Doch
sonderbarerweise war das nur eine Verstellung von Wassjä, er hinterging
Arkadij, stand vom Bett auf und setzte sich an den Schreibtisch. Schmerz
ergriff Arkadij, er war tief traurig und konnte es kaum ertragen, als er
so sehen mußte, wie Wassjä ihn hinterging. Er wollte nach ihm greifen,
ihn rufen und aufs Bett zurücktragen. Wassjä schrie aber laut auf und
als Arkadij zusah, hielt er nur seine Leiche im Arm. Kalter Schweiß trat
ihm auf die Stirn, sein Herz klopfte heftig. Er erwachte und öffnete die
Augen. Wassjä saß vor ihm am Tisch und – schrieb.

Arkadij wollte seinen Augen nicht trauen und blickte aufs Bett: aber
nein, da war Wassjä nicht! Arkadij sprang auf, noch ganz unter dem
Eindruck seines Traumes. Wassjä aber rührte sich nicht. Er schrieb immer
weiter. Voll Entsetzen bemerkte plötzlich Arkadij, daß Wassjä immer nur
mit der trockenen Feder übers Papier fuhr, die weißen Seiten umblätterte
und sich eilte und eilte, ganz, als wäre er emsig an seiner Arbeit!
„Nein, das da ist kein Krampf!“ dachte Arkadij Iwanowitsch und
erzitterte am ganzen Körper. „Wassjä, Wassjä! Antworte mir doch!“ rief
er und packte ihn an der Schulter. Doch Wassjä schwieg und fuhr fort,
mit trockener Feder auf dem Papier weiter zu schreiben.

„Endlich, endlich schreibt meine Feder so schnell, wie ich will,“ sagte
er und blickte Arkadij an.

Arkadij ergriff seine Hand und entriß ihm die Feder.

Ein Stöhnen kam aus Wassjäs Brust. Er ließ die Arme sinken und sah
Arkadij an, dann griff er sich mit einem quälenden, traurigen Ausdruck
an die Stirn, als wollte er einen schweren eisernen Ring entfernen, der
dort lag und ließ dann leise, wie in Nachdenken versunken, seinen Kopf
auf die Brust fallen.

„Wassjä, Wassjä!“ rief Arkadij Iwanowitsch verzweifelt. „Wassjä!“

Nach einiger Zeit sah Wassjä ihn an. Tränen standen in seinen großen
blauen Augen und das bleiche Gesicht drückte eine unendliche Qual aus
... Er flüsterte etwas.

„Was, was sagst du?“ rief Arkadij und beugte sich zu ihm.

„Warum nur ich, warum nur ich?“ flüsterte Wassjä, „warum? Was habe ich
denn getan?“

„Wassjä! Was ist dir! wen fürchtest du, Wassjä? Sprich!“ rief Arkadij
und rang die Hände in Verzweiflung.

„Warum will man denn mich zu den Soldaten geben?“ flüsterte Wassjä
weiter und sah fragend in die Augen seines Freundes, „warum mich? Was
habe ich denn getan!“

Arkadij schauderte vor Entsetzen: er wollte, er konnte es nicht glauben.
Wie gebrochen stand er da.

Im nächsten Augenblick faßte er sich wieder: „Das ist nur so, das ist
vorübergehend!“ sagte er zu sich, bleich mit blauen, zitternden Lippen
und kleidete sich an. Er wollte sofort zu einem Doktor laufen. Plötzlich
rief ihn Wassjä. Arkadij stürzte zu ihm und umarmte ihn besorgt, wie
eine Mutter ihr Kind ...

„Arkadij, Arkadij, sage es niemandem! Hörst du! Mein Unglück will ich
allein tragen ...“

„Was hast du? Was hast du? besinne dich doch, Wassjä, besinne dich
doch!“

Wassjä seufzte und leise Tränen liefen über seine Wangen.

„Warum sie vernichten? Was hat sie denn für eine Schuld daran? ...“
murmelte er gequält und herzzerreißend. „Meine Sünde ist es, meine
Sünde! ...“

Er schwieg einen Augenblick.

„Lebe wohl, meine Geliebte! Lebe wohl, meine Geliebte!“ flüsterte er und
wiegte seinen armen Kopf. Arkadij zuckte zusammen, raffte sich dann auf
und wollte zum Doktor ... „Gehen wir! Es ist Zeit!“ rief Wassjä, der die
Bewegung Arkadijs bemerkt hatte. „Gehen wir, Bruder, gehen wir! ich bin
bereit! Du wirst mich begleiten.“ Er verstummte und sah Arkadij
vernichtet und zugleich mißtrauisch an.

„Wassjä, komme mir nicht nach, um Gottes willen! Erwarte mich hier. Ich
werde sofort, sofort zu dir zurückkehren,“ sagte Arkadij Iwanowitsch,
der selbst den Kopf verloren hatte. Und er griff nach seiner Mütze, um
nach dem Doktor zu laufen. Wassjä setzte sich wieder hin, er war still
und gehorsam, nur in seinen Augen blitzte eine verzweifelte
Entschlossenheit. Arkadij kehrte noch einmal zurück, ergriff vom Tisch
das Federmesser, sah noch zum letztenmal nach dem Armen und lief zur
Wohnung hinaus.

Es war acht Uhr morgens. Das Licht hatte bereits die Dämmerung im Zimmer
verdrängt.

Er fand niemanden. Er lief eine ganze Stunde umher. Alle Ärzte, deren
Adressen er von den Hausverwaltern erfuhr, bei denen er sich erkundigte,
ob nicht ein Doktor im Hause wohne, waren bereits ausgefahren: in ihre
Praxis oder in ihren privaten Angelegenheiten. Nur einen traf er
schließlich zu Hause. Dieser fragte lange und umständlich seinen Diener,
der Arkadij anmeldete: wer und woher der Herr sei, aus welchem Grunde er
käme und aus welchen Verhältnissen der frühe Besucher zu sein scheine –
bis er dann schließlich doch zu dem Entschluß kam, daß es ihm nicht
möglich sei, ihn zu empfangen, da er viel zu tun habe und nicht
ausfahren könne, und daher Arkadij sagen ließ, diese Art von Kranken
müsse man in ein Krankenhaus bringen.

Da ließ der verzweifelte und erschütterte Arkadij, der ein solches
Ergebnis denn doch nicht erwartet hatte, alles stehen und liegen, wie es
war, alle Ärzte, die es auf der Welt gab, und begab sich nach Haus, in
höchster Angst um Wassjä. Er lief in die Wohnung. Mawra wischte gerade
den Fußboden auf, ganz, als wäre nichts geschehen und brach kleine
Hölzchen entzwei, um den Ofen anzuzünden. Er stürzte ins Zimmer: aber
Wassjä war nicht da!

„Wohin? Wohin nur? Wohin mag der Unglückliche gelaufen sein?“ fragte
sich Arkadij im höchsten Schreck. Und er fing an, Mawra auszufragen. Die
aber wußte nichts, hatte Wassjä weder gehört noch gesehen. „Gott sei ihm
gnädig!“ sagte Arkadij und lief zu den Kolomnaschen.

Jawohl: dort, nur dort konnte er sein!

Es war bereits zehn Uhr, als er bei ihnen ankam. Aber auch Lisenka und
ihre Mutter hatten nichts gehört, nichts gesehen. Arkadij stand ganz
verstört vor ihnen und fragte immer nur, wo Wassjä sei. Die Alte trugen
ihre Füße nicht mehr, und sie fiel auf den Diwan hin. Lisenka, die am
ganzen Körper zitterte, begann ihn über das Geschehene auszufragen. Doch
– was sollte er ihr sagen? Arkadij Iwanowitsch versuchte, sich so
schnell als möglich von ihnen loszumachen, er dachte sich irgendeine
Ausrede aus, die ihm natürlich nicht geglaubt wurde, lief davon und ließ
sie erschüttert und in Sorgen um Wassjä zurück. Er begab sich in sein
Büro, um die Nachricht zu überbringen und darauf hinzuwirken, daß man so
schnell als möglich Maßregeln ergriff. Unterwegs kam ihm der Gedanke,
daß Wassjä ja zu Juljan Mastakowitsch gegangen sein könne. Das war wohl
auch am ehesten anzunehmen! Arkadij hatte bereits vorher, noch bevor er
zu den Kolomnaschen gegangen war, an diese Möglichkeit gedacht. Als er
am Hause der Exzellenz vorübergefahren war, hatte er schon anhalten
lassen wollen, aber er hatte dann doch wieder dem Kutscher befohlen,
weiterzufahren. Er wollte lieber erst im Büro nach Wassjä fragen und
erst dann, wenn er dort nicht sein sollte, sich zu Seiner Exzellenz
begeben, und wär’s auch nur, um Bericht zu erstatten. Irgend jemand
mußte es doch tun!

Kaum war er in den Vorraum eingetreten, als ihn auch schon einige
jüngere Kollegen umringten, die alle im gleichen Rang mit ihm standen,
und ihn fragten, was mit Wassjä geschehen sei? Und alle sprachen sie
davon, daß Wassjä den Verstand verloren habe und sich einbilde, er müsse
zu den Soldaten, weil er sich ein Versäumnis im Dienst habe zuschulden
kommen lassen. Arkadij Iwanowitsch antwortete auf die Fragen, die auf
ihn einstürmten, oder besser gesagt, er antwortete niemandem etwas
Rechtes, und beeilte sich nur so schnell wie möglich in die inneren
Gemächer zu kommen. Auf dem Wege dorthin erfuhr er, daß Wassjä im
Kabinett Juljan Mastakowitschs sei, und daß sich die meisten der
Vorgesetzten gleichfalls dorthin begeben hatten. Vor der Tür wurde er
zurückgehalten. Einer von den höheren Beamten fragte ihn, was er
wünsche? Doch ohne den Herrn recht zu erkennen, sagte er irgend etwas
über Wassjä und ging geradeaus auf das Kabinett zu. Er war noch draußen,
als er schon die Stimme Juljan Mastakowitschs hörte.

„Wohin wollen Sie?“ fragte ihn wieder jemand.

Arkadij Iwanowitsch verlor fast den Mut und wäre beinahe schon umgekehrt
– als er gerade durch die geöffnete Tür seinen armen Freund Wassjä
erblickte. Und nun zwängte er sich durch die Tür in das Zimmer hinein.
Dort herrschte große Aufregung und Verwirrung. Juljan Mastakowitsch
schien sehr aufgeregt zu sein. Um ihn herum standen alle die höheren
Beamten, sprachen hin und her und wußten nicht, wozu sie sich
entschließen sollten. Weiter abseits stand Wassjä. In der Brust Arkadijs
erstarb alles, wie er ihn so stehen sah. Wassjä stand da: bleich, mit
erhobenem Kopfe, die Hände stramm an der Hosennaht, ganz als wäre er
wirklich ein Rekrut und stände vor seinen Vorgesetzten. Er blickte starr
Juljan Mastakowitsch in die Augen. Arkadij wurde natürlich sofort
bemerkt, und da einige wußten, daß er Wassjäs Freund und Stubengenosse
war, so meldete man dies sofort Seiner Exzellenz. Man führte Arkadij
vor. Er wollte die ihm gestellten Fragen beantworten, aber als er auf
Juljan Mastakowitsch sah und auf dessen Gesicht Trauer und Mitleiden
erblickte, da schluchzte er laut auf wie ein Kind. Er tat noch mehr: er
ergriff die Hand Seiner Exzellenz und drückte sie an seine Augen und
benetzte sie mit seinen Tränen, so daß Seine Exzellenz genötigt war, sie
ihm zu entziehen. Er winkte mit der Hand ab und sagte nur: „Schon gut,
lieber Mensch, ich sehe, daß du ein gutes Herz hast.“ Arkadij schluchzte
und warf den Umstehenden flehende Blicke zu. Ihm kam es so vor, als
wären sie alle Brüder seines armen Wassjä, die ebenso um ihn trauerten,
wie er selbst. „Wie – ja wie ist denn das mit ihm geschehen?“ fragte
Juljan Mastakowitsch. „Weshalb hat er seinen Verstand verloren?“

„Aus Dan–Dan–Dankbarkeit!“ konnte Arkadij Iwanowitsch kaum antworten.

Diese Antwort setzte alle in Verwunderung: allen schien sie sonderbar
und unverständlich: wie konnte wohl ein Mensch aus Dankbarkeit den
Verstand verlieren? Arkadij versuchte es zu erklären, so gut er’s
konnte.

„Gott, wie traurig!“ rief Juljan Mastakowitsch aus, „und dabei hatte die
Arbeit, mit der ich ihn beauftragt, durchaus keine Eile. Wegen nichts
hat sich der Mensch zugrunde gerichtet! ...“ Juljan Mastakowitsch wandte
sich dann von neuem an Arkadij Iwanowitsch und fragte ihn noch weiter
aus: „er bittet,“ sagte er und wies auf Wassjä, „daß man es nicht ‚Ihr‘,
wohl irgendeinem jungen Mädchen, sagen möge – ist es seine Braut?“

Arkadij erzählte. In der Zwischenzeit bemühte sich Wassjä ersichtlich,
über irgend etwas nachzudenken: mit der größten Anstrengung versuchte
er, sich irgendeiner sehr wichtigen und nötigen Sache zu erinnern, von
der er wohl glaubte, daß sie ihm im Augenblicke sehr zustatten käme. Mit
fragenden und zugleich gequälten Blicken sah er seine Umgebung an, als
hoffte er, andere würden sich vielleicht der Sache erinnern, die er
vergessen hatte. Er richtete seine Augen auf Arkadij – und plötzlich
flammte in seinen Augen eine Hoffnung auf. Er trat mit dem einen Fuß
einen Schritt vor, ging dann noch drei Schritte weiter und schlug
schließlich so stramm, wie es ihm möglich war, mit dem rechten Bein ans
linke: so, wie es die Soldaten tun, wenn sie von einem Offizier gerufen
und angesprochen werden. Alle warteten gespannt, was nun geschehen
würde.

„Ich habe einen körperlichen Fehler, Eure Exzellenz, ich bin schwach und
klein von Wuchs, und tauge nicht zum Dienst,“ stieß er endlich
abgebrochen hervor.

Alle, die im Zimmer waren, fühlten wohl, wie sich ihnen in diesem
Augenblick das Herz zusammenzog. Juljan Mastakowitsch war erschüttert,
obgleich er sonst keinen allzu weichen Charakter hatte. „Führt ihn
fort,“ sagte er und winkte mit der Hand ab.

„Meine Stirn!“ sagte Wassjä halblaut vor sich hin, drehte sich linksum
und ging aus dem Zimmer. Alle, die an seinem Schicksal Anteil nahmen,
stürzten ihm nach. Auch Arkadij drängte sich mit ihnen hinaus. Man mußte
noch auf den Wagen warten, der Wassjä ins Krankenhaus bringen sollte.
Man führte ihn deshalb so lange in den Vorraum. Hier saß er schweigend
da, offenbar in großen Sorgen. Wen er wiedererkannte, dem nickte er mit
dem Kopfe zu, als wollte er sich von ihm verabschieden. Jeden Augenblick
sah er nach der Tür und schien sich darauf vorzubereiten, daß man
„jetzt“ sagte. Um ihn herum hatte sich ein enger Kreis gebildet: alle
redeten sie und schüttelten mit den Köpfen. Viele wunderten sich über
die Geschichte, die nun bekannt geworden war; die einen redeten voll
Eifer darüber; andere wiederum bemitleideten Wassjä und lobten ihn, weil
er ein so bescheidener, stiller junger Mann gewesen sei, und so viel
versprochen hätte: man erzählte sich, wie strebsam er gewesen, wie
wissensdurstig und lernbegierig. „Mit eigenen Kräften hat er sich aus
niederem Stande emporgearbeitet!“ bemerkte irgend jemand. Mit Rührung
sprach man auch von seiner Anhänglichkeit an die Exzellenz. Einige
konnten sich nicht erklären, wie Wassjä sich nur in den Kopf gesetzt und
darüber den Verstand verloren hatte, daß man ihn zu den Soldaten geben
würde, wenn er seine Arbeit nicht beendete. Man erzählte sich, daß der
Arme vor nicht langer Zeit noch ein Leibeigener gewesen sei und es nur
Juljan Mastakowitsch, der in ihm Talent, Gehorsam und eine seltene
Bescheidenheit entdeckt, zu verdanken hatte, daß er eine Anstellung
erhielt. Kurz, es gab viele solcher Meinungen und Gespräche. Besonders
bemerkbar durch seine Aufregung machte sich ein Kollege von Wassjä, ein
Männchen von sehr kleinem Wuchs in den Dreißigern. Er war weiß wie ein
Tuch, zitterte am ganzen Körper und lächelte so sonderbar, vielleicht,
weil eine jede Skandalszene und ein jedes schreckliche Erlebnis die
Zuschauer erschreckt und doch zugleich auch unterhält, fast erfreut.
Dieser hier lief um den kleinen Kreis herum, der sich um Schumkoff
gebildet hatte, und da er, wie gesagt, klein von Wuchs war, so stellte
er sich auf die Zehenspitzen und faßte jeden am Rockknopf, dem gegenüber
er sich das erlauben konnte, und versicherte allen, daß er wisse, woher
das alles gekommen und daß es ein klarer, aber schwerer Fall sei, den
man nicht so einfach behandeln könne: er erhob sich dann wieder auf die
Fußspitzen und flüsterte seinem Zuhörer etwas ins Ohr, nickte mehrmals
heftig mit dem Kopfe und lief wieder weiter. Schließlich nahm die Szene
ein Ende. Ein Wärter und ein Arzt aus der Irrenanstalt erschienen. Sie
gingen auf Wassjä zu und sagten ihm, daß er mit ihnen fahren müsse.
Wassjä sprang sofort auf, sah sich eifrig und doch gleichzeitig fragend
im Kreise um und folgte ihnen. Plötzlich schien er jemanden mit den
Augen zu suchen! „Wassjä, Wassjä!“ rief schluchzend Arkadij Iwanowitsch.
Wassjä blieb stehen und Arkadij näherte sich ihm. Sie umarmten sich
beide zum letztenmal, und wollten von einander nicht lassen. Es war
schrecklich anzusehen. Welch ein Schicksal preßte ihnen die Tränen aus
den Augen! Worüber weinten sie beide? Wo lag das Unglück? Warum
verstanden sie einander nicht mehr?

„Da, da, nimm! Verwahre es!“ sagte Schumkoff und drückte Arkadij ein
Stückchen Papier in die Hand. „Sie würden es mir fortnehmen. Bringe es
mir später; bring es mir! hörst du; verwahre es gut“ ... Wassjä durfte
nicht weiter sprechen. Man rief ihn. Er lief eilig die Treppe hinab und
nickte allen mit dem Kopfe zum Abschied zu. Verzweiflung lag auf seinem
Gesicht. Man setzte ihn in einen geschlossenen Wagen. Die Pferde zogen
an und fort ging es. Arkadij öffnete das Stück Papier: Lisas schwarze
Locke lag darin. Was mochte in Wassjä vorgegangen sein, als er sich von
ihr trennte. Heiße Tränen stiegen Arkadij in die Augen: „Ach, arme
Lisa!“

Nach Schluß des Büros ging er zu den Kolomnaschen. Ich kann nicht
erzählen, was dort geschah! Sogar Petjä, der kleine Petjä, der doch noch
nicht begreifen konnte, was mit dem guten Wassjä geschehen war, ging in
die Ecke, bedeckte sein Gesicht mit den kleinen Händchen und schluchzte,
als ob ihm sein Kinderherz brechen wollte. Es wurde Abend, als Arkadij
nach Hause zurückkehrte. Als er über die Newa ging, blieb er einen
Augenblick stehen und sah mit durchdringendem Blick über den Fluß in die
rauchige, kaltneblige Ferne, die gerötet war von der letzten, blutig
purpurnen Abendsonne.

Die Nacht senkte sich über die Stadt und die ganze unübersehbare tote
Schneefläche der Newa glänzte, vom letzten Strahl der Sonne beschienen,
in unendlichen Myriaden von diamantenen Funken. Es war eine Kälte von
zwanzig Grad. Steifer Dunst ballte sich um die vielen jagenden Pferde
und laufenden Menschen. Die Luft erzitterte beim geringsten Laut, und
wie Riesen erhoben sich zu beiden Seiten der Ufer in den kalten Himmel
die Rauchsäulen der Häuser, schoben sich und schichteten sich
übereinander, während sie aufstiegen, und es war, als ob neue Gebilde
und Gebäude über der alten eine neue Stadt in den Wolken bildeten ...
als ob sich diese ganze Welt, mit all ihren Bewohnern, den starken und
den schwachen, mit ihren Behausungen der Armen und den Palästen der
Reichen und Mächtigen der Erde in dieser Dämmerstunde in einen
phantastischen Traum verwandelte, der aus dem Dunst zu dem dunkelblauen
Himmel aufstieg, um sich in ihm aufzulösen und im Wesenlosen zu vergehen
... Ein sonderbares Gefühl überkam den verwaisten Freund des armen
Wassjä. Er schrak zusammen, und plötzlich strömte, durch ein mächtiges,
ihm bis jetzt ganz ungeahntes Gefühl, eine heiße Blutwelle in sein Herz.
Er begriff mit einem Male den Sinn des ganzen Geschehnisses, begriff,
warum Wassjä sein Glück nicht tragen konnte und seinen Verstand verloren
hatte. Seine Lippen zitterten, seine Augen glänzten, er erbleichte vor
dem Neuen, das in ihm erstand ...

Seit der Zeit war Arkadij finster und verschlossen und hatte ganz seine
frühere Fröhlichkeit verloren. Seine Wohnung wurde ihm unerträglich – er
nahm sich eine andere. Nach zwei Jahren begegnete er ganz zufällig
Lisenka in der Kirche. Sie war verheiratet: ihr folgte eine Amme mit
einem Kinde auf dem Arm. Sie begrüßten einander und vermieden es lange
Zeit, von der Vergangenheit auch nur zu sprechen. Lisa erzählte, daß sie
glücklich und auch nicht mehr so arm sei wie früher, daß ihr Mann ein
guter Mensch wäre und sie liebhabe ... Doch plötzlich, mitten in ihrer
Rede, stockte sie, ihre Augen füllten sich mit Tränen, sie wandte sich
ab und senkte ihren Kopf über ein Betpult, um vor den Menschen ihre
Trauer zu verbergen.




                       Ein Roman in neun Briefen


                                   I.

(Pjotr Iwanowitsch an Iwan Petrowitsch.)

Hochverehrter Iwan Petrowitsch, teuerster Freund!

Es ist nun schon glücklich der dritte Tag, daß ich, man kann wohl sagen,
regelrecht Jagd auf Sie mache, mein Bester, zumal ich Sie in einer
höchst, höchst dringlichen Angelegenheit sprechen muß, während Sie
leider für mich unauffindbar sind. Als wir gestern bei Ssemjon
Alexejewitsch waren, erlaubte sich meine Frau einen kleinen Scherz auf
Ihre Rechnung, indem sie bemerkte, daß Sie und Tatjana Petrowna
eigentlich erstaunlich wenig Sinn für Häuslichkeit an den Tag legten:
und es ist ja wahr, noch sind Sie keine drei Monate verheiratet, und
schon hält es schwer, Sie einmal zu Hause anzutreffen. Wir haben alle
herzlich darüber gelacht – natürlich nur auf Grund unserer aufrichtigen
Zuneigung zu Ihnen. Doch ganz abgesehen von allen Scherzen, mein
Teuerster, bin ich durch Sie in eine arge Hetze geraten. Ssemjon
Alexejewitsch meinte, Sie würden vielleicht im Klub der „Vereinigten
Gesellschaft“ auf dem Balle zu finden sein. Ich ließ daraufhin meine
Frau bei der Gattin Ssemjon Alexejewitschs zurück und eilte selber nach
dem Klub. Stellen Sie sich nun die Lage vor, in der ich mich befand: ich
war auf dem Ball – allein – ohne Frau! Iwan Andrejewitsch, mit dem ich
unten im Vestibül zusammentraf, zog natürlich sogleich (der Schuft!)
bloß aus dem einen Umstande, daß ich, wie gesagt, allein eintrat,
besondere Schlüsse auf die Art meiner Vorliebe fürs Tanzvergnügen, hakte
sich daher ohne weiteres in meinen Arm und wollte mich schon mit Gewalt
in den Tanzsaal schleppen, obschon sich seine flotte Seele, wie er
vorausschickte, in der „Vereinigten Gesellschaft“ herzlich beengt fühlte
und die diversen Patschuli- und Resedadüfte ihm bereits Kopfweh
verursacht hätten. Doch weder fand ich Sie, noch Tatjana Petrowna. Dafür
versicherte mir Iwan Andrejewitsch, und er schwor förmlich darauf, daß
ich Sie unfehlbar im Alexandertheater antreffen werde, da man an dem
Abend gerade Gribojedoffs Meisterstück[5] spiele.

Ich eile hin: auch dort sind Sie nicht zu entdecken! Heute morgen dachte
ich, Sie bei Tschistoganoff zu finden – trügerische Hoffnung!
Tschistoganoff schickt mich zu Perepalkins – gleichfalls vergeblich. Mit
einem Wort, ich fühle mich jetzt völlig, aber völlig abgehetzt, was Sie
nach obiger Schilderung meiner Irrfahrten gewiß begreiflich finden
werden: Sie können sich doch vorstellen, wie viel ich gelaufen bin!
Jetzt habe ich zur Feder gegriffen – es bleibt mir eben nichts anderes
übrig! Nur ist die Sache nicht zu schriftlicher Erledigung geeignet (Sie
verstehen mich?). Besser wäre es, unter vier Augen ... Na, jedenfalls
muß ich Sie unbedingt und zwar so bald wie möglich sprechen, und deshalb
fordere ich Sie auf, heute mit Tatjana Petrowna zum Tee und Abendbrot zu
uns zu kommen. Meine Frau wird sich über Ihren Besuch unendlich freuen.
Wirklich, Sie werden mich damit, wie man zu sagen pflegt, bis zu meinem
Lebensende verpflichten. Übrigens, mein Teuerster – da ich schon einmal
zu schreiben begonnen habe, so sei’s denn auch geschrieben – ich sehe
mich gezwungen, Sie schon jetzt etwas ins Gebet zu nehmen, jawohl
teuerster Freund, sehe mich gezwungen, Ihnen eine anscheinend ganz
unschuldige kleine Machenschaft vorzuwerfen, als deren äußerst boshaft
ausgewähltes Opfer ich mich selbst betrachten muß ... Sie verkappter
Bösewicht, Sie gewissenloser Mensch! Da führen Sie vor etwa einem Monat
einen Ihrer Bekannten bei mir ein, nämlich Jewgenij Nikolajewitsch,
versehen ihn mit Ihrer freundschaftlichen, das heißt für mich somit
heiligsten Empfehlung, weshalb ich mich aufrichtig über die neue
Bekanntschaft freue, den jungen Menschen mit offenen Armen empfange und
dabei ahnungslos den Kopf in die Schlinge stecke. Das heißt, eine
Schlinge ist es nun, genau genommen, gerade nicht. Immerhin haben Sie
mir da, wie man zu sagen pflegt, eine böse Suppe eingebrockt. Von
näheren Erklärungen will ich vorläufig Abstand nehmen – die Zeit drängt;
und brieflich, wissen Sie, ist es auch nicht immer leicht, das richtige
Wort zu finden. Infolgedessen geht denn meine inständige Bitte an Sie
dahin, mein schadenfroher Freund und Kollege, daß ich Sie sozusagen um
Ihre Meinung darüber bitte, ob es sich nicht irgendwie machen ließe –
natürlich in aller Diskretion und Höflichkeit – daß man Ihrem jungen
Mann unmißverständlich – doch natürlich ohne ihm zu nahe zu treten –
unter vier Augen oder gar ganz heimlich – ungefähr und andeutungsweise
zu verstehen gäbe, daß es in der Residenz noch viele andere Häuser außer
dem meinigen gibt? Ich kann nicht mehr, mein Bester! Meine Kraft ist zu
Ende! „Falle zu Füßen!“ wie unser polnischer Freund Ssimonewitsch sagt.
Wenn wir uns sehen, erzähle ich Ihnen alles. Ich will damit nicht etwa
gesagt haben, daß der junge Mann kein einnehmendes Wesen habe, oder daß,
sagen wir, irgendwelche seiner sonstigen Eigenschaften abstoßend seien.
Im Gegenteil, er ist sogar in jeder Beziehung ein sehr netter und
liebenswürdiger Mensch. Doch – nun, gedulden Sie sich noch ein Weilchen,
bis wir unter uns sind. Inzwischen aber, wenn Sie ihn vorher sehen
sollten, dann geben Sie ihm um Christi willen einen Wink, Verehrtester.
Ich würde es ja selbst tun, aber Sie wissen doch, wie ich bin: ich
bringe es nicht fertig – da ist nun einmal nichts zu machen. Sie haben
ihn doch nun einmal eingeführt und uns empfohlen. Übrigens werden wir
uns ja heute abend zur Genüge aussprechen können. Daher vorläufig: auf
Wiedersehen!

Verbleibe usw.

P. S. Mein Kleiner ist schon seit einer Woche nicht ganz gesund und mit
jedem Tage wird es schlimmer. Es sind die Zähnchen: die fangen jetzt an,
durchzubrechen. Meine Frau muß sich daher viel mit ihm abgeben und ist
recht mitgenommen, die Arme. Kommen Sie unbedingt. Sie werden uns
aufrichtig erfreuen, werter Freund.


                                  II.

(Iwan Petrowitsch an Pjotr Iwanowitsch.)

Sehr geehrter Pjotr Iwanytsch!

Erhalte gestern Ihren Brief, lese ihn und staune! Sie suchen mich Gott
weiß wo und bei wem, während ich einfach zu Hause bin. Bis zehn Uhr
wartete ich auf Iwan Iwanytsch Tolokonoff, der aber nicht kam. Nach
Empfang Ihres Schreibens rief ich sogleich meine Frau – wir kleiden uns
an, ich nehme eine Droschke, scheue nicht die Ausgabe – und erscheinen
bei Ihnen gegen halb sieben. Sie aber – sind nicht zu Hause: wir werden
von Ihrer Frau empfangen. Ich warte bis halb elf. Länger kann ich nicht.
Nehme meine Frau, bezahle wieder eine Droschke, bringe meine Frau nach
Haus und begebe mich darauf allein zu Perepalkins, in der Hoffnung, Sie
vielleicht dort anzutreffen, sehe mich aber in meiner Annahme wieder
enttäuscht. Komme nach Haus gefahren, schlafe die ganze Nacht nicht,
rege mich auf, fahre am Morgen wieder dreimal zu Ihnen, um neun, um zehn
und um elf, stürze mich dreimal in Ausgaben, fahre hin und her, und
wieder lassen Sie mich mit einer langen Nase abziehen.

Als ich Ihren Brief las, wunderte ich mich nicht wenig. Sie schreiben
von Jewgenij Nikolajewitsch, bitten ihm eine Andeutung zukommen zu
lassen, erwähnen aber mit keiner Silbe, weshalb und warum. Vorsicht ist
ja freilich ganz lobenswert, aber mein Papier ist schließlich ebensoviel
wert, wie Ihres, von mir aber weiß ich wenigstens, daß ich wichtige
Papiere nicht meiner Frau zu Papilloten gebe. Ich begreife nicht, um es
endlich auszusprechen, in welchem Sinne Sie mir eigentlich dies alles zu
schreiben beliebt haben. Und überdies, da nun einmal die Rede davon ist:
weshalb ziehen Sie denn mich in diese ganze Angelegenheit hinein? Ich
habe keine Lust, meine Nase in alles und jedes hineinzustecken. Sie
können ihm doch ebensogut selbst eine Absage geben! Ich sehe vorläufig
nur das eine: daß ich mich mit Ihnen deutlicher auseinandersetzen muß.
Inzwischen aber vergeht die Zeit. Ich muß mich sehr einschränken und
weiß nicht, was ich tun soll, wenn Sie gewisse Bedingungen nebst Ihrem
Versprechen nicht aufrechterhalten. Die Reise läßt sich nicht
aufschieben, und Reisen kostet Geld. Außerdem quält einen noch die Frau,
die mit aller Gewalt einen Samtmantel nach der neuesten Mode haben will.
Was jedoch Jewgenij Nikolajewitsch betrifft, so beeile ich mich, Ihnen
folgendes zu bemerken: habe gestern, ohne viel Zeit zu verlieren, gleich
nochmals Erkundigungen über ihn eingezogen, als ich bei Pawel
Ssemjonytsch Perepalkin auf Sie wartete. Er besitzt rund 500 Seelen im
Jaroslawschen Gouvernement, und von der Großmutter hat er Aussicht, noch
ein Gut in der Nähe von Moskau mit 300 Seelen zu erben. Wieviel er an
barem Gelde besitzt, weiß ich nicht, denke aber, daß Sie hierüber selber
besser Bescheid wissen dürften. Bitte Sie ferner, mir endgültig Ort und
Zeit eines Zusammentreffens anzugeben. Sie schreiben, Iwan Andrejewitsch
habe Ihnen gesagt, daß ich mit meiner Frau im Alexandertheater
anzutreffen sei. Darauf kann ich nur erwidern, daß es Iwan Andrejewitsch
nicht sehr auf die Wahrheit anzukommen scheint und man ihm und seinen
Worten um so weniger Glauben schenken darf, als er noch vor nicht länger
als drei Tagen seine eigene Großmutter um achthundert Rubel betrogen
hat.

Habe die Ehre usw.

P. S. Meine Frau ist in anderen Umständen, außerdem ist sie schreckhaft
und zeitweilig zur Melancholie geneigt. In den Theatern aber wird auf
der Bühne zuweilen geschossen, oder künstlich, mit allerlei Maschinen,
Donner erzeugt. Und deshalb, um meine Frau nicht der Gefahr des
Erschreckens auszusetzen, besuche ich mit ihr keine Theater. Auch bin
ich selbst kein großer Liebhaber theatralischer Aufführungen.


                                  III.

(Pjotr Iwanowitsch an Iwan Petrowitsch.)

Teuerster Iwan Petrowitsch, bester Freund!

Verzeihen Sie, verzeihen Sie, ich bitte Sie tausendmal um Vergebung,
doch will ich mich ungesäumt rechtfertigen, soweit ich es kann.

Gestern, kurz vor sechs Uhr, gerade als wir in aufrichtigem Mitleid
Ihrer gedachten, erschien ein Abgesandter von meinem Onkel Stepan
Alexejewitsch, mit der Nachricht, daß es mit der Tante schlimm stehe. Um
meine Frau nicht aufzuregen, sagte ich ihr kein Wort davon und fuhr
unter dem Vorwande, etwas Unaufschiebbares vorzuhaben, zu meiner Tante.
Mit dieser stand es in der Tat schlimm genug: kurz vor fünf hatte sie
wieder einen Schlaganfall gehabt, den dritten im Laufe der letzten zwei
Jahre. Karl Fedorytsch, ihr Hausarzt, erklärte, daß sie vielleicht nicht
einmal diese Nacht überleben werde. Stellen Sie sich also meine Lage
vor, verehrtester Freund! Die ganze Nacht auf den Beinen, Laufereien
über Laufereien und obendrein noch Sorgen! Erst gegen Morgen streckte
ich mich, völlig erschöpft, und zwar sowohl psychisch als physisch, bei
meinem Onkel ein wenig auf dem Diwan aus, vergaß aber, vorher zu sagen,
daß man mich rechtzeitig wecken solle, und erwachte erst um halb zwölf.
Der Tante ging es besser. So fuhr ich denn nach Haus: meine Frau – nun,
Sie können sich denken: die arme Seele hatte die ganze Nacht in der
Ungewißheit über meinen Verbleib in begreiflicher Aufregung schlaflos
zugebracht. Ich nahm ein paar Bissen, küßte das Kind, beruhigte meine
Frau und begab mich zu Ihnen. Sie waren nicht zu Hause. Statt Ihrer traf
ich bei Ihnen Jewgenij Nikolajewitsch an. Dann kam ich nach Haus zurück
und jetzt sitze ich und schreibe an Sie. Murren Sie nicht und ärgern Sie
sich nicht über mich, mein bester Freund! Schlagen Sie, fällen Sie mir
meinetwegen das schuldige Haupt von den Schultern, nur entziehen Sie mir
nicht Ihre Freundschaft. Von Ihrer Frau erfuhr ich, daß Sie am Abend bei
Sslawjänoffs sein werden. Werde unbedingt auch hinkommen. Ich erwarte
Sie mit größter Ungeduld.

Inzwischen verbleibe ich usw.

P. S. Unser Kleiner bringt uns fast zur Verzweiflung! Karl Fedorytsch
hat ihm ein Abführmittelchen verordnet. Er fiebert, weint, gestern hat
er niemand erkannt. Heute erkennt er uns zum Glück und stammelt wieder
„Papa“, „Mama“ und schreit sein „Bu–ah“. Meine Frau ist in Tränen.


                                  IV.

(Iwan Petrowitsch an Pjotr Iwanowitsch.)

Sehr geehrter Pjotr Iwanytsch!

Schreibe an Sie bei Ihnen, in Ihrem Zimmer, an Ihrem eigenen
Schreibtisch; bevor ich jedoch die Feder ergriff, habe ich gute
zweieinhalb Stunden auf Sie gewartet. Jetzt erlauben Sie mir aber,
Ihnen, Pjotr Iwanytsch, in betreff dieser ganzen garstigen Angelegenheit
einmal rückhaltlos meine Meinung zu sagen.

Aus Ihrem letzten Schreiben schloß ich, daß man Sie bei Sslawjänoffs
erwartete und daß Sie mich quasi hinbestellten: ich erscheine also,
warte geschlagene fünf Stunden, doch wer nicht kommt – sind Sie. Wie,
soll ich mich zum Narren machen lassen? um fremde Menschen zu erheitern?
oder was verlangen Sie von mir? Erlauben Sie, mein Herr ...

Doch weiter: ich komme zu Ihnen am frühen Morgen, in der Annahme, Sie
noch in Ihren vier Pfählen anzutreffen, und ahme also nicht gewisse und
gelinde ausgedrückt irreführende Leute nach, die ihre Bekannten Gott
weiß wo und in welchen Lokalen suchen, während man sie zu jeder
anständig gewählten Tageszeit in ihrem Heim finden kann. Doch ich hatte
nicht das Vergnügen, Sie in Ihrem Hause anzutreffen. Ich weiß nicht, was
mich noch immer abhält, Ihnen unumwunden die Wahrheit zu sagen. Ich
begnüge mich also mit der Bemerkung, daß Sie gerade kein Mann von Wort
zu sein scheinen und daß Sie Ihr Versprechen jetzt wohl zurückziehen und
gewisse Verabredungen und Bedingungen anscheinend verleugnen wollen.
Nach Erwägung Ihres ganzen Verhaltens mir gegenüber, kann ich Ihnen nur
gestehen, daß ich mich über Ihre Schlauheit entschieden wundern muß.
Denn jetzt ist es mir vollkommen klar, daß Sie diese häßliche Absicht
schon seit langer Zeit hegen. Für die Richtigkeit meiner Annahme dürfte
als bester Beweis die Tatsache sprechen, daß Sie sich noch in der
vorigen Woche in einer nahezu unstatthaften Weise jenes von Ihnen an
mich gerichteten Briefes bemächtigt haben, in dem Sie selbst – zwar
ziemlich dunkel und versteckt – die Bedingungen einer gewissen, Ihnen
wohl noch erinnerlichen Abmachung schwarz auf weiß niedergeschrieben
haben. Sie fürchten also Dokumente, vernichten sie und wollen mich an
der Nase herumführen, wie’s scheint. Das aber werde ich nicht zulassen,
denn bisher hat mich noch niemand für einen Narren gehalten, vielmehr
hat ein jeder nur Gutes über mich geäußert. Jetzt sind mir die Augen
geöffnet. Sie wollen mich irreführen, wollen mir mit Ihren Andeutungen
in betreff Jewgenij Nikolajewitschs Sand in die Augen streuen, und
während ich nach Ihrem mir bis jetzt noch unverständlichen Brief vom
Siebenten dieses Monats eine Aussprache mit Ihnen suche, lassen Sie mich
bald hierhin, bald dorthin zu einem Stelldichein laufen, zu dem Sie
selbst gar nicht erscheinen: ja ganz augenscheinlich suchen Sie sich vor
mir absichtlich zu verbergen. Sie denken wohl, mein Herr, daß ich
unfähig sei, Ihre Ränke zu durchschauen? Sie versprechen mir alles
mögliche für meine Ihnen sehr gut bekannten Dienstleistungen,
versprechen Empfehlungen an verschiedene Personen usw., indessen
verstehen Sie aber in einer mir selbst rätselhaften Art und Weise es so
einzurichten, daß Sie sich sogar mit dem Anschein einer gewissen
Berechtigung noch Geld von mir leihen und zwar in beträchtlicher Höhe
und ohne irgendwelche Sicherheiten Ihrerseits, also einzig auf
geheuchelte Freundschaft hin, wie dies noch in der jüngstvergangenen
Woche geschehen ist. Jetzt jedoch, nachdem Sie das Geld erhalten haben,
verbergen Sie sich vor mir und scheinen überdies von jenem Dienst nichts
mehr wissen zu wollen, den ich Ihnen erwiesen, indem ich Sie mit
Jewgenij Nikolajewitsch bekannt machte. Vielleicht rechnen Sie auf meine
baldige Reise nach Ssimbirsk und hoffen, daß es vorher nicht zur
Abrechnung zwischen uns kommen werde. Doch wenn das der Fall ist, dann
erkläre ich Ihnen hiermit feierlichst und bekräftige es mit meinem
Ehrenwort, daß ich, wenn es darauf hinausläuft, bereit bin, meinetwegen
noch ganze zwei Monate in Petersburg zu verbleiben, daß ich mein Ziel
aber erreichen und Sie schon aufzufinden wissen werde. Auch ich verstehe
mitunter, einem Menschen zum Trotz etwas durchzusetzen. Zum Schluß
jedoch erkläre ich Ihnen, daß ich, wenn Sie mir nicht heute noch
befriedigende Erklärungen geben – zunächst schriftlich, nachher
mündlich, unter vier Augen – und wenn Sie mir in Ihrem Brief nicht alle
die Hauptbedingungen, die zwischen uns vereinbart wurden, schwarz auf
weiß bestätigen und mir endlich nicht länger Ihre Hintergedanken
bezüglich Jewgenij Nikolajewitschs vorenthalten: daß ich mich dann
gezwungen sehe, Maßregeln zu ergreifen, die Ihnen gewiß sehr unangenehm
und auch mir nichts weniger als angenehm sein werden.

Gestatten Sie, daß ich verbleibe usw.


                                   V.

(Pjotr Iwanowitsch an Iwan Petrowitsch.)

                                                         11. November.

Mein bester, verehrtester Freund Iwan Petrowitsch!

Ihr Brief hat mich in tiefster Seele betrübt. Und Sie, der Sie mein
bester, doch leider nur zu leicht ungerechter Freund sind, Sie schämen
sich nicht, mir, der ich Ihnen doch von allen am meisten zugetan bin, so
etwas zu schreiben – so übereilt zu urteilen, das Ganze nicht einmal zu
erklären und mich dann mit so beleidigendem Argwohn zu kränken?

Doch ich beeile mich, Ihnen Rede zu stehen und Ihre Anschuldigungen von
mir zu weisen.

Sie, Iwan Petrowitsch, haben mich gestern nur deshalb nicht dort
angetroffen, weil ich ganz plötzlich und unvorhergesehenermaßen an ein
Sterbelager gerufen wurde. Meine Tante Jewfimija Nikolajewna ist nämlich
gestern um elf Uhr nachts sanft entschlafen. Zum Anordner der sämtlichen
traurigen Obliegenheiten wurde ich durch einstimmigen Beschluß meiner
Verwandten gewählt. Da gab es denn für mich so viel zu tun, daß ich Sie
heute unmöglich treffen, ja nicht einmal ein paar Zeilen an Sie
schreiben konnte. So tut mir das Mißverständnis, zu dem es zwischen uns
gekommen ist, in der Seele leid. Meine Bemerkung über Jewgenij
Nikolajewitsch, die von mir scherzhaft und mehr so nebenbei geäußert
war, haben Sie ganz falsch verstanden und der Geschichte einen mich tief
kränkenden Sinn untergeschoben. Sie kommen auch auf das Geld zu sprechen
und verbergen nicht Ihre Befürchtungen. Was diese letzteren betrifft, so
bin ich bereit, allen Ihren Wünschen und Forderungen nachzukommen, doch
möchte ich Sie heute nur kurz daran erinnern, daß das Geld, die 350
Rubel, von mir in der vorigen Woche ausdrücklich nur unter gewissen
Bedingungen von Ihnen genommen worden sind, und zwar nicht als Darlehn!
In diesem Falle hätten Sie von mir unbedingt einen Wechsel oder eine
Quittung erhalten. Zu einer Erörterung der weiteren von Ihnen
angeführten Punkte will ich mich nicht herablassen. Ich sehe, daß alles
nur auf einem Mißverständnis Ihrerseits beruht, erkenne darin Ihre
gewohnte Übereiltheit in der Beurteilung menschlicher Verhältnisse, Ihre
Hitzigkeit und rücksichtslose Offenheit. Ich weiß jedoch, daß Ihr
Gerechtigkeitssinn und Ihr ehrlicher Charakter nicht lange bei solchem
Mißtrauen verbleiben und Sie mir noch einmal als erster die Hand zur
Versöhnung reichen werden. Sie sind in einem Irrtum befangen, Iwan
Petrowitsch, in einem sehr großen Irrtum!

Doch ungeachtet dessen, daß Ihr Brief mich tief verletzt hat, wäre ich
als erster bereit, heute noch mit meiner Entschuldigung zu Ihnen zu
kommen, nur habe ich leider so viel zu tun – heute sogar noch mehr als
gestern – daß ich schon halbtot bin und mich kaum noch auf den Füßen zu
halten vermag. Zur Vollendung meines Unglücks hat sich nun auch noch
meine Frau zu Bett legen müssen: ich befürchte eine ernste Krankheit.
Was den Kleinen betrifft, so geht es ihm jetzt Gott sei Dank etwas
besser. Doch ich schließe ... Die Geschäfte wollen erledigt sein und ich
habe ihrer mehr als einen ganzen Berg!

Verbleibe, teuerster Freund,

                                                              Ihr usw.


                                  VI.

(Iwan Petrowitsch an Pjotr Iwanowitsch.)

                                                         14. November.

Sehr geehrter Herr!

Drei Tage habe ich gewartet; habe mich bemüht, sie nützlich zu
verbringen – indem ich, eingedenk der Regel, daß Höflichkeit und Anstand
die erste Zierde eines jeden Menschen sind, Sie nach meinem letzten
Schreiben vom Zehnten dieses Monats weder mit einem Wort noch einer Tat
an mich erinnerte, einesteils um Ihnen Zeit zu geben, ungestört Ihrer
Christenpflicht der Tante gegenüber nachzukommen, anderenteils auch
deshalb, weil ich zu gewissen Erwägungen und Ermittelungen in der
bewußten Angelegenheit selbst der Zeit bedurfte. Jetzt jedoch will ich
nicht mehr zögern, mich endgültig und entschieden mit Ihnen
auszusprechen.

Ich gestehe Ihnen offen, daß ich beim Lesen Ihrer zwei ersten Briefe
allen Ernstes der Meinung war, Sie hätten wirklich nicht begriffen, was
ich wollte; es war dies denn auch hauptsächlich der Grund, weshalb ich
Sie unbedingt zu treffen und unter vier Augen zu sprechen wünschte,
weshalb ich die Angelegenheit nicht dem Papier anzuvertrauen wagte und
mir selbst die Möglichkeit einer Unklarheit in meiner schriftlichen
Ausdrucksweise vorhielt. Wie Sie wissen, habe ich keine besondere
Erziehung genossen und habe mir auch keine feinen Manieren aneignen
können; hohles Geckentum aber ist mir fremd, denn die bittere Erfahrung
hat mich gelehrt, wie trügerisch oft das Äußere sein kann, sowie, daß
unter Blumen sich nicht selten Schlangen verbergen. Doch Sie haben mich
verstanden; geantwortet aber hatten Sie mir nur deshalb nicht so, wie es
sich gehörte, weil Sie in der Falschheit Ihrer Seele schon von Anfang an
bei sich beschlossen, Ihr Ehrenwort zu brechen und damit auch das
zwischen uns bestehende Freundschaftsverhältnis zu lösen. Der Beweis
hierfür ist Ihr schändliches Benehmen mir gegenüber, ein Benehmen, das
mir und meinen Interessen geradezu verderblich ist – was ich von Ihnen
nie erwartet hätte und woran ich bis zu diesem Augenblick nicht habe
glauben wollen, denn bestrickt, wie ich von Anfang unserer Bekanntschaft
an durch Ihre guten Manieren war, durch Ihre feinen Umgangsformen, durch
Ihre Sachkenntnis und nicht zuletzt auch durch die Vorteile, die mir aus
Ihrer Bekanntschaft erwachsen konnten, nahm ich an, daß ich in Ihnen
einen aufrichtigen Freund, einen echten Kameraden gefunden hatte, der
mir wirkliches Wohlwollen entgegenbrachte. Jetzt jedoch habe ich
erkennen müssen, daß es Menschen gibt, die unter einem trügerischen,
glänzenden Äußeren in ihrem Herzen Gift verbergen, die ihren Verstand zu
nichts anderem benutzen, als zum Ränkeschmieden wider ihren Nächsten und
zu häßlichem, hinterlistigem Betruge, und die es deshalb stets umgehen,
ihre Worte schwarz auf weiß zu geben und dabei ihre Stilgewandtheit
nicht zu Nutz und Frommen ihrer Freunde und ihres Vaterlandes
gebrauchen, sondern einzig zur Einschläferung und Umgarnung der Vernunft
derjenigen, die sich auf Unternehmungen und Vereinbarungen mit Ihnen
eingelassen haben. Ihre Falschheit mir gegenüber geht nur zu deutlich
aus folgendem hervor.

Erstens: als ich in meinem Brief klar und unmißverständlich Ihnen, mein
sehr verehrter Herr, die Lage schilderte, in der ich mich befand, und
gleichzeitig – in meinem ersten Brief – die Frage an Sie stellte, was
Sie mit einzelnen Ausdrücken und angedeuteten Absichten, vornehmlich in
bezug auf Jewgenij Nikolajewitsch, gesagt haben wollten, da verstanden
Sie es, das Wesentliche mit Stillschweigen zu übergehen und sich,
nachdem Sie in mir Zweifel und Argwohn geweckt, ruhig wieder aus der
Affäre zu ziehen. Darauf, d. h. nachdem Sie so etwas mit mir in Szene
gesetzt hatten, was sich nicht einmal mit einem anständigen Wort
bezeichnen läßt, schrieben Sie an mich und beklagten sich in wehleidigem
Tone über mich bei mir selbst! Wie wünschen Sie wohl, daß man das nennen
soll, mein Herr? Sodann, als mir jeder Augenblick teuer war und Sie mich
im ganzen Weichbilde der Haupt- und Residenzstadt auf der Suche nach
Ihnen umherlaufen ließen, schrieben Sie mir unter der Maske der
Freundschaft Briefe, in denen Sie absichtlich mit keiner Silbe die
Hauptsache berührten, sondern sich statt dessen ausschließlich in
Nebensächlichkeiten ergingen: Sie schrieben mir von Ihrer, von mir
allerdings unter allen Umständen sehr geachteten Gemahlin und teilten
mir mit, daß der Arzt Ihrem Kleinen ein Abführmittelchen verordnet habe
und daß bei ihm das erste Zähnchen durchgebrochen sei. Von allen diesen
Dingen schrieben Sie in jedem Ihrer Briefe mit einer Regelmäßigkeit, die
für mich geradezu kränkend war. Natürlich, ich will gern zugeben, daß
die Qualen des eigenen Kindes jedes Vaterherz bedrücken können, doch
wozu davon gerade dann reden, wenn es sich um ganz Anderes, Wichtigeres,
Notwendigeres handelt? Ich schwieg und geduldete mich – so schwer es mir
auch fiel. Jetzt aber, wo die Zeit Ihrer Inanspruchnahme durch den
Todesfall Ihrer Tante verstrichen ist, glaube ich, es mir selbst
schuldig zu sein, die Auseinandersetzung nun endlich und zwar
unverzüglich herbeizuführen. Ferner haben Sie mir durch trügerische
Angaben von Orten, an denen ich Sie sollte treffen können, und an denen
ich Sie doch niemals traf, offenbar die Rolle Ihres Narren oder
Spaßmachers aufzwingen wollen, der zu sein ich nicht die geringste Lust
verspüre. Darauf, nachdem Sie mich noch vorher zu sich eingeladen und
selbstverständlich vergeblich auf sich hatten warten lassen, teilten Sie
mir mit, daß Sie zu Ihrer leidenden Tante abberufen worden seien, die um
Punkt fünf Uhr nachmittags einen Schlaganfall gehabt habe, womit Sie
anscheinend peinlich gewissenhaft den wahren Sachverhalt klarlegten. Zum
Glück jedoch habe ich, sehr geehrter Herr, im Laufe dieser drei Tage
Zeit gehabt, Erkundigungen einzuziehen, wodurch ich erfahren habe, daß
Ihre Tante bereits am Abend des Siebenten, kurz vor Mitternacht, von
einem Schlagfluß betroffen worden ist. Daraus ersehe ich, daß Sie sogar
die Heiligkeit Ihrer verwandtschaftlichen Beziehungen gemißbraucht
haben, um andere Menschen zu betrügen. Endlich schreiben Sie in Ihrem
letzten Brief vom Tode dieser Ihrer Tante, die nach Ihrer Angabe gerade
zu der Stunde entschlafen sein soll, in der ich mich zwecks bewußter
Unterredung auf Ihre eigene Aufforderung hin bei Ihnen einfinden sollte
und mich in der Tat auch einfand. Doch hier übersteigt die
Schändlichkeit Ihrer Berechnungen und Erfindungen jede Glaubwürdigkeit,
denn, wie es mir, dank einem glücklichen Zufall, aus der sichersten
Quelle zu erfahren gelungen ist, ist Ihre Frau Tante erst runde
vierundzwanzig Stunden _nach_ der von Ihnen so gottlos angegebenen
Sterbestunde um elf Uhr nachts entschlafen, nämlich den _elften_
November, und nicht den _zehnten_!

Ich käme schwerlich zu einem Ende, wenn ich noch alle anderen Beweise
aufzählen wollte, die mir Ihre Falschheit offenbart haben. Doch für
jeden unparteiischen Beurteiler dürfte allein schon dieser eine Zug
genügen, daß Sie mich in jedem Ihrer Briefe ihren „aufrichtigen Freund“
nennen und mir alle möglichen Liebenswürdigkeiten sagen, was Sie meines
Erachtens zu keinem anderen Zweck getan haben, als um mein Gewissen wie
meine Vorsicht einzuschläfern.

Ich komme jetzt zu Ihrem Hauptbetrug und Treubruch, der in folgenden
Punkten besteht: in Ihrem, in letzter Zeit unausgesetzt beobachteten
Stillschweigen über alles das, was unsere gemeinsamen Interessen
betrifft; ferner in der sträflichen Entwendung jenes Briefes, in dem Sie
– allerdings nur andeutungsweise und mir nicht ganz verständlich –
unseren beiderseitigen Vertrag nebst allen einzelnen Bedingungen
auseinandergesetzt hatten; drittens in der Tatsache, daß Sie mich in
einer nahezu barbarisch vergewaltigenden Weise um 350 Rubel anpumpten,
ohne jede Quittung oder sonstige Bestätigung, also nur auf Grund meiner
Eigenschaft als Ihr Kompagnon, sozusagen; und schließlich in Ihrer
schändlichen Verleumdung unseres gemeinsamen Bekannten Jewgenij
Nikolajewitsch.

Es ist mir jetzt auch vollkommen klar, was Sie mit der letztgenannten
Verleumdung eigentlich bezweckten: nämlich mir zu beweisen, daß von dem
Betreffenden, wie von einem – mit Verlaub zu sagen – Ziegenbock weder
Milch noch Wolle zu gewinnen sei; d. h. daß man von ihm gar keinen
Nutzen habe und daß er selber weder dies noch das, weder Fisch noch
Fleisch sei, was Sie ihm in Ihrem Brief vom Sechsten dieses Monats
deutlich als ein Gebrechen anrechnen. Ich aber kenne Jewgenij
Nikolajewitsch als bescheidenen und gesitteten jungen Mann: und gerade
das ist es, womit er einen für sich einnehmen, sich in der Gesellschaft
Achtung gewinnen und es in seiner Laufbahn noch einmal zu etwas bringen
kann. Auch ist es mir nicht unbekannt geblieben, daß Sie im Verlaufe von
ganzen zwei Wochen jeden Abend beim Hasardspiel mit ihm mindestens
mehrere Zehnrubelscheine, wenn nicht gar Hunderter, in Ihre Tasche
geschoben und somit auf diese Weise Jewgenij Nikolajewitsch mörderlich
gerupft haben. Jetzt aber scheint das alles von Ihnen vergessen zu sein
und anstatt mir für das, was ich durch Sie ausgestanden habe, zu danken,
eignen Sie sich auf Nimmerwiedersehen auch noch mein Geld an, indem Sie
mich vorher durch den Antrag, Ihr Kompagnon zu werden, und durch die
Aussicht auf verschiedene Vorteile, die mir dadurch erwachsen würden,
zur Hergabe einer beträchtlichen Summe verlocken. Jawohl: nachdem Sie
sich in so gesetzwidriger Weise von mir und Jewgenij Nikolajewitsch Geld
angeeignet haben, vergessen Sie jeden Dank, den Sie mir schuldig sind,
und gehen bis zur Verleumdung desjenigen, den ich allein durch meine
Empfehlungen in Ihrem Hause eingeführt habe. Sie selbst dagegen fahren,
nach den Aussagen Ihrer Freunde, bis auf den heutigen Tag fort, mit
Jewgenij Nikolajewitsch ein Herz und eine Seele zu sein, ja, im
Überschwang der Gefühle küssen Sie ihn womöglich und stellen ihn aller
Welt als Ihren besten Freund vor, obschon es, wie ich hinzusetzen
möchte, so leicht keinen einzigen Dummen geben wird, der nicht sofort
und ganz genau erriete, auf was alle Ihre Absichten eigentlich
hinauslaufen und was Ihre Freundschaftsbeteuerungen in Wirklichkeit wert
sind. Ich wenigstens sage es offen, daß sie nichts als Lug und Trug
bedeuten, Falschheit und Hohn auf alle Anstandsbegriffe und
Menschenrechte, daß sie eine Schmähung Gottes sind und der Inbegriff
aller Lasterhaftigkeit. Als Beispiel und Beleg hierfür nenne ich mich
selbst! d. h. ich wollte sagen, die Erfahrungen, die ich mit Ihnen
gemacht habe. – Wann habe ich Sie je beleidigt oder Ihnen sonst ein
Unrecht angetan, daß Sie mich auf eine so tückische Art zu behandeln
wagen?

Ich schließe meinen Brief. Was ich zu sagen hatte, habe ich gesagt.
Jetzt füge ich nur noch einen Satz hinzu: wenn Sie, mein Herr, nicht in
der kürzesten Frist nach Empfang dieses Briefes mir, erstens,
ungeschmälert den ganzen Ihnen von mir geliehenen Betrag, in Summa 350
Rubel, zurückerstatten, und zweitens alle mir Ihrem Versprechen gemäß
zustehenden Beträge auszahlen, so werde ich Mittel und Wege zu finden
wissen, Sie dazu zu zwingen, wenn es sein muß, sogar durch öffentliche
Anklage; denn ausdrücklich nicht unerwähnt möchte ich lassen, daß mir
der Schutz der Gesetze zu Gebote steht; und zum Schluß möchte ich Ihnen
noch mitteilen, daß ich gewisse Papiere und damit Beweise in Händen
habe, die, sobald sie nicht mehr im Besitz Ihres ergebensten Dieners
verbleiben, Sie und Ihren Namen in den Augen der ganzen Welt doch recht
tief in den Schmutz herabziehen könnten.

Gestatten Sie usw.


                                  VII.

(Pjotr Iwanowitsch an Iwan Petrowitsch.)

                                                         15. November.

Iwan Petrowitsch!

Nach Empfang Ihres bäuerischen und zugleich mehr als seltsamen
Sendschreibens, wollte ich dasselbe im ersten Augenblick einfach
zerreißen und fortwerfen – habe es aber einstweilen doch als Rarität
aufbewahrt. Im übrigen tun mir unsere Mißverständnisse und
Unannehmlichkeiten von Herzen leid. Eigentlich war es meine Absicht,
Ihnen überhaupt nicht zu antworten. Aber die Notwendigkeit zwingt mich
dazu – eben die Notwendigkeit, Ihnen hierdurch mitzuteilen, daß es mir
ganz entschieden nichts weniger als angenehm sein würde, Sie jemals
wieder in meinem Hause zu sehen; das gleiche gilt von meiner Frau: ihre
Gesundheit ist nicht ganz auf der Höhe und der Geruch von
Schmierstiefeln ist ihr schädlich. Anbei retourniert sie Ihrer Frau
Gemahlin mit bestem Dank ein Buch, den „Don Quijote“, der bei uns
liegengeblieben war. Was aber Ihre Galoschen betrifft, die Sie angeblich
bei Ihrer letzten Anwesenheit in unserem Hause vergessen haben wollen,
so muß ich Ihnen zu meinem Bedauern mitteilen, daß man sie bisher
nirgends gefunden hat. Inzwischen werden sie noch gesucht. Sollten sie
jedoch nicht zu finden sein, so werde ich Ihnen neue kaufen.

Im übrigen habe ich die Ehre usw.


                                 VIII.

(Am 16. November erhält Pjotr Iwanowitsch durch die Stadtpost zwei
Briefe. Er erbricht den ersten und entnimmt dem Kuvert ein zierlich
zusammengefaltetes blaßrosa Blättchen. Die Handschrift ist die seiner
Frau. Gerichtet ist es an Jewgenij Nikolajewitsch, geschrieben den 2.
November. Im Kuvert befindet sich sonst nichts. Pjotr Iwanowitsch
liest:)

Lieber Eugène! Gestern war es völlig unmöglich. Mein Mann war den ganzen
Abend zu Haus. Komm aber morgen unbedingt um Punkt elf. Um halb elf
fährt mein Mann nach Zarskoje und wird erst um ein Uhr zurückkehren. Ich
habe mich die ganze Nacht geärgert. Danke für die Zusendung der
Nachrichten. Welch ein Haufen Papier! Hat sie das wirklich alles selbst
geschrieben? Übrigens, der Stil geht an. Noch einmal: Hab Dank. Ich
sehe, daß du mich liebst. Sei mir nicht böse wegen gestern und komm
morgen unbedingt! A.

(Pjotr Iwanowitsch erbricht den zweiten Brief.)

Pjotr Iwanytsch!

Mein Fuß hätte ohnehin niemals mehr Ihre Schwelle überschritten: Sie
haben ganz überflüssigerweise Ihr Papier verschmiert.

In der nächsten Woche verreise ich nach Ssimbirsk, doch als
unschätzbarer und bester Freund verbleibt Ihnen: Jewgenij
Nikolajewitsch. Wünsche angenehmen Zeitvertreib. Wegen der Galoschen
bitte ich, sich nicht zu beunruhigen.


                                  IX.

(Am 17. November erhält Iwan Petrowitsch durch die Stadtpost gleichfalls
zwei Briefe. Er erbricht den ersten und entnimmt ihm einen eilig und
flüchtig beschriebenen Zettel. Die Handschrift ist die seiner Frau.
Adressiert ist er an Jewgenij Nikolajewitsch, geschrieben den 4. August.
Außer dem Zettel enthält das Kuvert nichts weiter. Iwan Petrowitsch
liest:)

Leben Sie wohl, leben Sie wohl, Jewgenij Nikolajewitsch! Möge Gott Ihnen
auch dieses Gute vergelten. Werden Sie glücklich, das Los, das mir
zufällt, ist grausam, grauenhaft! Es war Ihr Wille. Wäre Tantchen nicht
gewesen, ich hätte mich Ihnen nicht so anvertraut. Lachen Sie nicht über
mich, und auch nicht über Tantchen. Morgen werden wir getraut. Tantchen
ist froh, daß sich ein guter Mensch gefunden hat, der mich ohne Mitgift
nimmt. Heute hab’ ich ihn mir zum erstenmal aufmerksam angesehen. Er
ist, glaube ich, ein guter Kerl. Man läßt mir keine Zeit. Leben Sie
wohl, leben Sie wohl ... Mein Liebling Sie!! Denken Sie manchmal auch an
mich, ich – ich werde Sie nie vergessen. Leben Sie wohl! Ich
unterschreibe diesen letzten Brief wie meinen ersten ... wissen Sie
noch?

                                                              Tatjana.

(Im zweiten Brief steht folgendes:)

Iwan Petrowitsch!

Morgen erhalten Sie neue Galoschen. Ich bin nicht gewohnt, fremdes
Eigentum aus fremden Taschen hervorzuholen, und ebensowenig ist es meine
Art, allerlei Fetzen auf den Straßen aufzusammeln.

Jewgenij Nikolajewitsch wird in den nächsten Tagen nach Ssimbirsk
reisen, im Auftrage seines Großvaters, für den er dort einiges erledigen
soll, und da hat er mich denn gebeten, ihm zu einem Reisegefährten zu
verhelfen. Wollen Sie nicht?




                                Fußnoten


[1] Bei Petersburg. E. K. R.

[2] Der Petersburger nimmt seine Hauptmahlzeit um 6 bezw. 7 Uhr
nachmittags ein. E. K. R.

[3] Stadtteil von Petersburg.

[4] Vorort von Petersburg. E. K. R.

[5] „Verstand schafft Leiden“. E. K. R.


                     Anmerkungen zur Transkription

Die „Sämtlichen Werke“ erschienen in der hier verwendeten ursprünglichen
Fassung der Übersetzung von E. K. Rahsin in mehreren Auflagen und
Ausgaben 1906–1922 im Piper-Verlag. Dieses Buch wurde transkribiert
nach:

                  F. M. Dostojewski: Sämtliche Werke.
                   Zweite Abteilung: Fünfzehnter Band
                 R. Piper & Co. Verlag, München, 1920.
                     Siebentes bis zwölftes Tausend

Die Anordnung der Titelinformationen wurde innerhalb der „Sämtlichen
Werke“ vereinheitlicht und entspricht nicht der Anordnung in den
ursprünglichen Ausgaben. Alle editionsspezifischen Angaben wie Jahr,
Copyright, Auflage usw. sind aber erhalten und wurden gesammelt direkt
nach der Titelseite eingefügt.

Fußnoten wurden am Ende des Buches gesammelt.

Zu den Anführungszeichen: Gespräche wurden in doppelte Anführungszeichen
(„“) eingeschlossen. Die Wiedergabe von Äußerungen anderer innerhalb von
Gesprächen wurde in einfache Anführungszeichen (‚‘) eingeschlossen.

Besonderheiten der Transliteration russischer Begriffe und Namen: Der
Buchstabe „ä“ (oder auch „jä“) steht für den kyrillischen Buchstaben
„ja“. Die Schreibweise häufig vorkommender Namen wurde vereinheitlicht
(nicht verwendete Varianten in Klammern):

   Newskij (Newski)
   Petjä (Petja)
   Ssergejeff (Sergejeff)

Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Weitere
Änderungen sind hier aufgeführt (vorher/nachher):

   [S. 246]:
   ... ihn rückwärts auf Bett und begann ihn, wie man ...
   ... ihn rückwärts aufs Bett und begann ihn, wie man ...






*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK SÄMTLICHE WERKE 15 ***


    

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Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg™

Project Gutenberg™ is synonymous with the free distribution of
electronic works in formats readable by the widest variety of
computers including obsolete, old, middle-aged and new computers. It
exists because of the efforts of hundreds of volunteers and donations
from people in all walks of life.

Volunteers and financial support to provide volunteers with the
assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg™’s
goals and ensuring that the Project Gutenberg™ collection will
remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
and permanent future for Project Gutenberg™ and future
generations. To learn more about the Project Gutenberg Literary
Archive Foundation and how your efforts and donations can help, see
Sections 3 and 4 and the Foundation information page at www.gutenberg.org.

Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation

The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non-profit
501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
Revenue Service. The Foundation’s EIN or federal tax identification
number is 64-6221541. Contributions to the Project Gutenberg Literary
Archive Foundation are tax deductible to the full extent permitted by
U.S. federal laws and your state’s laws.

The Foundation’s business office is located at 809 North 1500 West,
Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887. Email contact links and up
to date contact information can be found at the Foundation’s website
and official page at www.gutenberg.org/contact

Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation

Project Gutenberg™ depends upon and cannot survive without widespread
public support and donations to carry out its mission of
increasing the number of public domain and licensed works that can be
freely distributed in machine-readable form accessible by the widest
array of equipment including outdated equipment. Many small donations
($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
status with the IRS.

The Foundation is committed to complying with the laws regulating
charities and charitable donations in all 50 states of the United
States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
with these requirements. We do not solicit donations in locations
where we have not received written confirmation of compliance. To SEND
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While we cannot and do not solicit contributions from states where we
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International donations are gratefully accepted, but we cannot make
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Please check the Project Gutenberg web pages for current donation
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